mini|Monument für Mishima auf der Insel Kamishima zur Ehrung des Buches Der Klang der Wellen Der Klang der Wellen (jap. , Shiosai), in früheren Editionen noch Die Brandung, ist ein 1954 veröffentlichter Roman von Yukio Mishima.
Er erzählt eine Coming-of-Age-Story über den Fischer Shiji, der im wertkonservativen fiktiven Fischerdorf Uta-jima eine romantische Beziehung mit der exzentrischen Muscheltaucherin Hatsue anfängt. Als im Dorf das Gerücht verbreitet wird, Shinji nutze lediglich Hatsues Liebe aus, um ihre Jungfräulichkeit zu nehmen, droht ihre junge Liebe auseinanderzubrechen. Erst als Shinji ein im Sturm gefangenes Schiff vor dem Kentern bewahrt, akzeptiert Hatsues Vater die Beziehung und gibt Shinji die Erlaubnis, Hatsue zu heiraten.
Das für Mishimas Verhältnisse zahme Buch zementierte seinen Status als erfolgreichster Autor Japans und einen der erfolgreichsten Autoren weltweit. Es wurde mit dem Shincho-Preis prämiert und bisher fünf Mal als Film adaptiert.
Handlung Shinji Kubo lebt zusammen mit seiner Mutter, einer Muscheltaucherin und seinem jüngeren Bruder Hiroshi in dem kleinen Fischerdorf Uta-jima. Zusammen mit seiner Mutter sorgt er für den Familienunterhalt; Shinjis Vater starb im Zweiten Weltkrieg, als sein Fischerboot unter Beschuss eines US-amerikanischen Bombers stand. Dennoch lebt die Familie ein halbwegs friedliches Leben und Shinji ist zufrieden in seinem Leben als Fischer, zusammen mit seinem Vorgesetzten Jukichi Oyama und seinem Arbeitskollegen Ryuji.
Die Zeiten ändern sich drastisch als der Sohn Terukichi Miyatas, des reichsten Mannes des Dorfes, verstirbt und er sich deshalb dazu entscheidet, seine Hatsue zurück in das Dorf zu holen, welche er zuvor an eine Gruppe an Muscheltauchern auf einer anderen Insel weggab. Hatsue wird als junges Mädchen unglaublicher Schönheit beschrieben; folglich hat sie bei Ankunft im Dorf eine große Anzahl an Bewunderern, darunter auch Shinji. Terukichi plant derweil, Hatsue an einen Mann im Dorf zu verheiraten.
Kurz darauf lernen sich Shinji und Hatsue näher kennen und verlieben sich ineinander. Als Chiyoko, die Tochter des Leuchtturmwärters, aus ihrem Studium an der Universität Tokio zurück ins Dorf kommt, stellt sie enttäuscht fest, dass Shinji, mit dem sie eine romantische Beziehung geführt hat, in Hatsue verliebt ist. Sie nutzt deshalb den Neid ihres Dorfnachbarn Yasuo Kawamoto, eines weiteren Bewunderer Hatsues, aus, um das Gerücht zu verbreiten, Shinji wolle Hatsue dazu ausnutzen, ihr die Jungfräulichkeit zu nehmen. Außer sich vor Neid, Shinji könne Hatsue entjungfern, versucht Yasuo in der Nacht, Hatsue zu vergewaltigen, als diese gerade am Brunnen ihren Wassereimer füllen möchte. Der Versuch schlägt fehl, da Yasuo beim Zerreißen von Hatsues Kleidung Opfer einer Hornissenattacke wird. Seines Verhaltens beschämt, schlägt er Hatsue vor, zukünftig für sie den Wassereimer zu füllen und in das Dorf zurückzuschleppen, wenn sie das Geschehnis für sich behält.
Als Terukichi das Gerücht hört, verbietet er Hatsue weiteren Umgang mit Shinji; nur durch Jukichi und Ryuji kommunizieren beide durch geheime Briefe weiter miteinander. Terukichi weigert sich vehement, Shinji für eine Aussprache zu treffen und als Shinjis Mutter – wissend darum, dass Shinji kein Lügner ist – vergeblich versucht, mit Terukichi zu sprechen, verhärtet dies die Fronten zwischen Shinji und Hatsue. Bevor Chiyoko zurück an die Universität fährt, trifft sie sich mit Shinji und fragt ihn, ob er sie unattraktiv finde. Als Shinji dies verneint und ihr gut für ihre Zukunft zuredet, bekommt Chiyoko Gewissensbisse. Zurück in Tokio ist sie geplagt von den Gedanken, Shinjis Chance auf ein glückliches Leben zerstört zu haben.
