mini|Katsushika Hokusais berühmtes Gemälde Die große Welle vor Kanagawa; das Werk wurde als Titelbild für die 1999er Neuübersetzung gewählt.
Der Seemann, der die See verriet (jap. , Gogo no eikō) ist ein am 10. September 1963 veröffentlichter Roman von Yukio Mishima. Er erschien ursprünglich beim japanischen Verlag Kōdansha. Auf Deutsch erschien der Roman in der Übersetzung durch Sachiko Yatsushiro 1970 im Rowohlt Verlag als Hardcover und 1986 als Taschenbuch.
Die Geschichte ist in zwei Teile geteilt: „Sommer“ und „Winter“. Sie handelt von Noboru Kuroda, einem heranwachsenden Jungen, der mit seiner verwitweten Mutter Fusako zusammenlebt und Teil einer geheimen „Gang“ ist, welche die Erwachsenenwelt verabscheut und nach ihrem eigenen moralischen Kodex lebt. Als seine Mutter eine Affäre mit dem Seemann Ryuji beginnt, bewundert die Gang diesen zunächst für seinen abenteuerlichen, unkonventionellen Lebensstil. Doch als sich Ryuji gegen sein weiteres Leben als freigeistiger Seemann entscheidet, um Fusako zu heiraten, fühlt sich Noboru von ihm betrogen. Zusammen mit seiner Gang vergiftet er Ryujis Tee, um ihn daraufhin gewaltvoll zu töten.
Wie die meisten Werke Mishimas behandelt Der Seemann, der die See verriet bisweilen düstere, tabuisierte Themen wie Mord, Voyeurismus, Nationalismus, Gewalt, Tierquälerei und Nihilismus. Zugleich ist es aber auch eine Liebesgeschichte und Abhandlung über die Bedeutung und den Ausdruck von Väterrollen und Männlichkeit.
Der mit gerade einmal 181 Seiten sehr kurze Roman gilt als eines von Mishimas Meisterwerken und gilt als einer der besten Romane der Nachkriegszeit, wenn nicht sogar aller Zeiten. Zu seinem Erscheinen wurde er ein kommerzieller und kritischer Großerfolg. Dadurch und aufgrund des Umstandes, dass er innerhalb Japans und in einigen Schulen der Vereinigten Staaten, Großbritanniens und Frankreichs zum Curriculum gehört, ist er bis heute Gegenstand zahlreicher, teils widersprüchlicher Interpretationen.
Aufgrund seines außerordentlichen Erfolges wurde der Roman mehrfach adaptiert, darunter der 1976 veröffentlichte amerikanisch-britisches Kinofilm Der Weg allen Fleisches von Lewis John Carlino. In Deutschland wurde das Stück in Form der Oper Das verratene Meer von Hans Werner Henze aufgeführt.
Handlung Teil 1: Sommer Kapitel 1 (Eine gemeinsame Nacht) mini|200px|Zeichnung des Yokohama-Hafens, 1860
Die Geschichte folgt dem dreizehnjährigen Jungen Noboru Kuroda, der zusammen mit seiner verwitweten Mutter in Yokohama, Japan lebt. Er und seine Freunde sind gute Schüler, bilden aber heimlich eine Bande, geleitet von Noborus Schulfreund „Chef“. Die Bande lebt nach ihrem eigenen moralischen Kodex und lehnt konventionelle Moral, wie sie unter Erwachsenen verbreitet ist, entschieden ab. Seine Mutter Fusako versperrt jeden Abend sein Zimmer, nachdem sie ihn eines Abends dabei erwischt hat, wie er auf Geheiß von Chef aus dem Haus geschlichen ist.
Eines Nachts findet Noboru in einer Schublade ein Bohrloch, mit Ausblick auf das Schlafzimmer seiner Mutter, durch welches er sie nunmehr heimlich beobachtet – vor allem dann, wenn sie ihn zuvor getadelt hatte. Der Anblick seiner nackten Mutter übt eine ungewöhnliche Faszination auf den Jungen aus, dessen Weltbild folgend etabliert wird: schon in seinem jungen Alter ist Noboru überzeugt, ein Genie zu sein und verstanden zu haben, dass das Leben aus wenigen simplen Signalen und Entscheidungen besteht. Die Gesellschaft ist eine reine Fiktion zugunsten des Stärkeren, folglich lehnt er alle entschieden ab, die diese Gesellschaftsordnung aufrechterhalten wollen – insbesondere Lehrer und Väter.
