mini|Sofja Sapega (Mai 2022)

Sofja Andrejewna Sapega (; * 10. Februar 1998 in Wladiwostok) ist eine russische Studentin. Am 23. Mai 2021 wurde sie zusammen mit ihrem damaligen Lebensgefährten, dem belarussischen Blogger und Oppositions-Aktivisten Raman Pratassewitsch, nach einer erzwungenen Landung am Flughafen Minsk festgenommen. Ihr wurde vorgeworfen, dass sie Betreiberin des oppositionellen Telegram-Kanals Schwarzbuch Belarus gewesen sei, welcher während der Massenproteste gegen Aljaksandr Lukaschenka Privatinformationen von belarussischen Sicherheitskräften veröffentlicht habe, wobei es dafür keine Hinweise gibt. Im Mai 2022 wurde Sapega zu 6 Jahren Haft verurteilt, im Juni 2023 wurde sie begnadigt.

Werdegang Sofja Sapega ist die Tochter von Andrei Sapega und Anna Duditsch. Ihre Mutter ist russische Staatsbürgerin, ihr Stiefvater Sergei Duditsch stammt aus Belarus. Sie leben in einer kleinen belarussischen Stadt in der Hrodsenskaja Woblasz. Sapega ist russische Staatsbürgerin und lebte zunächst in Belarus.

Bis 2015 besuchte sie die International School in Minsk und hielt sich dann für ihr Studium in Litauen auf. Sie studierte Rechtswissenschaft an der Europäischen Geisteswissenschaftlichen Universität in Vilnius. Vor Sapega wurden bereits sechs Studenten dieser Universität in Belarus inhaftiert.

Litauen ist für große Teile der belarussischen Opposition zu einer neuen Heimat geworden. Sapega gehörte im Gegensatz zu Pratassewitsch nicht zu den bekannten Oppositionellen (Vereinigte Bürgerpartei). Die beiden sind laut russischen Medienberichten seit Anfang 2021 ein Paar. Kennengelernt hätten sie sich 2020 in Litauen, als Sapega sich für den Warschauer Nachrichtenkanal Nexta interessierte. Inwieweit sie vor ihrer Verhaftung oppositionell aktiv war, darüber gibt es widersprüchliche Angaben. In Russland wurde ihr Fall deswegen öffentlich diskutiert, weil sie nicht als Anführerin der Protestveranstaltungen in Belarus inhaftiert wurde. Dort gab es auch zahlreiche Veröffentlichungen zu dem Fall.

Ryanair-Flug 4978 und Festnahme am Flughafen Minsk

Sapega befand sich mit ihrem damaligen Lebensgefährten Raman Pratassewitsch am 23. Mai 2021 an Bord des Ryanair-Flugs 4978 von Athen nach Vilnius. Beim Überflug von Belarus wurde das Flugzeug kurz vor Verlassen des belarussischen Luftraums wegen einer angeblichen Bombendrohung nach Minsk umgeleitet. Dort wurden Sapega und Pratassewitsch am Flughafen festgenommen. Warum Sapega ebenfalls verhaftet wurde, war zunächst unklar. Das Komitee für Staatssicherheit der Republik Belarus stufte Pratassewitsch als „Terroristen“ ein, weil er über die Proteste gegen das Regime von Aljaksandr Lukaschenka berichtete. Nach Aussage anderer Fluggäste habe Pratassewitsch kurz vor seiner Festnahme Sapega eine Tasche gegeben, in welcher mutmaßlich Dokumente, sein Laptop und sein Handy gewesen seien.

Die European Humanities University in Vilnius bestätigte auf ihrer Homepage, dass Sapega zum Urlaub in Griechenland gewesen sei. Auf dem Heimweg nach Vilnius, wo sie ihre Masterarbeit verteidigen sollte, sei die Jurastudentin „unter haltlosen Vorwänden“ festgenommen worden.

Sie stehe „im Verdacht, zwischen August und September 2020 gegen mehrere Artikel des Belarussischen Strafgesetzbuchs verstoßen zu haben“, hieß es in einer Stellungnahme des russischen Außenministeriums, das ihr konsularische Betreuung zusicherte.

Sapegas Mutter Anna Duditsch erklärte, dass ihre Tochter „definitiv keiner Sache schuldig“ sei.Protassewitschs Freundin droht offenbar Verfahren in Belarus In: Der Spiegel. 25. Mai 2021, abgerufen am 26. Mai 2021 Ihr Vater bat dreieinhalb Wochen nach ihrer Festnahme den Machthaber Aljaksandr Lukaschenka um eine Begnadigung seiner Tochter.Vater von Protassewitsch-Freundin Sofia Sapega bittet Lukaschenko um Begnadigung. In: Web.de, 17. Juni 2021, abgerufen am 18. Juni 2021.

In einer gemeinsamen Erklärung von acht belarussischen Organisationen (Wjasna, das Belarussische Helsinki-Komitee u. a.) wurde sie am 26. Mai 2021 als politische Gefangene eingestuft.

Belarussisches Video Am 25. Mai 2021 zeigten belarussische Staatsmedien ein Video mit Sofja Sapega, in dem sie zugab, einen Telegram-Kanal namens „Черная книга Беларуси“ („Schwarzbuch Belarus“) zu betreiben, in dem private Informationen wie Wohnadressen von belarussischen Sicherheitskräften veröffentlicht worden seien. Sapegas Mutter bezweifelte, dass ihre Tochter in den Videos frei sprechen konnte. In dem von der Regierung in Minsk veröffentlichten Geständnis per Video habe ihre Tochter unnatürlich gewirkt.