Zum Ende des Sommers wählt Terukichi Yasuo und Shinji als Schiffsführer der Utajima-maru aus. Als dieses in einen wilden Sturm gerät, ist es allein Shinjis Courage und Durchsetzungskraft, die das Schiff vor dem sicheren Kentern sichern kann. Terukichis Beweggrund, dieses Ereignis zu initiieren, kommt heraus, als dessen Frau die Briefe von Chiyoko zeigt, in denen diese das Gerücht und ihre Teilhabe daran aufdeckt. Sie wolle nicht mehr zurück in das Dorf kommen, da sie sich nicht traut, Shinji noch in die Augen zu blicken – ihrer alte Liebe, der sie böswillig das Glück genommen hat. Als Terukichi von seiner Frau konfrontiert wird, erzählt er ihr von seinem Plan, Shinji zu Hatsues Ehemann zu machen. Die Schiffsfahrt war eine Mutprobe, um herauszufinden, wer der beiden Männer es wert ist, Hatsue zur Frau zu nehmen. Shinjis mutiges Engagement habe Terukichi besonders beeindruckt; er gibt ihm die Erlaubnis, Hatsue zu heiraten.
Motive Lehrstunden der Natur Durch das ganze Buch hindurch bestimmt die Natur das Leben auf der Insel. Während Mishima die Geschichte über ein junges Paar erzählt – geplagt durch Gerüchte, Eifersucht und Klassenunterschiede – zieht er Parallelen zwischen den Lektionen, die beide zu lernen haben und den Lektionen, die die Natur erteilt. Mishima behauptet, die Natur sei allmächtig und abseits menschlichen Einflusses, weshalb sie respektiert werden sollte. Diesen Respekt erweise man der Natur, indem man sie imitiere – nur so könne man mit ihr in Einklang und Harmonie leben.
Als erstes wird dies durch Hatsue deutlich. Hatsue ist die junge, wunderschöne Tochter Terukichis, des mächtigsten Mannes der Insel. Sie hat über viele Jahre die Kunst des Muscheltauchens perfektioniert und dadurch, dass sie ähnlich der Natur Wert auf ihre Schönheit legt, hat sie viele Bewunderer. Muscheltauchen ist eine gefährliche und schwierige Tätigkeit; durch ihre jahrelange Arbeit lehrt das Muscheltauchen – insbesondere die kalten Gewässer und Gefahren durch gefährliche Seetiere – Hatsue viel über Stärke, Mut und darüber, dass die größten Schätze oft in harten, unansprechenden Äußerlichkeiten eingeschlossen sind. Dieses naturgelehrte Wissen hilft ihr, den Partner ihres Lebens zu finden; denn anders als die anderen Dorfbewohner kann sie durch Shinjis Äußerlichkeit als Arbeiter der Unterschicht hindurchsehen und den seltenen, wertvollen Charakter in ihm erkennen.
Gleichzeitig werden die, die nicht nach der Natur leben, bestraft. Yasuo ist ein egozentrischer Jüngling und der Sohn einer reichen, angesehenen Familie. Obwohl Yasuo eigentlich ein geborener Führer ist, ist er auch aufdringlich, unnachgiebig und narzisstisch – entgegen den Lektionen der Natur. Als Hatsue in das Dorf zurückkehrt, ist Yasuo von ihr angetan und wird eifersüchtig, als das Gerücht um die Liebesbeziehung zwischen Hatsue und Shinji aufkommt. Dadurch fühlt er sich angestachelt, das Geschehen selbst in die Hand zu nehmen, weshalb er Hatsue eines Nachts versucht zu vergewaltigen. Der Versuch wird direkt durch die Natur bestraft; durch sein abruptes Hantieren zieht er die Aufmerksamkeit eines provozierten Hornissenschwarms auf sich, der seinen ganzen Körper zersticht.
Zuletzt nutzt Mishima Shinjis direkte Konfrontation mit einer mächtigen Erscheinung der Natur, einem Taifun, um diese Philosophie zu Ende zu bringen: Wenn Jemand lernt mit der Natur, nicht gegen die Natur zu arbeiten, erlernt er auch in Harmonie mit ihr zu leben. Als Shinji gebeten wird, der Schiffsmannschaft der Utajima-maru beizutreten, nimmt er den Beruf begeistert an. Als das Schiff nahe dem Hafen von Okinawa in den unkontrollierbaren Taifun gerät, meldet sich Shinji freiwillig dafür, das gerissene Schiffsseil trotz des Sturmes wieder zusammenzuflicken. Er nutzt alles, was er über die Jahre durch und über die Natur gelernt hat überzeugt, um die Mannschaft vor dem sicheren Kentern zu retten. Am Morgen nach dem Sturm wacht er zu einem "tiefblauen, klaren Himmel" und einer "ruhigen, glitzernden See" auf. Trotz seines einfachen Gemüts hatte Shinji durch seine Schiffmannstätigkeit immer eine enge Verbundenheit zur Natur und großen Respekt vor ihrer Stärke. Dadurch, dass er lernt, diese Stärke in sich selbst aufzunehmen, rettet er nicht bloß sich selbst, sondern auch die Leben seiner Mannschaftsmitglieder.
