Das Abitur in Rheinland-Pfalz wird in der Regel durch den erfolgreichen Abschluss der Oberstufe sowie der teilweise zentralen und dezentralen Abiturprüfung erlangt. Dabei folgt die Gestaltung der Oberstufe, bezeichnet als Mainzer Studienstufe (MSS), Konzepten, die in ähnlicher Weise bundesweit in den 1970er-Jahren eingeführt wurden, damals unter dem Begriff reformierte Oberstufe.
Geschichte Die Pilotphase zur MSS startete im Jahr 1967 am Bischöflichen Willigis-Gymnasium in Mainz, daher der Name. 1970 war die Mainzer Studienstufe bereits an sieben Versuchsschulen angelaufen. Die allgemeine Einführung der MSS erfolgte über drei Jahre, beginnend 1973 bei zunächst ungefähr einem Drittel der Gymnasien.Dieter Börsch: Erdkundeunterricht in der Sekundarstufe 2 in Rheinland-Pfalz. Geographie und ihre Didaktik, 9(2), 1981, S. 77–84, doi:10.60511/zgd.v9i2.440.
Eine Besonderheit der MSS ist, dass jeweils drei Leistungsfächer gewählt werden müssen (statt zwei wie in den meisten anderen Bundesländern). Außerdem war in den ersten Jahren eine vorzeitige Abiturprüfung in der Jahrgangsstufe 12/2 möglich.
Oberstufe G9
Die Mainzer Studienstufe als gymnasiale Oberstufe in Rheinland-Pfalz dauert zwei Jahre und sieben Monate. Die schriftlichen Abiturprüfungen (in den drei zu Beginn der Oberstufe gewählten Leistungskursen) finden im Januar, die mündliche(n) Prüfung(en) im März statt.
Die MSS gliedert sich in zwei sich überschneidende Phasen, nämlich in die einjährige Einführungsphase (11/1,11/2) und in die gut zweijährige Qualifikationsphase (11/2, 12/1, 12/2, 13). Die Jahrgangsstufe 13 endet dabei nicht zum Halbjahresende (Ende Januar), sondern mit der Ausgabe der Zeugnisse (Ende Februar). Die Übergabe der Abiturzeugnisse erfolgt dabei spätestens am 31. März des jeweiligen Abiturjahres.
Die Einführungsphase dient den Schülerinnen und Schülern dazu, sich an das System der MSS zu gewöhnen, insbesondere an die drei Leistungskurse, dabei ist spätestens nach zehn Wochen unter Umständen noch eine Umwahl der Fächerkombination möglich. In der Qualifikationsphase sammeln die Schüler Punkte für das Abitur. Das Halbjahr 11/2 gehört sowohl zur Einführungs- als auch zur Qualifikationsphase.
Vor Beginn der Stufe 11 können verschiedene Fächer frei gewählt werden, jedoch müssen Mathematik, Deutsch, zwei Fremdsprachen und eine Naturwissenschaft oder eine Fremdsprache und zwei Naturwissenschaften, Geschichte, eine weitere Gesellschaftswissenschaft sowie Religion oder Ethik und Sport immer belegt werden. In der MSS 12 müssen Bildende Kunst, Musik oder Darstellendes Spiel belegt werden, falls diese nicht schon zuvor gewählt wurden.
Jeder Schüler wählt für die Klasse 11 drei Fächer aus dem Angebot der Schule als Leistungsfach. Mindestens sieben, höchstens neun weitere Fächer werden als Grundfach belegt. Stundenzahl und Lerninhalte sind in den Leistungsfächern umfangreicher und anspruchsvoller als in den Grundkursen. Außerdem zählen die Leistungsfächer verpflichtend zu den Prüfungsfächern im Abitur.
Oberstufe G8
Die gymnasiale Oberstufe in Rheinland-Pfalz in G8 dauert drei volle Jahre. G8 wird nur zusammen im Ganztagsbetrieb in der 7. bis 9. Jahrgangsstufe (Mittelstufe) angeboten. Die schriftlichen Abiturprüfungen (in den drei zu Beginn der Oberstufe gewählten Leistungskursen) finden im Mai, die mündliche(n) Prüfung(en) im Juni statt.
Die MSS gliedert sich in zwei Phasen, nämlich in die einjährige Einführungsphase (Jahrgangsstufe 10) und in die zweijährige Qualifikationsphase (11/1, 11/2, 12/1, 12/2). Überschneidungen innerhalb der beiden Phasen wie in G9 gibt es nicht.
Die Einführungsphase dient den Schülerinnen und Schülern wie in G9 zur Eingewöhnung in das Kurssystem der MSS, dabei ist es ebenfalls nach sechs Wochen möglich, die Fächerkombination zu ändern. In der Qualifikationsphase sammeln die Schülerinnen und Schüler Punkte für die Zulassung zum schriftlichen Abitur. In G8 dauert die Einführungsphase ein Schuljahr (MSS 10). Die Zulassung zur Jahrgangsstufe 11 ist die Voraussetzung für den Eintritt in die Qualifikationsphase MSS 11 und MSS 12 und verleiht gleichzeitig der Sekundarabschluss I (Mittlere Reife).
