Das Gehorsamsgelübde ist in christlichen Kirchen, die das Mönchtum bzw. Ordensgemeinschaft kennen, eines der meist drei Gelübde, die man ablegt, um nach den Evangelischen Räten zu leben. Es ist Teil der Ordensgelübde, die sowohl von Mitgliedern der Klöster und Ordensinstitute als auch von diözesanen Eremiten abgelegt werden.
Biblische Grundlegung Das christliche Gehorsamsgelübde versteht sich als Konkretion des von jedem Christen geforderten Gehorsams als dem gehorsamen Hören auf Gott in der Nachfolge und „nach dem Beispiel Jesu Christi“ Nr. 14., der von sich im Johannesevangelium sagt: „Meine Speise ist es, den Willen dessen zu tun, der mich gesandt hat.“ Damit ist gemeint, dass „das Tun des Willens Gottes Menschen am Leben erhält: Jesus lebt von Gott her.“ Das Verhältnis zu Gott als seinem Vater ist Grund und Voraussetzung seiner Wirksamkeit. „Würde er unabhängig von Gott handeln (angenommen, so etwas wäre möglich), wäre Jesus völlig machtlos. Die ganze Bedeutung und die Kraft seines Werkes liegen in der Tatsache, daß es nicht sein, sondern Gottes Werk ist. (…) Seine Sendung wird durch seinen vollkommenen Gehorsam vollkommen erfüllt.“Vgl. , Jesus steht damit in der Tradition des Tanach, in dem das Hören auf Gottes Weisung zentral ist: „Deinen Willen zu tun, mein Gott, war mein Gefallen und deine Weisung ist in meinem Innern.“ . Im Schma Jisrael („Höre Israel“) wird deutlich, dass dies im Zentrum des Bundes Gottes mit seinem Volk steht und Gehorsam nur in Beziehung mit Gott gelingen kann.
In der Kirche wird nach jede Autorität Christus als dem „Rabbi“, dem Meister, untergeordnet„Gedacht ist an bestimmte Gemeindeglieder, die durch Wahrnehmung gewisser Leitungsaufgaben für die Gemeinde sorgen. Daß gerade dieses Tun »im Herrn« geschieht, d. h. im Auftrag des Herrn bzw. in Orientierung an ihm, unterstreicht sein Gewicht und wehrt den Verdacht der Eigenmächtigkeit ab.“ ; aber umgekehrt ist gerade das die Voraussetzung dafür, dass schon in einer der frühesten Schriften des Neuen Testamentes, im 1. Thessalonicherbrief, Paulus die Anerkennung innerkirchlicher Autorität fordern kann.„Wir bitten euch, Brüder und Schwestern: Erkennt die an, die sich unter euch mühen und euch vorstehen im Herrn und euch zurechtweisen!“ . Der Hebräerbrief formuliert dies noch deutlicher und verweist auf die zum Gehorsam gehörende Rechenschaftspflicht der Vorsteher Christus gegenüber.„Gehorcht euren Vorstehern und ordnet euch ihnen unter, denn sie wachen über eure Seelen und müssen Rechenschaft darüber ablegen; sie sollen das mit Freude tun, nicht mit Seufzen, denn das wäre zu eurem Schaden.“
Beginn des Mönchstums und altorientalische Kirchen Christliche Mönche der orientalisch-orthodoxen Kirchen (sogenannte „altorientalischen Kirchen“ in Äthiopien, Ägypten und Armenien sowie im Syrisch-Chaldäischen Raum) waren zunächst in der Regel Einsiedler, lebten aber bald in Gemeinschaft, zumal in der Nähe von Städten. Dieses Mönchstum war im Nahen Osten bis zum Niedergang des aramäischen Christentums im Spätmittelalter sehr verbreitet und wurde in den letzten zweihundert Jahren wiederbelebt.
Leben in Gemeinschaft war dabei von Anfang an mit einem Gelübde des Gehorsams verbunden. Der Gehorsam wird sowohl zum Weg der persönlichen Vervollkommnung als auch zur Grundlegung der Gemeinschaft, da er die Entsagung des eigenen Willens und die Unterordnung unter die Autorität ermögliche.
Die erste koinobitische Mönchsregel aus der ersten Hälfte des 4. Jahrhunderts stammte vermutlich von Pachomios (um 292–346) und wurde in koptischer Sprache verfasst. Pachomios entstammte dem Soldatenberuf (daher vielleicht die Form der Regeln). Sie legten unbedingten Gehorsam, Ehelosigkeit und Besitzlosigkeit sowie die Eingliederung in den Tagesablauf fest.
