Critical Race Theory ( für kritische „Rassen“-Theorie), kurz CRT, wird eine Bewegung und Sammlung von Theorieansätzen, insbesondere aus der US-amerikanischen Rechtswissenschaft, genannt, die sich mit dem Zusammenhang zwischen Rasse (race), Rassismus und dessen Verankerung in – insbesondere rechtlichen – Strukturen befasst und diese kritisiert. In der amerikanischen Öffentlichkeit und Politik hat sich um CRT, bzw. um Konzepte, die fälschlich der CRT zugeordnet werden, eine intensive Debatte entwickelt, in der Critical Race Theory zum Kampfbegriff geworden ist.

Geschichte alternativtext=Porträt|mini|Kimberlé Crenshaw gilt als eine Begründerin der CRT Critical Race Theory wurde in den 1970er-Jahren zunächst von Anwälten, Aktivisten und Rechtswissenschaftlern in den USA entwickelt, die in Anbetracht der unzureichenden Fortschritte nach den anfänglichen Erfolgen der Bürgerrechtsbewegung nach neuen Theorien und Strategien suchten. Eine Gruppe um Autoren wie Derrick Bell, Alan Freeman, Kimberlé Crenshaw und Richard Delgado veranstaltete 1989 ihre erste Konferenz und nachfolgend weitere Treffen und Veranstaltungen. Viele der Professoren, die an der ersten Konferenz teilnahmen, lehrten an überwiegend weißen Law Schools und viele von ihnen waren an den entsprechenden Institutionen die ersten Fakultätsmitglieder, die nicht weiß waren. Einen starken Einfluss auf die CRT übten die Critical Legal Studies und linke Bewegungen innerhalb der Rechtswissenschaft aus, wobei aber von Vertretern der CRT (häufig Crits genannt) bemängelt wurde, dass die Critical Legal Studies wegen ihres Fokus auf Klassen nicht geeignet seien, Rassismus zu analysieren. Heute gibt es an den meisten Elite-Law-Schools CRT-Vertreter und Konferenzen zu Critical Race Theory. Es haben sich auch neue Subdisziplinen wie LatCrit (mit Schwerpunkt auf Latinos) gebildet. Auch AsianCrit mit Bezug auf Asian Americans ist im Entstehen. In jüngerer Vergangenheit konzentrierten sich ClassCrits erneut verstärkt auf materielle und ökonomische Faktoren sowie den Zusammenhang von race und Klasse. Mit der Erweiterung des inhaltlichen Fokus erweiterte sich auch der geographische Fokus, der sich zuvor stark auf die Vereinigten Staaten konzentriert hatte. Critical Race Theory diffundierte in andere akademische Disziplinen, etwa in die Erziehungswissenschaft, Soziologie oder in die Philosophie, wo entsprechende Ansätze unter dem Begriff Critical Philosophy of Race gefasst werden.

Grundannahmen Eine Vielzahl unterschiedlicher Ansätze fällt unter den Überbegriff Critical Race Theory. CRT ist interdisziplinär angelegt und baut u. a. auf Erkenntnissen des Liberalismus, des Poststrukturalismus, des Feminismus, des Marxismus, der Critical Legal Studies, des Postmodernismus und des Pragmatismus auf. Trotz der Vielzahl unterschiedlicher Ansätze und Sichtweisen lassen sich einige Grundannahmen identifizieren, die von den meisten Theoretikern geteilt werden:

race ist sozial konstruiert CRT geht davon aus, dass race sozial konstruiert und keine biologische Kategorie sei. Das Recht trage zur Entstehung und Aufrechterhaltung von race bei, etwa durch die Klassifizierung von Menschen in Kategorien wie „Schwarz“ oder „Weiß“. Auch wenn race keine biologische oder naturwissenschaftliche Kategorie sei, habe die entsprechende Kategorisierung weitreichende Folgen für die Gesellschaft. Fragen, die in der CRT behandelt (und von unterschiedlichen Theoretikern jeweils unterschiedlich beantwortet) werden, sind zum Beispiel, wie genau durch das Recht race hervorgebracht wird, wie durch das Recht Rassismus verteidigt wurde oder wie das Recht zur Reproduktion von Ungleichheit beitrage. Als Beispiele für die Bedeutung von Recht und Gerichten für die Konstruktion von race werden Gerichtsprozesse herangeführt, in denen explizit über die race von Individuen entschieden wurde, etwa wenn Sklaven vor Gericht feststellen lassen wollten, dass sie weiß seien und somit fälschlicher- und illegalerweise versklavt worden seien. In der Gegenwart seien beispielsweise Immigrationsgesetze an der Konstruktion von race beteiligt.

