mini|Kleid aus braunem Voile über Satin oder Seide mit dunkelbrauner Samtapplikation und Saum, Zwickel aus orangegelber Seide, ohne Jahr Else Raydt (* 22. November 1883 in Hannover; † 24. Januar 1931 in Magdeburg)Sterberegister Magdeburg, 1931, Bd. 1, Nr. 149/1931. war eine deutsche Malerin, Grafikerin und Kunstgewerblerin. Bekanntheit erlangte sie durch Kleiderentwürfe und Kinderbuch-Illustrationen. Sie leitete die Modeklasse an der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Magdeburg und war dort von 1921 bis zu ihrem frühen Tod Professorin.
Leben mini|Birkendörfle Stuttgart, links Nr. 14, Mitte Nr. 16, rechts Nr. 18 und 20 Else (auch Elsa oder Elise) Raydt (auch Reidt) war die Tochter von Marie Helena Gesa Raydt geb. Gruner (* ca. 1850 in Pyrmont; † 12. Juni 1921 in Magdeburg) und dem Chemiker, Gymnasiallehrer, Erfinder und Unternehmer Wilhelm Carl Raydt. Ihr älterer Bruder war der Ingenieur Alfred Johann Hermann Raydt (* 12. Februar 1872 in Hannover; † 20. März 1943 in Eltville). 1894 zog die Familie Raydt nach Stuttgart. Durch die Heirat ihres Bruders mit Helene Leonore Brüxner 1899 zählten auch der Kunsthistoriker Heinrich Brockhaus und weitere Mitglieder der Leipziger Verleger-Familie Brockhaus zu ihrer weitläufigen Verwandtschaft.
Else Raydt wurde zuerst als Malerin ausgebildet. Sie studierte vom Wintersemester 1899/1900 bis Sommersemester 1900 als außerordentliche Studierende an der Königlich Württembergischen Kunstschule,Edith Neumann: Künstlerinnen in Württemberg: Zur Geschichte des Württembergischen Malerinnen-Vereins und des Bundes bildender Künstlerinnen Württembergs. Band 2. Klett-Cotta, Stuttgart 1999, S. 12, ISBN 3-608-94192-4. später an der Schule des Vereins der Berliner Künstlerinnen Katalog Antiquariar Winfried Geisenheimer, Kinderbücher, Bilderbücher, Märchen und Sagen, Katalog 85, Winter 2015, S. 25. sowie bei Johann Vincenz Cissarz in Stuttgart. Antiquariatskatalog Herbst 2019, Katalog 182, Antiquariat Franziska Bierl, München Kunstgewerbeblatt: Vereinsorgan der Kunstgewerbevereine Berlin, Dresden, Düsseldorf, Elberfeld, Frankfurt a. M., Hamburg, Hannover, Karlsruhe I. B., Königsberg i. Preussen, Leipzig, Magdeburg, Pforzheim und Stuttgart — NF 25.1914, S. 163.
1913 war „Else Raydt, Kunstmalerin“ laut Adressbuch im ersten Stock des Hauses Birkenstraße 16 in Stuttgart gemeldet. Sie bewohnte damit eines der ab 1907 errichteten Häuser im Birkendörfle.Stuttgarter Adressbücher 1913 1915 zog Raydt gemeinsam mit ihrer verwitweten Mutter nach Magdeburg, wo sie bis zu ihrem Tod an der Adresse Benediktinerstraße 2 im Stadtteil Buckau gemeldet war. Else Raydt starb am 24. Januar 1931 im Alter von 47 Jahren in Magdeburg.
Werk mini|Kleid, Else Raydt, ohne Jahr Selbständigkeit in Stuttgart In den Stuttgarter Mitteilungen über Kunst und Gewerbe 1905/1906 werden ausführlich Kleiderentwürfe von verschiedenen Künstlerinnen besprochen. Viele der Modelle mit Abbildungen stammen von Else Raydt. J. Mayer: Das neue Frauenkleid. In: Stuttgarter Mitteilungen über Kunst und Gewerbe — 1905-1906. S. 97f. Sie konzipierte in dieser Zeit Künstlerkleider, die ohne einschnürendes Korsett getragen wurden und betrieb vor 1915 eine Werkstatt für Frauenkleidung. Kathrain Graubaum: Modemacher für den praktischen Bedarf. Ab 1910 referierte Else Raydt, wie auch die Kolleginnen Emmy Schoch, Maria Thierbach und Hedwig Buschmann, auf Vortragsveranstaltungen zur Reformmode. Die Vorträge legten einen Schwerpunkt auf den ästhetischen Kleiderentwurf sowie die Schnitt- und Fertigungstechniken. Sie wurden oft mit der Präsentation von Kleidermodellen kombiniert. Patricia Ober: Der Frauen neue Kleider: das Reformkleid und die Konstruktion des modernen Frauenkörpers. Verlag Hans Schiler, Berlin 2005, ISBN 978-3-899-30025-3, S. 63. Die Kunstmuseen Krefeld verfügen über eine größere Anzahl von Entwurfszeichnungen der Künstlerin und zeigten eine Auswahl anlässlich der Ausstellung Auf Freiheit zugeschnitten im Kaiser-Wilhelm-Museum 2018/19.
