L’oracolo in Messenia (deutsch: ‚Das Orakel in Messenien‘; RV 726) ist eine Opera seria (Originalbezeichnung: „Dramma per musica“) in drei Akten von Antonio Vivaldi (Musik) nach dem Libretto Merope von Apostolo Zeno. Sie wurde am 28. oder 30. Dezember 1737 (Karnevalssaison 1738) im Teatro Sant’Angelo in Venedig uraufgeführt. Nur das Libretto und einzelne Arien sind erhalten. Eine überarbeitete Fassung wurde zur Karnevalssaison 1742 im Theater am Kärntnertor in Wien gezeigt.

Handlung

Vorgeschichte

Apostolo Zeno stellte dem Libretto zu Merope ein längeres „Argomento“ mit der Vorgeschichte, den verwendeten historischen Quellen und der Inhaltsangabe voran, das hier nicht vollständig wiedergegeben werden kann. Der Text behandelt eine Episode aus der griechischen Mythologie um die Nachfahren des Herakles, die in dem nicht erhaltenen Schauspiel Cresphones des Euripides geschildert wurde und zu Vivaldis Zeiten durch die Fabulae von Gaius Iulius Hyginus (Kapitel 137) bekannt war. Zeno bezog sich außerdem auf Kommentare von Aristoteles, Plutarch und Apollodorus.

Zehn Jahre vor Beginn der Handlung lässt Polifonte durch seinen Vertrauten Anassandro den messenischen König Cresfonte und seine Söhne ermorden und ergreift selbst die Macht. Lediglich der jüngste Sohn Epitide kann dem Massaker entgehen. Er wächst im Exil in Ätolien am Hof von König Tideo auf, wo er sich in dessen Tochter Argia verliebt. Um seine Herrschaft zu legitimieren, will Polifonte die Königswitwe Merope zur Frau nehmen. Diese verlangt allerdings eine Wartezeit von zehn Jahren, die nun vergangen ist. Argia wurde inzwischen entführt und an den Königshof nach Messene verschleppt.

Kurzfassung

Erster Akt. Epitide kehrt in seine Heimat zurück, um den Tod seines Vaters und seiner Brüder zu rächen und seinen rechtmäßigen Anspruch auf die Herrschaft in Messenien durchzusetzen. Er tritt vorsichtshalber zunächst unter dem Pseudonym Cleone auf. Die Gegend wird zu dieser Zeit von einem wilden Eber verwüstet, und Epitide tritt an, diesen zu besiegen. Ein Orakel verheißt, dass an diesem Tag nicht nur ein Ungeheuer, sondern gleich zwei vernichtet würden und der Befreier eine „hochgeborene Sklavin“ heiraten werde. Der ätolische Botschafter Licisco droht Polifonte mit Krieg, sollte dieser nicht Prinzessin Argia unverzüglich freilassen. Außerdem verbreitet er die falsche Nachricht vom Tod Epitides, den er insgeheim unterstützt. Merope ist verzweifelt und wütend, dass sie den Mörder ihres Gatten heiraten muss. Sie beauftragt ihren Vertrauten Trasimede, Anassandro festzunehmen. Argia, die dem Orakelspruch zufolge dem Bezwinger des Ebers zur Frau gegeben werden soll, beharrt ebenfalls auf ihrem freien Willen. Polifonte trägt Anassandro auf, das Gerücht zu verbreiten, dass Merope selbst den Mord an ihrer Familie angeordnet habe.

Zweiter Akt. Epitide/Cleone hat den Eber erlegt und wird vom Volk gefeiert. Er weist eine Umarmung des Königs zurück, küsst aber die Hand seiner Mutter Merope, ohne sich dieser zu erkennen zu geben. Dies habe er in Delphi dem nach einem Räuberangriff tödlich verletzten Epitide versprochen. Merope glaubt ihm nicht. Sie hält ihn selbst für den Mörder ihres Sohnes und schwört Rache. Polifonte hingegen verspricht ihm als Lohn die Hand einer Prinzessin. Epitide weiß nicht, wie er damit umgehen soll, da er noch immer Argia liebt. Anassandro gesteht Merope den Mord an der Königsfamilie, will die Hintergründe aber nur in einer öffentlichen Verhandlung bekanntgeben. Epitide und Argia fallen sich glücklich in die Arme. Sie wird seine Tarnung vorerst aufrechterhalten. Bei der Verhandlung behauptet Anassandro, er habe die Königsfamilie auf Befehl Meropes getötet. Polifonte verurteilt sie unverzüglich zum Tod. Anassandro informiert Polifonte darüber, dass Cleone in Wirklichkeit sein Feind Epitide sei. Obwohl der König ihm dafür dankt, lässt er Anassandro ebenfalls einkerkern.

