Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche in Deutschland wurde zu Beginn des Jahres 2010 ein Thema von breitem öffentlichem Interesse. Ein Zeitungsbericht zu Missbrauchsfällen am Canisius-Kolleg in Berlin löste eine Welle der Berichterstattung aus, durch die immer mehr Fälle des sexuellen Missbrauchs in der römisch-katholischen Kirche in Deutschland bekannt wurden. In den Vereinigten Staaten und in Irland war die Öffentlichkeit schon früher auf das Problem des sexuellen Missbrauchs in der römisch-katholischen Kirche aufmerksam geworden. Schwerpunktmäßig waren die Opfer zwischen 14 und 17 Jahre alt, zu Übergriffen kam es vielfach im Umfeld der Messdienerarbeit, bei Ferienfreizeiten und in Internaten.
Unter dem Druck anhaltender Kritik reagierte die römisch-katholische Kirche in Deutschland, insbesondere die Deutsche Bischofskonferenz, seit dem Krisenjahr 2010 mit zahlreichen Maßnahmen zur Aufarbeitung und Prävention. Dazu zählen unter anderem aufklärende Gutachten, Missbrauchs- und Präventionsbeauftragte in den Bistümern, die mehrfache Weiterentwicklung der kirchlichen Leitlinien zum sexuellen Missbrauch bis zur aktuellen Missbrauchsordnung und Zahlungen an Missbrauchsopfer. Die von der Deutschen Bischofskonferenz in Auftrag gegebene, im Jahr 2018 veröffentlichte MHG-Studie ermittelte erstmals detaillierte Daten für ganz Deutschland und gab den Anstoß für den Synodalen Weg.
Geschichte bis 1945 Mittelalter und frühe Neuzeit Wissenschaftliche Studien zum sexuellen Missbrauch von Minderjährigen in früheren Epochen lagen bisher kaum im Fokus der Forschung. 2013/2015 beschäftigte sich der Kirchenhistoriker Ulrich Lehner mit der internen Klostergerichtsbarkeit in der frühen Neuzeit, die bemüht war, ein Bekanntwerden nach draußen zu vermeiden; Fälle von Kindesmissbrauch fand er nur wenige, die – bei Einschaltung des Bischofs – streng bestraft worden seien. (siehe die Besprechung bei feuilletonscout.com) Im Jahr 2018 erschien ein Überblicksartikel des Mediävisten Peter Dinzelbacher zur „Pädophilie im Mittelalter“, der eine Reihe von Beispielen aus mittelalterlichen Klöstern aufzeigte, sich aber auch mit Quellenproblemen beschäftigte: Auch Zwanzigjährige konnten als pueri parvoli („sehr kleine Jungen“) oder Fünfundzwanzigjährige als pueri monasterii („Jungen des Klosters“) gelten und die Altersangaben zum selben Fall in einzelnen Handschriften stark variieren.Peter Dinzelbacher: Pädophilie im Mittelalter. In: Beiträge zur Rechtsgeschichte Österreichs 2018, S. 1–38. doi:10.1553/BRGOE2018-1s5 In einer 2020 erschienenen Studie zeigt Dyan Elliott, wie die skandalvermeidende Politik, die sie auf allen Ebenen der kirchlichen Hierarchie nachweisen kann, in Verbindung mit dem Gebot des klerikalen Zölibats zu einem weit verbreiteten sexuellen Missbrauch von Jungen und männlichen Jugendlichen von der Spätantike bis zum späteren Mittelalter geführt habe.Dyan Elliott: The Corrupter of Boys. Sodomy, Scandal, and the Medieval Clergy. University of Pennsylvania Press, Philadelphia 2020, ISBN 978-0-8122-5252-1. Dinzelbacher weist in einer insgesamt positiven Rezension zu Elliotts Werk darauf hin, dass es darin „mindestens ebenso ausführlich um mittelalterliche Homosexualität generell wie speziell um Pädophilie“ gehe, und auf die generellen, nicht zu überwindenden Problematiken der Beschäftigung mit diesem Thema: insbesondere die unscharfe mittelalterliche Terminologie (bspw. dass puer [„Junge“] auch einen erwachsenen Krieger meinen kann) sowie das frühe gesetzliche Heiratsalter, ab dem man nicht mit dem gegenwärtigen Begriff von Kindesmissbrauch operieren könne. In den normativen Texten „geht es ohnehin ganz grundsätzlich um Sodomie – ohne Spezifizierung des Alters“; bei narrativen Quellen bestehe die Möglichkeit der bloßen Verleumdung. Weiterhin heißt es: „Dennoch ergibt sich durch die Summe der Nachweise ein überzeugendes Bild verbotener, aber von Priestern und Religiosen häufig praktizierter gleichgeschlechtlicher Sexualität, die fast stets ohne weiterreichende Konsequenzen blieb“.