Leiterin der Modeklasse in Magdeburg und Professur In Deutschland bemühten sich während des Ersten Weltkriegs Wirtschaft und Verbände, u. a. der Deutsche Werkbund, um die Entwicklung einer national eigenständigen Mode. Rohstoffe waren knapp und modische Impulse der Kriegsgegner Frankreich und England unerwünscht. Staatlich gefördert öffnete deshalb 1915 in der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Magdeburg unter dem damaligen Direktor Rudolf Bosselt (1871–1938) die deutschlandweit erste Modeklasse an einer Kunstschule. Ziel war, durch die Einwicklung qualitätvoller deutscher Modelinien auf das Ausland auszustrahlen und den Markt in Deutschland und Europa zu erobern.
mini|Die Magdeburger Kunstgewerbe- und Handwerkerschule (1920er Jahre) Bosselt wünschte sich bei der Stellenbesetzung Lehrkräfte, „die eine besondere Gabe für die Kleidung besitzen, für das gut und vorteilhaft Angezogensein, die die Witterung haben für die Zeit, für das, was kommt, kommen kann“.Rudolf Bosselt: Krieg und Deutsche Mode. Magdeburg 1915, S. 32, zitiert nach Norbert Eisold: Krieg und Deutsche Mode. In: Die Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Magdeburg 1793-1963. Magdeburg 1993, S. 30. Als Leiterin der Modewerkstätten wurde 1915 Else Raydt berufen. Sie leitete die Fachklasse für Frauenkleidung zunächst unter der künstlerischen Oberleitung von Kurt Tuch. Auf dem Lehrplan standen allgemeine Gestaltungsprinzipien, das Entwerfen von Kleidern, Anatomie, Aktzeichnen sowie praktischer Unterricht in der Werkstatt. Die erste Modenschau mit eigenen Kleiderentwürfen der Modeklasse fand 1916 in Magdeburg und Berlin statt. Die Präsentation bettete die Kleiderschau in einen Rahmen aus Musik und literarischen Darbietungen ein und wurde in zeitgenössischen Fachzeitschriften breit erörtert.Willy Leven: Eine Kömodie der Mode. In: Deutsche Kunst und Dekoration: illustr. Monatshefte für moderne Malerei, Plastik, Architektur, Wohnungskunst u. künstlerisches Frauen-Arbeiten. 38.1916, S. 74–76.
1917 beteiligte man sich an der Werkbundausstellung in Bern. Die dortige Modenschau wurde in einem Stummfilm dokumentiert. Deutsche Modenschau auf der Deutschen Werkbundausstellung zu Bern. Kurz-Dokumentarfilm der Deutschen Lichtbild-Gesellschaft e. V. (DLG), Berlin im Auftrag der Deulig-Film GmbH Berlin, Deutschland 1917. Im gleichen Jahr äußerte Raydt zu den Zielen ihrer Arbeit: „Bis Friedensschluß müssen wir eine von der Frankreichs abweichende Mode haben, und unsere großen Konfektionshäuser und Konfektionsfabriken werden mit dieser neuen deutschen Mode die Welt überschwemmen.“Else Raydt: Deutsche Modebestrebungen. In: Westermanns Monatshefte. Mai 1917, S. 356. Zitiert nach Avantgarde-Mode: Louis XVI bis Art deco. Verlag Reimer, 1983. Sie beklagte den Verdienstunterschied zwischen der gut bezahlten Branche in Paris und den schlechten Verhältnissen in Berlin, wo „ein Heer jämmerlich bezahlter Heimarbeiterinnen für den Siegeszug der französischen Mode“ schufte.Mode in Umbruchzeiten. Blog.
Die Modeklasse hatte einen von der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule getrennten Haushalt. Else Raydt kooperierte als Leiterin der Modeklasse ab 1915/1916 mit dem „Seidenhaus Bischof“ in Magdeburg und dem „Hohenzollern Kunstgewerbehaus“ in Berlin. Die Zusammenarbeit ging in den 1920er Jahren so weit, dass das Konfektionshaus Bischof die Materialien lieferte, den Vertrieb der Modelle übernahm und Hilfskräfte in den schulischen Werkstätten finanzierte. 1921 wurden die Kleider der Modeklasse in 40 deutschen Städten gezeigt. 1921 beförderte man Else Raydt zur Professorin an der Kunstgewerbe- und Handwerkerschule Magdeburg.
Illustratorin in Stuttgart und Magdeburg Parallel zur Tätigkeit als Entwerferin für künstlerische Kleidung und Mode illustrierte Else Raydt populäre Kinderbücher. Auf der Weltausstellung für Buchgewerbe und Graphik Bugra 1914 in Leipzig präsentierte Else Raydt eine farbige Lithografie zum Märchen „Schneewittchen“ sowie eine farbige Zeichnung zu „Nußknacker und Mausekönig“ von E. Th. A. Hoffmann.Internationale Ausstellung für Buchgewerbe und Graphik (Hrsg.): Die Frau im Buchgewerbe und in der Graphik: Sondergruppe der Weltausstellung für Buchgewerbe und Graphik, Leipzig 1914, Verlag des Deutschen Buchgewerbevereins, Leipzig, 1914, S. 287, Nr. 1995, 1996.
