Das Kleinkastell el-Quweira befindet sich rund 16 Kilometer südlich des Reiterkastells Hauara (El-Humayma), direkt östlich des heutigen gleichnamigen Dorfes. Die in der Provinz Arabia gegründete und während der Regierungszeit des Kaisers Diokletian (284–305) der neugegründeten Provinz Palaestina Tertia zugeschlagene kleine spätantike Fortifikation ist heute größtenteils verschüttet und weitgehend dem modernen Steinraub zum Opfer gefallen. Sie wurde unter anderem während der britischen Mandatszeit unmittelbar westlich des Kastells für die Errichtung eines Polizeipostens zu bedeutenden Teilen aus dem antiken Baumaterial errichtet. Neben der kleinen römischen Befestigung befindet sich ein großes Wasserreservoir. Rund dreißig Meter südsüdöstlich, auf einem über 30 Meter hohen Felsvorsprung, dominiert zusätzlich ein Wachturm den Fundplatz. Das nahe Umland ist topographisch relativ flach ausgeprägt und ermöglicht so einen umfassenden Fernblick.David L. Kennedy: The Roman Army in Jordan. Council for British Research in the Levant, Henry Ling, London 2004, ISBN 0-9539102-1-0, S. 198–199; hier: S. 198. El-Quweira befindet sich an der Via Traiana Nova im Gouvernement Aqaba im Süden von Jordanien.
Lage Die zum Grenzschutz abkommandierten militärischen Verbände der römischen Streitkräfte kontrollierten an den Außenposten des Reiches Stammesbewegungen insbesondere entlang der wichtigen Migrationsrouten, da den örtlichen Grenzschutzkommandeuren das zyklische Muster des Nomadenlebens bewusst war. Die Nomadenstämme tendierten dazu, den von der Natur vorgegebenen Wegen und Trassen wie insbesondere den Wadis zu folgen, weshalb gerade dort Militärposten entstanden, wobei die fest stationierten Einheiten auch mittels berittener Patrouillendienste Überwachungsarbeit leisteten.Samuel Thomas Parker: Romans and Saracens. A History of the Arabian Frontier. (= Dissertation Series/American Schools of Oriental Research 6), Eisenbrauns, Winona Lake 1986, ISBN 0-89757-106-1, S. 9.
Der österreich-ungarische Orientalist Alois Musil (1868–1944) stellte fest, dass das kleine Kastell seinen modernen Namen von dem nahen, südöstlich gelegenen und inselförmig aufragenden Sandsteinhügel des Jebel Quweira beziehungsweise Kwêra erhalten hat. „Kwêra“ ist das Diminutiv von „kâra“, was „isolierter Tafelhügel“ bedeutet. Der deutsche Theologe Albrecht Alt (1883–1956) erwähnte in seinem Reisebericht auch eine Quelle, die am westlichen Fuß des Jebel Quweira entspringt.Albrecht Alt: Studien aus dem Deutschen evang. Institut für Altertumswissenschaft in Jerusalem. 46: Der südliche Endabschnitt der römischen Straße von Bostra nach Aila. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins 59, Heft 1/2, 1936, S. 92–111; hier: S. 96. Die Befestigung beherrsche große Teile der umliegenden Wüste Hisma. Im Südosten ragt über niedrige Kuppen hinweg die dunkle Spitze des Umm ’Asrin hervor. Im Osten sind der aus drei Hügeln bestehende 1637 Meter hohe Jebel al-Muharrak sowie dahinter der 1273 Meter hohe Jebel al-Ḩarad zu erkennen. Im Nordosten befinden sich der al-Musrak und der 1272 Meter hohe Jebel al-Hafir. Mit dem beherrschenden Kastell Hauara im Norden bestand Sichtverbindung.John Peter Oleson: The Modular Planning of Roman Fortifications in the Near East. Principles and Process. In: Walter D. Ward: The Socio-economic History and Material Culture of the Roman and Byzantine Near East. Essays in Honor of S. Thomas Parker (= Gorgias Studies in Classical and Late Antiquity 22), Gorgias Press, Piscataway, New Jersey 2017, ISBN 978-1-4632-0701-4, S. 237–272; hier: S. 243.