Von hier aus verbreitete sich das Gehorsamsgelübde mit der Klosterbewegung. Der Mönchsvater Sabas organisierte im Jahr 483 die Mönche der judäischen Wüste im Kloster Mar Saba in der Nähe von Bethlehem, das als Mutter aller Klöster im Östlichen Christentum gilt. Abraham von Kaschkar gründete ein Kloster auf einem Berg oberhalb von Nisibis in Mesopotamien (um 350). Von diesem Kloster aus verbreitete sich die zenobitische Tradition in Mesopotamien, Persien, Armenien, Georgien, Indien und China.
Orthodoxe Kirchen Einflussreich für die Klöster auf dem Berg Athos und von dort auf das gesamte orthodoxe Mönchtum, insbesondere später auch in Russland, war Athanasios Athonitis (925/930 – ca. 1000). Ganz nach der Tradition verstand er dieses als eine Form der Nachfolge Jesu Christi. In der Regel des von ihm gegründeten Klosters Megisti Lavra sind daher auch die drei Gelübde der Keuschheit, der Armut und des Gehorsams die monastischen Grundtugenden. Die Mönche leben „in Gehorsam und werden von einem Hirten“, dem Abt, geleitet, damit die Mönche in ihrer Gemeinschaft das Heil als Ziel ihres Lebens erreichen. So werden sie in ihrer Verschiedenheit zu einem gemeinsamen Leib zusammengefügt, so „dass die im Koinobion Lebenden eines Herzens und eines Willens und eines Wunsches sind; sie sind ein Leib aus verschiedenen Gliedern, der die ganze Fülle der Bruderschaft zusammenfügt“. Gehorsam dem Abt gegenüber bedeutet, dass alles mit seinem ausdrücklichen Willen geschieht. Der Gehorsam gilt selbst für den Einsiedler, der „vorher im Gehorsam geübt sein“ muss, vom Abt die Erlaubnis zum Einsiedlerleben erhält und ihm auch anschließend gehorcht.Zitate nach:
In der orthodoxen Tradition ist in allen Klöstern der Gehorsam gegenüber den Oberen selbstverständlicher Bestandteil der Gelübde, die ihrerseits Voraussetzung für ein Leben im Kloster sind. Die Gelübde sind wie auch in der benediktinischen Tradition nicht so sehr klar abgegrenzt wie Armut, Ehelosigkeit/Keuschheit und Gehorsam, sondern verpflichten auf die Klosterregel als ganzer. Dabei ist nicht immer zwischen einem Gelübde des Gehorsams und der Verpflichtung des Mönches, nach Tugend und Heiligkeit zu streben, zu unterscheiden; der Gehorsam spielt aber immer eine zentrale Rolle.
Neben den Gehorsam gegenüber dem Abt oder der Äbtissin für den Mönch bzw. die Nonne tritt für diese der Gehorsam gegenüber denjenigen, die sie als ihre Seelenführer auserwählen. Das ist ein wesentlicher Teil der Klosterregel, auf die sich bereits die Novizin oder der Novize im Gelübde verpflichtet.
Theologische Entwicklung in der westlichen Kirche Seit dem Ausgang der Antike ist das Mönchtum des Abendlandes von der Regula Benedicti (um 540) geprägt; diese ist literarisch abhängig von der Magisterregel. Die ältere Tradition des Gehorsamsgelübdes wird dabei aufgenommen und weitergeführt. „Benedikt stellt die äußere Gehorsamsstrenge früherer Mönchspraktiken […] sittlich und theologisch auf ein höheres Niveau. Besonderes Kennzeichen seiner Regel ist die Ausgewogenheit und das weise Maß (discretio).“.
Im Hochmittelalter hat Thomas von Aquin (1225–1274) das Gelübde des Gehorsams nochmals klar an die erste Stelle gesetzt und dies aus einer theologischen Anthropologie sowie einer Theologie der Hingabe (Opfer) heraus begründet. Die von ihm geprägte scholastische Theologie blieb bis zum Beginn des 20. Jahrhunderts in der katholischen Kirche maßgeblich.
