Der Irische Unabhängigkeitskrieg (englisch Irish War of Independence, irisch Cogadh na Saoirse, „Freiheitskrieg“) dauerte von Januar 1919 bis Juli 1921. Er wurde von der Irischen Republikanischen Armee (IRA) in einer Art Guerilla-Kampf gegen die britische Regierung in Irland geführt. Diese wird oft als „Alte IRA“ („Old IRA“) bezeichnet, um sie von den späteren Gruppen (mit anderen Gesinnungen) abzuheben, die den gleichen Namen verwendeten.
Ursprung und Bezeichnung mini|Oster-Proklamation zum Osteraufstand 1916 mini|Das erste Dáil Éireann, Januar 1919. Erste Reihe, von links nach rechts: Laurence Ginnell, Michael Collins, Cathal Brugha, Arthur Griffith, Éamon de Valera, Count Plunkett, Eoin MacNeill, W.T. Cosgrave und Kevin O’Higgins mini|Éamon de Valera (ca. Mitte 1920er) Der Irische Unabhängigkeitskrieg wird auch als „Irische Revolution“ bezeichnet, um auf die soziale und politische Dimension neben den militärischen Ereignissen aufmerksam zu machen. Denn jenseits der nationalen Bewegung gab es eine starke Beteiligung der Arbeiterbewegung, auch abseits der urbanen Zentren, die in den meisten Erzählungen im Vordergrund stehen. Insbesondere die Landarbeiterbewegung hatte mit ihren Massenmobilisierungen großen Anteil an den Unabhängigkeitskämpfen. Der Historiker Terence M. Dunne schrieb 2017: „Das Herz dieser Massenmobilisierung war die Arbeiterbewegung. Obwohl nur ein Nebenaspekt in der heutigen Erinnerung und marginalisiert durch den neuen Staat, befand sich die Arbeiterbewegung – insbesondere die Landarbeiterbewegung – im Zentrum der Revolution“.Terence M. Dunne: Die Landarbeiterbewegung während der irischen Revolution. Der Fall des County Kildare, in: Arbeit – Bewegung – Geschichte, Heft III/2017, Seite 57 (PDF; 247 kB).
Für den Beginn des Unabhängigkeitskrieges werden unterschiedliche Jahreszahlen genannt. Einige irische Republikaner datieren ihn auf die Proklamation der irischen Republik während des Osteraufstands 1916. In dieser Sichtweise wurde der Konflikt von 1919 bis 1921 (sowie der darauf folgende Irische Bürgerkrieg) lediglich zur Verteidigung dieser Republik gegen die Versuche geführt, sie zu zerstören. Verbreiteter ist die Datierung auf 1919, das heißt auf die einseitige Aufstellung eines unabhängigen irischen Parlaments (allgemein: Dáil Éireann; in diesem Fall: First Dáil), das aus der Mehrzahl der 1918 bei den landesweiten irischen Wahlen (als Teil der Wahlen des Vereinigten Königreichs) gewählten Parlamentarier gebildet wurde.
Der irische Nationalismus hatte in der Spätphase des Ersten Weltkriegs einen neuen Aufschwung genommen, als Premierminister David Lloyd George die Wehrpflicht auch auf die Iren ausdehnen wollte. Dieses Vorhaben stieß auf so starke Ablehnung, dass er davon wieder Abstand nahm, was in Irland verbreitet als Triumph und als Beweis dafür bewertet wurde, dass man die verhasste Regierung in London zum Nachgeben zwingen könne. Viele junge Männer, die bereits befürchtet hatten, demnächst einberufen zu werden, schlossen sich der Irish Republican Brotherhood an. Als Reaktion auf deren militante Protestaktionen ließ die britische Regierung die führenden Nationalisten Arthur Griffith und Éamon de Valera festsetzen, woraufhin Michael Collins, der in Freiheit geblieben war, begann, eine schlagkräftige Widerstandsbewegung aufzubauen: die Óglaigh na hÉireann, die „Irisch-Republikanische Armee“ (IRA).William R. Polk: Aufstand. Widerstand gegen Fremdherrschaft: vom Amerikanischen Unabhängigkeitskrieg bis zum Irak. Hamburger Edition, Hamburg 2009, S. 94 f. Am 21. Januar 1919 tötete eine Gruppe von IRA-Freiwilligen unter Dan Breen zwei Mitglieder der Royal Irish Constabulary (neben der Dublin Metropolitan Police die zweite Polizeikraft in Irland), als diese sich weigerten, den von ihnen in Soloheadbeg (Grafschaft Tipperary) bewachten Sprengstoff zu übergeben. Dieses Ereignis wird allgemein als Beginn des Unabhängigkeitskrieges gesehen,Francis Stewart Leland Lyons: Ireland since the famine. Fontana Press, London, 10. Aufl. 1987, ISBN 0-00-686005-2, S. 408–409. obwohl die Männer bei dem Überfall eigenständig und nicht auf offiziellen Befehl der IRA handelten. Süd-Tipperary wurde drei Tage später unter Kriegsrecht gestellt.
