mini|Helena Ligne, geborene Massalska. Unbekannter Künstler, Warschau.
Gräfin Apolonia Helena Potocka,Helena stellte ihre Taufnamen um, nachdem sich ihre Mitschülerinnen über das in Frankreich unübliche Apolline lustig gemacht hatten. geborene Fürstin Massalska, verwitwete Fürstin Ligne (* 9. Februar 1763; † 30. Oktober 1815Lucien Perey (Luce Herpin): Histoire d’une Grande Dame au XVIIIe siècle. La comtesse Hélène Potocka. Calmann Lévy, Paris 1888, S. 481 (). Roger père et fils: Le Champ du repos, ou le Cimetière Mont-Louis, dit du Père Delachaise […] 1. Band, Paris, September 1816, Tafel 5 und S. 95 (), geben den 31. Oktober an. in Paris), war eine Grande Dame des 18. Jahrhunderts. Aus der Konvenienzehe mit Karl von Ligne ausgebrochen, hielt sie an einer Amour fou zu Graf Wincenty Potocki fest.
Die Tagebücher und Briefe der Magnatentochter aus Polen-Litauen vermitteln Einblicke in die Welt des Hochadels Ost- und Westeuropas vor und nach der Französischen Revolution. Die Historikerin Luce Herpin widmete ihr eine zweibändige Biografie.Lucien Perey (Luce Herpin): Histoire d’une Grande Dame au XVIIIe siècle. La princesse Hélène de Ligne. Calmann Lévy, Paris 1887 (); Lucien Perey (Luce Herpin): Histoire d’une Grande Dame au XVIIIe siècle. La comtesse Hélène Potocka. Calmann Lévy, Paris 1888 (). Zitiert als und .
Biografie
Kindheit und Jugend mini|hochkant|Helena Massalska als Dreizehnjährige. Unbekannter Künstler.
Helena Massalska wurde 1763 geboren. Ihre Großväter waren Michał Józef Massalski (vor 1700–1768), Großhetman des Großfürstentums Litauen,Mykolas Juozapas Masalskis. Zofia Zielińska: Massalski Michał Józef (przed [vor] 1700–1768). In: Polski Słownik Biograficzny, Band 20, 1975, S. 141–143 () Litauisch. und der psychisch gestörte Marcin Mikołaj Radziwiłł (1705–1782).Martynas Mikalojus Radvila. Edward Kotlubaj: Galerja nieświeźska portretów Radziwiłłowskich (Njaswischer Galerie von Radziwiłł-Porträts). A. Marcinowski, Vilnius 1857, S. 353–356 () Litauisch. Ihr Vater Józef Adrian Massalski (ca. 1726–1765) war Hofschatzmeister von Litauen,Juozapas Adrijonas Masalskis. Zofia Zielińska: Massalski Józef Adrian (ok. [ca.] 1726–1765). In: Polski Słownik Biograficzny, Band 20, 1975, S. 140 f. () Litauisch. ihre Mutter Antonina war eine geborene Radziwiłłowa (1730–1764).Antanina Radvilaitė. Edward Kotłubaj: Galerja nieświeźska portretów Radziwiłłowskich (Njaswischer Galerie von Radziwiłł-Porträts). A. Marcinowski, Vilnius 1857, S. 355 () Litauisch.
Im Alter von zwei Jahren wurde Helena Vollwaise. Die Vormundschaft über sie und ihren Bruder Ksawery (1762–1787) übernahm ihr Onkel Ignacy Jakub Massalski (1726–1794), Bischof der litauischen Hauptstadt Vilnius.Ignotas Jokūbas Masalskis. Wincenty Przyałgowski: Żywoty biskupów wileńskich (Viten der Bischöfe von Vilnius). Band 3, Selbstverlag, Petersburg 1860, S. 169–205 () Litauisch; Irena Szybiak: Massalski Ignacy Jakub (1726–1794). In: Polski Słownik Biograficzny. Band 20, 1975, S. 135–139. Wie andere Töchter des Hochadels wurde sie wohl einer französischen Gouvernante anvertraut.
Weil sich ihr bischöflicher Onkel gegen die Wahl von Stanisław August Poniatowski zum polnischen König gestellt hatte, musste er vorübergehend das Land verlassen. Er nahm Helena mit nach Paris. Auf die Empfehlung von Salonnière Madame Geoffrin vertraute er das Kind Bernhardinerinnen an. Im Frauenkloster Abbaye-aux-BoisLucien Lambeau: L’Abbaye-aux Bois de Paris (1638–1906). Imprimerie municipale, Paris 1906 (). erhielt sie von 1771 bis 1779 zusammen mit den „ersten Töchtern Frankreichs“ eine standesgemäße Erziehung.Lucien Lambeau: L’Abbaye-aux Bois de Paris (1638–1906). Imprimerie municipale, Paris 1906 ().