Mishima karikiert die Natur als eine gefährliche Kraft, die gelegentlich Gewalt ausübt. Wer sich jedoch öffnet, ihre natürlichen Lehren aufzunehmen, kann ihre unsagbare Stärke in sich verkörpern und anderen mit mehr Empathie und Sorge gegenübertreten.
Liebe, Sex und Hingabe Im Wesentlichen ist Der Klang der Wellen eine Liebesgeschichte. Als Shinji und Hatsue das erste Mal Zuneigung füreinander empfinden, machen sie ihre ersten Erfahrungen mit Liebe und Sex. Ihr Umgang miteinander ist dabei aber nie oberflächlich, sondern im selben Maße spirituell. Mishima verstärkt dadurch abermals, dass wahre Liebe und wahre Hingabe – im Gegensatz zu reiner physischen Attraktivität oder Kompatibilität aufgrund sozialer Klasse – sich am Ende immer gegen Eifersucht, Grausamkeit und Lügen durchsetzen wird.
Als sich Shinji und Hatsue annähern, ist es genau diese Ehrlichkeit und dieser Optimismus, weshalb ihre Hingabe trotz der Vereitelung durch Außenstehende weiter Bestand hat. Dies wird deutlich in der Szene, als Shinji vor einem Feuer einschläft, während er auf Hatsue wartet. Als er aufwacht, steht Hatsue halbnackt davor, um ihre Kleidung und ihren Körper von der kalten See zu trocknen. Hatsues schamlose Nacktheit vor Shinji demonstriert die Reinheit und Naivität ihrer jungen Liebe. Als Shinji aufwacht, fordert ihn Hatsue scherzend dazu auf, sich auch auszuziehen – nicht aus einem sexuellen Verlangen heraus, sondern nur damit sie "in derselben Position stecken." Als Shinji und Hatsue sich zueinanderlegen, fühlen sie ein Gefühl "puren Glückes". Statt Geschlechtsverkehrs, wozu Hatsue nicht bereit ist, präsentiert Shinji ihr die schöne pinke Muschel vom Strand, die ihn an Hatsue erinnert hat. Durch die Szene wird die Unschuld deutlich, die Hatsues und Shinjis Beziehung kennzeichnet. Obwohl sie auch physisch zueinander hingezogen sind, sind sie vielmehr spirituell verbunden – laut Mishima ist es erst das, wodurch eine Beziehung fruchtet.
Als Chiyoko die Gerüchte um das junge Paar verbreitet und sogar Hatsues Vater Terukichi den weiteren Umgang mit Shinji untersagt, müssen Hatsue und Shinji mit der öffentlichen Bloßstellung und den bissigen Kommentaren ihrer Dorfbewohner leben. Doch trotz all dieses Geredes wird der Bund zwischen Shinji und Hatsue nicht schwächer; sie finden stattdessen andere Weisen miteinander im Kontakt zu bleiben.
Mishima betont in der Geschichte wie Shinjis Hingabe zu Hatsue ihm nicht nur Kraft gibt, die Sabotage durch Außenstehende zu überstehen, sondern auch echte Gefahren. Als Shinji sich der Aufgabe annimmt, das Schiff von Hatsues Vater Terukichi zu steuern, gibt Hatsue ihm ein Selbstporträt für den Weg nach Okinawa mit. Während des Taifuns betrachtet Shinji das Porträt mehrfach, um den Willen und die Stärke für seine lebensbedrohliche Aufgabe zu sammeln, das Seil zusammenzuflicken. Am Ende ist es genau diese Art an Stärke, die Terukichi überzeugt, dass Shinji der richtige Mann für Hatsue ist. Damit schließt sich der Kreis: Die Unschuld und Ehrlichkeit ihrer jungen Liebe ermöglicht Shinji letztlich seine große Liebe zu heiraten.
Erwachsenwerden Eine weitere Philosophie Mishimas dreht sich um das Erwachsenwerden des Protagonisten, Shinji. Über die Chronologie des Romans lernt Shinji viele wichtige Lektionen über Liebe, Ehre, soziale Klassen, Familie und den Wert harter Arbeit. Mishima impliziert mehrfach, dass die einzige Art tatsächlich den Schritt von Junge zu Mann zu machen, ist, selbstlos und anpassungsfähig zu sein.