Paar beim SpaziergangDer Titel Paar beim Spaziergang wird vom Museum Barberini verwandt, siehe Ortrud Westheider: Impressionismus, die Sammlung Hasso Plattner. 2020, S. 46., auch Ansteigender Weg (),Der deutsche Titel Ansteigender Weg findet sich in Karin Sagner: Gustave Caillebotte, ein Impressionist und die Fotografie. 2012, S. 209. Dieser Titel entspricht dem französischen Originaltitel, siehe Marie Berhaut: Gustave Caillebotte. Catalogue raisonné des peintures et pastels. 1994, S. 136. ist ein 1881 entstandenes Gemälde des französischen Malers Gustave Caillebotte. Das in Öl auf Leinwand gemalte Bild hat eine Höhe von 100,2 cm und eine Breite von 125,3 cm.Ortrud Westheider: Impressionismus, die Sammlung Hasso Plattner. 2020, S. 264. Zu sehen sind ein Mann und eine Frau in Rückansicht beim gemeinsamen Flanieren in ländlicher Umgebung. Caillebotte malte das Bild im Stil des Impressionismus während seines Ferienaufenthaltes in Badeort Trouville in der Normandie. Das Gemälde gehört zur Sammlung Hasso Plattner, die seit 2020 als Dauerleihgabe im Museum Barberini in Potsdam gezeigt wird.Im Museum Barberini mit der Inventar-Nr. MB-Cai-03, siehe Ortrud Westheider: Impressionismus, die Sammlung Hasso Plattner. 2020, S. 264.

Bildbeschreibung Das Gemälde zeigt zwei Personen von hinten beim gemeinsamen Spaziergang in einer Landschaft. In der Bildmitte ist die Ganzfigur eines hochgewachsenen Mannes dargestellt, der mit einer dunklen graublauen Hose und einer etwas helleren beigeblauen Jacke bekleidet ist. Auf dem Kopf trägt er einen sommerlichen Strohhut, wie er um 1880 bei Bootssportlern beliebt war.Zur Kopfbedeckung siehe beispielsweise Caillebottes verschiedene Darstellung von Ruderern, etwa die Werke Nr. 83–88 von 1877 im Verzeichnis von Marie Berhaut: Gustave Caillebotte. Catalogue raisonné des peintures et pastels. 1994, S. 103–106. An seiner rechten Seite begleitet ihn eine Frau in einem mit weißen Streifen abgesetzten dunkelblauen Promenadenkleid. Zur Zeit der Entstehung des Gemäldes entsprach das Kleid mit der bauschige Drapierung der Gesäßpartie und den in Falten gelegten Saumvolant der aktuellen Pariser Mode.Zur Frauenmode der Zeit von 1860 bis 1880 siehe die ausführlichen Darstellungen in Dorothee Hansen, Wulf Herzogenrath: Monet und Camille – Frauenportraits im Impressionismus. 2005. Der Kopf der Frau wird verdeckt von einem aufgespannten und über die Schulter gelegten scharlachroten Sonnenschirm. Auf der Stoffoberfläche des Schirms sind helle graublaue Flecken zu sehen, die Schattenpartien andeuten könnten. Durch die Beinstellung des Mannes mit dem etwas nachgezogenen rechten Fuß unterstreicht Caillebotte die Bewegung beim Spazierengehen. Die Personen halten etwas Abstand zueinander und berühren sich nicht. Sie gehen auf einem unbefestigten sandigen Weg, der vom unteren Bildrand zu einem entfernten Waldstück in der Bildmitte führt. Der Originaltitel des Gemäldes Chemin montant weist auf einen ansteigenden Weg hin. Neben dem Weg finden sich zu beiden Seiten Bereiche aus grünen und grüngelben Gräsern. Weitere Vegetation in Form von Büschen und Bäumen reicht vom rechten Bildrand ins Gemälde. Die Kleidung der Personen und das üppige Pflanzenwerk lassen auf den Sommer als Jahreszeit schließen. Links steht ein Wohnhaus mit roten und weißen Fassadenelementen. Die davorliegende Grundstücksgrenze wird von einer dichten Bepflanzung über einer hellen Sockelmauer markiert. Vor dem Haus ragen in der Mitte zwei aus Ziegelsteinen gemauerte Pfeiler empor, die mit einem Verbindungsbogen das Gartenportal bilden. Zwischen den Pfeilern befindet sich eine halbhohe Grundstückstür.