Insgesamt hat die theologische Entwicklung der Neuzeit und vor allem des 19. Jahrhunderts zu einer stärkeren Verrechtlichung des Gehorsamsverständnisses geführt. Die Theologie seit den 1960er Jahren ist dann einerseits gegenüber dem Gehorsamsbegriff generell kritischer geworden, hat anderseits die Tradition des Gehorsamsgelübdes aufgegriffen, aber doch neu akzentuiert. Vielfach konnte gerade im Rückgriff auf die ältere Tradition ein modernerer Gehalt wiedergefunden werden. Die moderne Anthropologie und Psychologie wird dabei in unterschiedlichem Maße berücksichtigt. So wird nun der Blick auf das Beziehungsfeld der Kommunikation zwischen Vorgesetztem und Gehorchendem stärker unter der Frage gelingender Kommunikation gesehen. Dabei geht es um aufmerksames Hören auf die Gegenwart und Stimme des anderen, Empfänglichkeit für diese Gegenwart und Stimme. Gehorsam sei also ein Verhalten, das durch einen Akt der Aufmerksamkeit gegenüber einer anderen Person, einen Akt der Rezeption oder Anerkennung des Anspruchs des anderen und einen Akt der Antwort spezifiziert ist. Der Akt der Aufmerksamkeit setze von beiden Seiten eine interessierte Offenheit für den anderen voraus. Gehorsam müsse darin bestehen können, „in spiritueller Autonomie bewusst schweigend einen Resonanzraum in sich freizuhalten bzw. immer neu zu schaffen.“In einer Deutung einer Gehorsamsallegorie von Giotto di Bondone (ca. 1267-1337) in Assisi: Zitiert in: S. 392 FN 92.
Vor allem aber wird im 20. Jahrhundert die christologische und spirituelle Dimension wichtig. „Letzte Norm des Ordenslebens ist die im Evangelium dargelegte Nachfolge Christi“, betont das Zweite Vatikanische Konzil und es sei daher „zu bedenken, dass auch die besten Anpassungen an die Erfordernisse unserer Zeit ohne geistliche Erneuerung unwirksam bleiben“., Nr. 2 „Im Gelöbnis des Gehorsams“, schreibt ein römisches Dekret 1990, würden die Ordensangehörigen „zum Dienst an allen Brüdern in Christus bestellt, wie auch Christus selbst im Gehorsam gegen den Vater den Brüdern diente“. Sie sollen „im Geist des Glaubens und der Liebe zum Willen Gottes gemäß der Regel und den Konstitutionen den Obern demütig Gehorsam leisten, und zwar so, dass sie in der Ausführung dessen, was angeordnet ist, und in der Erfüllung der ihnen anvertrauten Aufgaben die eigene Verstandes- und Willenskraft einsetzen und die Gaben, die ihnen Natur und Gnade verliehen haben, gebrauchen, im Wissen, dass sie damit zur Auferbauung des Leibes Christi nach Gottes Absicht beitragen.“ Ebenso müssten die Oberen, da sie vor Gott Rechenschaft ablegen müssten, „in der Erfüllung ihres Amtes auf den Willen Gottes horchen und ihre Autorität im Geist des Dienstes an den Brüdern ausüben, so dass sie Gottes Liebe zu jenen zum Ausdruck bringen.“ Dazu müssten sie unbeschadet ihrer Leitungsverantwortung die Untergebenen „bereitwillig anhören und ihr Mitplanen zum Wohl des Instituts und der Kirche fördern.“
Katholische Gemeinschaften Monastische Tradition (Benediktregel) Die Benediktregel selbst enthält den Text des Gelübdes nicht; in Cluny wurde in ihrer Tradition diese Formel verwendet:
Die Gelübde der Armut und der Keuschheit wurden als im Gehorsamsgelübde integriert angesehen, da diese Fragen inhaltlich in der Regel vorkommen. Der Gehorsam wird „gemäß der Regel“ definiert und gilt daher in benediktinischer Tradition nicht exklusiv gegenüber dem Abt, sondern in allen Verhältnissen, in denen die Regel jemandem eine Kompetenz und Leitung zuweist. Gleichwohl wird das Gelübde in Gegenwart des Abtes abgelegt und dieser damit als Vertreter des Klosters und verantwortlich für die Einhaltung der Regel anerkannt, auf die er allerdings selbst in gleicher Weise verpflichtet ist.
Oratorianerkongregation Philipp Neri hat bei der Gründung der Kongregation vom Oratorium bewusst auf herkömmliche Ordensregeln und damit auch auf ein eigenes Gehorsamsgelübde verzichtet, ohne aber den Gehorsam als Voraussetzung für die Mitgliedschaft im Oratorium aufzugeben. Dadurch wollte er die spirituelle Motivation stärken. Gleichwohl hat er den Grundsatz formuliert: „Aut pareat, aut abeat“ („Entweder gehorcht er oder er verlässt die Gemeinschaft“). Oratorianer, so die Erwartung, „ersetzen den Mangel an Gelübden durch Liebe, durch spontane Bereitwilligkeit und durch vollkommene Folgsamkeit gegenüber jedem Wunsch des Oberen.“ Mit der ihm eigenen Mischung aus Humor und Pragmatismus soll Philipp Neri es so ausgedrückt haben: „Wenn man Ungehorsam vermeiden will, darf man nicht Befehlen“.
Jesuitenorden