Kleiderentwürfe (Auswahl) Schwarzes Samtkleid und weißes Leinenkleid in Stuttgarter Mitteilungen über Kunst und Gewerbe — 1905-1906, S. 101. Dunkles Voile-Kleid mit grünem Unterkleid in Stuttgarter Mitteilungen über Kunst und Gewerbe — 1905-1906, S. 102. Dunkles Velvetkleid mit Pelzbesatz in Stuttgarter Mitteilungen über Kunst und Gewerbe — 1905-1906, S. 103. Rückansicht eines dunklen Samtkleides mit Einsatz und Achselklappen aus bräunlicher Seide in Stuttgarter Mitteilungen über Kunst und Gewerbe — 1905-1906, S. 104. Hauskleid aus rötlich violettem Cachemire. Unterkleid aus blau und goldschimmernder Seide in Stuttgarter Mitteilungen über Kunst und Gewerbe — 1905-1906, S. 105.
Buchillustrationen (Auswahl) mini|Das Kinderbuch Bittegrün von Jakob Loewenberg (1913) mit Illustrationen von Else Raydt Berthold Auerbach: Barfüßele. Eine Schwarzwälder Dorfgeschichte. Mit 4 Farbtafafeln und 17 SW-Illustrationen von Else Raydt. Westermann Verlag, Braunschweig 1916 und 1919. Li Maria Heckel: Hansi’s Vorfrühling. Eine Erzählung für junge Mädchen. Mit 4 farbigen Einschaltbildern und 15 Textzeichnungen von Else Raydt. Westermann Verlag, Braunschweig 1920. E.T.A. Hoffmann: Romantische Märchen. Ausgewählt u. bearb. v. Friedrich Düsel; mit 4 farbigen Tafeln und 18 Textillustrationen von Else Raydt, Deckelillustration von Hugo Krayn. Westermann Verlag, Braunschweig 1911, 1920. E.T.A. Hoffmann: Kindermärchen Nussknacker und Mausekönig. Mit Illustrationen von Else Raydt. Ausgabe von 1911. (Andere Nussknacker-Illustrationen sind die Zeichnungen oder farbigen Illustrationen von Carl Geissler (1840), Theodor Hosemann (1844), Maximilian Liebenwein (1909), Otto Bauriedl (1909), Emil Rudolf Weiß (1910), Carl Micklait (1909), Hans Volkert (1919), Artuš Scheiner (1924), Hanns von Krannhals (1948) und Jan Marcin Szancers (1959).) Richard Klement: Kinderlieder. Mit 7 farbigen Tafeln und zahlreichen Textillustrationen von Else Raydt. Verlag Attenkofer, Straubing 1916. Theodor Krausbauer: Auch ein Heimatbuch. Mit Bildern von Else Raydt. Verlag von Julius Klinkhardt, Leipzig 1913.Literatur in: Zoologischer Beobachter, Der Zoologische Garten. Zeitschrift für Biologie, Pflege und Zucht der Tiere. Nr. 2, Februar 2014, Verlag von Mahlau und Waldschmidt, Frankfurt a. M. 1914, S. 64. Jakob Loewenberg: Bittegrün. Ein Kinderbuch. Mit Illustrationen von Else Raydt. Verlag Julius Klinkhardt, Leipzig 1913. Heinrich Moser (Hrsg.): Frühlicht. Band 8: Unterwegs. (gesamt 9 Bände mit farb Illustr. von Else Raydt, F. Müller-Münster, Paul Kammüller, Burkhard Mangold, Rudolf Münger, Hans Witzig, Theodor Barth, Eduard Stiefel, Gertrud Pfeiffer-Kohrt). Mit teils ganzseitigen und farbigen Illustrationen von Else Raydt. Verein für Verbreitung guter Schriften, Verlag Ensslin & Laiblin, Zürich / Reutlingen, 1921. Josephine Siebe: Meister Schnupphase und seine Freunde. Eine fröhliche Kindergeschichte. Mit 4 farbigen Tafeln und zahlreichen Textbildern von Else Raydt. Verlag Levy & Müller, Stuttgart, 1915, 1925 und 1930. Richard von Volkmann-Leander: Goldtöchterchen und andere Märchen. Mit Bildern von E. Raydt und Ernst Liebermann. Lehrervereinigung für Kunstpflege, e. V. Berlin (Hrsg.) Enßlin & Laiblin Verlag, Reutlingen, 1921, 1927, 1931.
Ausstellungen (Auswahl) 1905: Ausstellung für gesundheitliche und künstlerische Kleidung im königlichen Landesgewerbemuseum, Stuttgart. 1906: Ausstellung der Bilder Erfüllung, Über die Heide, Spätsommer, Blühende Heide und Gärtchen im Württembergischen Kunstverein StuttgartDigitalisat in: Die Werkstatt der Kunst: Organ für d. Interessen d. bildenden Künstler — 5.1905/1906, S. 211.