Das in seiner Malweise mit kurzen Pinselstrichen im Stil des Impressionismus spontan wirkende Bild, weist einen durchdachten Bildaufbau mit klassischer Zentralperspektive auf. Die diagonale Linienführung entlang der Grundstücksgrenze links und eine gespiegelte Linie entlang der Baum- und Buschzone rechts ergeben in ihrer gedachten Verlängerung ein Dreieckskomposition mit einer Spitze in der Mitte oberhalb der Köpfe des Paares. Daraus ergibt sich eine vertikale Aufteilung in die drei Bereiche des Hauses links, das Paar auf dem Weg in der Mitte und rechts die Zone aus Bäumen und Büschen. Die Tiefenstaffelung wird betont durch die unterschiedliche Höhe des seitlichen Pflanzenwerks, das im Vordergrund niedriger und in mittlerer Entfernung höher gewachsen ist. Zudem gliedert sich der mittlere Bildteil horizontal in unterschiedlich helle Abschnitte: Am unteren Bildrand liegt der Fußbereich des Paares in einer Schattenzone, die von einer unbekannten hohen Vegetation außerhalb des rechten Bildrandes erzeugt wird. Darüber erhellt Sonnenschein einen breiten Streifen des Weges und der Grasfläche. Auch das Gartentor und die Fassade des Hauses wird hier vom Sonnenlicht erstrahlt. Weiter oben im Bild schlängelt sich der Weg durch einen dunkleren Wiesenbereich. Daran schließt sich ein schmaler heller Grünstreifen an, der vor dem Waldrand eine abschließende Linie bildet. Über dem dichtbelaubten Waldstreifen zeigt sich der hellblaue Himmel, in dem wenige weiße Wolken erkennbar sind. Diese horizontalen Schichtungen stehen den Vertikalen der Architektur des Hauses und des Gartentores, der aufrechten Körper, des nach oben verlaufenden Weges und der emporragenden Baumstämme entgegen. Farblich korrespondieren der rote Schirm mit der Fassade des Hauses, das Blau des Kleides mit dem Himmel und die hellen Töne des Weges mit der Sockelmauer und den Fassadenelementen. Inhaltlich stehen sich das Leben in der Stadt – verdeutlicht durch das elegante Kleid der Frau – und das Landleben – vertreten durch die Freizeitkleidung des Mannes – gegenüber. Gegensätze finden sich zudem durch die Darstellung der Villa als Zeichen der Zivilisation auf der linken Seite und die durch üppige Vegetation gekennzeichnete wilde Natur in der rechten Bildhälfte. Das Gemälde ist unten links mit „G Caillebotte 1881“ signiert und datiert. Anne Distel: Gustave Caillebotte: Urban impressionist, 1995, S. 258.

Hintergründe zur Entstehung des Gemäldes Wiederentdeckung des Gemäldes nach mehr als 100 Jahren mini|Draner: Chemin montant .. par les tête, 1882 Caillebotte stellte das Gemälde Paar beim Spaziergang zusammen mit weiteren seiner Werke im März 1882 in der siebten Gruppenausstellung der Impressionisten in Paris aus.Marie Berhaut: Gustave Caillebotte. Catalogue raisonné des peintures et pastels. 1994, S. 136. Danach war das Bild mehr als 100 Jahre öffentlich nicht zu sehen und es gab keine bekannte Fotografie des Gemäldes. Sowohl das genaue Aussehen wie auch das Entstehungsjahr und der Entstehungsort waren in dieser Zeit unbekannt. Marie Berhaut nutze in ihrem 1994 erschienenen Caillebotte-Werkverzeichnis zur Illustration des Gemäldes eine Karikatur von Draner. Er hatte anlässlich der Ausstellung 1882 zu diesem Gemälde eine kleine Skizze angefertigt und mit dem Spruch „Chemin montant .. par les tête“ (wörtlich: Weg aufsteigend .. nicht die Köpfe) versehen.Die Karikatur erschien zusammen mit weiteren Karikaturen zu Gemälden unter der Überschrift Une visite aux Impressionnistes in Le Charivari in Paris am 9. März 1882. Obwohl es sich bei der Karikatur um eine einfache und überspitze Darstellung handelt, sind doch wesentliche Kompositionselemente des Gemäldes erkennbar. Zudem war das Gemälde durch schriftliche Erwähnungen in der Presse überliefert. Beispielsweise hob der Kritiker Paul de Charry in Le Pays die natürliche und sonnendurchflutete Darstellung hervor.Paul de Charry: Beaux-Arts in Le Pays vom 10. März 1882, zitiert in Anne Distel: Gustave Caillebotte: The unknown impressionist, 1996, S. 164. Detailreicher beschrieb H. Robert das Gemälde in La Petite Presse. Er lobte das Licht eines heißen Augustnachmittages auf dem grünen Weg, der Fassade, dem Laub der Bäume und auf dem Paar.Originalzitat: „M. Caillebotte cependant, sait vaincre les difficultés du plein air. Son Chemin montant est d’une vérité parfaite. Sur la route verdie, sur la pierre de la maison, sur le feuillage des arbres, le soleil s'arrête, se plaque, vibre, et, avec un réel talent d'observation, l’artiste a reproduit le même effet de coloration sur le couple place dans cette chaude aprés-dînee d'août.“ aus H. Robert: Chronique parisienne: Le Salon des impressionnistes in La Petite Presse aus Paris vom 5. März 1882, S. 1. Die Zeichnung von Draner und die Beschreibungen der Kunstkritiker reichten jedoch nicht aus, das Gemälde exakt zeitlich und örtlich einzuordnen. Berhaut siedelte das Gemälde vage zwischen Werken mit Pariser Motiven von 1880 an.Marie Berhaut: Gustave Caillebotte. Catalogue raisonné des peintures et pastels. 1994, S. 135–136. mini|Villen am Meer in der Normandie, um 1881

