Der Begriff Ökohumanismus bedeutet eine Verknüpfung der Idee des Humanismus mit der Ökologie. Hierbei wird von einer modernen Konzeption des Humanismus ausgegangen, in dem Sinne, dass es eine Befähigung des Menschen gibt, ein gutes Leben anzustreben und zu verwirklichen. Der entscheidende Unterschied zu anderen Ausprägungen des Humanismus ist, dass im Rahmen des Ökohumanismus der Mensch als Teil des globalen Ökosystems angesehen wird, aus dem er im Zuge der Evolution hervorgegangen ist. Dies bedeutet, dass menschliches Wohlergehen, Grundbedingung für ein gutes Leben, nur erzielbar ist, wenn das globale Ökosystem funktionstüchtig ist. Hieraus kann ein ökologisches Primat abgeleitet werden. Gleichzeitig bedeutet das Konzept eine Verknüpfung der sozialen Frage mit der ökologischen.
Begriffs- und Ideengeschichte Die Verknüpfung von Ökologie und Humanismus im Sinne eines ökologischen Humanismus wurde mutmaßlich mehrfach und unabhängig voneinander vorgeschlagen. Die Bemühungen reihen sich in die Versuche ein, die Idee des Humanismus zu aktualisieren. Dabei geht es nicht mehr um die Verherrlichung antiker Kulturen oder Sprachen, die im Renaissance-Humanismus, aber auch noch im Neuhumanismus eine zentrale Rolle spielte.
Eine derartige Abgrenzung wurde bereits mehrfach vollzogen, u. a. in der existentialistischen Philosophie. Relevant ist die Zuwendung zur Eigenschaft der Menschlichkeit (lat. humanitas) und einer Philosophie, die es als legitim ansieht, das Wohlergehen des Menschen in den Mittelpunkt von individuellen und gesellschaftlichen Bestrebungen zu stellen.
Deutschland In Deutschland kam der erste Impuls aus dem Kreis von Denkern, die ab 1973 auf den Achberger Sommerkongressen nach einem Dritten Weg jenseits von Kapitalismus und Sozialismus suchten. Dazu gehörten der Soziologe Wilfried Heidt, Reformer des Prager Frühlings, der Politikwissenschaftler Ossip K. Flechtheim, der St. Galler Ökonom Hans Christoph Binswanger, der Künstler Joseph Beuys, Sprecher der anthroposophischen Bewegung und andere. Bei den Kongressen entstanden wesentliche Grundideen für die Gründung der Partei „Die Grünen“.
Mit dem 1981 von Wilfried Heidt herausgegebenen Buch Abschied vom Wachstumswahn: ökologischer Humanismus als Alternative zur Plünderung des Planeten wurde der Ökohumanismus in die Literatur eingeführt. Heidt sprach ab 1980 über den ökologischen Humanismus als den Dritten Weg, da sowohl Kapitalismus als auch Kommunismus gescheitert seien.
In Deutschland wurde der Ökohumanismus in unregelmäßigen Abständen neu aufgegriffen. 1992 verfasste Gerhard Pretzmann das Buch ‚Grundzüge eines ökologischen Humanismus‘Grundzüge eines ökologischen Humanismus‘. 2. Auflage, Wien 1992.. Peter Cornelius Mayer-TaschPeter Cornelius Mayer-Tasch: Mensch und Natur – Der ökologische Humanismus der Jahrtausendwende. In: Berichte der Bayerischen Akademie für Naturschutz und Landschaftspflege. Band 25, 2001, S. 153–161 (). sah 2001 im ökologischen HumanismusVgl. Inhaltsverzeichnis: https://d-nb.info/920295495/04 eine Antwort auf die globale Um- und Mitweltkrise.
International 1983 veröffentlichte der schwedische Historiker Hans Albin Larsson sein Buch Grön idé: ekohumanism (Grüne Idee: Ökohumanismus). Das Konzept fand in der schwedischen Politik einen gewissen Widerhall (z. B. Zentrumspartei).
Der US-amerikanische Professor für Geisteswissenschaften, Religionswissenschaften und Südasienwissenschaften Robert Tapp hat 2002 den Ökohumanismus mutmaßlich ohne Kenntnis der europäischen Vorläufer aus einer eher geisteswissenschaftlich-theologischen Perspektive vorgeschlagen und ihm als Herausgeber einen entsprechenden Sammelband gewidmet.Robert B. Tapp, editor (2002) Ecohumanism. Amherst, NY Prometheus Books. Zu den Autoren, die sich auf Tapps Buch beziehend mit dem Ökohumanismus beschäftigten, zählt William Patterson, der sich um die Differenzierung von Prinzipien und Praxis bemühte.https://www.academia.edu/32465769/Ecohumanism_Principles_and_PracticeECOHUMANISM: PRINCIPLES AND PRACTICE. Essays in the Philosophy of Humanism Vol. 16, Issue 2, Fall-Winter 2008. Brian Morris sieht den ökologischen Humanismus als Synonym für Soziale Ökologie und als dritten Weg jenseits von Industrialismus und Antimodernismus eine Tradition, die sowohl die ökologischen Realitäten als auch den ethischen und kulturellen Fundus des Humanismus umfasst.Brian Morris (2017): Pioneers of Ecological Humanism. Black Rose Books.
