Der Deutsche Bauernverband (DBV) ist die größte landwirtschaftliche Berufsvertretung und der einflussreichste Interessenverband der Landwirtschaft in der Bundesrepublik Deutschland. Er ist die Dachorganisation der 18 Landesbauernverbände, die sich in Niedersachsen „Landvolk“ und in Nordrhein-Westfalen und Bremen „Landwirtschaftsverband“ nennen. Der Deutsche Bauernverband ist in politischen Gremien in Berlin und Brüssel wie auch in den vor- und nachgelagerten wirtschaftlichen Bereichen und Verbänden, etwa der Agrar- und Ernährungs- sowie Finanzwirtschaft vertreten. Er ist Gastverband im Gemeinschaftsausschuss der Deutschen Gewerblichen Wirtschaft.

Nach Angaben des DBV sind 90 Prozent der rund 300.000 landwirtschaftlichen Betriebe über die Landesverbände Mitglied im DBV.

Geschichte Bis zum Ersten Weltkrieg Während sich in den ersten beiden Dritteln des 19. Jahrhunderts organisierte Strukturen innerhalb der Interessenvertretung der Industrie und – auf Basis der Zünfte – des Handwerks bildeten, entwickelten sich Zusammenschlüsse der Landwirte nur langsam. Obwohl die Landwirte zu der Zeit den wichtigsten, und über die staatlichen Domänen in Teilen im öffentlichen Besitz befindlichen Wirtschaftszweig bildeten, war eine gemeinsame Interessenvertretung der Landwirte durch die unterschiedlichen Organisationsstrukturen, Agrarverfassungen und der wirtschaftlichen Größenverhältnisse der Betriebe und daraus resultierender verschiedener Lebensumstände erschwert. Auch die Mentalität der Landwirte und die Abhängigkeit vom grundbesitzenden Adel sowie der Kirche erschwerten den Einzug von Innovationen und Risikobereitschaft in den Berufsstand der Landwirte. Die sich beginnend mit der Thüringischen Ökonomischen Gesellschaft zu Weißensee in den folgenden Jahrzehnten an vielen Orten bildenden Ökonomischen Gesellschaften waren Zusammenschlüsse der privilegierten Schicht der adligen Großgrundbesitzer, die dort gemeinsam mit Wissenschaftlern und Verwaltungsbeamten organisiert waren. Praktische Landwirte waren darin nicht vertreten.Hans-Peter Ullmann: Zusammenschlüsse im Agrarbereich: Ökonomische Gesellschaften, landwirtschaftliche Vereine und Bauernvereinsbewegung. In: Interessenverbände in Deutschland (Edition Suhrkamp; Band 283: Neue historische Bibliothek). Suhrkamp Verlag, 1988, ISBN 3-518-11283-X, S. 31–33.

Nach der Bauernbefreiung begann eine neue Welle der Organisation der Landwirte mit den sich bildenden landwirtschaftlichen Vereinen. Beginnend 1810 mit dem Landwirtschaftlichen Verein für Bayern gründeten sich diese in den folgenden Jahrzehnten in den meisten deutschen Ländern an verschiedenen Orten.

Landwirtschaftliche Vereine Jahr Anzahl 1820 15 1830 45 1841 176 1860 541 1870 865

Die Vereine entstanden nur mit staatlicher Mitwirkung sowie finanzieller Unterstützung, wobei der Organisationsgrad der Landwirte mit insgesamt 40.000 Mitgliedern in den 1850er Jahren gering blieb. Sie waren meist eng verflochten mit staatlichen Agrarverwaltungen. Ab der Mitte des Jahrhunderts wurde dieser Zusammenschluss weiter verstärkt und die Vereine hatten als „institutsnalisiertem berufsständischem Zusammenschluss“ ähnliche Funktionen wie die Handwerkskammern. Im Unterschied zu den Ökonomischen Gesellschaften bildeten sich die Vereine aber auch abseits der Residenz- und Verwaltungsstädte. Ihnen gehörten Domänenverwalter und Staatsbeamte weiterhin meist in führender Position an, daneben gab es als führende Mitglieder aber örtliche Honoratioren wie Pfarrer und Lehrer sowie den niederen Adel. Im 19. Jahrhundert traten auch immer mehr praktische Landwirte ein, auch wenn dies meist nur die Besitzer größerer Betriebe waren. Das Ziel der Vereine war der Erfahrungsaustausch in produktionstechnischen Neuerungen. Dies war staatlicherseits so gewünscht, um die Interessenunterschiede zwischen Adel und Bauernschaft nicht sichtbar zu machen. In letzter Konsequenz begründete das Vereinswesen von Staat und Landwirtschaft sowie den Führungsanspruch der Bürokratie im landwirtschaftlichen Modernisierungsprozess.Hans-Peter Ullmann: Zusammenschlüsse im Agrarbereich: Ökonomische Gesellschaften, landwirtschaftliche Vereine und Bauernvereinsbewegung, S. 34–36.

