mini|File:Bohumil Hrabal (1985) Die Schur (tschechisch: Postřižinyein ritueller Haarschnitt mit symbolischer und oft initiierender Bedeutung, wie bei einer Tonsur.) ist der Titel einer 1976 erschienenen komödiantischen Erzählung mit autobiographischen Bezügen des tschechischen Schriftstellers Bohumil Hrabal. Erzählt wird die Entwicklungsphase einer exzentrischen jungen Ehefrau. Die deutsche Übersetzung von Franz Peter Künzel wurde 1983 veröffentlicht.

Überblick Die Handlung spielt in den 1920er Jahren im tschechischen Nymburk. Marie (Mařinka) erzählt von ihrer Phase als lebenslustige, kindlich-naive Frau des pflichtbewussten Verwalters der städtischen Brauerei Francin. Sie trinkt und isst ausgiebig, lacht und tanzt gern mit den Beschäftigen, dem Verwaltungsrat der Brauerei sowie „Onkel Pepin“ und die burlesken Geselligkeiten arten meist in Slapstick-artige turbulente Exzesse aus. Schließlich greift Maries ernsthafter Mann in die Aktionen seiner Frau ein.

Kapitelübersicht Die Erzählung besteht aus einer Reihe burlesker Situationen:

1. Die belgischen Brauereipferde Ede und Kare toben im Hof herum und werden von Francin gebändigt.

2. Am Schlachttag treibt Marie mit dem Metzger und Gästen ihren Schabernack.

3. Marie radelt durch die Stadt und lässt ihre langen blonden Haare bewundern.

4. Francins Bruder Josef (Pepin) kommt zu Besuch und löst durch seine lautstarken Redereien und seinen Schusterklebestoff eine Kettenreaktion aus.

5. Francin bringt von seinen monatlichen Fahrten nach Prag seiner Frau Geschenke mit, u. a ein Hochfrequenzgerät zur körperlichen Entspannung.

6. Pepin und Marie klettern auf den Brauereischornstein und lösen einen Feuerwehreinsatz aus.

7. Marie badet im Maschinenraum der Mälzerei und denkt an Situationen, bei denen sie beinahe ertrunken wäre.

8. Pepin unterhält durch Clownereien die Brauereiarbeiter.

9. Pepin und Marie tanzen ausgelassen Jitterbug und Marie verletzt sich den Knöchel.

10. Durch den Gipsverband ist Marie ruhig gestellt.

11. Marie verwirrt den Arzt mit dem Hochfrequenzgerät.

12. Marie lässt sich die Haare abschneiden als Beginn eines neuen Lebens.

Inhalt Marinka Im Zentrum der einzelnen Episoden steht die Erzählerin Marie, die ihre turbulente Entwicklungsphase schildert. Sie ist eine emotionale junge Frau. So beschreibt sie als schönsten Augenblick des Tages die Stimmung beim Anzünden der Petroleumlampen am Abend, wenn ihr von der Arbeit im Kontor ermüdeter Mann Francin in ihre Dienstwohnung zurückkehrt. (Kap. 1) Im Gegensatz zu ihrem disziplinierten Mann hat sie Sehnsucht nach kleinen persönlichen Freiheiten und Ausbruchsversuchen. Dementsprechend sympathisiert sie mit den kräftigen belgischen Brauereipferden Ede und Kare, die der Kutscher Martin beim Abzäumen nicht festhalten kann und die rebellisch im Hof herumtoben, bis Francin einschreitet und die Situation beherrscht. Marie schäumt über vor Lebenslust und verbindet ihre Liebe zu den Schweinen beim Füttern mit pragmatischem Genuss am Essen. Ironisch mit makabrem Humor lässt der Autor sie vor dem Schlachttag über ihre ambivalenten Gefühle dichten: „Ade ihr lieben Schweinchen mein, ihr werdet schöne Schinken sein“. Anschließend beschreibt sie das Schlachtfest genussvoll. An ihren Scherzen mit dem Metzger, als sie sich gegenseitig bei der Wurstherstellung, an ein „heidnisches“ Ritual erinnernd, Blut ins Gesicht schmieren, nimmt auch der an diesem Tag anwesende Verwaltungsrat teil und der Tag endet in einem großen Gelage mit Schlachtplatten und Bier. (Kap. 2) Narzisstisch verliebt ist sie in ihre fast körperlangen blonden Haare, die sie sich beim Friseur Bod’a Červinka waschen und auskämmen lässt. Bei ihrer Fahrrad-Rückfahrt flattern sie im Wind, sie dreht noch einige Runden auf dem Marktplatz und genießt die Bewunderung der Passanten. (Kap. 3) Diesen Körperkult beschreibt Marie auch bei ihrem Heißwasserbad im Maschinenraum der Mälzerei. (Kap. 7)

