__NOTOC__ mini|Eingang der Höhle mini|Neandertaler-Fund Guattari 1 aus dem Jahr 1939 Die Guattari-Höhle ist eine paläoanthropologische und archäologische Fundstätte in der Gemeinde San Felice Circeo an der Küste der Provinz Latina in Italien. Der Name der Höhle bezieht sich auf A. Guattari, den Eigentümer des Geländes, auf dem 1939 bei Bauarbeiten der Höhleneingang entdeckt wurde.

Unter Leitung des Geologen und Paläontologen Alberto Carlo Blanc (1906–1960) wurde die Höhle umgehend erkundet und bereits vor seiner Ankunft in San Felice Circeo geborgene hominine Fossilien für eine wissenschaftliche Analyse durch Sergio Sergi (1878–1972) gesichert. Bei den Fossilfunden handelte es sich um den vollständig erhaltenen Schädel eines Neandertalers (Bezeichnung damals: Circeo 1) sowie einen teilweise erhaltenen Neandertaler-Unterkiefer.Eintrag Grotta Guattari in Bernard Wood (Hrsg.): Wiley-Blackwell Encyclopedia of Human Evolution. 2 Bände. Wiley-Blackwell, Chichester u. a. 2011, ISBN 978-1-4051-5510-6. Im August 1950 wurde von Antonio Ascenzi und Giovanni Lacchei im Außenbereich der Höhle in einer Brekzienhalde ein zweites Unterkieferfragment entdeckt.Valentina Giuffra et al.: Antonio Ascenzi (1915–2000), a Pathologist devoted to Anthropology and Paleopathology. In: Pathologica. Band 102, 2010, S. 1–5. Ferner wurden Steinwerkzeuge aus der Epoche des Moustérien entdeckt, die der Kultur des Neandertalers zugeschrieben werden.Mariella Taschini: L’industrie lithique de Grotta Guattari au Mont Circé (Latium): définition culturelle, typologique et chronologique du Pontinieni. In: Quaternaria Roma. Band 21, 1979, S. 179–247. Seit 2019 wird die Höhle wieder erforscht. Im Jahr 2021 wurden dabei die Überreste von neun Neandertalern aus ganz unterschiedlichen Epochen entdeckt. Am Monte Circeo liegt auch der Abri Riparo Blanco.

Forschung Die Höhle wurde bis Anfang der 1950er-Jahre erforscht und danach wieder seit 2019.. Im Original erschienen auf nytimes.com vom 8. Mai 2021. Zeitweise wurden Beschädigungen des Schädels im Bereich des Foramen magnum als Hinweis auf einen kannibalistischen Ritus interpretiert. In den 1980er-Jahren ergaben erneute Untersuchungen jedoch, dass die Beschädigungen vermutlich durch Bisse pleistozäner Tüpfelhyänen (sog. Höhlenhyänen) entstanden sind.Nicholas Toth und Tim White: Assessing the ritual cannibalism hypothesis at Grotta Guattari. In: Quaternaria Nova. Band 1, 1990, S. 213–222. Tim White und Nicholas Toth: The Question of Ritual Cannibalism at Grotta Guattari. In: Current Anthropology. Band 32, Nr. 2, 1991, S. 118–138, doi:10.1086/203931.

Mittels Uran-Thorium-Datierung und ESR-Datierung wurde für die Fundstelle der 1939 und 1950 geborgenen Fossilien (Sammlungsnummern Guattari 1, 2, 3, vormals Circeo I, II, III)Proposal for a New Denomination of the Monte Circeo Fossil Hominids. In: Quarternaria Nova. Band 1, 1990/91, S. 47–48, doi:10.1080/11287462.1994.10800918. ein Alter von 51.000 Jahren bestimmt.Henry P. Schwarcz et al.: On the reexamination of Grotta Guattari: uranium-series and election-spinresonance dates. In: Current Anthropology. Band 32, Nr. 3, 1991, S. 313–316, doi:10.1086/203959.