Wie in G9 können verschiedene Fächer frei gewählt werden, jedoch müssen Mathematik, Deutsch, eine Fremdsprache und zwei Naturwissenschaften oder zwei Fremdsprachen und eine Naturwissenschaft, Geschichte, eine weitere Gesellschaftswissenschaft sowie Religion oder Ethik und Sport immer belegt werden.
Jeder Schüler wählt für die Klasse 10 drei Fächer aus dem Angebot der Schule als Leistungsfach. In der Jahrgangsstufe 10 werden neun Grundfächer belegt, davon können zwei in der Qualifikationsphase abgewählt werden (eine Fremdsprache und eine Naturwissenschaft oder zwei Naturwissenschaften). Stundenzahl und Lerninhalte der Leistungskurse sind in den Leistungsfächern umfangreicher und anspruchsvoller als in den Grundkursen. In Mathematik und Deutsch wird eine Stunde mehr als an G9 unterrichtet. Alle Leistungsfächer sind verpflichtende Prüfungsfächer im Abitur. In Rheinland-Pfalz gibt es zur Zeit 19 Gymnasien, die das Abitur nach acht Schuljahren anbieten.
Fächerkanon
Einige Fächer werden nur von wenigen Schulen angeboten (insbesondere als Leistungskurse). Zudem haben die Schulen die Möglichkeit, sich weitere Fächer durch das Bildungsministerium genehmigen zu lassen.
Grundkurse werden zwei- oder dreistündig, Leistungskurse fünfstündig, in G8 sogar sechsstündig unterrichtet. Davon abweichend werden Geschichte, Sozialkunde und Erdkunde als Leistungskurs vierstündig unterrichtet. Sport wird als Leistungskurs siebenstündig unterrichtet, wobei nur fünf Stunden auf die Pflichtstundenanzahl angerechnet werden. Die Grundkurse in Geschichte, Sozialkunde/Erdkunde, Sport, Religion und Ethik sind nur zweistündig. Eine neu einsetzende Fremdsprache wird fünfstündig unterrichtet, wobei nur drei Stunden auf die Pflichtstundenanzahl angerechnet werden. Sie kann nur als Grundkurs gewählt werden.
Sprachlich-literarisch-künstlerisches Aufgabenfeld
Deutsch Fremdsprachen Englisch Französisch Griechisch Italienisch Japanisch (nur als Grundkurs) Latein Russisch Spanisch Künstlerische Fächer Bildende Kunst Darstellendes Spiel (nur als Grundkurs) Musik
Gesellschaftswissenschaftliches Aufgabenfeld
Geschichte Sozialkunde (nur als Leistungskurs) Erdkunde (nur als Leistungskurs) Sozialkunde/Erdkunde (nur als Grundkurs) Philosophie
Mathematisch-naturwissenschaftlich-technisches Aufgabenfeld
Mathematik Naturwissenschaften Biologie Chemie Physik Informatik
Sonstige Fächer
Evangelische oder katholische Religionslehre oder Ethik (Letzteres nur als Grundkurs) Sport
Belegverpflichtungen
Insgesamt sind Fächer mit einer Pflichtstundenanzahl von mindestens 32 Stunden zu belegen. Die Pflichtstundenanzahl entspricht dabei (außer bei Leistungskurs Sport und neu einsetzenden Fremdsprachen) den vorgegebenen Wochenstunden für das jeweilige Fach. Es können nur Fächer als Leistungskurs gewählt werden, die schon vor der Oberstufe besucht worden sind. Daneben sind folgende Regeln zu beachten:
Leistungskurse
Die drei Leistungskurse müssen mindestens zwei Aufgabenfelder umfassen.
Der erste Leistungskurs muss entweder eine Fremdsprache oder Mathematik oder eine Naturwissenschaft sein. Wird eine Naturwissenschaft gewählt, muss man als zweiten Leistungskurs entweder Deutsch oder eine Fremdsprache oder Mathematik wählen. Bei der Wahl eines künstlerischen Faches, Informatik oder Religionslehre als Leistungskurs müssen die weiteren Leistungsfächer Deutsch oder eine Fremdsprache und Mathematik oder eine Naturwissenschaft sein.
Grundkurse
Soweit nicht als Leistungskurs gewählt, müssen folgende Fächer durchgängig belegt werden:
Deutsch Mathematik Geschichte Sozialkunde/Erdkunde Fremdsprache Naturwissenschaft eine weitere Fremdsprache, Naturwissenschaft oder Informatik Religionslehre bzw. Ethik Sport ein weiteres beliebiges Fach
Sofern kein künstlerisches Fach durchgängig belegt wird, muss es in der Jahrgangsstufe 12 zusätzlich zu den gewählten Kursen belegt werden.
