mini|Das Nandi County in Kenia mini|Nandi-Sportler Kipruto Kirwa, Sieger des Hamburger Halbmarathons 2009 mini|Nandi-Sportlerin Rita Jeptoo beim Boston Marathon 2013 Die Nandi sind eine Niloten-Gruppe, die hauptsächlich in Kenia, in Teilen Ugandas und im Osten der Demokratischen Republik Kongo lebt. In Kenia leben die Nandi in den Hochlandgebieten der Nandi Hills im Nandi County in der Provinz Rift Valley.Nandi people and their Culture in Kenya, auf govisitkenya.com Sie werden zu den Kalenjin gezählt, was seit der Mitte des 20. Jahrhunderts eine Sammelbezeichnung für eine Reihe von nilotischsprachigen Gruppen im westlichen Kenia ist. Sie sprechen Nandi, einen Kalenjin-Dialekt. Das Nandi County ist die Heimat zahlreicher international erfolgreicher Mittel- und Langstreckenläufer.
Eigenbezeichnungen Bevor sie Mitte des 19. Jahrhunderts den Namen Nandi annahmen, nannten sie sich „Chemwalindet“ oder „Chemwal“.The Nandi Community of Kenya, auf artsandculture.google.com
Demografie Bei der Volkszählung des Jahres 1969 waren 27 Prozent der Kalenjin Kenias Nandi. Sie bilden damit etwa ein Drittel aller Kalenjin, sind nach den Kipsigis, die auch KipsigiKipsigis, auf .encyclopedia.com genannt werden, die zweitgrößte Untergruppe der Kalenjin und liegen geografisch am zentralsten.Nandi and Other Kalenjin Peoples - Orientation, auf everyculture.com
Bei der Volkszählung von 1979 gab es in Kenia 1 652 243 Kalenjin. Sie waren mit 10,8 % der Bevölkerung die fünftgrößte ethnische Gruppe.
Ursprungsmythos und Migration in das Gebiet des heutigen Nandi-County Historiker und Linguisten sind sich einig, dass die Flachland- und Hochland-Niloten kurz vor Beginn der christlichen Ära aus einer Region nahe der südlichen Grenze Äthiopiens und des Sudans eingewandert sind und sich kurz danach in getrennte Gemeinschaften aufgespalten haben.Nandi and Other Kalenjin Peoples - History and Cultural Relations, auf everyculture.com Nach dem Ursprungsmythos der Kalenjin waren die Nandi ursprünglich Teil der Kipsigis und lebten in Rongai in der Nähe von Nakuru. Aufgrund von Dürre und der Invasion der Maassai in das Gebiet wanderten sie aus. Während der Migration teilte sich die Gruppe in zwei Gruppen; die Kipsigis zogen nach Süden in Richtung Kericho, während die Nandi sich in Aldai niederließen und heute als Bauern und Viehzüchter im Nandi County leben. Die Kipsigis tradieren in ähnlicher Weise, dass sowohl sie als auch die Nandi von einem Ort namens „To“ stammen, den einige von ihnen in der Nähe des Baringo-Sees lokalisieren. Im Zuge ihrer Wanderung nach Süden, irgendwann zwischen dem siebzehnten und frühen neunzehnten Jahrhundert, trennten sich die Kipsigis und die Nandi. Heute sind die Nandi deren unmittelbaren Nachbarn im Norden.
Geschichte Vor der britischen Kolonisierung Als Reaktion auf die Maasai-Expansion übernahmen die Nandi und Kipsigis von den Maasai einige der Merkmale, die sie danach von den anderen Kalenjin unterscheiden: weitreichende wirtschaftliche Abhängigkeit von der Viehzucht, militärische Organisation und aggressive Viehdiebstähle sowie eine zentralisierte religiös-politische Führung. Die Familie, die sowohl bei den Nandi als auch bei den Kipsigi das Amt des Orkoiyot (andere Schreibweise: OrkoyotFredrick Kipkosget Mutai: Ethnicity and Political Participation in Kenya: A Case Study of the Nandi 1962 -2012, University of Nairobi 2013, S. 7, Plural: Orkoiik, andere Schreibweise: OrkoigikFredrick Kipkosget Mutai: Ethnicity and Political Participation in Kenya: A Case Study of the Nandi 1962 -2012, University of Nairobi 2013, S. 57) etablierte, waren Maasai-Einwanderer des 19. Jahrhunderts. Um 1800 expandierten sowohl die Nandi als auch die Kipsigi auf Kosten der Maasai. Dieser Prozess wurde 1905 durch die Auferlegung der britischen Kolonialherrschaft gestoppt.
Vor der britischen Kolonisierung waren die Nandi sesshafte Viehzüchter, die manchmal auch Landwirtschaft betrieben. Ihre Siedlungen waren mehr oder weniger gleichmäßig verteilt und nicht in Dörfern gruppiert. Wie andere nilotische Völker waren auch sie bekannte Krieger.