Dritter Akt. Polifonte fordert Argia auf, Cleones wahre Identität vor Merope geheim zu halten. Sie würde ihm sonst wie ihren anderen Söhnen nach dem Leben trachten. Anschließend bereitet er Anassandros Hinrichtung vor. Diese wird jedoch von Licisco unterbrochen, da Anassandro ihm gegenüber seine Lügen zugibt und Licisco ihn als Zeugen braucht. Merope soll auf Anordnung Polifontes selbst die Strafe für den vermeintlichen Mörder ihres Sohnes festlegen. Sie lässt Cleone/Epitide kommen, um ihn zur Rede zu stellen, und befiehlt Trasimede, ihn zu töten, sobald er ihr Zimmer wieder verlässt. Epitide gibt sich seiner Mutter zu erkennen. Da sie ihm nicht glaubt, lässt er Argia hinzuholen. Diese verleugnet ihn jedoch, da sie Merope nicht traut. Er verlässt verzweifelt den Raum. Merope teilt Argia mit, dass Trasimede ihn in diesem Moment töten würde. Jetzt bleibt Argia nichts anderes übrig, als die Wahrheit zu offenbaren. Merope will die Hinrichtung im letzten Augenblick verhindern, wird aber von Polifonte aufgehalten, der ihr höhnisch zuruft, dass sie gerade ihren eigenen Sohn getötet habe. Zu ihrer eigenen Hinrichtung soll Merope an die Leiche ihres Sohnes gekettet werden. Dieser erweist sich jedoch als quicklebendig, da Licisco ihn gerettet hat. Anassandro offenbart die wahren Hintergründe des Massakers. Epitide ergreift die Macht und verurteilt Polifonte. Anassandros Strafe wird abgemildert. Alle feiern die Erfüllung des Orakels.

Erster Akt

Altertümlicher Ort in Messene mit einem Thron; im Hintergrund ein Tempel mit verschlossenen Türen, die sich dann öffnen; darin eine Statue des Herakles mit Pappelkranz und in der Mitte ein Altar

Szene 1. Epitide, Sohn des ermordeten Königs Cresfonte und der Königin Merope, beklagt sein Schicksal. Nach dem Tod seines Vaters und seiner Brüder hatte er als einziger Überlebender ins Exil fliehen müssen, während Polifonte die Macht an sich riss. Jetzt ist er unter dem falschen Namen Cleone in seine Heimat zurückgekehrt, um den Tod seines Vaters zu rächen.

Szene 2. Trasimede und weitere Einwohner Messenes flehen den Götzen um Beistand an (Chor: „Su su Messeni“), da ein wilder und offenbar unbesiegbarer Eber den Landstrich verwüstet.

Szene 3. König Polifonte tritt mit seinem Gefolge aus dem Tempel und nimmt auf dem Thron Platz. Er verkündet, dass der Himmel die Opfer angenommen habe, und übergibt Trasimede den geschriebenen Orakelspruch. Trasimede liest vor: „Messene hat zwei Ungeheuer. Beide werden heute fallen, das eine durch Tugend, das andere durch Wut. Bald werden die hochgeborene Sklavin und der fromme Befreier im heiligen Bund vereint sein.“ Polifonte fordert die Anwesenden auf, den Kampf gegen den Eber zu wagen. Da tritt Epitide vor. Er will allein und unbewaffnet gegen das Ungeheuer antreten, ohne einen anderen Lohn als die Rettung des Volkes zu erwarten (Arie Epitide: „Dono d’amica sorte“).

Szene 4. Polifonte bittet Trasimede, die Königin auf die zeremonielle Hochzeit vorzubereiten, die noch heute stattfinden soll (Arie Trasimede: „L’amore fedele dell’alma costante“).

Szene 5. Der ätolische Botschafter Licisco überreicht Polifonte einen Brief seines Königs Tideo, in dem dieser sich darüber beschwert, dass Polifonte seine Tochter Argia entführt habe. Sollte sie nicht unverzüglich freigelassen werden, werde er Messene den Krieg erklären. Außerdem informiert ihn Licisco über den angeblichen Tod Epitides. Polifonte zeigt geheuchelte Trauer über diese Nachricht (Arie Polifonte: „Tutti i pensieri impegno“).

Szene 6. Licisco weiß genau, dass Epitide noch lebt, denn er ist mit ihm verbündet und will ihm helfen, den Tyrannen zu stürzen und sein rechtmäßiges Erbe anzutreten (Arie Licisco: „Sin che il tiranno scendere“).

Abgelegene Gegend mit Geheimtür

Szene 7. Merope ist verzweifelt, dass sie den Mörder ihres Gatten und ihrer Söhne heiraten soll.

Szene 8. Trasimede rät Merope, ihren Schmerz zu überwinden und gemeinsam mit Polifonte zu herrschen. Sie erinnert ihn an die Treue, die er ihr einst geschworen hat, und fordert ihn auf, Polifontes schurkenhaften Handlanger Anassandro aufzuspüren und festzunehmen.