Ab 1837 bildete sich schon vor der Deutschen Revolution eine Bauernvereinsbewegung. Ausgehend vom Kongreß von Abgeordneten deutscher landwirtschaftlicher Vereine im November 1848 in Frankfurt versuchte diese auch auf nationaler Ebene politisch Einfluss zu nehmen. Gleichzeitig bildeten sich Vereine der Großgrundbesitzer, welche für den Erhalt der Feudalrechte kämpften. Die freien Bauernvereine unterschieden sich stark von den bisherigen landwirtschaftlichen Vereinen. Geleitet wurden sie nicht von Beamten, sondern von meist mittleren bis größeren Bauern. In ihnen entwickelten sich mit den politischen Forderungen nach einer endgültigen Abschaffung der alten Agrarverfassung erstmals Ansätze einer modernen Interessenvertretung. Erfolgreich wurde die Bewegung besonders durch den 1862 von Burghard von Schorlemer-Alst gegründeten Westfälischen Bauernverein. Dieser galt besonders in den katholischen Gebieten in West- und Süddeutschland als Vorbild. Mitglieder waren dann auch hauptsächlich katholische Mittel- und Großbauern, während Pächter, Kleinbauern und evangelische Christen in den Vereinen unterrepräsentiert blieben. Eines der wichtigsten Anliegen der Vereine war die christliche Gesellschaftspolitik.Hans-Peter Ullmann: Zusammenschlüsse im Agrarbereich: Ökonomische Gesellschaften, landwirtschaftliche Vereine und Bauernvereinsbewegung, S. 36–40.

Im Deutschen Kaiserreich bildeten sich drei verschiedene Entwicklungsstufen in der Erfassung, Formulierung und Vertretung agrarischer Interessen. Bis zum letzten Jahrzehnt des 19. Jahrhunderts hatte sich ein gut entwickeltes landwirtschaftliches Vereinswesen und die mitgliederstarke Bauernvereinsbewegung entwickelt, die aber beide keine politische Interessenvertretung wahrnehmen konnten. Dadurch bedingt, dass Otto von Bismarck nicht nur beispielsweise bei seiner Schutzzollpolitik agrarische Interessen immer mit berücksichtigte, trat erst unter seinem Nachfolger Leo von Caprivi durch dessen Politikwechsel in der Handelspolitik mit der Erleichterung ausländischer Agrarimporte eine Krise mit sinkenden Erlösen für die Landwirtschaft ein. In der Folge gründete sich 1893 der Bund der Landwirte. Laut Hans-Peter Ullmann war er der Typ einer Pressure Group, wie es sie vorher im Kaiserreich noch nicht gegeben hatte. Landwirtschaftliche Vereine: In Preußen gab es 1895 2175 landwirtschaftlichen Vereine mit fast 220.000 Mitgliedern. Dies entsprach trotzdem nur einem geringen Anteil der in der Landwirtschaft Tätigen und geleitet wurden sie hauptsächlich von staatlichen Bediensteten. Trotz dieser personellen Verflechtung blieben sie freie Zusammenschlüsse und es wurden ihnen keine hoheitlichen Aufgaben übertragen. Dafür wurden die Landwirtschaftskammern gegründet. Diese waren einerseits Organe der mittelbaren Staatsverwaltung und Agrarförderung und sollten andererseits landwirtschaftliche Interessen gegenüber der Bürokratie vertreten. Sie verdrängten die Landwirtschaftlichen Zentralvereine, während es auf lokaler Ebene eine intensive Zusammenarbeit zwischen Kammern und Vereinen gab, die im Kaiserreich eine „geräuschlose Agrarpolitik“ gewährleistete.Hans-Peter Ullmann: Die Mobilisierung agrarischer Interessen: Gründung und Politik des „Bundes der Landwirte“ in Interessenverbände in Deutschland (Edition Suhrkamp; Band 283: Neue historische Bibliothek). Suhrkamp Verlag, 1988, ISBN 3-518-11283-X, S. 84–86.