Struktureller Rassismus ist Teil der gesellschaftlichen Normalität Rassismus wird in der Theoriebildung der CRT nicht als Ausnahme, sondern als Norm betrachtet, die tief in gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen verankert sei und die People of Color regelmäßig erführen. Weil Rassismus die Interessen von weißen Eliten (materiell) und weißen Angehörigen der Arbeiterklasse (psychologisch) voranbringe, gebe es wenig Interesse an seiner Beseitigung seitens Weißer. Im Umkehrschluss entstünden Fortschritte bei der rechtlichen Gleichbehandlung nur, wenn die Interessen von Schwarzen mit den Interessen von Weißen, zum Beispiel durch eine veränderte sozioökonomische Situation, übereinstimmten (interest convergence). Die ungleiche Verteilung von Reichtum, Macht und Ansehen in den USA lasse sich nicht alleine durch unterschiedliche Leistungen der entsprechenden Gruppen erklären. Rassismus wird entsprechend nicht primär als falsches Handeln oder Denken von Individuen betrachtet und analysiert, sondern auf der Ebene von gesellschaftlichen Strukturen und Institutionen. Deshalb vertreten Critical Race Theorists auch die präskriptive Annahme, dass Systeme, die zur Unterdrückung von People of Color beitragen, benannt und bekämpft werden müssen.

Wissenschaft kann und soll in Bezug auf Rassismus nicht neutral sein In der Tradition der Kritischen Theorie sieht sich die CRT auch als Theorie sozialen Wandels. Als kritische Theorie versteht sich die CRT aber auch deshalb, weil sie die eigene Einbettung in rassistische Strukturen zu reflektieren versucht und die Norm wissenschaftlicher Neutralität als unerreichbar und nicht erstrebenswert verwirft. CRT geht davon aus, dass Wissen stets politisch sei und dass Forschung, die race ignoriert, weder objektiv noch neutral sei, sondern selbst durch diese Auslassung Position beziehe.

Intersektionalität Ein weiterer Fokus der CRT liegt auf Intersektionalität, einem Konzept, das von einer frühen Vertreterin der Disziplin Kimberlé Crenshaw geprägt wurde. Es verweist darauf, dass Identitäten jeweils vielschichtig seien und dass dementsprechend unterschiedliche Menschen in unterschiedlichen Situationen unterschiedliche Diskriminierungserfahrungen machten. Rassismus wird deshalb im Zusammenwirken mit anderen Diskriminierungsformen wie Sexismus oder Klassismus betrachtet. Dass die Zuordnung zu bestimmten Gruppen selbst willkürlich erscheine und Fragen nach der Privilegierung bestimmter Kategorien („Ist Geschlecht oder race wichtiger?“) werden dabei selbst zum Gegenstand der Analyse in der CRT.

Kritik am Liberalismus Die Kritik der CRT an einem liberalen Rechtsverständnis richtet sich vor allem gegen dessen Glauben an neutrale Prozesse und die Doktrin formaler Gleichheit. Die Vorstellung von Neutralität und Objektivität wird nicht nur als unerreichbar verworfen, sondern sogar als schädlich bezeichnet, weil sie die dem Rechtssystem und der amerikanischen Gesellschaft inhärente Bevorzugung von Weißsein verschleiere. Die „Farbenblindheit“ vieler liberaler Theoretiker, die davon ausgehen, dass die Justiz race nicht berücksichtigen solle, kritisieren Vertreter der CRT als unzureichend, um Rassismus, der nicht offensichtlich ist, zu bekämpfen. Die liberale Konzentration auf Rechte und Gesetze erlaube es zudem nicht, nachhaltig Ungerechtigkeit zu bekämpfen, weil trotz ungleicher Ausgangsbedingungen nur auf Chancengleichheit, aber nicht auf ähnliche Ergebnisse verschiedener races geachtet werde. Es reiche nicht, den Fokus auf abstrakte Vorstellungen von Individuen zu legen, sondern der soziale und historische Kontext müsse in die Analyse einbezogen werden.