Noch am Tag der Schießerei versammelte sich das First Dáil im Mansion House in Dublin. Dieses Parlament und seine Ministerien proklamierten unter dem damaligen Kabinett (Aireacht) die Unabhängigkeit Irlands. Dabei berief es sich auf die Oster-Proklamation, die Patrick Pearse 1916 beim Beginn des Osteraufstandes verlesen hatte. Die IRA als „Armee der irischen Republik“ erhielt durch das Dáil ein Mandat, Krieg gegen Dublin Castle, damals Sitz der britischen Administration und des Lord Lieutenant of Ireland, zu führen. Das Dáil forderte den Abzug der britischen Militär-Garnisonen und rief die „freien Nationen der Welt“ dazu auf, die Unabhängigkeit Irlands anzuerkennen. Die einzige Regierung, die diesem Aufruf folgte, war die bolschewistische Regierung Sowjetrusslands, die damals ihrerseits international nicht anerkannt war.
Die Gewalt breitet sich aus mini|Hinweistafel der Dublin Brigade der IRA in der Great Denmark Street in Dublin mini|Revolvermodell der Royal Irish Constabulary: Webley RIC Nr. 1 Freiwillige begannen, Grundstücke und Gebäude der britischen Regierung zu überfallen, um an Waffen und Gelder zu kommen, sowie prominente Mitglieder der britischen Administration zu ermorden. Das erste Opfer war der Richter John Milling, der in Westport, Grafschaft Mayo erschossen wurde, weil er Volunteers wegen rechtswidriger Versammlung zu Gefängnisstrafen verurteilt hatte. Sie wandten dabei erfolgreich die Taktik der schnellen Überfälle ohne Uniformen und terroristischer Attentate an. Obwohl einige republikanische Führer, allen voran Éamon de Valera, konventionelle Kriegsführung in Hinblick auf die Anerkennung der neuen Republik durch die Nationengemeinschaft bevorzugten, konnten sie sich nicht gegen den in der Praxis erfahreneren Michael Collins und die breite Führerschaft der IRA durchsetzen, die konventionelle Taktiken für die militärische Niederlage beim Osteraufstand verantwortlich machten. Die ausgeübte Gewalt führte zunächst zu keiner großen Unterstützung in der irischen Bevölkerung. Dies änderte sich, als die britischen Truppen ebenfalls sehr brutal und rücksichtslos vorgingen. Dazu gehörten die Zerstörung von Eigentum, willkürliche Verhaftungen und unprovozierte Erschießungen. Die Gewalttätigkeiten begannen langsam, doch 1920 waren sie die Regel.
Der damals aktiv beteiligte irische Nationalist und Politiker Arthur Griffith meinte, dass die britischen Truppen in den ersten 18 Monaten des Konflikts über 38.000 Angriffe auf Privathäuser durchführten, 4.982 Verdächtige verhafteten, 1.604 bewaffnete Anschläge begingen, 102 Orte brandschatzten und 77 unbewaffnete Republikaner oder Zivilisten töteten. Griffith war verantwortlich für die Einführung der Gerichte der Dáil courts, einem gerichtlichen System parallel zu den britischen Gerichten. Die Dáil Courts sollten diese ablösen, sobald die moralische Unterstützung und die territoriale Kontrolle der IRA wuchsen.
Das Hauptziel der IRA während des Konflikts war die überwiegend katholische Polizeigruppe der Royal Irish Constabulary (RIC), die als die Augen und Ohren der britischen Regierung in Irland galt. Deren etwa 9.700 Mitglieder und 1.500 Posten, vor allem die abgelegenen, waren anfällig und eine willkommene Quelle der benötigten Waffen. Die Politik der Ausgrenzung der RIC wurde vom Dáil unterstützt und erwies sich als erfolgreich. Je länger der Krieg dauerte, desto stärker wurde die RIC demoralisiert und mehr Menschen wandten sich von ihr ab. Die Austrittszahlen der RIC stiegen deutlich an; Rekrutierungen nahmen stark ab. Oftmals mussten sie sogar mit vorgehaltener Waffe Lebensmittel kaufen, da man ihnen in den Geschäften nichts mehr verkaufen wollte. Einige RIC-Leute kooperierten auch insgeheim mit der IRA, sei es aus Furcht oder Sympathie, und verschafften dieser wertvolle Informationen. 165 Mitglieder der Royal Irish Constabulary wurden während des Kriegs getötet, 251 verwundet.