In der Abbaye-aux-Bois überwachten hochadlige Erzieherinnen den Unterricht auswärtiger Fachleute und brachten den Pensionärinnen nach der Erstkommunion die Führung eines fürstlichen Haushalts bei. Helena schloss sich ihrer Tutorin Madeleine-Angélique Montmorency-Luxembourg und vor allem Schulleiterin Marie-Louise Rochechouart an, deren Lieblingsschülerin sie wurde, doch starben diese beiden Bezugspersonen noch während der Klosterzeit des Mädchens (1775 bzw. 1779). Bischof Massalski finanzierte ihr für 30.000 Livres im Jahr ein eigenes Appartement und Bedienstete.Massalska (2014), S. 31. Das Klosterleben war teilweise durch soziale Kontrolle und Gewalt geprägt. Als Helena anfangs petzte, wurde sie von der ganzen Klasse mit Füßen getreten.Massalska (2014), S. 92–94, 171–175, 186–201. Bettkontrollen sollten sexuelle Aktivitäten verhindern, im selben Bett Erwischte wurden ausgepeitscht.Massalska (2014), S. 95, 118–121, 179–181, 210–222.
Die Tagebücher, in denen Helena ihre vorwiegend glückliche Zeit in der Abtei beschrieb, stellen eine einzigartige Quelle für die Geschichte der Mädchenerziehung dar. Die von Herpin in ihrer Biografie verwendeten Teile lieferten den Stoff zu einem Kinderbuch.Marie-Claude Monchaux (Text), Isabelle Gagneux (Illustrationen): Hélène Massalska : L’Abbaye-aux-Bois. Mémoires d’une petite fille de 10 ans au XVIIIe siècle. Sang de la terre, Paris 1987, ISBN 2-86985-019-0.
Ehe mit Karl von Ligne mini|hochkant|Antoine Cardon nach Charles Le Clercq: Helenas Gatte Karl de Ligne, 1785. mini|hochkant|Helena Ligne. Unbekannter Künstler, Schloss Belœil.
Helena selbst hätte gerne Fürst Friedrich von Salm-Kyrburg geheiratet, mit dem sie in Paris hätte bleiben können. Doch heiratete die Sechzehnjährige schließlich 1779 den neunzehnjährigen Karl von Ligne, ältester Sohn und UniversalerbeMémoire pour la dame Sidonie, comtesse Potocka, née princesse de Ligne, contre le prince Eugène de Ligne, pour servir à prouver que la principauté de Ligne […] appartiennent à la princesse Sidonie […] Mons, 4. September 1815/Brüssel, 4. Oktober 1815, S. 9 (). des k. k. Feldmarschallleutnants Fürst Charles-Joseph de Ligne.Jean François Soubiran (Hrsg.): Biographie de feu son altesse le prince Charles de Ligne […] Wien 1803 ().
Die Lignes gehörten zu den wichtigsten Familien der Österreichischen Niederlande (Belgien). Karl hatte die Artillerieschule in Straßburg absolviert und war der Familientradition folgend k. k. Offizier geworden. Helenas Onkel gab ihr zur Aussteuer 300.000 Livres, die Herrschaft Mogilany sowie zwei Paläste in Krakau und einen in Warschau. Zum Gunstbeweis unterzeichneten Ludwig XVI. und Marie-Antoinette den Ehevertrag der beiden.Philip Mansel: Prince of Europe: The Life of Charles-Joseph de Ligne 1735–1814. Weidenfeld & Nicolson, London 2003, ISBN 1-84212-731-4, S. 68 f. Im vergeblichen Bemühen, an Helenas Erbe zu kommen, reisten Ligne senior und junior 1780 nach Petersburg, Vilnius und Warschau.
Kar wollte sich schon nach drei Jahren Ehe scheiden lassen.Philip Mansel: Prince of Europe: The Life of Charles-Joseph de Ligne 1735–1814. Weidenfeld & Nicolson, London 2003, ISBN 1-84212-731-4, S. 95, 139. Er unterhielt parallel eine Affäre mit der Schauspielerin Mademoiselle Fleury,Adélaïde Nonnes (1766–1818), am Grand-Théâtre in Brüssel, 1791 Gesellschafterin der Comédie-Française. mit der er eine Tochter namens Christine (1786–1867) zeugte. Mit Helena hatte Karl die Tochter Sidonie (1786–1828).
