Lindenau ist ein Stadtteil im Westen von Leipzig. Er liegt im Stadtbezirk Alt-West und besteht aus den Ortsteilen Lindenau, Altlindenau und Neulindenau.
Hervorgegangen aus einem um das Jahr 1000 von deutschsprachigen Bauern gegründeten Dorf, entwickelte sich der Ort in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zu einer prosperierenden Industriegemeinde, die 1891 nach Leipzig eingemeindet wurde. In den 1920er Jahren lebten über 10 Prozent der Leipziger Bevölkerung in Lindenau. Die meisten Lindenauer waren Arbeiter, die in den Fabriken und Gewerbebetrieben des Stadtteils beschäftigt waren. Im Kern besteht Lindenau aus einem großen, weithin erhaltenen und im Zuge des Aufbaus Ost sanierten Gründerzeitviertel.
Noch zu DDR-Zeiten war Lindenau zusammen mit dem benachbarten Plagwitz das bedeutendste Industriegebiet Leipzigs. Es wurde aber kaum mehr in die Altindustrien investiert. Die Produktionsstätten und die Wohnquartiere verfielen zusehends und schon vor 1989 wanderten viele Bewohner ab. Mit der Wende brach die Industrieproduktion zusammen. Als Teil des Stadterneuerungsgebiets Leipziger Westen ist Lindenau seit Beginn des 21. Jahrhunderts wieder ein beliebtes Wohngebiet mit vielen Kultureinrichtungen und stark steigender Einwohnerzahl.
Lage mini|Der historisch gewachsene Stadtteil Lindenau (gelb) erstreckt sich über mehrere der neu abgegrenzten Leipziger Ortsteile (grün). Lindenau liegt rund 3 Kilometer westlich des Leipziger Stadtzentrums. Der Stadtteil grenzt im Süden an Plagwitz, im Nordwesten an Leutzsch – zu diesen benachbarten Stadtteilen geht das bebaute Gebiet ohne erkennbare Trennung über. Administrativ wurde die Karl-Heine-Straße als Grenze zu Plagwitz, die Prießnitzstraße als Grenze zu Leutzsch festgelegt. Die Ostgrenze bilden das Elsterbecken und der Palmengarten, ein Ende des 19. Jahrhunderts angelegter Park. Im Norden grenzen Teile des Auwalds an. Im Westen trennt das Gelände des Lindenauer Hafens Lindenau von Schönau. Durch den Stadtteil verläuft der größte Teil des Karl-Heine-Kanals. Das alte Zentrum Lindenaus bildet die Gegend um den Lindenauer Markt (früher Dorfanger mit Teich), in dessen unmittelbarer Nähe auch die evangelische Nathanaelkirche steht.
Die Gemarkung Lindenau hat eine Fläche von 542,9 Hektar. Die von der Leipziger Stadtverwaltung mit der Kommunalen Gliederung von 1992 zu statistischen und verwaltungstechnischen Zwecken abgegrenzten Ortsteile Lindenau, Altlindenau und Neulindenau decken sich nur annähernd mit dem historisch gewachsenen Stadtteil. Kleinere Teile der Ortsteile Lindenau und Neulindenau gehören historisch gesehen zu Plagwitz, Leutzsch, Schönau oder Kleinzschocher.Vgl. dazu im Detail: Ortsteil Lindenau, Altlindenau und Neulindenau im Leipzig-Lexikon
Der statistisch-administrative Ortsteil Lindenau wird von der Lützner Straße im Norden, dem Elsterflutbett im Osten, der Karl-Heine-Straße im Süden und der Bahnstrecke Leipzig–Probstzella im Westen begrenzt. Mit einer Fläche von 98 Hektar umfasst er nur einen kleinen Teil der einstigen Gemeinde Lindenau.
Geschichte Dorf mini|Ansicht von Lindenau nach der Völkerschlacht (1815) mini|Lindenau auf einer Karte von 1863 Um das Jahr 1000 legten deutsche Einwanderer das Dorf am westlichen Ufer der Weißen Elster an. Kaiser Heinrich II. schenkte den an der Via Regia gelegenen Ort 1021 dem Bistum Merseburg. Noch nach der Reformation, bis 1815 gehörte das Dorf zum Merseburger Stiftsgebiet unter kursächsischer Hoheit (Amt LützenKarlheinz Blaschke, Uwe Ulrich Jäschke: Kursächsischer Ämteratlas, Leipzig 2009, ISBN 978-3-937386-14-0, S. 84 f.). Durch die Beschlüsse des Wiener Kongresses wurde der Westteil des Amts Lützen im Jahr 1815 an Preußen abgetreten. Die Exklave Lindenau verblieb jedoch mit dem Ostteil des Amts beim Königreich Sachsen und wurde dem Kreisamt Leipzig angegliedert. Ab 1856 gehörte der Ort zum Gerichtsamt Leipzig II und ab 1875 zur Amtshauptmannschaft Leipzig.