Anklagepunkte und Prozess Laut BBC wurden Sofja Sapega Verstöße gegen folgende Paragrafen des belarussischen Strafgesetzbuchs vorgeworfen: Artikel 342: „Organisation von Gruppenaktionen, die die öffentliche Ordnung grob verletzen und mit einem eindeutigen Ungehorsam gegenüber den legitimen Anordnungen von Regierungsbeamten verbunden sind“; Artikel 293: „Organisation von Massenunruhen, begleitet von Gewalt gegen Einzelpersonen, Pogromen, Brandstiftung, Zerstörung von Eigentum oder bewaffnetem Widerstand gegen Vertreter der Behörden“; Artikel 130: „Aufstachelung zu rassistischer, nationaler, religiöser oder anderer sozialer Feindseligkeit oder Hass“.

Am 6. Mai 2022 verurteilte das Bezirksgericht Hrodna Sapega zu einer sechsjährigen Haftstrafe in einer allgemeinen Strafkolonie. Drei Tage später gab Pratassewitsch über den angeblich von ihm betriebenen Telegram-Kanal bekannt, dass er geheiratet habe. Dazu wurde ein Foto gezeigt, auf dem er und eine namentlich nicht genannte junge Frau sich küssen. Laut dem angeblich von Pratassewitsch stammenden Kommentar dazu hätten er und Sofja Sapega schon am Ende ihres gemeinsamen Urlaubs in Griechenland beschlossen, sich zu trennen. «Приняли решение, что по возвращении в Вильнюс расстаемся». Протасевич разошелся с Сапегой и женился zerkalo.net, 9. Mai 2022 (Archiv).

Gnadengesuch mini|Sofja Sapega (Juni 2023) Laut der Staatszeitung Sowjetskaja Belarus richtete Sapega am 27. Juni 2022 ein Gnadengesuch an Lukaschenka. Darin habe sie ihre oppositionelle Tätigkeit als Jugendtorheit bezeichnet; mittlerweile habe sie die „Rechtswidrigkeit und Illegitimität vollständig eingesehen“. Unklar blieb, unter welchen Bedingungen das Schreiben zustande kam. Im Januar 2023 lehnte Lukaschenka die Begnadigung zunächst ab.Осужденной в Беларуси россиянке Софье Сапеге отказали в помиловании novayagazeta.eu, 10. Januar 2023. Am 7. Juni 2023 wurde Sapega begnadigt und vor dem Gefängnis von Oleg Koschemjako, dem Gouverneur ihrer russischen Heimatregion Primorje, in Empfang genommen. Sie werde jetzt nach Russland fliegen, teilte er mit.Belarus’ Machthaber Lukaschenko begnadigt Oppositionelle Sofia Sapega. In: Spiegel.de, 7. Juni 2023.Lukaschenko begnadigt Freundin des Oppositionellen Protassewitsch. In: welt.de, 7. Juni 2023.

Internationale Reaktionen Der Vorfall löste international Empörung aus. Dutzende Politiker forderten die sofortige Freilassung Pratassewitschs und Sapegas. Die Europäische Union beschloss Sanktionen und stoppte Investitionen im Wert von ca. 3 Milliarden Euro in Belarus. Zudem wurden ein von der NATO überwachtes EU-weites Start- und Landeverbot für belarussische Flugzeuge und ein Verbot, den EU-Luftraum zu nutzen, verhängt. Die Inhaftierung von Pratassewitsch und Sapega wurden vom Nordatlantikrat als Affront gegen die Grundsätze der Pressefreiheit und das Recht auf freie Meinungsäußerung kritisiert; beide müssten bedingungslos freigelassen werden. Das Verhalten des belarussischen Machthabers Aljaksandr Lukaschenka hatte nach Ansicht des damaligen Bundesaußenministers Heiko Maas „terroristische Züge“.

Am 2. Juni 2021 übernahm Heléne Björklund, Mitglied des schwedischen Reichstags, die Patenschaft für die politische Gefangene Sapega. Auch Amnesty International forderte die Freilassung von Pratassewitsch und Sapega.Protasewitsch droht Folter in Haft Amnesty International, 25. Mai 2021, abgerufen am 24. Juni 2021.

Die USA forderten Lukaschenka auf, eine glaubwürdige internationale Untersuchung des Vorfalls mit der Ryanair-Maschine zuzulassen, erklärte Jen Psaki, Sprecherin des Weißen Hauses. Zudem müssten alle politischen Gefangenen freigelassen werden und ein ernsthafter Dialog mit der Opposition beginnen, der zu fairen und freien Präsidentschaftswahlen unter internationaler Beobachtung führen werde.

Russland zeigte sich dagegen „schockiert“ über die Reaktion des Westens. Wladimir Putin gilt als einer der letzten Verbündeten Lukaschenkas. Sapegas Schicksal sei Russland „nicht egal“, sagte Kremlsprecher Dmitri Peskow. Gleichzeitig betonte er, dass Sapega zwar russische Staatsbürgerin sei, aber eine Aufenthaltsgenehmigung in Belarus habe. Am 28. Mai 2021 beklagte Lukaschenka bei seinem Treffen mit Putin den Druck des Westens auf sein Land. Der Kremlchef sagte ihm Unterstützung zu. Zu Raman Pratassewitsch und Sofja Sapega sagte Lukaschenka: „Wir sind für sie der Übungsplatz vor dem Vormarsch nach Osten. Sie probieren bei uns das aus, womit sie dorthin weiterziehen.“ Nun sei man gezwungen, auf unfreundliche Schritte hart zu reagieren, zitiert die Belarussische Nachrichtenagentur BelaPAN Außenminister Uladsimir Makej.

Weblinks Sofia Sapegas Seite auf der Website von Wjasna Erklärung des Nordatlantikrates zu Belarus. 26. Mai 2021.

Einzelnachweise

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