Im Großraum von el-Quweira findet sich lediglich eine wichtige tektonische Verwerfungslinie. Sie streicht von Nordwesten nach Südosten und bildet eine Achse zwischen el-Mudawwara im Gouvernement Ma'an und el-Quweira sowie der Ras en-Naqab-Schichtstufe.Mohammed Abu-Safat: Verwitterung und Hangabtragung im „Nubischen Sandstein“ Südjordaniens. In: Mitteilungen der Fränkischen Geographischen Gesellschaft 33/34, 1986/1987, S. 129–256; hier: S. 147.
Zwischen el-Quweira und dem Ras en-Naqab dehnt sich eine Sandstein-Wüste aus. Diese wird insbesondere nördlich und nordöstlich von el-Quweira durch stark erodierten weißen Sandstein dominiert, der sich teilweise auch durch steile Erhebungen charakterisiert. Diese Erhebungen werden von Zwergstrauchformationen bewachsen, wobei die Arten Artemisia monosperma und Echiochilon fruticosum vorherrschend sind. Die Alluvialböden der Hangterrassen im Hangfußbereich bestehen aus sandigem Lehm, den der Dornstrauch Zilla spinosa besiedelt. Weitere Pflanzen gehören zu den Chamaephyten, Hemikryptophyten und Therophyten.Roland Albert, Bibiane Petutschnig, Margarete Watzka: Zur Vegetation und Flora Jordaniens. In: Denisia 14 (= Kataloge der oberösterreichischen Landesmuseen. Neue Serie 2), 2004, S. 133–220; hier: S. 178 ().
Die jährlichen Niederschläge in el-Quweira lagen im Beobachtungszeitraum von 1966 bis 1983 im Mittel bei 58 Millimetern, die Maximalwerte wurden mit 129 Millimetern angegeben, die Minimalwerte betrugen 17 Millimeter.Mohammed Abu-Safat: Verwitterung und Hangabtragung im „Nubischen Sandstein“ Südjordaniens. In: Mitteilungen der Fränkischen Geographischen Gesellschaft 33/34, 1986/1987, S. 129–256; hier: S. 250.
Forschungsgeschichte Ein früher Besucher der Ruinenstätte war Musil, der den Ort am 16. April 1898 sowie am 4. Juni 1910 besuchte und seine Eindrücke 1907 beziehungsweise 1926 veröffentlichte. Musil erkannte das Bauwerk richtigerweise als eine römische Befestigung und konnte berichten, dass 1908 westlich des Kleinkastells ein Telegraphen- und Postamt errichtet wurde. Solange das Haus nicht fertiggestellt war, arbeiteten der zuständige Beamte und seine Gehilfen unter Zeltplanen im Innenhof der Fortifikation. Hierzu war rund ein Drittel des Kastells von Trümmern befreit worden und einige der an den Hof angrenzenden Räume zur vorübergehenden Nutzung während der Regenzeit hergerichtet worden.Alois Musil: The Northern Hěĝaz. A Topographical Itinerary (= Oriental Explorations and Studies 1), American Geographical Society, New York 1926, S. 62–64; hier: S. 62. Neben Musils Beschreibung der Fortifikation berichtete dieser 1898 auch von dem Brauch der Einheimischen, die Leichen ihrer Verstorbenen im Schutt der Räume zu verscharren, die den Innenhof begrenzen. Dadurch sei das ganze Kastell durchwühlt.Alois Musil: Arabia Petraea, Band 2, Edom, Hölder, Wien 1907, S. 265.