Szene 9. Argia teilt Meropes Aussicht auf eine erzwungene Ehe. Sie soll auf Geheiß des Orakels den Bezwinger des Ebers heiraten, obwohl sie sich geschworen hat, ihrem Geliebten Epitide treu zu bleiben. Sie ahnt nicht, dass es sich bei dem vermeintlichen Cleone um diesen selbst handelt.

Szene 10. Argia beharrt auch Polifonte gegenüber auf ihrem festen Willen, ihren Gatten selbst zu wählen (Arie Argia: „Se mi vedi nel mio petto“).

Szene 11. Auch Merope zeigt Polifonte offen ihren Abscheu. Der Tyrann streitet jede Schuld an der Ermordung ihrer Familie ab. Dies sei die Tat ihres eigenen Dieners Anassandro gewesen. Merope weiß jedoch, dass Anassandro lediglich Polifontes „Werkzeug“ war. Sie ruft die Furien, Hass, Tod und Wut zu Zeugen ihrer Vermählung an (Arie Merope: „Barbaro traditor“).

Szene 12. Polifonte schickt die Wachen fort, schließt die Zimmertür ab und öffnet eine Geheimtür zu einer Kammer, in der sich Anassandro versteckt gehalten hat. Er beauftragt ihn, die Königin öffentlich des Mordes an ihrer Familie zu beschuldigen (Arie Anassandro: „Con inganno fortunato“).

Szene 13. Polifonte schickt Epitide auf seine Mission gegen den Eber.

Szene 14. Epitide sehnt sich nach seiner Geliebten Argia (Arie Epitide: „Sarebbe un bel diletto“).

Zweiter Akt

Platz von Messene

Szene 1. Nach seinem Sieg über den Eber wird Epitide feierlich vom Volk empfangen. Eine freundschaftliche Umarmung Polifontes weist er mit einer Ausrede zurück. Meropes Hand küsst er jedoch. Diese wird bei seinem Anblick von einer ungewohnten Erregung ergriffen, die sie sich nicht erklären kann. Epitide behauptet, er heiße Cleone und sei in Delphi auf einen von Räubern schwer verletzten Jüngling getroffen. Der habe ihn vor seinem Tod gebeten, seine Besitztümer Polifonte und Merope zu bringen und letztere in seinem Namen zu küssen. Merope glaubt, es habe sich um ihren Sohn gehandelt und Cleone habe diesen selbst ermordet. Sie schwört ihm Rache (Arie Merope: „Tu crudel tu tuo vuoi ch’io sia“).

Szene 2. Epitide zeigt sich verwundert darüber, dass Merope so wütend über den Tod des einen Sohnes ist, obwohl sie doch selbst ihre übrige Familie ermordet haben soll. Polifonte erklärt dies damit, dass Frauen das Lügen sehr leicht falle. Außerdem verspricht er ihm zur Belohnung für seine Verdienste die Hand einer Prinzessin. Die Hochzeit soll noch am selben Tag stattfinden (Arie Polifonte: „S’al cader del mostro orrendo“).

Szene 3. Epitide weiß nicht, wie er auf diese Nachricht reagieren soll, da er nur Argia liebt. Licisco beruhigt ihn: Bei der versprochenen Braut handele es sich um dieselbe. Er erinnert Epitide außerdem an das Schicksal seiner Familie und die Gefahr, die ihm weiterhin droht (Arie Epitide: „So ch’è vezzosa“).

Szene 4. Epitide fühlt sich von den widersprüchlichen Gefühlen der Liebe und des Rachedursts hin- und hergerissen (Arie Epitide: „Quell’usignuolo“).

Königliches Gemach

Szene 5. Trasimede berichtet Merope von der Festnahme Anassandros.

Szene 6. Anassandro wird in Ketten vorgeführt. Er leugnet seine Taten nicht, will die Hintergründe aber nur der Öffentlichkeit bekennen. Sein Trost sei es, dass ein anderer mit ihm sterben werde.

Szene 7. Trasimede ist bereit, seine heimliche Liebe zu Merope der Pflicht zu opfern (Arie Trasimede: „Taci pur mio core amante“).

Saal mit einem Thron und Sitzen

Szene 8. Epitide und Argia können sich endlich wieder in die Arme fallen. Epitide bittet sie, seine Tarnung noch nicht aufzudecken (Arie Argia: „Tu mi lusinghi“).

Szene 9. Merope, Trasimede, Licisco und Polifonte treffen ein. Die Königin beschwert sich bei Polifonte über die falschen Anschuldigungen Anassandros. Polifonte legt die Krone auf den Thron und weist darauf hin, dass hier Aussage gegen Aussage stehe. Dem Gesetz zufolge gebühre die Krone dem Schuldlosen, der Tod hingegen dem Schuldigen.