Sie lebten im Hügelland nordöstlich des Victoriasees. Es handelte sich, mit etwa 14.000 Männern, von denen etwa 4000 waffenfähig waren, um eine eher kleinere Gruppe, die den Kolonialherren jedoch erhebliche Schwierigkeiten bereitete. Sie lebten nicht in Dörfern, sondern auf Gehöfte verteilt, deren Männer sich bezirksweise zusammenschlossen, z. B. um Raubzüge gegen die Viehbestände ihrer Nachbarn durchzuführen. Die Nandi und Kipsigi überfielen andere Kalenjin sowie die Maasai, Gusii, Luyia und Luo. Teile der Bevölkerung wohnten auch in gut geschützten Höhlen am Mount Elgon bis in 1800 m Höhe. Unverheiratete lebten in Gemeinschaft. Der oberste spirituelle und politische Führer der Nandi wurde als Orkoiyot bezeichnet.Koitalel Arap Samoei: The Story of the Greatest Nandi Orkoiyot, auf artsandculture.google.com Er wurde bei Entscheidungen über die Sicherheit, insbesondere bei der Kriegsführung, zu Rate gezogen.Kimnyole Arap Turukat: The Story of the Nandi Legend, auf artsandculture.google.com Der Orkoiyot stammte traditionell aus dem Talai-Clan der Nandi, von dem man glaubte, dass er von Asis (Gott) auserwählt worden war, um dem Volk Botschaften zu überbringen.Edwin Herbert: Small Wars and Skirmishes 1902-1918. Nottingham 2003, ISBN 1-901543-05-6, S. 78–84. mini|Nandi-Krieger mini|Nandi-Frau, Colonial Office photographic collection mini|Koitalel Samoei Mausoleum und Museum zur Erinnerung an Koitalei Arap Samoei in den Nandi-Hügeln
Kimnyole Arap Turukat war der vierte Nandi Orkoiyot in den frühen 1800er-Jahren. Er war der Vater von Koitalel Arap Samoei und ihm wird zugeschrieben, dass er das Kommen des „weißen Stammes“ sowie „die eiserne Schlange“ – den Bau der Kenia-Uganda-Eisenbahn – vorausgesehen habe. Während der Herrschaft des Orkoiyot Kimnyole Arap Turukat waren die Nandi trotz der vielen Konflikte mit den Maassai in den 1870er- und 80er-Jahren eine beeindruckende Macht. Als die Massai gegen sich selbst kämpften, waren die Nandi unter der Führung dieses Orkoiyot darauf bedacht, die Spaltungen unter den Maassai auszunutzen. Mit ihm als Orkoyot waren die Nandi der wohlhabendste Stamm in der Gegend mit viel Vieh und Gefangenen aus ihren Siegen.
In den 1880er-Jahren hatten die Nandi den Höhepunkt ihres Reichtums an Vieh und ihrer militärischen Macht erreicht.The Nandi in transition: background to Nandi resistance to the British 1895-1906, auf africabib.org Unter den swahilisch-arabischen Händlern der Küste und den ersten europäischen Agenten der sich etablierenden Kolonialherrschaft waren die Krieger der Nandi gefürchtet, seit die Nandi die arabischen Händler aus ihrem Gebiet zurückgedrängt hatten.Dennis Bishop: Warriors in Heart of Darkness. The Nandi Resistance 1850 1897, auf oocities.org
Kolonialzeit Nandi-Widerstand Bereits seit 1897 leisteten sie immer wieder bewaffneten Widerstand gegen die Kolonialmacht, den kleinere britische Strafexpeditionen nicht niederschlagen konnten. Der berühmteste Orkoiyot war Koitalel arap Samoei, der bis zu seiner Ermordung während einer Waffenstillstandsverhandlung 1905 der britischen Kolonialmacht Widerstand leistete, die gegen die Nandi die sogenannte Nandi-Expedition durchführte.Douglas Kieleini: How Sotik massacre, Koitalel killing opened area to white settlers, auf businessdailyafrica.com Die Nandi wehrten sich gegen den Bau der Eisenbahn quer durchs Nandi-Land (Uganda-Bahn). Eisenbahngleise wurden ausgerissen und in den Victoriasee versenkt, oder zu Speer- und Pfeilspitzen verarbeitet, aus den Telegraphenkabeln der Briten wurde Schmuck gefertigt. Als den Briten zunehmend bewusst wurde, wie die Nandi in ihre ostafrikanischen imperialen Interessen passten, wurden die Mythen über die Nandi (kriegerisch, grausam, diebisch usw.) zur Rechtfertigung der Zerstörung ihrer Wirtschaft und politischen Struktur herangezogen. Samoei führte eine 12-jährige Rebellion gegen die britische Kolonialmacht an, weil diese in ihr Land eingedrungen waren. Bis heute erinnert man sich an ihn wegen seiner großen Führungsqualitäten, und es wurde ein Denkmal mit Museum für ihn errichtet.The Nandi Community of Kenya, auf artsandculture.google.com So resümiert Douglas Kieleini in Business Daily Africa im Januar 2022: „Koitalei Arap Samoei ist einer der größten kenianischen Führer in der Geschichte unseres Kampfes um die Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft.