Kundu bezeichnet in der Tok-Pisin-Sprache Papua-Neuguineas einen in vielen Formvarianten vorkommenden Typus einer schlanken einfelligen Sanduhrtrommel in Melanesien, die in der Sprache Hiri Motu gaba heißt. Bei den Asmat und anderen Völkern in Westneuguinea, dem indonesischen Teil der Insel Neuguinea, ist dieser Trommeltyp unter anderem als tifa bekannt. Die sanduhrförmigen Trommeln Neuguineas sind nicht mit den becherförmigen oder zylindrischen tifa der Molukken zu verwechseln. Typisch, aber nicht bei allen kundu vorhanden, ist ein in die plastisch-figürliche Gestaltung einbezogener Handgriff in der Mitte des Trommelkorpus. Häufig ist der Korpus mit Spiralmustern, anderen Ornamenten und Darstellungen eines Krokodils verziert, die mit den traditionellen magisch-religiösen Vorstellungen verbunden sind. In Papua-Neuguinea erscheint die kundu im Wappen des Landes. Für religiöse und gesellschaftliche Zeremonien verwendete Sanduhrtrommeln sind unter zahlreichen lokalen Namen auch über Neuguinea hinaus auf vielen zu Melanesien gehörenden kleineren Nachbarinseln verbreitet. mini|Kundu der Iatmul am mittleren Sepik im Norden von Papua-Neuguinea. Länge 68 Zentimeter, maximaler Durchmesser 16,5 Zentimeter. Das Krokodil, mythisches Urtier der Iatmul, verbindet die beiden Hälften, die Himmel und Erde symbolisieren.

Herkunft und Verbreitung mini|hochkant|Im westlichen Indonesien seltene einfellige Zylindertrommel. Mentawai-Mann auf den Mentawai-Inseln westlich von Sumatra Die weltweit frühesten Sanduhrtrommeln sind aus der Region Ostiran, Nordindien und Zentralasien bekannt.Francis W. Galpin: The Music of the Sumerians and their Immediate Successors, the Babylonians and Assyrians. Cambridge University Press, Cambridge 1937; 2. unveränderte Auflage: Strasbourg University Press 1955, S. 76 Namentlich erwähnt werden Sanduhrtrommeln in altindischen Texten aus der Zeitenwende, ein heutiger südindischer Name für eine sanduhrförmige Trommel ist timila. Dieser aus Indien stammende Sanduhrtrommeltyp ist auf einem Relief an einem buddhistischen Tempel der archäologischen Stätte Padang Lawas (11. bis 13. Jahrhundert) in Sumatra abgebildet.Dana Rappoport: 5. About ancient musical instruments depicted in Padang Lawas (North Sumatra). In: Daniel Perret (Hrsg.): History of Padang Lawas - II. Societies of Padang Lawas (mid-9th - 13th century CE) Cahiers d’Archipel, Association Archipel, Paris 2014, S. 159–170, hier S. 161 In Indonesien sind heute Sanduhrtrommeln gegenüber den weit verbreiteten fassförmigen Trommeln (kendang) und Rahmentrommeln (rebana) relativ selten; sie kommen vereinzelt in Kalimantan und Sulawesi (kunti) vor.R. Anderson Sutton: Indonesia. VII. Outer islands. 4. Sulawesi. In: Grove Music Online, 2001 Curt Sachs (1923) zufolge sind dagegen indische Sanduhrtrommeln in Südostasien nicht bekannt. Er beschreibt lediglich ein ungewöhnliches Exemplar aus Sulawesi, dessen Membrane durch Keile und Rotangwicklungen verspannt werden.Curt Sachs: Die Musikinstrumente Indiens und Indonesiens. Zugleich eine Einführung in die Instrumentenkunde. (Handbücher der Staatlichen Museen zu Berlin). 2. Auflage. Vereinigung wissenschaftlicher Verleger, Walter de Gruyter, Berlin/Leipzig 1923, S. 77 (Nachdruck: Georg Olms, Hildesheim 1983) Walter Kaudern (1927) hält für diese wenig taillierte, zweifellige Trommel aus dem Südosten von Sulawesi eher eine indische als eine pazifische Herkunft für denkbar.Walter Kaudern: Ethnographical studies in Celebes: Results of the author’s expedition to Celebes 1917–1920. III. Musical Instruments in Celebes. Elanders Boktryckeri Aktiebolag, Göteborg 1927, S. 133–135