Der Russisch-Österreichische Türkenkrieg, an dem Helenas Gatte und Schwiegervater teilnahmen, brachte das adelige Gesellschaftsleben Wiens, an dem Helena teilgenommen hatte, zum Erliegen. Vor diesem Hintergrund verließ Helena Wien und zog zum Onkel nach Warschau. Dabei musste sie die vierzehn Monate alte Sidonie der Schwiegermutter überlassen, weshalb die Tochter sie erst im Erwachsenenalter kennen lernte.Rzewuski (1857), S. 127 () Karl wurde für seine Verdienste im Krieg ausgezeichnet und von Katharina II. zum Kommandeur des Sankt-Georg-Ordens ernannt.
Ehe mit Wincenty Potocki mini|hochkant|Autorschaft ungeklärt: Helenas Geliebter und späterer Gatte Wincenty Potocki.
Als Fünfundzwanzigjährige verliebte Helena sich in Graf Wincenty Potocki (um 1740–1825), dem Hofkämmerer, Regimentschef des berittenen Garderegiments und Starost von Lublin. Sein Vater Stanisław (1688–1760) hatte die Ämter des Woiwoden von Kiew (Schytomyr) und Posen bekleidet. Nach kurzer geschiedener Ehe mit der Nichte und Vertrauten König Stanisław Augusts, Urszula Mniszech geborenen Zamoyska (1750–1808),Mémoires du roi Stanislas-Auguste Poniatowski. 2. Band, Académie des Sciences de Russie, Leningrad 1924, S. 271 (). war er seit 1787 mit Anna Mycielska (1764–1829) verheiratet. Das Paar hatte zwei Söhne. Wincenty war Eigentümer von Städten und Dörfern in Wolhynien, Podolien, Litauen und im österreichischen Galizien sowie von Palästen in Warschau. Seine Residenz Nemyriw ließ er in eine Idealstadt verwandeln.Petro Rychkov: Niemirów na Podolu – zapomniany eksperyment urbanistyczny doby Stanisławowskiej. (Nemyriw in Podolien – ein vergessenes urbanistisches Experiment der Stanisław-Ära.) Ohne Ort (2015) (). Die Stadt brannte 1811 nieder.
1790 planten Helena und Wincenty ihre Ehen annullieren zu lassen und zu heiraten, doch der Plan scheiterte. 1792 fiel Karl im Ersten Koalitionskrieg.Herpin 1, S. 447 f. (). Ligne war beim Sturm auf eine französische Batterie bei La Croix-aux-Bois (Argonnen) gefallen. Testamentarisch hinterließ er sein Erbe zum größeren Teil seiner unehelichen Tochter Christine und seinem Adoptivsohn Norikos. Anna Mycielska stimmte der Scheidung schließlich zu und vier Monate nach Karl de Lignes Tod ließ ihr Onkel Helena im Geheimen mit Wincenty Potocki trauen. 1793 bzw. 1794 bekam sie die Söhne Aleksy und Wincenty.
Helenas Onkel wurde 1794 im Zuge des Kościuszko-Aufstandes von Polnischen Nationalisten gelyncht. Nach der Niederschlagung des Aufstands kam es 1795 zur dritten und letzten Teilung der Rzeczpospolita, bei der Russland unter anderem Litauen annektierte. Der Fürst von Ligne veranlasste darauf Katharina II., zur Sicherstellung der Erbansprüche seiner Enkelin Sidonie den Nachlass von Helenas Onkel zu beschlagnahmen. Gleichzeitig focht Gräfin Anna im Interesse ihres Sohnes Franciszek die Ehelichkeit von Aleksy und Wincenty an, die Helena geboren hatte, als Potocki noch nicht rechtsgültig geschieden war. (Die 1795 zur Welt gekommene Tochter Helena starb nach wenigen Wochen.) Um seine Ehe anerkennen zu lassen und das Massalski-Erbe freizubekommen, fuhr Wincenty Potocki im Winter 1795/96 nach Petersburg. Nachdem er die Kinder Sidonie und Franciszek finanziell abgesichert hatte, anerkannte Katharina II. die Ehelichkeit von Aleksy und Wincenty. In Vilnius erfuhren die Potockis, dass der ermordete Bischof netto zehn Millionen Złoty hinterlassen hatte, von denen der größte Teil Helena zufallen sollte. Der Nachlass blieb aber weiterhin beschlagnahmt. Der neue Kaiser Paul I. verpflichtete die beiden, die Fertigstellung der klassizistischen Kathedrale von Vilnius zu finanzieren, für die Massalski vom Domkapitel Geld erhalten hatte.Mémoires secrets et inédits de Stanislas Auguste – comte Poniatowski – dernier roi de Pologne […] Wolfgang Gerhard, Leipzig 1862, S. 52 ().
1797 starb Helenas dreijähriger Sohn Wincenty, zwei Jahre später auch der sechsjährigen Aleksy. Zwei weitere Schwangerschaften endeten mit Fehlgeburten.Herpin 2, S. 233, 242, 246 ().