Nach Musil kamen weitere Wissenschaftler, darunter am 9. April 1934 der amerikanische Biblische Archäologe Nelson Glueck (1900–1971), nach el-Quweira. Glueck ging davon aus, in der Ruine eine Karawanserei zu sehen, die jüngeren Datums sei, aber in der Nachfolge einer römischen Vorgängerbebauung stehe.Nelson Glueck: Explorations in Eastern Palestine II (= The Annual of the American Schools of Oriental Research 15), (1934–1935), S. 57–58; hier: S. 57. Auch Alt fand Gluecks Theorie naheliegend, wollte sie aber erst durch eine Ausgrabung bestätigt sehen.Albrecht Alt: Studien aus dem Deutschen evang. Institut für Altertumswissenschaft in Jerusalem. 46: Der südliche Endabschnitt der römischen Straße von Bostra nach Aila. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins 59, Heft 1/2, 1936, S. 92–111; hier: S. 98. Bereits bevor Alt seine im Herbst 1935 während einer AutofahrtAlbrecht Alt: Studien aus dem Deutschen evang. Institut für Altertumswissenschaft in Jerusalem. 46: Der südliche Endabschnitt der römischen Straße von Bostra nach Aila. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins 59, Heft 1/2, 1936, S. 92–111; hier: S. 93. gesammelten Eindrücke 1936 veröffentlichte, waren die Baureste stark beschädigt worden.Albrecht Alt: Studien aus dem Deutschen evang. Institut für Altertumswissenschaft in Jerusalem. 46: Der südliche Endabschnitt der römischen Straße von Bostra nach Aila. In: Zeitschrift des Deutschen Palästina-Vereins 59, Heft 1/2, 1936, S. 92–111; hier: S. 96–98. Im Jahr 1976 nahm der amerikanische Provinzialrömische Archäologe Samuel Thomas Parker mit seinem Limes-Arabicus-Survey-Project eine systematische Feldbegehung vor.Samuel Thomas Parker: Archaeological Survey of the „Limes Arabicus“: A Preliminary Report. In: Annual of the Department of Antiquities of Jordan 21, 1976, S. 25. Es fanden jedoch zu keinem Zeitpunkt weiterführende Untersuchungen, geschweige denn wissenschaftliche Ausgrabungen statt. Dies änderte sich erst 1989, als der Orientalist und Historiker David F. Graf von der University of Miami kleine Grabungsschnitte im Kastellinneren anlegte. Graf stellte fest, dass die Anlage seit Musils Besuch stark verfallen war. Bei Grafs Sondagen wurden dennoch erhalten gebliebene obere Bereiche einiger überwölbter Türöffnungen freigelegt. Das war ein Hinweis auf einen trotz allem untersuchenswerten Erhaltungszustand der Fortifikation. Neben der Nutzung des Baumaterials aus dem Kleinkastell für den Bau der Polizeiwache während der Mandatszeit fanden auch um 1980 weitere Zerstörungen durch den modernen Straßenbau statt.
Durch den stetig wachsenden Ausbau der inzwischen bis an den Rand des Kleinkastells gewachsenen Siedlung von el-Quweira sind die antiken Kulturgüter, darunter der unbekannte Vicus (Lagerdorf) sowie das gleichfalls nicht bekannte Militärbad einer stetig wachsenden Bedrohung durch eine vollständige Zerstörung ausgesetzt. Die jordanische Regierung unterstützt die Entwicklung el-Quweiras durch Bau und die Inbetriebnahme eines ab 2018 durch den Abu-Dhabi-Entwicklungsfonds (ADFD) mit 150 Millionen US-Dollar gestützten SolarparksAbu Dhabi Fund for Development finances USD150 million Quweira Solar Power Plant in Jordan, 26. April 2018 sowie durch die von der Aqaba Special Economic Zone Authority (ASEZA) geförderte Investition in den regionalen Ökotourismus, der einer zahlenden Kundschaft die Besonderheiten der örtlichen Wüstenlandschaft erschließt.Invest In Aqaba: Quweira Ecotourism Zone Kapital für einen Kulturtourismus in el-Quweira, der sich dem antiken Erbe verpflichtet und Ausgrabungen unterstützt, blieb bisher jedoch aus.
Baugeschichte Der Ort konnte bisher mit keinem der in den erhaltenen antiken Dokumenten genannten Garnisonsorte unwidersprochen in Übereinstimmung gebracht werden. Innerhalb der späteren römischen Fortifikation wurden eine frühe nabatäische Inschrift sowie nabatäische Keramikfragmente entdeckt, die auf eine vorrömische Besiedlung des Areals hindeuten. Die dort geborgene Oberflächenkeramik sowie die keramischen Funde und Münzen, die während der 1989 angelegten Sondagen zutage kamen, legen jedoch nahe, die kleine Befestigung im Grundsatz als eine römische Gründung zu beschreiben.David L. Kennedy: The Roman Army in Jordan. Council for British Research in the Levant, Henry Ling, London 2004, ISBN 0-9539102-1-0, S. 198–199; hier: S. 199.