19. Jahrhundert Vorwürfe sexuellen Missbrauchs durch Geistliche und Ordensleute erhob der Pfaffenspiegel, ein in Deutschland weit verbreitetes antiklerikales Buch.Hans Schleier: Geschichte der deutschen Kulturgeschichtsschreibung. Band 1: Vom Ende des 18. bis Ende des 19. Jahrhunderts, Reprint, Spenner, Kamen 2002, S. 875–879. Der Verfasser Otto von Corvin bemühte sich, die katholische Kirche als vernunftfeindlich und bigott darzustellen. Zu diesem Zweck breitete er über lange Strecken den Topos des „geilen Pfaffen“ aus, der die intime Situation der Beichte sexuell ausnutze, wie sie etwa in zahlreichen Schwänken und Mären des Spätmittelalters und der Frühen Neuzeit immer wieder erzählt und variiert wurde.Hertha Busemann: Der Jesuit und seine Beichttochter. Die Faszination eines Sittenskandals in drei Jahrhunderten. Oldenburg 1987, S. 98–105.Ralph Tanner: Sex, Sünde, Seelenheil. Die Figur des Pfaffen in der Märenliteratur und ihr historischer Hintergrund. Königshausen & Neumann, Würzburg 2005, S. 556 ff.Tilmann Walter: Unkeuschheit und Werk der Liebe. Diskurse über Sexualität am Beginn der Neuzeit in Deutschland. De Gruyter, Berlin und New York 1997, S. 172–185. Anders als in der frühneuzeitlichen Dichtung, in der Pädokriminalität nicht vorkommt,Tilmann Walter: Unkeuschheit und Werk der Liebe. Diskurse über Sexualität am Beginn der Neuzeit in Deutschland. De Gruyter, Berlin und New York 1997, S. 262. erging sich Corvin auch in der Schilderung von angeblichen „schändlichen Verführungen, denen die unter Leitung der Mönche stehenden Knaben ausgesetzt sind, und ein jeder Vater wird daraus erkennen können, wie höchst gefährlich es für seine Kinder ist, wenn er diese in Klosterschulen unterrichten lässt“.Otto von Corvin: Der Pfaffenspiegel. Historische Denkmale des christlichen Fanatismus. 43. Auflage. Rudolstadt, 1927, S. 267 (online).
Die Historikerin Irmtraud Götz von Olenhusen untersuchte in einer sozialhistorischen Arbeit von 1994 den badischen Klerus im 19. Jahrhundert und kam dabei auch auf mehrere Fälle zu sprechen, in denen Priestern Vergewaltigung oder Unzucht mit Minderjährigen vorgeworfen wurde.Irmtraud Götz von Olenhusen: Klerus und abweichendes Verhalten. Zur Sozialgeschichte katholischer Priester im 19. Jahrhundert. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1994, ISBN 3-525-35769-9, S. 247–271.
Zeit des Nationalsozialismus
Auf Grund von rund 2500 Ermittlungsverfahren wurden etwa 250 Strafprozesse eröffnet, wovon 40 mit einem Freispruch oder Einstellungen endeten. 64 geständige Priester und 170 Ordensangehörige wurden zumeist mit Freiheitsstrafen zwischen einem und zwei Jahren bestraft. Die Verfahren wurden vor ordentlichen Landgerichten geführt. Die Urteile der Landgerichte aufgrund §§ 174 und 175 erscheinen „durchwegs juristisch vertretbar“ zu sein.Hans Günter Hockerts, 1971, S. 48. Im Hirtenbrief der Fuldaer Bischofsversammlung vom August 1936 „hatte der deutsche Episkopat amtlich und öffentlich klargestellt, daß die Kirche gegen die Koblenzer Prozesse keinen Einspruch erhebe“, zugleich wurde aber die NS-Propaganda, die gegen die katholische Kirche generell vorgehe, zurückgewiesen.Hans Günter Hockerts, 1971, S. 162. Der Vorwurf des sexuellen Missbrauchs wurde im Kampf der Nationalsozialisten gegen die katholische Kirche (Kirchenkampf) zur Diffamierung und Verfolgung von Geistlichen verwendet.Dokthema: „Schweigen und vertuschen. Die Todsünden der katholischen Kirche“. Ab Minute 9:45 im Teil 2; abgerufen am 14. Mai 2023
Als Fall eines sexuellen Missbrauchs von Abhängigen in den 1930er- und 1940er-Jahren sind beispielsweise die Übergriffe des Internatsleiters der Regensburger Domspatzen, Friedrich Zeitler, zu nennen. Der Priester Zeitler gestand 1959 in einem Strafprozess wegen „Unzucht mit Abhängigen“, dass er einen Zögling bereits 1941 im Domspatzen-Internat sexuell missbraucht hatte.