Das Rassismusverständnis der CRT in Abgrenzung von einem individualisierenden, liberalen Rassismusverständnis erläutert Khiara M. Bridges am Beispiel des Todes von Eric Garner. Anstatt sich auf den Polizisten zu konzentrieren, der Garner in den Würgegriff genommen hatte, und zu versuchen, diesen des Rassismus zu überführen, stelle die CRT Fragen wie: Warum gilt das Verkaufen einzelner Zigaretten (deswegen kam der Polizeikontakt zustande) in New York als illegal? Warum musste ein gesunder Mann überhaupt Zigaretten verkaufen, um Geld zu verdienen? Wie hat sich eine Interpretation des vierten Zusatzartikels zur Verfassung der Vereinigten Staaten durchgesetzt, die der Polizei in entsprechenden Situationen erlaubt, aktiv zu werden? Wieso litt Garner, wie viele andere Schwarze in den USA, unter Asthma, Hypertonie und einer Herzkrankheit? Die Antworten auf diese Fragen finde die CRT nicht im Handeln einzelner böswilliger Akteure, sondern in Systemen und Strukturen.

Auch die von einigen Liberalen vertretene Vorstellung, Meinungsfreiheit müsse unbegrenzt gelten, wird von jenen Anhängern der CRT in Frage gestellt, die stärkere juristische Maßnahmen gegen rassistische Hassrede fordern. Insbesondere weil der Konservatismus im Vergleich zum Liberalismus in den USA an Bedeutung gewonnen hat, aber teilweise auch aus persönlicher Überzeugung hat der Fokus der CRT auf den Liberalismus in den letzten Jahren nachgelassen.

Critical Philosophy of Race Innerhalb der Philosophie hat sich aus der CRT heraus die Subdisziplin einer Critical Philosophy of Race (englisch: „Kritische Race-Philosophie“) entwickelt. Da es sich um ein relativ junges Feld handelt, ist die Abgrenzung zu anderen Fächern und Disziplinen nicht in Gänze geklärt und teilweise werden sehr unterschiedliche Ansätze unter der Bezeichnung gefasst. „Kritisch“ ist die Critical Philosophy of Race in mehrfachem Sinne: Sie ist einerseits kritisch gegenüber Rassismus, andererseits gegenüber naturalistischen Verständnissen von „Rasse“ und zuletzt auch gegenüber einem Ausblenden der Bedeutung von race in der Entstehung der modernen Welt. Entsprechende Beiträge finden sich z. B. im Bereich der Ontologie und der Metaphysik, wo über die Existenz und das Wesen von race als Kategorie diskutiert wird. Im Bereich der Epistemologie wird beispielsweise untersucht, wie die Philosophie an der Entstehung des Konzepts race teilhatte und wie unterschiedliche Verständnisse von race selbst Verstehensprozesse beeinflussen. Insbesondere das von Miranda Fricker entwickelte Konzept der epistemischen Ungerechtigkeit spielt im Feld eine herausgehobene Rolle. In der praktischen Philosophie werden normative Fragen im Zusammenhang mit Rassismus analysiert. Während die Critical Philosophy of Race also auf die Methodologie der Philosophie zurückgreift und auch zentrale philosophische Fragestellungen in den Blick nimmt, ist sie auch interdisziplinär geprägt und stellt Bezüge zu Disziplinen wie Soziologie, Anthropologie, Geschichte oder African-American Studies her. In der US-amerikanischen Philosophie hat die Gründung der Zeitschrift Critical Philosophy of Race 2013 sowie die Veröffentlichung von Handbüchern und Einführungsbüchern zur Etablierung des Felds beigetragen. Auch wenn es sich um eine hauptsächlich US-amerikanisch geprägte Disziplin handelt, gibt es Versuche, ihre Erkenntnisse auch für einen deutschsprachigen Kontext fruchtbar zu machen und gleichzeitig die Besonderheiten etwa der deutschen Geschichte zu beachten.

Akademische Rezeption Die Betonung von race und Rassismus wird von Kritikern mit anderen Sichtweisen häufig als fehlgeleitet oder sogar gefährlich empfunden. Die Tatsache, dass CRT als Überbegriff für eine Vielzahl höchst unterschiedlicher Ansätze dient, ist selbst Gegenstand der Kritik.

Innerhalb der Theorieschule wurde die Kritik vorgebracht, dass die CRT essenzialistische Konzepte vertrete, woraufhin intersektionale Ansätze gestärkt werden sollten. Als Reaktion auf die Kritik, dass CRT sich zu stark auf schwarze Perspektiven beziehe und z. B. die Perspektiven von Native Americans vernachlässige, entwickelte sich eine größere Zahl von Subdisziplinen und Strängen der CRT, die diese Gruppen in den Blick nehmen.