Neben Atheisten, Agnostikern, Juden und Angehörigen anderer Weltanschauungen gab und gibt es auch Christen innerhalb der Freiwirtschaftsbewegung, die vom deutsch-argentinischen Kaufmann und Wirtschaftstheoretiker Silvio Gesell (1862–1930) initiiert wurde. Sie gelten als die ersten, die „Gesells Erkenntnisse zu schätzen wussten“.Christof Karner: Katholizismus und Freiwirtschaft. Das Lebensreformprogramm des Johannes Ude. Peter Lang - Europäischer Verlag der Wissenschaften: Frankfurt am Main, 2002. S. 252 Ob Silvio Gesell selbst eine atheistische, agnostische oder lediglich stark antikirchliche Grundeinstellung besaß, ist in der Gesellforschung umstritten. Eindeutig belegbar ist, dass er sich biblischer und theologischer Texte bediente, um die wesentlichen Thesen seiner Natürlichen Wirtschaftsordnung zu stützen.

Personen im Überblick (Auswahl) mini|hochkant|Moritz von Egidy mini|hochkant|Tagung des Freiwirtschaftsbundes 1921 (Uhlemayr: 3. Reihe, erste Person links) mini|hochkant|Klüpfel als römisch-katholischer Priester (vor 1914) mini|hochkant|Jakob Sprenger mini|hochkant|Gedenkstein für Johannes Ude miniatur|hochkant|Fritz Schwarz (links) im Gespräch mit Silvio Gesell (Mitte) und Werner Zimmermann (1917) mini|hochkant|Roland Geitmann (2006) Die folgende Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit und muss sicherlich ergänzt werden. Die aufgeführten Personen, die nach ihrem Geburtsdatum chronologisch sortiert sind, waren sowohl engagierte Christen als auch aktive Freiwirtschaftler.

Moritz von Egidy Silvio Gesell veröffentlichte im Jahr 1897 in Buenos Aires sein programmatisches Buch Die Anpassung des Geldes und seiner Verwaltung an die Bedürfnisse des modernen Verkehrs. Während in den meisten Fachrezensionen auf die Vorschläge Gesells ablehnend reagiert wurde, würdigte die vom christlichen Pazifisten Moritz von Egidy (1847–1898) herausgegebene Zeitschrift Versöhnung Gesells Ideen als „eine Stellungnahme zur ganzen Währungsfrage, die berghoch über den Ergüssen der Metallenthusiasten steht. Trotzdem ich die praktischen Schlüsse, zu denen der Autor kommt ..., nicht für richtig halte, nehme ich keinen Anstand, seine Schrift für das Bedeutendste zu halten, was die Fach- und Broschürenliteratur des letzten Jahrzehnts über das Geldwesen zutage gefördert hat.“Zitiert nach Werner Oncken: Silvio Gesell und die Natürliche Wirtschaftsordnung. Eine Einführung in Leben und Werk. Verlag für Sozialökonomie Gauke GmbH: Lütjenburg/Kiel, 1999. S. 21f. Nachdem Gesell in seinem argentinischen Umfeld nach einer zehnjährigen schriftstellerischen Tätigkeit nur auf Desinteresse stieß, was seine Reformvorschläge anging, war er umso erfreuter, dass Moritz von Egidy daran ernsthaft interessiert war. Gesell übergab sein argentinisches Geschäft seinem Bruder Ernst Gesell und kehrte nach Deutschland zurück, um hier Egidy persönlich zu treffen. Die Enttäuschung war groß, als er erfuhr, dass Moritz von Egidy einen Tag vor seiner Ankunft im Hamburger Hafen verstorben war.Werner Oncken: Silvio Gesell und die Natürliche Wirtschaftsordnung. Eine Einführung in Leben und Werk. Verlag für Sozialökonomie Gauke GmbH: Lütjenburg/Kiel, 1999. S. 23.

Benedikt Uhlemayr Der Oberstudiendirektor Benedikt Uhlemayr (1871–1942), Leiter eines Nürnberger Mädchengymnasiums, gehörte mit Johannes Ude und Eduard Burri zu den Freiwirtschaftlern, um die sich in den 1920er und 1930er Jahren die christlich orientierten Anhänger der Bewegung sammelten. Die Mitglieder des bürgerlichen Freiwirtschaftsbundes (FWB), für den Uhlemayr unter anderem bei der Reichstagswahl Dezember 1924 kandidierte, hatte sich einerseits verpflichtet, eine weltanschaulich neutrale Position einzunehmen, „um für Menschen aller Religionen, Herkünfte und Hautfarben offen zu sein“; andererseits hatte sich der FWB teilweise mit sozialdarwinistischen Ideen verbunden, mit denen er die Gesell’sche Geld- und Bodenreform begründete. Dies wiederum führte bei den Christen innerhalb des FWB zu starken Widerständen. Weder Uhlemayr noch andere Christen in der Bewegung waren jedoch imstande, bis zur Machtergreifung durch die Nationalsozialisten eine eigene christlich-freiwirtschaftliche Organisation zu gründen.Soziaoekonomie.info: Vom Sozialdarwinismus zur Solidarischen Ökonomie. Kritische Aufarbeitung des Einflusses der Evolutionstheorie auf die Geld- und Bodenreformbewegung (Kapitel 5.4: Ungelöst gebliebene Widersprüche in Gesells Menschenbild und in seiner Anhängerschaft vor 1933 bzw. 1945); abgerufen am 17. Januar 2024.