Michael Collins und die IRA Michael Collins war die treibende Kraft hinter der Unabhängigkeitsbewegung. Eigentlich Finanzminister der Regierung, war er aktiv an der Bereitstellung von Geldern und Waffen an IRA-Einheiten sowie an der Auswahl der Offiziere beteiligt. Seine Intelligenz, die organisatorischen Fähigkeiten und der Drang nach vorne beflügelten viele, die mit ihm in Kontakt kamen. Er schuf ein effektives Netzwerk von Spionen innerhalb von Sympathisanten in der G division der Dublin Metropolitan Police und anderen wichtigen Zweigen der britischen Regierung. Die G division wurde von der IRA verabscheut, denn sie wurde des Öfteren eingesetzt, um Spione zu enttarnen, die den britischen Soldaten – oder später den Black and Tans – unbekannt waren. Collins gründete die Spezialeinheit Squad, die nur dafür eingesetzt wurden, G-men zu enttarnen und umzubringen. Vielen dieser G-men wurde von der IRA die Chance gegeben, auszutreten oder Irland zu verlassen, und einige nutzten dies auch.
Obwohl die IRA durch den Übertritt der Irish Volunteers auf dem Papier mehr als 100.000 Mitglieder hatte, schätzte ihr Führer Michael Collins die Zahl der aktiven Mitglieder auf lediglich 15.000. Es gab auch unterstützende Organisationen für die IRA – die Frauengruppe Cumann na mBan sowie die Kinderbewegung Fianna Éireann, die Waffen und Informationen überbrachten sowie sich um Essen und Unterkünfte kümmerten.
Die IRA wurde durch die breit gefächerte Hilfe von einem Großteil der irischen Bevölkerung unterstützt, die sich weigerte, Informationen an die Royal Irish Constabulary oder das britische Militär zu geben, und die oft „sichere Unterkünfte“ und Proviant für vorbeiziehende IRA-Einheiten bereitstellte. Ein Großteil der Popularität der IRA war dem unbarmherzigen Vorgehen der britischen Truppen zuzuschreiben. Die (inoffizielle) Politik der Regierung bzgl. der Vergeltungsmaßnahmen begann im September 1919 in Fermoy (Grafschaft Cork), wo 200 britische Soldaten die wichtigsten Geschäfte des Ortes ausplünderten und niederbrannten, nachdem einer von ihnen, nach der Weigerung, seine Waffen an die örtliche IRA abzugeben, getötet worden war. Aktionen wie diese wiederholten sich in Limerick und Balbriggan und erhöhten die örtliche Unterstützung der IRA sowie die internationale Unterstützung für die irische Unabhängigkeit.
Im April brachen, nach diversen Überfällen der IRA, die Steuereinnahmen vollständig zusammen. Die Menschen wurden dazu ermutigt, Collins’ National Loan („nationales Darlehen“) zu unterstützen und Gelder für die „neue“ Regierung und deren Armee zu sammeln.
Die britische Reaktion – „Black and Tans“ und „Auxiliaries“ mini|Cairo Gang (ca. 1920) Die Black and Tans wurden geschaffen, um die geschwächte Royal Irish Constabulary zu unterstützen. 7000 Mann stark, bestanden sie vornehmlich aus ehemaligen britischen Soldaten, die bereits im Ersten Weltkrieg gekämpft hatten. Die meisten von ihnen kamen aus englischen und schottischen Städten. Offiziell waren die Black and Tans Teil der RIC – in Wirklichkeit waren sie aber eine paramilitärische Organisation mit dem Ruf von Mördern, Terroristen, Trunkenbolden und großer Disziplinlosigkeit, die mehr der britischen Regierung in Irland als anderen Gruppen schadeten. Nach den Black and Tans kam noch die Gruppe der Auxiliaries (wörtlich übersetzt: „Hilfstruppe“), die aus bis zu 1900 ehemaligen britischen Armee-Offizieren bestand. In Bezug auf Gewalttätigkeit, Ruf und Schrecken konnte diese Gruppe problemlos mit den Black and Tans mithalten. Die Auxiliaries waren allerdings noch effektiver und mehr bemüht, es mit der IRA aufzunehmen.