mini|alt=Dieses Foto schwarzweiß zeigt den deutsch-polnischer Filmregisseur, Drehbuchautor und Esperanto-SchriftstellerJan Fethke, Pseudonym Jean Forge und entstand 1931 als Porträt ab dem Brustkorb aufwärts in nachdenkliche Pose, also den Kopf leicht auf die Hand des linken angewinkelten Arms auf zwei Fingern gestützt und vor einer Schreibmaschine mit eingespannten Blatt sitzendt.|Jan Fethke alias Jean Forge (1931)Jan Fethke, Pseudonym Jean Forge, (* 26. Februar 1903 in Oppeln; † 16. Dezember 1980 in Berlin) war ein deutsch-polnischer Filmregisseur, Drehbuchautor und Esperanto-Schriftsteller.
Fethke arbeitete an über 50 Drehbüchern für die deutsche, polnische und französische Filmindustrie und führte Regie bei 12 Filmen. Die Drehbücher der bekannten Stummfilme „Mutter Krausens Fahrt ins Glück“ und „Jenseits der Straße“ schrieb er gemeinsam mit Willi Döll.
Leben
Familie Fethke war Sohn des deutschen Arztes Josef Fethke (1866–1919) und der polnischen Adligen Zofia Dorota Stumberg-Sychowska (1871–?). Er wuchs zweisprachig auf mit Polnisch und Deutsch. Fethke hatte zwei Brüder – Stefan und Edmund – und eine Schwester Hedwig.
Fethke war zweimal verheiratet. Seine erste Frau, die Französin Clotilde de Petry (geb. 1918) kam in Warschau während des Krieges ums Leben. 1951 heiratete er die Juristin Wanda Jurkiewicz (1924–2018).
Ausbildung und Studium Jan Fethke besuchte zunächst das altsprachliche Gymnasium in Oppeln. Nach dem Tod des Vaters zog die Familie nach Bromberg. 1923 und 1924 studierte er an der Technischen Hochschule Danzig und arbeitete für die örtliche Tageszeitung Danziger Presse,Gerd Bussing: Jean Forge: vivo kaj verko. In: La Brita Esperantisto, 2003, Nr. 955. um seinen Lebensunterhalt zu finanzieren.
Das „ungeliebte Ingenieurstudium“Jean Forge: Mia verda breviero. Fondumo Esperanto, Helsinki 1974,, ab S. 213 (autobiografische Notizen). trat mehr und mehr in den Hintergrund. Fethke las den Filmkurier und war mit Drehbuchschreiben beschäftigt. Auch schrieb er nach Veröffentlichung seines ersten Romans in Esperanto Abismoj einen zweiten Saltego trans jarmiloj. Er besuchte eine „Filmschule“ in Danzig, deren Unseriösität er aber durchschaute. Schließlich brach er das Ingenieurstudium ab, um sich seiner Filmkarriere zu widmen.
Filmisches Schaffen
Berliner Jahre 1924 ging Fethke nach Berlin.In einem Lebenslauf aus den 1940er Jahren gibt Fethke das so an. (Bundesarchiv). Rückblickend schrieb er:
Dem UFA-Regisseur Karl Grune (1885–1962) zeigte er sein Drehbuch. Der verfilmte es zwar nicht, erkannte aber Fethkes Talent und stellte ihn ein.
In Berlin wurde Jan Fethke Regieassistent und Drehbuchautor bei der UFA, unter anderem unter Fritz Lang.
Großen Erfolg hatten die Stummfilme Mutter Krausens Fahrt ins Glück und Jenseits der Straße, produziert von der Prometheus-AG. Die Drehbücher schrieb Fethke gemeinsam mit Willi Döll.
Otto Nagel, Käthe Kollwitz und Hans Baluschek begleiteten die Entstehung der Mutter Krause nach Motiven von Heinrich Zille und mit der Musik von Pau Dessau.
Fethke war gefragt, vielbeschäftigt und oft auf Reisen. Er schrieb Drehbücher, war journalistisch für Filmzeitschriften tätig und gab Esperanto-Kurse nach der Cseh-Methode.
Fethke wollte auch Filme in Esperanto machen. Er synchronisierte den Film Morgen beginnt das Leben von Werner Hochbaum auf Esperanto und zeigte ihn unter dem Titel Morgaŭ ni komencos la vivon auf dem 26. Welt-Esperanto-Kongress 1934 in Stockholm.
Zum Esperanto-Weltkongress 1959 in Warschau drehte er dann den Film Verda stelo super Varsovio (Der grüne Stern über Warschau) original in Esperanto.
Drehbuchautor und Regisseur in Polen Nach 1933 erbrachte er zwar den Ariernachweis und wurde in die Reichsschrifttumskammer aufgenommen, fühlte sich aber nicht sicher und ging 1935 nach Polen. Er beantragte die polnische Staatsbürgerschaft und lebte jetzt in Warschau, wo er als Skriptbearbeiter und Buchautor für polnische Produktionsfirmen tätig war.