Entwicklung seit 1945 Fälle in Bistümern und Ordensgemeinschaften
Vertuschung durch verdeckte Tätigkeit im Ausland
Angestoßen durch die im September 2021 veröffentlichten Studie über sexualisierte Gewalt im Bistum Hildesheim in den Jahren 1957 bis 1982 ergab eine von der Deutschen Bischofskonferenz 2021 initiierte unabhängige Untersuchung von Akten der Koordinationsstelle Fidei donum Anhaltspunkte dafür, dass der aus dem Erzbistum Freiburg stammende Auslandsseelsorger und spätere Bischof von Santo Domingo de los Colorados (Ecuador), Emil Stehle, in mehreren Fällen durch Namenscodierungen, Tarnadressen und Unterhaltshilfen dafür gesorgt hatte, dass sich wegen Sexualdelikten in Deutschland angeklagte Priester verdeckt in verschiedenen Ländern Lateinamerikas aufhalten konnten. Auch er selber wird beschuldigt, sich mehrmals sexuell grenzverletzend gegenüber Mitarbeiterinnen verhalten zu haben. Stehle war von 1977 bis 1988 Geschäftsführer der bischöflichen Aktion Adveniat und Leiter der Koordinationsstelle, die bei Adveniat angesiedelt ist und der Begleitung von Auslandseinsätzen deutscher Priester dient. Auch in der Zeit nach Stehle herrschten beim Einsatz deutscher Priester in lateinamerikanischen Diözesen massive Kommunikationsdefizite, so ergab die im August 2022 von der Deutschen Bischofskonferenz und Adveniat veröffentlichte Analyse der Koordinationsstelle unter Federführung der Kölner Rechtsanwältin Bettina Janssen: „Zuständige Bistümer informierten sich untereinander weder über die Transfers der Priester zwischen Lateinamerika und Deutschland, noch informierten sie sich über Problemanzeigen oder Sanktionen.“ Für die Kommunikation von problematischen Fällen habe es keine verbindlichen Berichtsstrukturen, Warnverpflichtungen oder ähnliches gegeben, kommuniziert wurde nur „mit denen, die einem gewogen erschienen“, und das auch nur, wenn es notwendig erschien. Felix Neumann leitet aus den Ergebnissen der Untersuchung die Erkenntnis ab, dass die Aufarbeitung von Missbrauch in informelleren Kontexten, bei denen mehrere Bistümer und Hilfswerke in unterschiedlichen Ländern beteiligt sind, noch schwieriger ist als bei einzelnen Bistümern, wo es in überdurchschnittlich regulierten Kontexten mit hierarchischer kirchlicher Verwaltung um Geschehnisse in der diözesanen Pfarrseelsorge gehe. Die Aufarbeitung von Missbrauch in informelleren Kontexten, so Felix Neumann, sei schwieriger, weil hier vermeintlich familiäre Situationen mit gegenseitigem Umgang scheinbar auf Augenhöhe vorlägen. Solche Umstände seien in den Hilfswerken zu erwarten, aber auch in kirchlichen Verbänden.
1990er- und 2000er-Jahre In den 1990er- und 2000er-Jahren lösten Erfahrungsberichte und Medienberichte über sexuellen Missbrauch zumeist noch keine nennenswerte Resonanz aus. Der Betroffene Norbert Denef ging bereits 1993 mit seinem Fall an die Öffentlichkeit und erinnerte sich später: „Da ist gar nichts passiert.“ Jörg Schindler meinte, nach seinem Bericht über Missbrauch an der nicht kirchlich getragenen Odenwaldschule im Jahr 1999 sei „de facto nach der Erstveröffentlichung irgendwie gar nichts passiert“. Als Franz Wittenbrink, Ex-Internatsschüler der Regensburger Domspatzen, 2008 in einem Rundfunk-Interview über sexuelle Demütigungen bei den Regensburger Domspatzen berichtete, folgte „kein Echo, nichts“.Der Missbrauch und die plötzliche Medienwucht ndr.de, 17. März 2010, mit Ausschnitt aus einer Sendung des Magazins Zapp (Video, 10:11 Min).
1993 forderte der Bund der Deutschen Katholischen Jugend in einem Brief an die Deutsche Bischofskonferenz die Integration des Themas Sexuelle Gewalt in die Lehrpläne für die Aus- und Fortbildung, die Einrichtung von kirchlichen Beratungsstellen für die Opfer und die Bereitstellung von Therapieplätzen für die Täter.