Da er sich besonders für Schiffe interessiert, besucht er mit seiner Mutter am Ende des Sommers die jährlich eintreffenden Flotten. Dort treffen sie Ryuji Tsukazaki, einen Seemann und zweiten Offizier des Dampfschiffes Rakuyo. Über den Sommer beginnen Ryuji und Fusako eine Affäre, den Sex beobachtet Noboru dabei nächtlich durch das geheime Bohrloch. Während Noboru die beiden beobachtet, hornt in der Ferne ein Schiffshorn, zu dem Ryuji sogleich seine Aufmerksamkeit hinwendet. Noboru ist entzückt und glaubt, sich endlich in Ryuji wiedergefunden zu haben, da sich dieser seinen Gefühlen zu Fusako entgegenstellt und stattdessen zur See hingezogen ist. Noboru glaubt, in Ryuji endlich die innere Ordnung gefunden zu haben, nach der er so lange gesucht hat. Allein in seinem Zimmer, stetig durch das Bohrloch schauend, schwört er sich: „Wenn mir das jemals zerstört wird, ist das für mich das Ende der Welt. [...] Ich würde vermutlich alles tun, um das zu verhindern, egal wie niederträchtig!“S. 3–13
Kapitel 2 (Ryuji) Am nächsten Morgen wird der nackte Ryuji von der Morgensonne geweckt. Der Leser erfährt einiges über dessen Charakter: Ryuji lebte sein Leben lang auf der See, hat aber nie eine enge Bindung zu dieser oder seinen Schiffskameraden aufbauen können. Im Gegensatz zu den meisten seiner Kollegen, die Seemänner wurden, weil sie die See liebten, wurde er einer, weil er das Land hasste. Kurz nachdem die Besatzungsmächte (Vereinigte Staaten und Vereinigtes Königreich) das Reiseverbot japanischer Schiffe aufgehoben hatten, absolvierte er das Handelsmarinegymnasium und segelte wenig später nach Taiwan und Hong Kong. Später war er auch in Indien und Pakistan. Obwohl die tropische Hitze und fremde Kultur Pakistans ihn zunächst begeisterte, wurden seine Erinnerungen an die Zeit mit der Zeit gleichgültiger, bis er schließlich in einen Zwiespalt geriet – er gehört weder zum Land, noch zur See. Er verachtete „die Bewegungslosigkeit des Landes“, die stetig gleichbleibende Oberfläche, aber die See kommt ihm einen Gefängnis gleich. In seiner Sinnkrise kam er mit 20 Jahren zu einem Entschluss: was er möchte, ist Ruhm. Er weiß nicht, welche Art von Ruhm, aber er ist sich sicher, dass „in den Tiefen der Dunkelheit dieser Welt ein Leichtschein existiert, der für ihn allein bestimmt ist.“
Ryuji summt das Seemannslied A Sailor's Life – etwas, das er immer tat, wenn er alleine sein wollte, obwohl ihm nichts mit der See verbindet. Er wird durch Fusako unterbrochen, die ihm in einem modernen, westlichen Baumwollkleid, ein Frühstückstablett serviert: „Tut mir Leid, dass du solange warten musstest, Noboru hat das Haus erst vor einer Minute verlassen.“ Die Liebenden frühstücken und blicken auf den Hafen hinaus, bis Fusako die lange Schweigsamkeit unterbricht: „Irgendetwas stimmt mit Noboru nicht. Es fühlt sich an, als ob er von uns Bescheid wüsste. Zum Glück mag er dich, deswegen ist es vielleicht egal, aber… Aber ich weiß einfach nicht, wie er es herausgefunden haben könnte.“S. 14–23
Kapitel 3 (Fusako) Fusako macht sich auf zur Arbeit im Rex, Ltd., eines der ältesten und bekanntesten Bekleidungsgeschäfte in der Motomachi-Einkaufszone. Gegründet wurde es von ihrem Ehemann, aber nach seinem Tod hat sie die alleinige Leitung übernommen. Die Kundschaft des auf westliche Mode spezialisierten Geschäfts besteht primär aus wohlhabenden Ausländern, Dandys aus dem Großraum Tokio, Filmschaffenden und kleineren Einzelhandelsgeschäften aus Ginza. Ihr untergeordnet sind vier Verkäuferinnen und der ältere Manager Mr. Shibuya. Durch die direkte Hafenlage hat Fusako immer ein Auge auf andockende Schiffe am Yokohama-Hafen, sodass sie die importierten Güter oft schon vor ihrer Konkurrenz erstehen kann.
Fusako betritt das Geschäft gegen elf Uhr morgens und sieht, während sie sich eine Zigarette anzündet, eine Memo auf ihrem Tisch liegen. Die bekannte Filmschauspielerin Yoriko Kasuga soll am Nachmittag für einen Großeinkauf eintreffen, um „bezaubernde französische Accessoires“ für ihre Kollegen beim anstehenden Filmfestival in Europa mitzunehmen. Am Tisch sitzend stehen der schönen Fusako ihre Zweifel im Gesicht geschrieben; sie grübelt über ihre Affäre mit Ryuji und ob es richtig sei, nur fünf Jahre nach dem Tod ihres Ehemannes einen anderen Mann in ihr Leben zu leben. Vor allem, da sie Ryuji erst vor zwei Tagen kennengelernt hat und nichts von ihm weiß. Gleichzeitig schwärmt sie aber von seinen tiefen Augen, die sie schon bei ihrem ersten Treffen am Dock in den Bann gezogen haben. Hier wird dem Leser auch eine weitere ihrer Ängste offenbar: Bei dem ersten Treffen fragte Ryuji sie scherzhaft, ob Noboru später auch ein Seemann werden möchte, wenn er schließlich so viel schon wisse. Die Vorstellung, jemanden, der ihr viel bedeutet, auf die große See zu lassen, erfüllt Fusako aber mit Angst.