Der Niederländer Floris van den Berg schlägt 2019 in seinem BuchFloris van den Berg: Beter weten: filosofie van het ecohumanisme. ISBN 978-90-8924-376-8. vor, dass der Humanismus zu einem Ökohumanismus weiterentwickelt werden müsse, der zukünftige Generationen und Tiere einbeziehen müsse.
William Cohen bezieht die ökohumanistische Idee auf ökologische Planung und ein Design im Einklang mit der Natur. Er sieht den Ökohumanismus in der Tradition der Arbeiten des schottischen Planers und Landschaftsarchitekten Ian McHarg, der 1969 das Werk Design with Nature veröffentlichte.William J. Cohen 2019: The legacy of Design with Nature: from practice to education. 13:339–345.
Verhältnis zum Sozialismus Politische Akteure, die das Konzept in ihrem Diskurs verwenden, bringen den Ökohumanismus in eine gewisse Nähe zu den Ideologien des Ökosozialismus und Ökokommunismus. Der französische Linkspolitiker Jean-Luc Mélenchon wirbt für einen ökologischen und sozialen Humanismus, einen neuen Humanismus.https://oxiblog.de/was-will-jean-luc-melenchon/https://melenchon.fr/2017/08/26/linsoumission-nouvel-humanisme/https://lafranceinsoumise.fr/2017/05/07/jean-luc-melenchon-majorite-possible/ Laut Damon Mayaffre präsentiere sich der Melenchonismus als 'sozialer und ökologischer Neo-Humanismus' und beanspruche in derselben Bewegung die Aufklärung und die jakobinische Revolution als Vergangenheit, den Sozialismus als Gegenwart und die ökologische Forderung als Zukunft.
Neuere Entwicklungen Diverse Autoren betonen das weltanschaulich integrierende Potenzial des Ökohumanismus. Ökohumanismus scheint kompatibel mit verschiedenen nachhaltigkeitsorientierten Weltbildern des globalen Nordens und des globalen Südens. Eine klare Beziehung scheint unter anderem zum Konzept des guten Lebens gegeben, vgl. Sumak kawsay (Kichwa), auch buen vivir, ein ethisches Grundprinzip indigener Gesellschaften des Andenraumes in Südamerika. Michael Onyebuchi Eze wies darauf hin, dass Ökohumanismus auch aus afrikanischer Sicht das ganzheitliche Verhältnis von Mensch und Natur gut beschreibt.
Pierre Ibisch und Jörg Sommer diskutieren das Konzept im Zusammenhang mit aktuellen Krisen und Umbrüchen wie der Digitalisierung und der Klimakrise; sie fordern eine Weiterentwicklung ökologischen Denkens zu einem radikalen und globalen Ökohumanismus. Sie sehen ein besonderes Potenzial im Ökohumanismus, die soziale mit der ökologischen Frage zu verknüpfen. Eine Weiterentwicklung der Ökologie zu einem radikalen Ökohumanismus könne sie anschluss- und einflussfähig gegenüber den Kräften machen, sich für eine gerechtere Welt einsetzen.Jörg Sommer (2020): Warum nur radikales Umdenken die Welt retten kann. Online abrufbar unter: https://www.deutschlandfunkkultur.de/oekohumanistisches-manifest-warum-nur-radikales-umdenken-100.html.Pierre Ibisch (2020): Wir brauchen den Ökohumanismus – denn zurück auf die Bäume geht es nicht. Online abrufbar unter: https://www.focus.de/perspektiven/wir-brauchen-die-natur-zurueck-auf-die-baeume-geht-es-nicht-aber-ohne-natur-ist-alles-nichts_id_24428126.html.
Am 13. Oktober 2021 erschien das Buch: Das „Ökohumanistische Manifest“ von Pierre Ibisch und Jörg Sommer im S. Hirzel Verlag.Pierre Ibisch, Jörg Sommer (2020): Das Ökohumanistische Manifest – Unsere Zukunft in der Natur. Online abrufbar unter: https://www.hirzel.de/das-oekohumanistische-manifest/9783777628653. Die Autoren setzen dem alten Denken ihre im positiven Sinne radikale Philosophie des Ökohumanismus entgegen. Sie plädieren dafür, unser Denken zu erden: Von der Natur ausgehend zum Menschen hin. Das Buch verknüpft die Akzeptanz der planetaren Grenzen mit dem Ziel einer gerechten Welt – und rückt den Menschen und seine Stärken in den Mittelpunkt der Debatte um die Ökologie und unsere Zukunft.Pierre Ibisch, Jörg Sommer (2020): Ökohumanismus: https://oekohumanismus.de./
Weblinks ECOHUMANISM: PRINCIPLES AND PRACTICE. Essays in the Philosophy of Humanism Vol. 16, Issue 2, Fall-Winter, 2008. Die Grünen. Archiv für soziale Politik. Ökohumanismus. Webseite von Pierre Ibisch und Jörg Sommer. Warum nur radikales Umdenken die Welt retten kann. Hirzel Verlag. Das Ökohumanistische Manifest. Deutschlandfunk Kultur. Wir brauchen den Ökohumanismus – denn zurück auf die Bäume geht es nicht. Focus Online. Neues Buch zum Ökohumanismus lädt zu neuen Sichtweisen ein. Hochschule für nachhaltige Entwicklung Eberswalde (HNEE). Für einen globalen Ökohumanismus. World Food Institute – Institut für Welternährung e.V.
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Kategorie:Ökologie