Im Verlauf des 1. Jahrtausends gelangten vermutlich mit der Ausbreitung des Buddhismus Sanduhrtrommeln von Indien oder Iran über Zentralasien nach China, wo sie unter dem Namen jiegu bekannt waren. Eine Sanduhrtrommel ist zusammen mit einer gezupften Laute (pipa) und einer Brettzither (guzheng) auf einem um 400 n. Chr. datierten Wandbild aus Jiuquan in der Provinz Gansu abgebildet.Joseph S. C. Lam: China. II. History and theory. 3. Qin to Tang dynasties (221 bce–907 ce). In: Grove Music Online, 31. Januar 2014 Im 14. Jahrhundert waren die chinesischen Sanduhrtrommeln wie die südindische idakka stark tailliert, was auf einem Wandbild im daoistischen Tempel Yongle Gong in der Provinz Shanxi zu sehen ist. In China sind Sanduhrtrommeln heute verschwunden, sie leben jedoch unter anderem in der koreanischen janggu und der japanischen tsuzumi fort. Auf den Philippinen sind Trommeln konisch, zylindrisch, becherförmig (dabakan) oder fassförmig, aber nicht sanduhrförmig; unabhängig davon, ob es sich um indigene Formen, europäische oder im Süden des Landes um malayische und muslimische Importe (gandang) handelt. Die indigenen Völker Taiwans kannten zwar früher vom chinesischen Festland eingeführte Trommeln, verwenden heute aber überhaupt keine Membranophone, sondern als Rhythmusinstrumente bevorzugt Stampfstöcke.Hsu Tsang-Houei, Lu Yu-Hsiu: Taiwan. 2. Aboriginal music. (ii) Musical practice. (b) Instrumental music. In: Grove Music Online, 2001 In Neuseeland kommen traditionell keine Trommeln vor.

mini|hochkant|Bechertrommel tifa von der zu den Molukken gehörenden Inselgruppe Tanimbar. Die Membran wird durch Keilringspannung festgehalten. Indonesische Trommeln sind von Sumatra im Westen bis Sulawesi und Sumbawa im Osten meist zweifellig wie die kendang. Dagegen überwiegen einfellige, tifa genannte Röhrentrommeln auf den Molukken als eine Gemeinsamkeit zu Neuguinea.Philip Yampolsky: Indonesia. I. General. 3. Instruments. (ii) Membranophones. In: Grove Music Online, 2001 Anfang des 20. Jahrhunderts stellten niederländische Forscher einen Einfluss indonesischer Musik von den Molukken über die Insel Misool auf die Westspitze und die Nordwestküste Neuguineas fest (erwähnt werden die Fiedel rebab, die Rahmentrommel rebana, Gongs und tifa).Jaap Kunst: A Study on Papuan Music. (1931) In: Music in New Guinea. Three Studies, 1967, S. 20; Kunst beruft sich unter anderem auf die Encyclopædie van Nederlandsch West-Indië, 1914–1917.

Die tifa der Molukken ist jedoch nicht sanduhrförmig, sondern besitzt die Form einer Bechertrommel mit einem sich unten verbreiternden Standfuß, eine zylindrische oder eine leicht konische Form. Ihre Membran ist mit Schnüren an einem durch Keile gesicherten Ring verspannt (Keilringspannung). Die bei den Asmat im westlichen indonesischen Teil Neuguineas indonesisch tifa oder in den Asmat-Sprachen em genannte Trommel entspricht mit ihrer Sanduhrform, Gestaltung und verklebten Membran der kundu. Zu den weiteren Unterschieden zwischen dem Trommeltyp der Molukken und Neuguineas siehe Tifa, Neuguinea.

Über die Malaiischen Inseln gab es keinen erkennbaren Einfluss auf die Sanduhrtrommeln in Melanesien. Die süd- und ostasiatischen zweifelligen Sanduhrtrommeln gehören zum Typus der Trommeln mit variabler Membranspannung und damit variabler Tonhöhe, sie unterscheiden sich in mehrfacher Hinsicht von den einfelligen melanesischen Sanduhrtrommeln mit fester Tonhöhe. Diese bilden innerhalb Ozeaniens einen klar abgegrenzten Trommeltypus, der sich auch von den großen stehenden Kesseltrommeln pahu im östlichen Polynesien einschließlich Hawaii abhebt. Die einfelligen ostpolynesischen Kesseltrommeln pahu stehen mit einer ornamentalen durchbrochenen Sockelzone auf dem Boden und sehen außen wie Röhrentrommeln aus. Sie wurden hauptsächlich mit Haifischhaut bespannt. Früher besaßen sie einen hohen Kultstatus, heute sind die wertvollsten Exemplare in Museen außerhalb der Region verstreut.Barbara B. Smith: Polynesia. I. Introduction. 2. Music and musical instruments. (ii) Instruments. In: Grove Music Online, 2001