Yoriko Kasuga stürmt laut fluchend in das Büro und unterbricht Fusakos Gedankengänge durch ihre erzürnten Bemerkungen über den Regisseur Herrn Honda, der von ihr „30 Einstellungen“ verlangte, obwohl der nicht einmal gut werden würde. Der Leser erfährt von Yorikos Obsession, eines Tages einen Preis für die beste Hauptdarstellerin zu gewinnen und auch die „französischen Accessoires“, die sie kaufen möchte, stellen sich als „nette Geste“ für die Jurymitglieder des Filmfestivals heraus. Trotz ihrer Schönheit ist Yoriko eine einsame Frau. Am Nachmittag verabschiedet sich Fusako von ihren Angestellten und bestellt, wie jeden Tag, ein Sandwich und einen Tee in ihrem liebsten englischen Café. Sie beobachtet Ryuji, wie dieser mit seinen Kollegen Frachtgut entlädt und schwärmt von ihrem gemeinsamen Abendessen im New Grand Hotel: „Ich habe noch nie so lange Gespräche mit einem Mann geführt, zumindest nicht seit dem Tod meines Mannes.“S. 24–36
Kapitel 4 (Am Springbrunnen) mini|Im Park erfrischt sich Ryuji am Springbrunnen und „blamiert“ damit Noboru vor seinen Freunden.
Nach seiner Nacht bei Fusako spaziert Ryuji in einem leeren Park und denkt nach: über den Abend mit Fusako, über sein Streben nach Ruhm und wie alles zusammenhängen könnte. Er erinnert sich, wie Fusako ihn fragte, weshalb er nie geheiratet hat und er ihr vorlog: „Es ist nicht einfach eine Frau zu finden, die einen Seemann heiraten möchte.“ In Wahrheit hat er seine verheirateten Kollegen, eventuell sogar Väter, immer bemitleidet, da sie ihre „Chancen weggeworfen“ haben, Ruhm zu finden. Gleichzeitig hatte er ein sehr eigenes Verständnis von wahrer Liebe: Die vielen Seemannslieder haben ihn überzeugt, dass ein Mann die Frau seines Lebens nur einmal treffen wird – er glaubt, Fusako sei diese Frau, fand aber keine Worte, dies zu sagen.
Bevor er mit Fusako intim wurde, versucht er, ihr von seiner seltsamen Leidenschaft zu erzählen, die einen Mann „am Kragen packt“ und ihn in eine „Sphäre transportiert, in der er keine Todesangst mehr hat.“ Da ihm die passenden Worte dafür fehlen, erzählt er ihr stattdessen von seinem Leben: Nach dem frühen Tode seiner Mutter wurde er von seinem Vater, einem Beamten, und seiner älteren Schwester großgezogen. Trotz seiner schweren Erkrankung arbeitete sein Vater Überstunden, um Ryuji eine Schulbildung zu ermöglichen. Später im Krieg wurde Ryujis Familienhaus durch einen Luftangriff zerstört und seine Schwester starb nur wenig später infolge ihrer Typhuserkrankung. Nachdem er seine Gymnasiallaufbahn absolviert hatte, starb auch sein Vater. Seine einzigen Erinnerungen an das Land bestehen folglich aus Armut, Krankheit, Tod und endloser Verwüstung. Indem er ein Seemann wurde, konnte er sich für immer vom Lande verabschieden. Fusako war der erste Mensch, dem Ryuji all dies anvertraute.
Die Gedanken an Fusako und die Vorfreude an ihr Treffen am Nachmittag erfüllen Ryuji mit einer „kindlichen Freude“, die er lange nicht mehr gespürt hatte. Mit einem breiten Lächeln im Gesicht erfrischt er sich am Springbrunnen und lässt sein durchnässtes weißes Unterhemd durch die strahlende Sonne trocknen. Auf seinem Weg aus dem Park trifft er Noboru und seine Bande und erinnert sich der Worte Fusakos: „Irgendetwas stimmt mit Noboru nicht. Es fühlt sich an, als ob er von uns Bescheid wüsste.“ Er beginnt ein kurzes Gespräch mit Noboru, ganz zu dessen Missfallen, der sich für Ryujis „kindisches Verhalten“ schämtS. 37–47:
Kapitel 5 (Tötung der Katze)