Da Uhlemayr sich geweigert hatte, bei offiziellen Anlässen seine Schule mit der Hakenkreuzfahne zu beflaggen, ließ Julius Streicher ihn vor den Augen seiner Schülerinnen auf dem Pausenhof verhaften. Er wurde seines Amtes enthoben und durch einen linientreuen Nationalsozialisten ersetzt.Susanne Rieger, Gerhard Jochem: „Es geht immer up and down“. Margot Astruck zum 90. Geburtstag (PDF-online, S. 4); abgerufen am 6. März 2024. Auf Anweisung Streichers wurde Uhlemayr in seiner Gefängniszelle ausgepeitscht. Diese Misshandlung verursachten Nervenschädigungen und ein Krampfleiden, das mehrere Krankenhausaufenthalte zur Folge hatte. Nachdem er nach seiner Freilassung auf offener Straße ein weiteres Mal von Nazi-Schergen überfallen und misshandelt worden war, verstarb er im Mai 1942 in der Erlanger Universitätsklinik.Werner Onken, Günter Bartsch: Natürlich Wirtschaftsordnung unter dem Hakenkreuz. Anpassung und Widerstand. Fachverlag für Sozialökonomie: Lütjenburg, 1997. S. 34

Jakob Sprenger

Jakob Sprenger (1872–1951)e-archiv.li: Sprenger Jakob (Pseudonym Theseus), Schweizer Publizist; eingesehen am 21. Mai 2021 war ein Schweizer Volapükist und früher Anhänger der Freiwirtschaftslehrear.ch: ; eingesehen am 21. Mai 2021 mit christlichem Hintergrund.Christof Karner: Katholizismus und Freiwirtschaft. Das Lebensreformprogramm des Johannes Ude. Band 928 in der Reihe Europäische Hochschulschriften: Reihe 3; Geschichte und ihre Hilfswissenschaften. Peter Lang - Europäischer Verlag der Wissenschaften: Frankfurt am Main, 2002. S. 257ff Unter dem Pseudonym „Theseus“ verfasste er zahlreiche Broschüren zu verschiedenen freiwirtschaftlichen Themen, insbesondere zur Zinsproblematik und gehörte in der Schweiz und in Liechtenstein zu den führenden Vertretern der Freiwirtschaft, auf die er – nach einer gescheiterten Unternehmertätigkeit – bei seiner Suche nach Antworten auf soziale und ökonomische Fragen gestoßen war. Untersucht man Sprengers freiwirtschaftlichen Schriften, so fällt der betont christliche Hintergrund auf, vor dem er die Gesellsche Lehre entfaltete. So knüpfte er zum Beispiel an das bekannte Jesus-Wort an, das Gottes-Dienst und Mammondienst für unvereinbar erklärte: „Niemand kann zwei Herren dienen: Entweder er wird den einen hassen und den andern lieben, oder er wird an dem einen hängen und den andern verachten. Ihr könnt nicht Gott dienen und dem Mammon zugleich.“ „Mammondienerschaft“ bedeutete für Sprenger die „ausbeuterische und arbeitslose Besitzvermehrung durch den Zins“.Christof Karner: Katholizismus und Freiwirtschaft. Das Lebensreformprogramm des Johannes Ude. Band 928 in der Reihe Europäische Hochschulschriften: Reihe 3; Geschichte und ihre Hilfswissenschaften. Peter Lang – Europäischer Verlag der Wissenschaften: Frankfurt am Main, 2002. S. 258

Johannes Ude Johannes Ude (1874–1965) war ein römisch-katholischer Priester, Theologieprofessor und christlicher Pazifist. Die Veränderungen in seinem persönlichen Engagement beschrieb er einmal so: „Zuerst bekämpfte ich den Alkoholismus und Nikotinismus, dann die Unsittlichkeit, vor allem die Reglementierung der Prostitution, beschäftigte mich mit der Genuss- und Warenerzeugungsfrage, setzte mich für den Vegetarismus ein, bekämpfte den Krieg und arbeitete für den Friedensgedanken, und stemmte mich mit aller Macht gegen die politische Verderbtheit und gegen den Kapitalismus.“

Ude war nach dem Zweiten Weltkrieg am Aufbau der Arbeitsgemeinschaft freiwirtschaftlicher Christen beteiligt.

