mini|Cross Bones von außen, 2014 mini|Blick in das Innere der heutigen Gedenkstätte Cross Bones ist ein aufgegebener Londoner Friedhof aus der Frühen Neuzeit. Er befindet sich am Redcross Way in Southwark. Die letzte Beisetzung fand 1853 statt, danach wurde er als Begräbnisort geschlossen. Mutmaßlich bis zu 15.000 Menschen fanden auf diesem Armenfriedhof ihre letzte Ruhe.

Geschichte Ursprünge mini|Der aufgegebene Friedhof von oben (Januar 2013)

Es wird angenommen, dass der Friedhof ursprünglich eine ungeweihte Grabstätte für Prostituierte war, auch als „single women“ umschrieben. Im Slang jener Tage wurden sie auch „Winchester Geese“ („… Gänse“) genannt, weil es der Bischof von Winchester war, welcher ihnen die gewerbsmäßige Prostitution in seinem Verwaltungsbezirk, dem Liberty of the Clink, erlaubte.Lovejoy, Bess (21. Oktober 2014). "The London Graveyard That's Become a Memorial for the City’s Seedier Past", Smithsonian.com. Das gesamte Gebiet lag außerhalb der Gerichtsbarkeit der City of London, was es ermöglichte, Bordelle und Theater zu betreiben, wie auch die uns heute so befremdlich erscheinende Massenunterhaltung des blutigen Bear- und Bullbaitings.R. Mikulski, R. (28. März 2007). "Cross Bones burial ground", Museum of London Archeology Service.Sarah Valente Kettler und Carol Trimble: The Amateur Historian’s Guide to Medieval and Tudor London, 1066-1600. Capital Books, S. 155, London Ab 1769 wurde Cross Bones zu einem Armenfriedhof der Pfarrgemeinde von St. Saviour’s.

In seiner A Survey of London von 1598 erwähnte John Stow einen „Single Woman’s churchyard“ in Southwark, nahe dem Gefängnis The Clink:

Erneute Erwähnung fand er 1795 in einer Geschichtsbeschreibung von St. Saviour’s, Southwark:

Der Antiquar William Taylor schrieb 1833: „There is an unconsecrated burial ground known as the Cross Bones at the corner of Redcross Street, formerly called the Single Woman's burial ground, which is said to have been used for this purpose.“ Ab 1769 wurde er als Armenfriedhof der St. Saviour Pfarrgemeinde genutzt. Man nimmt an, dass bis zu 15.000 Menschen hier beerdigt wurden.The Cross Bones Burial Ground, Redcross Way, Southwark, London. Museum of London, 1999, Seite vii, 4, 29.

In der Zeit des Commonwealth of England zwischen 1649 und 1660, als von den regierenden Puritanern jegliches „sündiges“ Leben auch auf der Bankside untersagt wurde, verfiel das Viertel, welches ab da nur noch „The Mint“ genannt wurde, vollends und selbst Polizisten patrouillierten aufgrund der Gewalt dort ungern und wenn dann nur zu zweit. Leichenräuber bedienten sich in späteren Jahren auf dem Friedhof, um u. a. an das nahe Guy’s Hospital anatomisches Untersuchungs-„Material“ zu liefern.

Schließung und Verkauf Der Friedhof wurde 1853 wegen „völliger Überbelegung“ („completely overcharged with dead“) für weitere Bestattungen geschlossen. Wie es hieß: aufgrund der „Unvereinbarkeit zur gebührenden Berücksichtigung der öffentlichen Gesundheit und des öffentlichen Anstands“.MoLAS monograph (1999). The Cross Bones Burial Ground, Redcross Way, Southwark, London. Museum of London, Seiten vii, 4, 29;At the Cross Bones graveyard you can almost hear the outcast dead squeaking and gibbering, in The Independent vom 14. März 2006.

Der in Southwark bekannte Autor John Constable schreibt, dass das Land 1883 als Baugrundstück veräußert wurde und Reginald Brabazon, der 12. Earl of Meath, hiergegen in der Zeitung The Times Einspruch erhob. Er nannte es „Entweihung“.„Cross Bones graveyard“, Lord Brabazon, Letter to the Editor, in The Times vom 10. November 1883. Constable schrieb weiter, dass der Friedhof anschließend unter das Gesetz namens „Disused Burial Grounds Act“ von 1884 fiel und der Verkauf annulliert wurde. Weitere Begehrlichkeiten dieses Grundstück zu verwerten, wie auch seine kurze Nutzung als Kirmesplatz, stießen auf den regelmäßigen Widerstand der Anwohner. So verblieb der ehemalige Friedhof als Brache, während um ihn herum die Häuser, wie auch die ganze Stadt, in die Höhe wuchsen.