1994–1995 gehörte das wiederentdeckte Bild Paar beim Spaziergang zu den Leihgaben der großen Caillebotte-Ausstellung, die in Paris, Chicago und Los Angeles gezeigt wurde. Bei dieser Gelegenheit konnten erstmals Kunsthistoriker das Werk untersuchen. Sowohl die Maße des Bildes, wie die auf dem Gemälde durch Caillebotte angebrachte Jahreszahl 1881, gehörten dabei zu den leicht zu ermittelnden neuen Erkenntnissen. Unklar blieb jedoch, wer die dargestellten Personen sind und – zumindest vorerst – auch der Ort, an dem Szenerie angesiedelt ist.

Lokalisierung des Bildmotivs Das auf dem Bild vermerkte Jahr 1881 bedeutete für Caillebotte eine räumliche Neuorientierung. Im Mai des Jahres hatte der Maler zusammen mit seinem Bruder Martial im Pariser Vorort Petit Gennevilliers ein Grundstück mit Garten erworben. Das neue Wohnumfeld wäre für das wenige Wochen später entstandene Bild Paar beim Spaziergang eine naheliegende geografische Verortung. Die Architektur der im Bild gezeigten Villa hat jedoch wenig Gemeinsamkeiten mit den Häusern der Pariser Vororte, wie die Kunsthistorikerin Anne Distel im Katalog zur Ausstellung 1994–1995 anmerkte.Anne Distel: Gustave Caillebotte: Urban impressionist, 1995, S. 258. Stattdessen – so Distel – seien die leuchtenden Farben der Fassade typisch für die Bauweise in den Seebädern der Normandie, etwa in Villers-sur-Mer oder in Trouville.Anne Distel: Gustave Caillebotte: Urban impressionist, 1995, S. 258. Ihre Kollegin MaryAnne Stevens legte sich 1996 auf Trouville als Ort der Szenerie fest, nachdem sie das Gemälde Paar beim Spaziergang mit Caillebottes um 1881Im Werkverzeichnis ist das Gemälde Villen am Meer in der Normandie (Villas au bord de la mer en Normandie) auf 1880 datiert, siehe Marie Berhaut: Gustave Caillebotte. Catalogue raisonné des peintures et pastels. 1994, S. 138; Neuere Forschungen gehen von einer Datierung „um 1881“ aus, siehe Michael Marrinan: Gustave Caillebotte: painting the Paris of naturalism, 1872-1887. 2016, S. 326 entstandenen Bild Villen am Meer in der Normandie (Privatsammlung) verglichen hatte. In der Ansicht Villen am Meer in der Normandie ähnelt das Gebäude im Vordergrund dem Haus im Bild Paar beim Spaziergang, wobei es jeweils aus einem anderen Blickwinkel dargestellt ist. Vor allem das gemauerte Gartenportal sieht in beiden Bildern gleich aus. Laut Stevens deutet im Bild Villen am Meer in der Normandie insbesondere das zweite Haus – das Chalet des Fleurs – auf Trouville als Entstehungsort hin, da der hier gezeigte neugotische Stil typisch für die örtliche Villenarchitektur sei.MaryAnne Stevens: Villas by the Sea, Normandy in Anne Distel: Gustave Caillebotte: The unknown impressionist, 1996, S. 164. In Villen am Meer in der Normandie zeigt sich zudem deutlich die Hanglage des Grundstücks, auf die beim Bild Paar beim Spaziergang im Originaltitel Chemin montant (Ansteigender Weg) hingewiesen wird. Bereits der Kritiker Paul de Charry hatte 1882 angemerkt, dass der Bildtitel Chemin montant zwar eine Steigung benennt, sie im Gemälde aber nicht erkennbar sei.Paul de Charry: Beaux-Arts in Le Pays vom 10. März 1882, zitiert in Anne Distel: Gustave Caillebotte: The unknown impressionist, 1996, S. 164.