Paulus Klüpfel Paulus Klüpfel (1876–1918) war ein römisch-katholischer Priester aus dem oberfränkischen Pottenstein, der nach seiner Abkehr vom Priesteramt als Dienst eines bloßen „Wortprediger(s)“ für sich ein „Christentum der Tat“Hans Vogt: Über Leben, Glauben und Wollen des Paulus Klüpfel. In: Innen ist der unendliche Wille der Welt. Die Aufzeichnungen des Paulus Klüpfel. *1876 †1918. Vorgelegt von Hans Vogt. Selbstverlag: Erlau bei Passau oJ [1967?]. S. 121–132; hier: 124f proklamierte, das er auch als „Weltarbeit“ bezeichnete.Günter Bartsch: Die NWO-Bewegung Silvio Gesells. Geschichtlicher Grundriss 1891–1992/93. Band 1 in der Reihe Studien zur natürlichen Wirtschaftsordnung. Gauke Fachverlag für Sozialökonomie: Lütjenburg 1994. S. 25f Nach seinem Umzug nach Berlin traf er dort auf den Bodenreformer Adolf Damaschke (1865–1935) und auf den Arzt, Soziologen, Nationalökonomen und Zionisten Franz Oppenheimer. Über den Letztgenannten lernte er Georg Blumenthal und den von ihm ins Leben gerufenen Verein für physiokratische Politik kennen. Schriften Silvio Gesells, die er dort erhielt, veranlassten ihn, mit Gesell persönlich in Kontakt zu treten. In einem Brief an Gesell heißt es: „Seit Jahren tappe ich in allen Fächern der Wirtschaftslehre herum, lediglich aus dem Bedürfnis, Sinn und Zusammenhang zu begreifen. Umsonst! [...] Jetzt [nachdem er die erwähnten Schriften Gesells gelesen hatte] muß ich sehen, daß unsere Wirtschaft noch gar keine Wirtschaft ist. Sondern erst eine werden muß – aber gottlob auch eine werden kann!“Zitiert nach Günter Bartsch: Freiwirtschaft als innere und äußere Weltaufgabe. In: Zeitschrift für Sozialökonomie. Folge 87 / 1990. S. 6; Sp II Klüpfel erhielt eine Einladung in die Eden-Siedlung bei Oranienburg, wo Gesell seit 1911 ein Wohnhaus auf einem Pachtgrundstück besaß. Nach einer kurzen Kennenlernphase zog Klüpfel bei Silvio Gesell ein und wurde dessen Privatsekretär. Er ordnete Unterlagen, las und korrigierte die Gesell’schen Manuskripte, darunter dessen Entwurf der utopischen Freiland-Freigeld-Geschichte Barataria. Zu Pfingsten 1915 erschien ein von Gesell und Klüpfel gemeinsam verfasstes Flugblatt mit dem Titel Deutsches Freiland. Klüpfels Anteil an dieser Schrift wird vor allem dort sichtbar, wo theologisch argumentiert und begründet wird. So heißt es dort zum Beispiel, dass es ein „am ewigen Gottesthron verankertes Menschenrecht auf den Erdboden“ gäbe. Auch enthält der Text biblische Anspielungen, die auf Klüpfel zurückgehen.Günter Bartsch: Freiwirtschaft als innere und äußere Weltaufgabe. In: Zeitschrift für Sozialökonomie. Folge 87 / 1990. S. 8; Sp II So hätten die Grundherren zwar die Welt gewonnen, aber an ihrer Seele Schaden erlitten. Hier klingt das von Jesus erzählte Gleichnis vom reichen Kornbauern an. Obwohl Klüpfel der verfassten Kirche den Rücken gekehrt hatte, blieb er in seinem Denken und Handeln auf Gott bezogen. Er gilt daher als früher Vertreter des religiösen Flügels der Freiwirtschaftsbewegung. Er verband die Religionsphilosophie des Fernen Ostens mit christlicher Ethik und distanzierte sich sowohl vom Eigennutzdenken als auch von der Übertragung darwinistischer Grundsätze auf die Natürliche Wirtschaftsordnung; beide Ansätze fanden sich bis dahin innerhalb der freiwirtschaftlichen Bewegung und wurden auch von Silvio Gesell vertreten. Mit seiner im Christentum verankerten Eheauffassung stand Klüpfel ebenfalls gegen die von Gesell und den Physiokraten propagierte freie Liebe.Christof Karner: Katholizismus und Freiwirtschaft. Das Lebensreformprogramm des Johannes Ude. Verlag Peter Lang / Europäischer Verlag der Wissenschaften: Frankfurt am Main 2002. ISBN 3-631-38923-X. S. 253f