Darüber hinaus können freiwillig weitere Kurse belegt werden. Jeweils zum Ende eines Halbjahres ist es möglich, freiwillige Kurse abzuwählen oder Pflichtkurse und freiwillige Kurse zu tauschen, wobei dies weiterhin eine gültige Fächerkombination ergeben muss. Nach Beginn der Oberstufe können jedoch keine weitere Fächer dazugewählt werden (Ausnahme: künstlerisches Fach in der 12. Jahrgangsstufe).
Besondere Regelungen für Fremdsprachen
Generell können nur Fremdsprachen als Leistungskurse gewählt werden, die schon in der Sekundarstufe I belegt worden sind. Im Bereich der Grundkurse sind zwei Fälle zu unterscheiden:
a) Schüler, die in den Klassen 6 bis 10 durchgehend eine zweite Fremdsprache belegt haben
In diesem Fall ist mindestens eine Pflichtfremdsprache weiterzuführen. Darüber hinaus muss, wenn nicht Informatik oder eine zweite Naturwissenschaft gewählt wird, eine weitere Fremdsprache fortgeführt oder eine neu einsetzende Fremdsprache belegt werden.
b) Schüler, die in den Klassen 6 bis 10 keine zweite Fremdsprache belegt haben
Die Pflichtfremdsprache muss zumindest in der Jahrgangsstufe 11 fortgeführt werden. Zusätzlich muss eine neu einsetzende Fremdsprache gewählt werden.
Abiturprüfung
Nach zweieinhalb bzw. drei Jahren wird Mitte bis Ende Januar (G8 Mai) in allen drei Leistungskursen jeweils eine schriftliche Abiturprüfung abgelegt. Das vierte und ggfs. fünfte Abiturfach wird nach Vorgaben aus den Grundkursen gewählt, die volle zwei Jahre belegt wurden. In diesen Fächern wird Anfang bis Mitte März (G8 Juni) eine mündliche Prüfung abgelegt, ggfs. werden zusätzliche mündliche Prüfungen in den drei Leistungsfächern abgelegt, letztere auf Antrag, sofern Punkte im Abiturbereich fehlen oder um die Durchschnittsnote zu verbessern. Bis Ende März (G8 Juni) bekommen dann alle erfolgreichen Abiturienten ihr Zeugnis ausgehändigt.
Die Abituraufgaben werden in Rheinland-Pfalz teilweise zentral vom Kultusministerium und immer zum Teil oder ganz (je nach Fach) von der jeweiligen Fachlehrkraft gestellt. Ein Zweitkorrektur-Verfahren soll die Vergleichbarkeit sichern. Seit dem Jahr 2017 werden einzelne Prüfungsteile in den Fächern Deutsch, Mathematik, Englisch und Französisch zentral gestellt. Später wurden weitere Fächer, wie zum Beispiel alle Naturwissenschaften hinzugefügt. Die Aufgaben kommen jeweils aus einem deutschlandweiten Aufgabenpool. Die schriftliche Prüfungsarbeit wird in jedem Fall von der Fachlehrkraft und anschließend von einem Zweitkorrektor bewertet, der üblicherweise von derselben Schule stammt.
Durchschnittsnote
Die Abiturnote setzt sich aus den in der Qualifikationsphase in den einzelnen Fächern gesammelten Punkten und aus den Leistungen in der Abiturprüfung zusammen. (Ist im Folgenden von Punkten die Rede, so sind MSS-Punkte gemeint.)
Qualifikation im Block I
Für den Qualifikationsbereich sind die Punktzahlen der Halbjahre 11/2, 12/1, 12/2 und 13 (in G8 11/1, 11/2, 12/1, 12/2) von Bedeutung. Es müssen exakt 35 Kurse eingebracht werden. Folgende Kurse müssen verpflichtend eingebracht werden:
die vier Kurse der Halbjahre 11/2, 12/1, 12/2 und 13 (G8 11/1, 11/2, 12/1, 12/2) der drei Leistungsfächer. Die zwei besten Leistungskurse werden doppelt gezählt, die vier Kurse der Halbjahre 11/2, 12/1, 12/2 und 13 (G8 11/1, 11/2, 12/1, 12/2) des vierten und ggfs. fünften Prüfungsfaches.
Ferner müssen folgende Kurse eingebracht werden, sofern sie nicht schon durch die Prüfungsfächer abgedeckt sind:
vier Kurse in Deutsch vier Kurse in Mathematik vier Kurse in einer Fremdsprache vier Kurse in einer Naturwissenschaft (kein Informatik) vier Kurse in einem gesellschaftswissenschaftlichen Fach