Ausgrabungen mini|Plakette am Tor, gestiftet vom Southwark Council 1990 sollte die Londoner U-Bahn-Linie Jubilee Line verlängert werden und auch unter dem Friedhof geführt werden. So wurden zwischen 1991 und 1998 vom Museum of London Archaeology Service (MoLAS) auf dem Gelände archäologische Ausgrabungen betrieben. Das Southwark Council berichtet, dass die Archäologen stark überbelegte Gräber vorfanden, worin die Leichen regelrecht aufeinander gestapelt wurden. Untersuchungen zeigten, dass die Bestatteten zuvor an Pocken, Tuberkulose, Paget-Syndrom, Arthrose und Vitamin D-Mangel litten.

Eine Grabung von 1992 legte 148 Gräber zutage, welche in die Zeit zwischen 1800 und 1853 datieren. Über ein Drittel waren Föten und Säuglinge im Alter ab der 22. Schwangerschaftswoche und 7 Tagen nachgeburtlich. Weitere 11 % waren nicht älter als ein Jahr. Die erwachsenen Leichen waren vornehmlich Frauen, etwa 36 Jahre und älter.

Gedenkstätte

Eine lokale Aktivistengruppe, „Friends of Cross Bones“ unter Beteiligung John Constables, setzte sich alsbald für eine Umgestaltung zu einem Garten des Gedenkens ein.John Constable: Secret Bankside: Walks In the Outlaw Borough. Oberon Books, S. 28–29, 80–81, 120–121, London 2007. Das Netzwerk arbeitete zwischen 2013 und 2018 eng mit dem „Bankside Open Spaces Trust“ zusammen und schuf und pflegt seitdem einen gemeinschaftlichen Garten um den ’outcast dead’, den ’verstoßenen Toten’, zu gedenken. Die Friedhofstore sind permanent mit einem wechselnden Besatz von Nachrichten, Bändern, Blumen und anderen Symbolen des Gedenkens geschmückt. Am frühen Abend eines jeden 23. des Monats gibt es eine kleine Gedenkfeier vor dem Tor des ehemaligen Friedhofs.

Cross Bones in den Medien Ab 1996 veröffentlichte John Constable Teile seines Romans The Southwark Mysteries, eine Serie von Gedichten und mystischen Theaterstücken. Diese wurden anlässlich der Millenniumfeiern zur Jahrtausendwende im Globe Theatre und in der Southwark Cathedral aufgeführt. Aufgrund des blasphemischen Inhalts wurden sie jedoch stark kritisiert.The Southwark Mysteries, Buchkritik der US-amerikanischen Literaturwebseite Goodreads vom 8. Mai 2009 (der darin vollständig zitierte Artikel aus dem Sunday Telegraph datiert vom 14. Mai 2000)

Das Interesse, das Constable mit diesem Buch erweckte, führte zu dem Cross Bones Halloween Festival, welches 1998 jedes Jahr mit Prozession, Kerzen und Liedern stattfindet.

2004 schrieb der Londoner Autor und Poet Frank Molloy den Vers Big Daves Gusset über eine Beerdigung auf Cross Bones.Der Titel bezieht sich hier auf ein Graffiti der angrenzenden Mauer eines ausgebrannten Schuppens und soll eine von U-Bahnarbeitern erstellte scherzhafte Anspielung auf die Unterhosen eines an der Jubilee Line beteiligten Ingenieurs namens Dave Gusset sein. Information zu dem Graffiti Es wurde in seinem Buch Soul City Wandering von 2020 veröffentlicht.

Im August 2019 veröffentlichte der englische Singer-Songwriter Frank Turner ein Lied über Cross Bones mit dem Namen The Graveyard of the Outcast Dead. Es erschien auf seinem Album No Man’s Land. Zusätzlich gibt es im Podcast des Sängers, Frank Turner’s Tales From No Man’s Land, eine Episode zur Geschichte dieses Friedhofs.

Im selben Jahr schrieb sein Künstlerkollege Reg Meuross den Folksong The Crossbones Graveyard, welcher Bestandteil seines Albums RAW wurde.

Weblinks

Website des Cross Bones Unterstützervereins Audio slideshow: Cross Bones in BBC News vom 31. Oktober 2010 Video zu Cross Bones, auf YouTube, 4:48 Minuten

Literatur Megan Brickley; Adrian Miles und Hilary Stainer: The Cross Bones Burial Ground, Redcross Way, Southwark, London. Museum of London Archeology Service, London 1999 A. R. Ogden; R. Pinhasi, und W. J. White: Gross enamel hypoplasia in molars from sub-adults in a 16th–18th century London graveyard in American Journal of Physical Anthropology, 2007 F. Tucker (8. November 2007). Kill or Cure? The osteological evidence of the mercury treatment of syphilis in 17th to 19th-century London in London Archaeologist. 11(8), S. 220–224.

Einzelnachweise

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