Mitglieder in Bauernvereinen Jahr Anzahl 1893 85.000 1901 200.000 1907 350.000 Bauernvereine: Die meisten Bauernvereine (außer dem Westfälischen 1862 und dem Bayerischen 1898) waren während des Kulturkampfes gegründet worden. Trotz einer beeindruckenden Entwicklung der Mitgliederzahl blieben sie lange politisch bedeutungslos. Dazu trug bei, dass es lange keinen überörtlichen Zusammenschluss gab. Der 1900 von 17 Vereinen gegründeten „Vereinigung der christlichen deutschen Bauernvereine“ traten bis 1906 zehn weitere Vereine bei. Der Dachverband blieb ohne eigenen Präsidenten und ohne feste Geschäftsstelle. Vom Selbstverständnis blieben die Vereine eher unpolitisch, da die Nähe zur Zentrumspartei aufgrund deren heterogener Zusammensetzung diese nie zu einer agrarischen Vertretung werden ließen, und die christliche Bildungsarbeit blieb wesentlicher Bestandteil der Vereinsarbeit. Wesentliches leisteten die Vereine dabei für den Aufbau des landwirtschaftlichen Genossenschaftswesens.Hans-Peter Ullmann: Die Mobilisierung agrarischer Interessen: Gründung und Politik des „Bundes der Landwirte“, S. 87/88. Bund der Landwirte (BdL): Der Bund entwickelte sich schnell zu einer mitgliederstarken Vereinigung mit einer schlagkräftigen Verwaltung. Er unterhielt regional Verkaufs- und Einkaufsgenossenschaften und gab mehrere Zeitungen und Zeitschriften heraus. Er organisierte Propaganda- und Protestveranstaltungen. Sein Ziel war es, den bisherigen Einfluss der Landwirtschaft im Staat zu bewahren und den durch die Industrialisierung absehbaren politischen und wirtschaftlichen Bedeutungsverlust der Landwirtschaft aufzuhalten. Es gelang dem Bund erfolgreich, im sich wandelnden Parteienspektrum im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts weg von Honoratiorenparteien hin zu Massenparteien Abgeordnete für sich zu organisieren. 1908 waren 243 von 442 Abgeordneten im Preußischen Landtag dem BdL verpflichtet. Mit dem Zolltarif der Regierung Bülow, der den handelspolitischen Kurswechsel unter Caprivi revidierte, gelang ihm sein größter politischer Erfolg zur Weichenstellung für „agrarische Politik im Industriestaat“. Da diese protektionistische Politik allen Bauern – unabhängig von der Größe des Betriebs – zugutekam, stärkte sie den Verband auch nach innen.Hans-Peter Ullmann: Die Mobilisierung agrarischer Interessen: Gründung und Politik des „Bundes der Landwirte“, S. 89–94.

Weimarer Republik und Zeit des Nationalsozialismus Schon seit Beginn des Ersten Weltkriegs war die Bedeutung der Landwirtschaft und ihrer Organisationen in der politischen Wahrnehmung immer mehr hinter der Bedeutung der Industrie, der Rüstungsindustrie sowie deren Verbände zurückgeblieben. Gleichzeitig wurde den Wünschen der Verbraucher höhere Priorität eingeräumt als denen der Erzeuger. Die Novemberrevolution änderte zwar nichts an den Eigentumsverhältnissen und der Sozialstruktur auf dem Land, durch die Abschaffung der Monarchie schwand allerdings der Einfluss der ostelbischen Großagrarier und die gesamte Politik und Verwaltung stand den Wünschen aus den Reihen der landwirtschaftlichen Verbände weniger aufgeschlossen gegenüber. Der BdL befand sich zu der Zeit in einer Krise und die Interessenvertretung blieb zersplittert. Die Parlamentarisierung mit verstärktem Einfluss der Sozialdemokraten und auch der Gewerkschaften trug weiter zum Bedeutungsverlust landwirtschaftlicher Interessen hinter derer der Verbraucher bei und führte dazu, dass landwirtschaftliche Verbände auf einen strikten Konfrontationskurs gegenüber dem Weimarer System gingen.Hans-Peter Ullmann: Desintegration und Reorganisation der Agrarverbände: Vom „Bund der Landwirte“ zur „Grünen Front“ in Interessenverbände in Deutschland (Edition Suhrkamp; Band 283: Neue historische Bibliothek). Suhrkamp Verlag, 1988, ISBN 3-518-11283-X, S. 144/145.

Der 1917 gegründete „Kriegsausschuss der deutschen Landwirtschaft“, später umbenannt in Reichsausschuss unter Beteiligung aller landwirtschaftlichen Verbände und Organisationen blieb auf dem Status einer lockeren Koordinationsstelle und wurde nie zu einem Kristallisationspunkt hin zu einem gesamtheitlichen Spitzenverband.