Im Mai 2021 berichtete das italienische Kulturministerium, in einem zuvor noch nicht erschlossenen Bereich der Höhle seien Forscher neben zahlreichen anderen Tier- und Pflanzenfossilien auf die Überreste von insgesamt neun Neandertalern gestoßen: von sieben Männern, einer Frau und einem männlichen Jugendlichen oder Kind.Neandertaler waren Beute für diese Tiere. Auf: sueddeutsche.de vom 10. Mai 2021. Eine vorläufige Datierung ergab dem Bericht zufolge, dass diese Neandertaler aus unterschiedlichen Epochen stammen; sie seien zwischen 50.000 und 68.000 Jahren alt, einer der Toten sei möglicherweise sogar rund 100.000 Jahre alt.Neun Neandertaler aus Mittelitalien. Auf: spektrum.de vom 10. Mai 2021. Im Dezember 2025 wurde in einer Fachzeitschrift eine detaillierte Beschreibung aller Fossilien veröffentlicht. Demnach wurden in der Höhle elf Schädelknochen, vier Knochen aus dem Bereich unterhalb des Schädels und sieben Zähne gefunden, die teils zusammengehörig waren und als Guattari 1 bis Guattari 18 benannt wurden.Alessandra Sperditi et al.: The New Neanderthal Fossil Sample from Grotta Guattari, Monte Circeo (Italy): A Preliminary Synopsis. In: PaleoAnthropology. 2026 (1), S. 99–121, doi:10.48738/2026.iss1.3951, Volltext.

Den Befunden zufolge wurden die Körper oder Körperteile der Neandertaler vermutlich von Hyänen in die Höhle geschleppt. Zu einem bislang nicht genau datierten Zeitpunkt sei der Zugang zu dem neu erschlossenen Höhlenbereich – möglicherweise durch ein Erdbeben – verschüttet worden, so dass man heute einen seit mehreren zehntausend Jahren ungestörten Zustand des Höhlenbodens untersuchen kann.Remains of nine Neanderthals found in cave south of Rome. Auf: theguardian.com vom 8. Mai 2021.

Die Grotte de l’Impiso (ital. Grotta dell'Impiso – dt. Höhle des Gehängten) ist eine Meereshöhle in San Felice Circeo.

Literatur Alberto Carlo Blanc: L’uomo fossile del Monte Circeo. Un cranio neandertaliano nella Grotta Guattari a San Felice Circeo. In: Rivista di antropologia. Band 32, 1938–39, S. 1–18. Sergio Sergi: Il cranio neandertaliano del Monte Circeo. In: Rivista di antropologia. Band 32, 1938–39, S. 19–34. Sergio Sergi: La mandibola neandertaliana Circeo II. In: Rivista di Antropologia. Band 41, 1954, S. 305–344. Sergio Sergi und Antonio Ascenzi: La mandibola neandertaliana Circeo III (mandibola B). In: Rivista di Antropologia. Band 42, 1955, S. 337–403. Amilcare Bietti und Giorgio Manzi (Hrsg.): Proceedings of the International Symposium The Fossil Man of Monte Circeo. Fifty years of studies on the Neandertals in Latium. In: Quaternaria Nova. Band 1, 1991, S. 9–678. Marcello Piperno und Giovanni Scichilone (Hrsg.): Il Cranio neandertaliano Circeo I. Studi e documenti. Istituto Poligrafico e Zecca dello Stato, Rom 1991, ISBN 978-8824001236. Mary C. Stiner: The Faunal Remains From Grotta Guattari: A Taphonomic Perspective. In: Current Anthropology. Band 32, Nr. 2, 1991, S. 103–117, doi:10.1086/203930.

Weblinks

Neanderthal, dalla Grotta Guattari al Circeo nuove incredibili scoperte. Ministero della cultura, Pressemitteilung vom 8. Mai 2021. (italienisch) Video zu den Ausgrabungen in der Höhle. Auf: spektrum.de vom 10. Mai 2021. A Neanderthal time capsule from Grotta Guattari. Von John Hawks.

Belege

Kategorie:Höhle in Europa Kategorie:Höhle in Italien Kategorie:San Felice Circeo Kategorie:Fundstätte homininer Fossilien in Europa Kategorie:Archäologischer Fundplatz (Neandertaler) Kategorie:Archäologischer Fundplatz im Latium Kategorie:Archäologischer Fundplatz in Europa Kategorie:Magdalénien