Er arbeitete für bekannte polnische Regisseure, z. B. Mieczysław Krawicz und Michał Waszyński. Es entstanden Filme verschiedener Genres. Regie führte er erstmals gemeinsam mit Konrad Tom 1938 bei der Komödie Zapomniana melodia (Die vergessene Melodie) mit dem damaligen Idol des polnischen Films, dem Schauspieler Aleksander Żabczyński.
Mit Kriegsbeginn wurde er als Deutscher in Polen im Lager Beresa Kartuska interniert. Die fünfjährige Prozedur zur Erlangung der polnischen Staatsbürgerschaft war durch den Beginn des Krieges unterbrochen worden. Nach 20 Tagen durch die sowjetische Armee befreit, musste er sich um seine von den Deutschen verhafteten Brüder kümmern. Dann konnte er in Prag für die Bavaria den Kinderfilm Bravo kleiner Thomas (1944) drehen, wurde 1944 nach einer Denunziation wegen Abhörens feindlicher Sender von der Gestapo verhaftet und zu 4 Jahren Schwerarbeit verurteilt. Er kam nach Waldheim. Nach der Befreiung wieder in Prag, wurde er von den Tschechen verhaftet, kam aber auf Initiative der Polnischen Botschaft frei. In Polen wurde er denunziert und erneut verhaftet. Es meldeten sich aber 30 Zeugen – Polen und Juden, die beim Prozess aussagen, er habe ihnen geholfen, so dass er freigelassen wurde und im Nachkriegspolen wieder Filme machen konnte.Halina Gorecka, Alexander Korschenkov: Jean Forge (1903-1980). In: Nia diligenta kolegaro – Biografioj de 200 eminentaj esperantistoj. Sezonoj, Kaliningrad. Litova Esperanto-Asocio, Kaunas 2018, S. 93–95.
Ab 1946 lebte er in Łódź. Er schrieb die Drehbücher für die Filme Verbotene Lieder (1946) und Grenzstraße (1948). 1949 nahm er die polnische Staatsangehörigkeit an. Als Drehbuchautor und Regisseur spielte er eine bedeutende Rolle im polnischen Filmschaffen der 1950er und 1960er Jahre.
Unter Fethkes Regie entstanden zum Beispiel der Marinefilm Junge Matrosen (Polen 1952) und die humorvolle Ehekomödie Irene, bleib zu Hause (Polen 1955). Gemeinsam mit Jan Rybkowski führte er Regie bei dem Film Das sollte man regeln (Polen 1953) über den Umgang mit einem Bürokraten.
Nach Fethkes Drehbuch wurde unter der Regie von Jerzy Passendorfer der Abenteuerfilm Der Schatz des Kapitäns Martens (Polen 1957) gedreht und nach einem gemeinsamen Drehbuch von Jan Fethke, Václav Jelinek und Jaroslav Mach unter der Regie von Jaroslav Mach der Unterhaltungsfilm Was sagt meine Frau dazu? (CSR, Polen 1958).
Ein internationaler Erfolg wurde Der schweigende Stern (DDR, Polen 1960) nach dem Roman Die Astronauten/Planet des Todes von Stanisław Lem. Regie führte Kurt Maetzig. Das Drehbuch schrieben Jan Fethke, Wolfgang Kohlhaase, Günter Reisch, Günther Rücker und Alexander Graf Stenbock-Fermor.
Wieder in Berlin Jetzt ist Fethke öfter in Berlin. Er nimmt Kontakt auf zu dem Filmproduzenten Artur Brauner und trifft auch Fritz Lang wieder, der seinen Film Die 1000 Augen des Dr Mabuse (BR Deutschland, Italien, Frankreich 1960) nach einer Idee aus Fethkes Esperanto-Roman Mr. Tot kauft 1000 Augen von 1931 dreht. Fethke besucht die Premiere 1961 in Westberlin und bleibt dort, um fortan freiberuflich für Film und Fernsehen zu arbeiten. In dem Interview mit Gero Gandert erklärte er in den 1970er Jahren:
Seine Frau Wanda, die nach Studienabschluss in ihrem Beruf als Juristin nicht tätig war, weil sie die Karriere ihres Mannes unterstützte, blieb vorerst in Polen bei ihrem Vater und betrieb einen Kosmetiksalon. Nach drei Jahren wurde ihre Übersiedlung nach Westberlin genehmigt.
Journalistische Tätigkeit Neben seinem filmischen Schaffen schrieb Fethke Beiträge für Fachzeitschriften in Berlin, Warschau und Paris, beispielsweise für die französischen Filmzeitschriften Mon Ciné und Film complet, einer Sammlung von Filmfotos, herausgegeben von den Brüdern Offenstadt. Beide Zeitschriften belieferte er mit Bildmaterial aus deutschen Studios.Gero Gandert: Interview mit Jan Fethke. Film-Museum Berlin, Sammlungen Schallarchiv ca. 1974–1976, Kassetten Nr. 12 a (45min), 12 b (45 min), 44 a, 44 b.