Die nördlich von Melanesien gelegene Inselregion Mikronesien besaß früher nur wenige Trommeln. Auf den ostmikronesischen Inseln gab es, bis er von den christlichen Missionaren verbannt wurde, einen einheimischen sanduhrförmigen Trommeltyp. Eine Variante dieser stark taillierten, hantelförmigen Trommel blieb auf den dortigen Marshallinseln erhalten. Sie ist einseitig bespannt, besitzt keinen Handgriff und wird bei besonderen Anlässen für den alten Stabtanz (jobwo) der Männer verwendet, der zu einem Symbol der nationalen Identität geworden ist.Barbara B. Smith: Ozeanien. C. Mikronesien. VI. Kosrae, Marshallinseln, Nauru und Kiribati. In: MGG Online, November 2017 Der obere Trommelrand ist wulstartig verdickt und bildet eine Kante, an welcher die Membran mit einer Schnur fixiert wird.Paul Collaer, 1974, S. 152f Während Schneckenhörner (sewi) noch gelegentlich eingesetzt werden, sind traditionelle Trommeln ansonsten verschwunden. Früher schlugen Frauen auf den Marshallinseln die Sanduhrtrommel aje und sangen im Chor zur Begleitung von Frauentänzen.Mary E. Lawson Burke: Micronesia. V. Marshall Islands. In: Grove Music Online, 2001 Auf der Insel Nauru soll es eine zylindrische Trommel aus einem einen Meter langen Holzstamm gegeben haben, der einseitig mit Haifischhaut bespannt war. Wie Paul Hambruch (1914) mitteilt, war diese Trommel schon bei seinem Aufenthalt um 1908 verschwunden.Paul Hambruch: Ergebnisse der Südsee-Expedition, 1908–1910. II. Ethnographie: B. Mikronesien, Band 1: Nauru. 1. Halbband. Friederichsen, Hamburg 1914, S. 329f

Wie die mikronesischen sind die melanesischen Trommeln stets einfellig. Eine Unterscheidung der in der Literatur beschriebenen Korpusformen in sanduhrförmig, zylindrisch oder in Einzelfällen becherförmig ist nicht durchgängig zu treffen, da die Formen in derselben Region ineinander übergehen können.Jaap Kunst: A Study on Papuan Music. (1931) In: Music in New Guinea. Three Studies, 1967, S. 44 Ebenso wenig ist ein Handgriff ein Unterscheidungskriterium, da fast überall Trommeln derselben Korpusform mit und ohne Handgriff vorkommen. Alle melanesischen Trommeln bestehen aus einem ausgehöhlten Stammabschnitt.Hans Fischer, 1958 S. 31 Die einzige Ausnahme bildete die hantelförmige schlanke Tontrommel simpup-gur beim Volk der Azera im Tal des Markham im Osten Neuguineas (100 Kilometer landeinwärts von Lae; simpup, „Trommel“, und gur, „Ton“). Sie ist durchschnittlich 34 Zentimeter lang bei einem Durchmesser von 12 Zentimetern an den Enden und 6 Zentimetern in der Mitte. Die simpup-gur erhielt keinen Handgriff und war eine kleinere Nachbildung der rund 66 Zentimeter langen hölzernen Sanduhrtrommel simpup-tauf-maran. Die Tontrommel wurde nur in drei Dörfern in einem kleinen Gebiet hergestellt.Karl Holzknecht: Die Musikinstrumente der Azera. In: Zeitschrift für Ethnologie, Band 81, Heft 1, 1956, S. 64–69, hier S. 66

Kundu sind in allen Provinzen von Papua-Neuguinea verbreitet, mit Ausnahme einiger Angan-Sprachgruppen im Kraetkegebirge im östlichen Hochland (Gulf Province). Sie wurden jedoch nicht überall traditionell angefertigt, sondern häufig im Tauschhandel von anderen Ethnien erworben. Auf den umliegenden Inseln sind Trommeln ebenso verbreitet, sie fehlen jedoch in den meisten Gebieten der Manus Province und der Provinz Bougainville, auf der Insel Rossel sowie im Nordteil von Neuirland. Über Melanesien hinaus zeigt sich ein Einfluss der Kultur Neuguineas auf der Cape York-Halbinsel im Norden Australiens an der Verwendung der kundu.Don Niles, Virginia Whitney, John D. Waiko, Vida Chenoweth, Wolfgang Laade: Papuan Region of Papua New Guinea. In: Garland Encyclopedia of World Music, Band 8, 1998, S. 488