“ David A. Anderson zeigt eine differenziertere Betrachtungsweise gegenüber den Orkoiik auf: „Obwohl Koitalel und Barserion gemeinhin als Helden eines glorreichen Widerstands gegen den Kolonialismus dargestellt werden, wird deutlich, dass diese Interpretation die tiefe Ambiguität des Status der Orkoiik und die Komplexität der Kämpfe innerhalb der afrikanischen Gesellschaften unter der Kolonialherrschaft nicht widerspiegelt“.David M. Anderson: Black Mischief: Crime, Protest and Resistance in Colonial Kenya, in: The Historical Journal Vol. 36, No. 4 (Dezember 1993), S. 851–877, Cambridge University Press Der im vorherigen Zitat genannte Barserion Arap Manyei war der Sohn von Koitalel Arap Samoei Koitalel,Fredrick Kipkosget Mutai: Ethnicity and Political Participation in Kenya: A Case Study of the Nandi 1962 -2012,, University of Nairobi 2013, S. 20 der von 1919 bis 1922 residierte.Fredrick Kipkosget Mutai: Ethnicity and Political Participation in Kenya: A Case Study of the Nandi 1962 -2012,, University of Nairobi 2013, S. 57
Umsiedlung aus ihrem Gebiet 1906 wurden die Nandi innerhalb weniger Wochen in einer grausamen Umsiedlungsaktion aus ihrem Gebiet in ein Reservat am Ravine River gedrängt. Nachdem während der unmittelbar davor durchgeführten Nandi-Expedition bereits große Teile ihrer Viehbestände konfisziert worden waren, wurden bei der Umsiedlung die Erntevorräte und Felder verbrannt und die Dörfer zerstört.Richard Meinertzhagen: Kenya Diary (1902–1906). London / New York 1983, S. 276–291.
Erster Weltkrieg und Folgen Im Ersten Weltkrieg stellten Nandi für die Briten einen beträchtlichen Teil der Truppen und Träger. Nach dem Krieg gingen viele Veteranen ihrer gewohnten Arbeit nach. Kriegsveteranenvereine setzten sich beim Gouvernement für die Auszahlung von Pensionen und ausstehendem Sold ein.Michael Pesek: Der Erste Weltkrieg aus afrikanischer Perspektive (PDF; 3,1 MB), S. 295, in: Axel Weipert, Salvador Oberhaus, Detlef Nakath, Bernd Hüttner (Hrsg.): „Maschine zur Brutalisierung der Welt“. Der Erste Weltkrieg – Deutungen und Haltungen 1914 bis heute, Münster 2017 Da sie für ihren Militärdienst entlohnt wurden, wurde eine Bargeldwirtschaft eingeführt. Zudem entstanden neue Anbaumethoden. Einige Nandi kamen zu Wohlstand und investierten ihr Geld in Land und Heiraten. Auch begannen die Konvertierungen zum Christentum.
Deportation des Talai-Clans (1934 bis 1962) Der Talai-Clan stellte traditionell den Orkoiyot. Im Jahr 1934 vertrieb die britische Kolonialverwaltung den gesamten Talai-Clan, der etwa 700 Personen umfasste, nach Gwassi am Victoriasee. Sie blieben in Gefangenschaft bis 1962. Am Vorabend der kenianischen Unabhängigkeit durften sie in ihre Heimat zurückkehren und leben seither im Dorf Kapsisywo.Fredrick Kipkosget Mutai: Ethnicity and Political Participation in Kenya: A Case Study of the Nandi 1962 -2012,, University of Nairobi 2013, S. 8.
50er- und 60er-Jahre Nandi und Kipsigis erhielten schon 1954 individuelle Landtitel und verfügten aufgrund ihrer historisch niedrigen Bevölkerungsdichte über einen für afrikanische Verhältnisse großen Grundbesitz. Mit dem Herannahen der Unabhängigkeit (1964) wurden wirtschaftliche Entwicklungsprogramme gefördert, und viele Kalenjin aus dichter besiedelten Gebieten ließen sich auf Farmen bei Kitale nieder, die im ehedem von Weißen besiedelten Hochland, zu jener Zeit White Highlands genannt, liegen.
Entwicklung bis in die Gegenwart