Auch in der Esperanto-Zeitschrift Literatura Mondo (Literarische Welt) finden sich neben Beiträgen Fethkes zur Esperanto-Kultur originelle Artikel aus der Welt des Films, z. B. ein nächtliches Interview neben dem Zirkus Busch mit Betty Amann vor dem Dreh einer Szene mit Heinrich George, ein Bericht über Dreharbeiten zum Film FP 1 antwortet nicht auf der Insel Oie bei Rügen u. a. mit Hans Albers und Sybille Schmitz und ein Gespräch mit Conrad Veith und Charles Boyer in Neubabelsberg.
Esperanto-Schriftsteller, -Lehrer und -Journalist Neben dem Film war die internationale Sprache Esperanto die zweite Leidenschaft Jan Fethkes.
1919 lernte Jan Fethke, wie seine Brüder Stefan und Edmund, die internationale Sprache Esperanto. Gemeinsam mit seinen Brüdern gab er zwei Nummern der 8-seitigen Esperanto-Zeitschrift Juneco (Jugend) heraus und leitete in seinem Gymnasium seinen ersten Esperanto-Kurs, an dem auch der Rektor und einige Lehrer teilnahmen. Später unterrichtete er als Esperanto-Lehrer nach der Cseh-Methode, beispielsweise sehr erfolgreich 1932 in Schweden und auch noch in den 1960er und 1970er Jahren in Westberlin.
1922 wurde er Redakteur der Zeitschrift Esperanto Triumfonta (etwa: Esperanto auf dem Weg zum Triumph). Er synchronisiert den Film Morgen beginnt das Leben von Werner Hochbaum auf Esperanto und zeigt ihn unter dem Titel Morgaŭ ni komencos la vivon auf dem 26. Welt-Esperanto-Kongress 1934 in Stockholm.Ferenc Szilágyi: Forge, Jean. In: Enciklopedio de Esperanto, Literatura Mondo,, Budapest 1933, S. 142–143.
Schon im Alter von 18 Jahren schrieb Jan Fethke seinen ersten deutschsprachigen Kriminalroman Der ausgestopfte Papagei.
Ab 1923 erscheinen seine auf Esperanto verfassten Romane, die er unter dem Pseudonym Jean Forge veröffentlichte: Abismoj (Abgründe) erscheint 1923,
„In diesem Werk verflechten sich die menschliche Psyche und die äußere Realität und werden auf expressionistische Weise präsentiert“, erläutert der schwedische Esperanto-Schriftsteller Sten Johansson und urteilt: „Abismoj ist definitiv auch noch heute lesenswert, nicht nur aus historischem Interesse, sondern auch um die lebhafte, natürlich beeindruckende Sprache und den erfolgreichen, die Aufmerksamkeit fesselnden Aufbau des Romans zu erleben.“Sten Johansson: Viva, vigla klasikaĵo. Rezension. Esperanto.net
Saltego trans jarmiloj (Sprung über Jahrtausende) erschien 1924. Dieser zweite Roman, den Fethke original in Esperanto schrieb, erzählt eine Zeitreise in das Rom des Kaisers Nero. In der Rahmenhandlung verunglückt der die Geschichte erzählende autobegeisterte Schriftsteller und wird im Haus des Erfinders Fromaĝi gesund gepflegt. An der Zeitreise beteiligt sich neben den beiden der klassische Philologe Sovaĝi.Jean Forge: Saltego trans jarmiloj. Hirt & Sohn, Leipzig 1924. 192 S.
Sten Johansson hält in seiner Rezension fest, dass es „sehr wenige kulturhistorische Informationen gibt, aber um so mehr amüsante Ereignisse, turbulente Zwischenfälle, komische Situationen und ironische Überraschungen.“ Er meint: „Wenn man ein seriöses Thema in dieser Kette possenhafter Geschehnisse sucht, könnte das die Art und Weise sein, wie unterschiedlich Menschen auf kulturelle Wandlungen und kulturelle Unterschiede reagieren – mit Unverständnis, Entrüstung, Toleranz und letztlich mit Anpassung. Das wäre ein heute sehr aktuelles Thema.“
Johansson zeigt sich nicht nur angetan vom Unterhaltungswert und der Sprache des Romans. Er schwärmt: „Ich schätze den Stil und die Erzählweise von Forge in diesem Werk. Sie ist leger, fließend, humorvoll. Man kann sich leicht vorstellen, dass er es lachend verfasst hat. Obwohl das Genre und die Hauptintrige schon viele Male benutzt wurden, fand er eigene originelle Ideen und Details. Die Personen sind verständlicherweise nur eine Galerie von Typen, dennoch scheinen sie relativ erfolgreich zu sein in ihrer Art.“Sten Johansson: Tempo-saltoj sukcesaj. Rezension. Esperanto.net