Als Rittersitz ist Lindenau seit 1182 belegt, als in einer Urkunde ein Ritter Dietrich von Lindenau (Didericus de Lindinouve) genannt wird. Die Brüder Sigismund und Caspar von Lindenau verkauften Rittersitz und Dorf 1527 an den Leipziger Rat und das Geschlecht derer von Lindenau verlegte seinen Stammsitz nach Machern. Schon vor der Reformation hatte Lindenau eine Pfarrkirche, die Gemeinde wurde aber 1562 als Filiale dem Pfarrer von Leutzsch unterstellt. Dabei blieb es für mehr als 300 Jahre. Bis Mitte des 19. Jahrhunderts war Lindenau ein Bauerndorf. Neben Ackerbau und Viehzucht war aber Fischerei an den Flussläufen und in künstlich angelegten Teichen eine wichtige Lebensgrundlage der Einwohner.
Während des Dreißigjährigen Krieges wurde Lindenau 1631, 1637 und 1642 geplündert und zerstört. Im Verlauf der Leipziger Völkerschlacht fanden auch vor Lindenau Gefechte statt. Auf seinem Rückzug weilte Kaiser Napoleon am 19. Oktober 1813 kurzzeitig in der Lindenauer Mühle.
Landgemeinde mini|Alte Lindenauer Dorfkirche (um 1850) Durch die neue sächsische Landgemeindeordnung wurde Lindenau 1839 eine selbstständige Gemeinde. 1859 bekam der Ort ein Postamt und 1863 eine Gasanstalt. Der Unternehmer Karl Heine erwarb in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts ausgedehnten Grundbesitz in und um Lindenau und ließ dort Bauland erschließen. Wie im benachbarten Plagwitz wurden Straßen für künftige Wohn- und Industriebebauung angelegt. Heine begann auch mit dem Bau des heute nach ihm benannten Kanals und er handelte mit den Regierungen Preußens und Sachsens Gleisanschlussverträge aus, damit das geplante Industriegebiet Verbindungen zu den Eisenbahnen beider Länder bekommen konnte. Zusammen mit der Einführung der Gewerbefreiheit 1860 wurden so die Grundlagen für die schnelle industrielle Entwicklung Lindenaus gelegt.
1871 siedelte sich als erstes größeres Unternehmen eine Eisengießerei an. Ein Jahr später wurde die Pferdebahnlinie nach Plagwitz eröffnet, die ab 1896 elektrifiziert wurde. 1873 wurde der auch für Lindenau wichtige Bahnhof Plagwitz in Betrieb genommen. Karl Heine ließ vom Bahnhof aus für 37 Fabriken Industrieanschlüsse und drei Ladestellen, von denen eine die ehemalige Ladestelle III auf dem Gelände des heutigen Henriettenparks ist, bauen. 1884 wurde die neue evangelische Nathanaelkirche in der Nähe des Lindenauer Markts eingeweiht. Einige Jahre zuvor war die Lindenauer Kirchgemeinde wieder selbstständig geworden.
Stadtteil von Leipzig 1891 erfolgte die Eingemeindung Lindenaus nach Leipzig. Im Ort waren nun schon 66 Betriebe mit über 3.000 Beschäftigten ansässig. In den folgenden beiden Jahrzehnten wurde in Lindenau viel gebaut, es kamen zahlreiche neue Straßen mit Wohnhäusern und Fabriken hinzu und die Einwohnerzahl stieg weiter an. Zwischen 1893 und 1898 wurden die Lindenauer Ratswiesen am Kuhturm östlich des Kuhburger Wassers zu einem Landschaftsgarten, dem Palmengarten, umgestaltet. Namengebend war das große Palmenhaus, eine Stahl- und Glaskonstruktion.Hans-Joachim Hädicke: Von der Viehweide zum Landschaftsgarten. Die Geschichte des Palmengartens beginnt mit der Internationalen Jubiläumsgartenbauausstellung 1893. In: Leipziger Blätter. Heft 37, 2000, S. 40–45.
Von 1907 bis 1910 wurde die Philippuskirche erbaut, so dass Lindenau nun zwei evangelische Gemeinden hatte. 1908 wurde die katholische Liebfrauenkirche eingeweiht. 1912 ließ eine Brauerei den Festsaal bauen, der heute als Musikalische Komödie genutzt wird. 1925 wurde der Straßenbahnhof an der Angerbrücke errichtet. 1927 war Lindenau mit 63.500 Einwohnern der einwohnerstärkste Leipziger Stadtteil.Sebastian Ringel, Vom Wandel der Leipziger Vorstädte, Leipzig 2022, ISBN 978-3-948049-07-2, S. 145
1938 begann der Bau des Kanalhafens. Damit sollte über den ebenfalls noch nicht fertiggestellten Elster-Saale-Kanal Leipzigs Verbindung an die deutschen Wasserstraßen hergestellt werden. Die von den Nationalsozialisten als Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen durchgeführten Bauarbeiten wurden jedoch im Verlauf des Krieges eingestellt und danach nicht mehr aufgenommen. Die Nationalsozialisten ließen 1939 das Palmenhaus und den alten Kuhturm niederreißen, weil sie das Gelände des Palmengartens für die Gutenberg-Reichsausstellung nutzen wollten. Auch dazu kam es wegen des Krieges nicht mehr. Seit der Zerstörung des Neuen Theaters 1944 bis zur Eröffnung des Leipziger Opernhauses 1960 spielte die Oper im Lindenauer Haus Dreilinden. Am 18. April 1945 wurde am Eckhaus Jahnallee 61 / Ecke Lützener Str. (Capa-Haus) der letzte erschossene US-Soldat des Zweiten Weltkrieges von Robert Capa fotografisch dokumentiert. Die Identität des toten Soldaten Raymond J. Bowman konnte erst 67 Jahre nach Kriegsende durch den deutschen Militärhistoriker Jürgen Möller aufgeklärt werden.