Francin Francin, der zurückhaltende und gewissenhafte Brauereiverwalter, wird durch seine Redisfeder Nummer drei hinterm Ohr charakterisiert. Er liebt seine schöne Frau und unterstützt ihre Eitelkeit durch Schmuckgeschenke und durch ein Hochfrequenzgerät mit einem Kamm zur Haarpflege sowie mit Elektroden zur Massage und Ozon-Inhalation mit Eukalyptus-Substanzen (Kap. 5). Weil sie gerne tanzt, bringt ihr Francin aus der Stadt ein Grammophon mit und sie tanzen Tango. Er hat dafür sogar einige Tanzstunden genommen, muss aber die Schritte zählen und kann im Unterschied zu seiner talentierten Frau den Rhythmus nicht einhalten. (Kap.9) Er mag ihre naive Mädchenhaftigkeit und arrangiert bei seiner Rückkehr aus der Stadt ein Suchspiel, um die versteckten Geschenke aufzuspüren. Ihr glücklicher Überraschungsschrei nach dem Fund ist Teil der Zeremonie und sie antwortet jeweils auf seine Frage „Wer hat dir das gekauft, Marinka?“kleines Mariechen in „köstlich kindhafter Art“ mit „Francin […] mein Männlein“. So schafft er ihr eine Märchenwelt im abgeschlossenen Wohnraum, ihre kindlich-spontanen Auftritte in der Öffentlichkeit sind ihm dagegen peinlich.

Pepin In ihrem Schwager Josef, den sie Onkel Pepin nennt, findet sie einen kongenialen Spielpartner. Eigentlich kommt er nur zu Besuch, bleibt dann aber und bringt, wie Francin befürchtet hat, durch sein Brüllen und chaotisches Agieren Unruhe in den Haushalt und löst turbulente Kettenreaktionen aus. Für Marie ist er ein willkommener Unterhalter und sie nimmt ihm seinen groben Umgangston nicht übel, z. B. wenn er ihr Wissen über die Verwandtschaft, über das Militärwesen und sein Schusterhandwerk testet und über ihre angebliche Unwissenheit lautstark schimpft, was die im Nachbarraum tagenden Vorstandsmitglieder der Brauerei stört. Francin ermahnt ihn zur Ruhe, verschmiert sich aber mit dem in der Küche herumliegenden „Schusterpech“, einem hartnäckigen Kleber, die Hände und verschmutzt damit bei seinen Befreiungsversuchen seine Kleider und Akten, und die Vorstandssitzung muss abgebrochen werden. Nach einer ähnlichen Verklebung verbrennen der verärgerte Francin und sein schuldbewusster Bruder die Schusterutensilien. (Kap. 4)

Noch spektakulärer sind die Folgen einer Schornsteinbesteigung: Nach dem Verbrennen der Schusterausrüstung spielt der beschäftigungslose Pepin in einer Ecke der Brauerei Militärausbildung, Paradeschritt, Zweikampf usw., und steigt mit Marie zur Beobachtung der Umgebung auf den hohen Schornstein. Sie lässt ihre langen Haare im Wind wehen und wird von der Stadt aus beobachtet, was sie genießt, aber einen Feuerwehreinsatz auslöst. Während sie und Pepin wohlbehalten wieder auf dem Boden anlangen, stürzt der zu ihrer Rettung hochgestiegene Kommandant ab und fällt ins Sprungtuch. Um eine Wiederholung solcher Aktionen zu vermeiden, wird Pepin zur Behandlung seiner „Brüllsucht“ in der Brauerei angestellt. Aber er unterhält v. a. die Arbeiter mit Gesangsvorführungen, Ringkämpfen und Anekdoten und seine Zuschauer lachen über den Clown. (Kap. 8)

Der Schnitt Maries kindliche Spontaneität kippt zunehmend um ins Bizarre. Sie entdeckt die neue Mode, alles wird kürzer: Im gekürzten Rock zeigt sie beim Fahrradfahren ihre Knie. Doktor Gruntorád erklärt die Kürzungen als Zeiterscheinungen: die Arbeitszeit, die Entfernungen durch schnelleres Fahren, die Musik durch das Radio usw. Marie sind die Tisch- und Stuhlbeine in ihrer Wohnung zu lang und Onkel Pepin hilft ihr bei der Neugestaltung. Während er Anekdoten erzählt, wird ein Bein zu kurz, aber Marie gleicht den Unterschied spontan mit Büchern aus. Auch der Schwanz des Hundes Mucek ist nicht mehr modisch. Marie hackt ihn ab, während sie das Tier mit süßen Kremrollen ablenkt. Francin muss später den Hund erschießen, weil er nicht aufhört, vor Schmerz zu jaulen. Beendet werden Maries Aktionen nach einem akrobatisch wilden Jitterbug-Tanz mit Pepin durch ihren Sturz über ein abgesägtes Tischbein. (Kap. 9) Vorübergehend wird sie mit ihrem eingegipsten Fuß ruhig gestellt. (Kap. 10)

Ein letztes Mal sorgt Marie für Turbulenzen, als sie dem ihren Fuß behandelnden Arzt Gruntorád das Hochfrequenzgerät vorführt. Dabei vergisst sie die Ingredienzen des Ozon-Inhalators zu verdünnen und der Doktor läuft verwirrt-euphorisiert davon. Francin ist offenbar am Ende seiner Geduld mit den Eskapaden seiner Frau. Damit ist auch für Marie ein Wendepunkt erreicht: Sie fährt zum Friseur Bod’a Červunka und lässt sich ihre langen blonden Haare abschneiden. (Kap. 12) Als sie im Spiegel das Bild eines hübschen jungen Mannes mit einem frechen Gesichtsausdruck sieht, wird ihr bewusst, dass Bod’a aus ihr die Seele herausgeschält hat: „Dieser Kopf à la Josephine Baker charakterisierte mich, das war jetzt mein wirkliches Konterfei, hierorts würde meine neuen Frisur auf die Leute wirken wie eine Keule.“ Auf ihrem Rückweg wird sie zuerst von den Passanten nicht erkannt, doch dann von den Frauen des Verschönerungsvereins mit ihren Rädern verfolgt und beschimpft. Als Francin sie mit dem Kurzschnitt erblickt, haut er ihr mit dem Schlauch der Luftpumpe den Hintern und sagt: „So, mein Mädchen, jetzt fängt ein neues Leben an.“ Er kommt ihr, als sie zu ihm hoch schaut, schön vor wie nach der Bändigung der wild gewordenen Pferde zu Beginn der Handlung und sie versucht die Situation vor den zuschauenden Radlerinnen zu überspielen, indem sie ihnen erklärt, wo sie die Luftpumpe gekauft hat.

Form Die Romanhandlung besteht aus einer Folge burlesker überdrehter Episoden. Dabei verwendet der Autor verschiedene traditionelle Elemente der Komik: die Charakterkomik des Schelms, des Narren, und weiterer Commedia-dell’arte-Figuren sowie die Situationskomik mit aus dem Stummfilm bekannten turbulent-überdrehten Slapstick-Szenen.

Autobiographische Bezüge „Die Schur“ ist der erste Teil der Trilogie „Das Städtchen am Wasser“ (Městečko u vody), in welcher der Autor seine Kindheit literarisch verarbeitet (2. Teil: „Schöntrauer“, 3. Teil „Harlekins Millionen“). Auch die Werke „Das Städtchen, in dem die Zeit stehenblieb“ (Městečko, kde se zastavil čas, 1973) und „Tanzstunden für Erwachsene und Fortgeschrittene“ (Taneční hodiny pro starší a pokročilé, 1964) haben autobiographische Bezüge:

Nachdem Hrabals Mutter Marie Kiliánová 1920 und der Buchhalter der Brauerei in Polná František Hrabal heirateten und dieser den unehelichen sechsjährigen Bohumil adoptierte, zog die Familie nach Nymburk an der Elbe in der Mittelböhmischen Region. Hier verbrachte der Autor seine Kindheit und Jugend und lernte die Arbeitsvorgänge und das bunte Geschehen in der Brauerei kennen. Josef, genannt Onkel Pepin, der Bruder seines Stiefvaters František kam eines Tages „zu Besuch“ und blieb „bis zum Tode“.

Schöntrauer In „Schöntrauer“ (Krasosmutnění, 1979), dem 2. Teil seiner Trilogie „Das Städtchen am Wasser“, ins Deutsche übersetzt von Franz Peter Künzel, erzählt Hrabal in einer Mischung aus Phantasie und Erlebtem humorvoll aus der Perspektive des Kindes burleske alltägliche Begebenheiten aus seiner Heimatstadt. Der Titel ist einer tragikomischen Situation entnommen, dem Tod des Bürgermeisters: „Der Herr Schuldirektor erklärte uns, dass heute ein Tag der Trauer sei, und damit wir alle auch schön trauern könnten, falle der Unterricht aus … Ich schöntrauerte.“

Aus einem Bedürfnis in die Kindheit zurückzukehren, erinnert er sich an die üppigen Abendessen seiner schönen, gerne Theater spielenden Mutter (Kap. Die Sextanerin), an den ernsthaften, um die Erziehung des Sohnes besorgten Vater und die beiden von den Eltern wie Kinder verwöhnten Katzen Celstýn und Militka (Kap. Die geteilte Wohnung). Ergänzt wird das Familienbild von zwei exzentrischen Onkeln: den aus der „Schur“ bekannten Pepin mit seinen Aufschneidereien und den bei seinem Besuch in der Brauerei als Opernsänger hochstapelnden Vinzek.