Nach dem Zweiten Weltkrieg stagnierte Lindenau für Jahrzehnte in seiner Entwicklung. Es wurde kaum neu gebaut und das Erscheinungsbild des Stadtteils änderte sich nur durch den fortschreitenden Verfall und den Abriss einzelner Gebäude. Die Bevölkerungszahl nahm stetig ab. Dieser Trend setzte sich auch nach 1989 noch fort. Mit der kommunalen Gebietsgliederung von 1992 bildete die Stadtverwaltung die drei Ortsteile Lindenau (für den südöstlichen Teil), Altlindenau (im Nordosten) und Neulindenau (im Westen). Im Jahr darauf wurden Teile Lindenaus zum Sanierungsgebiet erklärt. Als Symbol für die Abwicklung der Industrie und die Möglichkeiten der Zukunft gilt das Jahrtausendfeld.
Seit Beginn des 21. Jahrhunderts gehört Lindenau neben Plagwitz zu den „angesagten“ Wohngebieten Leipzigs und erlebt einen Prozess der Gentrifizierung. Mit einer Bevölkerungszunahme von 6,1 bzw. 5,0 Prozent im Jahr (Stand 2012/13) waren Lindenau und Altlindenau zwei der am schnellsten wachsenden Ortsteile der Stadt.Christina Schmitt, Wolfgang Amann: Gentrifizierung in Leipzig? Daten und Analysen. In: EinundLeipzig, 15. Dezember 2014.
Bevölkerung Jahr EinwohnerDigitales Historisches Ortsverzeichnis von Sachsen, Ortsteilprofile Lindenau, Altlindenau und Neulindenau 1834 998 1871 7.484 1890 25.591 Jahr OrtsteilLindenau OrtsteilAlt-Lindenau OrtsteilNeulindenau StadtteilLindenau 2000 4.748 11.081 5.201 21.030 2005 5 335 12.199 5.178 22.712 2010 5.990 12.632 5.565 24.187 2015 7.786 16.216 6.690 30.692 2020 8.564 18.599 7.072 34.235 2025 8.813 19.172 8.526 36.511 Stand: 31.12. des jeweiligen Jahres
Die Ortsteile Lindenau und Altlindenau haben eine sehr junge Bevölkerung (im Jahr 2017: Durchschnittsalter 34,3 bzw. 35,9 Jahre), die Altersgruppe der 25- bis 40-Jährigen war mit 44,2 % im Ortsteil Lindenau und 38,5 % in Altlindenau stark überrepräsentiert, auch gab es überdurchschnittlich viele (Klein-)Kinder. Der Seniorenanteil war hingegen in beiden Ortsteilen mit unter 10 % sehr gering. Auffällig war auch der geringe PKW-Quotient von 230 bzw. 240 Fahrzeugen je 1000 Einwohner. Vor allem im Ortsteil Lindenau gab eine Mehrheit der Bewohner an, die meisten Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zu erledigen. In diesem Ortsteil gibt es auch einen sehr hohen Akademikeranteil: 72 % der Bewohner hatten Abitur, 41 % einen Universitäts- oder Hochschulabschluss bzw. 9 % einen Fachhochschulabschluss.
Die Bevölkerungsstruktur von Neulindenau steht im Gegensatz zu den beiden vorgenannten Ortsteilen: Dort lag 2017 der Seniorenanteil mit 23,5 % über dem Leipziger Durchschnitt, der Studierendenanteil war eher gering. Die Bewohner erledigen die meisten Wege mit PKW oder öffentlichen Verkehrsmitteln und nur 29 % hatten Abitur. Die Kriminalitätsrate in Neulindenau lag mit 118 registrierten Straftaten pro 1000 Einwohner unter dem Leipziger Durchschnitt, in den Ortsteilen Lindenau und Altlindenau mit 149 bzw. 156 darüber.
Politik Bei den Wahlen zum Sächsischen Landtag gehören die Ortsteile Lindenau, Altlindenau und Neulindenau zum Wahlkreis Leipzig 6, bei Bundestagswahlen zum Bundestagswahlkreis Leipzig I (Wahlkreis 152).
Die Bundestagswahl 2025 führte zu folgendem Zweitstimmenergebnis: