Publius Cornelius Dolabella (* wahrscheinlich 70/69 v. Chr.;Laut Appian (Bürgerkriege 2, 129) war Dolabella 44 v. Chr. 25 Jahre alt; diese Angabe hält der Althistoriker Friedrich Münzer (RE IV, 1, Sp. 1300) für glaubwürdig; manche Historiker nehmen aber ein früheres Geburtsdatum an. † Juli 43 v. Chr. in Laodikeia, heute Latakia) war ein römischer Politiker und Feldherr. Er war der wichtigste Vertreter der Familie der Cornelii Dolabellae und von Mai 50 bis November 46 v. Chr. mit Ciceros Tochter Tullia verheiratet.
Quellen
Die wichtigste Primärquelle für das Leben von Publius Cornelius Dolabella stellen die erhaltenen Briefe Ciceros sowie dessen Philippische Reden dar. Ergänzende Informationen liefern vor allem Cassius Dio, Appian sowie Plutarch in dessen Viten des Caesar, Marcus Antonius und Cicero.
Abstammung und frühe Laufbahn
Meist wird angenommen, dass Dolabella ein Sohn des gleichnamigen Prätors des Jahres 69 v. Chr. war.So etwa F. Münzer, RE IV, 1, Sp. 1300. Der Historiker Ronald Syme vermutet jedoch, dass Caesar sich so für Dolabella eingesetzt habe (s. u.), weil dieser sein unehelicher Sohn gewesen sein könnte.Ronald Syme: No son for Caesar? In: Historia. 29, 1980, S. 435.
Vor 51 v. Chr. wurde Dolabella zweimal angeklagt und in beiden Prozessen von Cicero verteidigt.Cicero: Epistulae ad familiares. 3, 10, 5. Das Priesteramt eines Quindecimvir sacris faciundis übernahm er um die Mitte des Jahres 51 v. Chr.Cicero: Epistulae ad familiares. 8, 4, 1. Er pflegte einen seine finanziellen Verhältnisse übersteigenden Lebensstil und ging wohl aus Geldgründen zu einem nicht genau bekannten Zeitpunkt eine Ehe mit einer Fabia ein, die um einiges älter war als er.Cicero spottet, dass sie zwanzig Jahre lang dreißig war. (Quintilian: Institutio Oratoria. 6, 3, 73) Aus dieser Beziehung hatte er vielleicht einen Sohn.
Seine politische Laufbahn begann Dolabella Anfang 50 v. Chr. mit der Anklage des Appius Claudius Pulcher, der ein Anhänger des Pompeius war und auch mit Cicero gute Beziehungen unterhielt. Damals suchte der mittlerweile von seiner ersten Gattin Fabia geschiedene Dolabella eine zweite Ehe mit Ciceros Tochter Tullia einzugehen. Cicero war dies äußerst unangenehm, weil er gleichzeitig von der Anklage des Pulcher durch seinen Schwiegersohn in spe erfuhr und doch das gute Einvernehmen mit Pompeius und Pulcher aufrechterhalten wollte.Cicero: Epistulae ad familiares. 2, 13; 3, 10; 8, 6. Ohne Zustimmung des als Statthalter in Kilikien weilenden Redners erfolgte im Mai 50 v. Chr. die Heirat von Dolabella und Tullia.Cicero: Epistulae ad Atticum. 6, 6, 1. Etwa zur gleichen Zeit scheiterte Dolabella mit seiner Anklage gegen Pulcher. Auch seine Ehe mit Tullia verlief unglücklich. Er hatte sie wohl zu seiner finanziellen Sanierung und Förderung seiner politischen Karriere geschlossen. Cicero sah sich mit ständigen Forderungen seines Schwiegersohns konfrontiert, die Raten der Mitgift zu überweisen.Cicero: Epistulae ad Atticum. 11, 2, 2 u. ö. Im Mai 49 v. Chr. brachte Tullia einen Sohn zur Welt, der jedoch früh verstarb.Cicero: Epistulae ad Atticum. 10, 16, 5 und 10, 18, 1. Nach ihrer Scheidung (s. u.) gebar sie im Januar 45 v. Chr. einen zweiten Knaben, verschied aber bald an den Folgen der Geburt;Cicero: Epistulae ad familiares. 6, 18, 5. und auch dieser zweite Sohn dürfte nicht lange gelebt haben.
Karriere unter Caesar
Im zu Beginn des Jahres 49 v. Chr. zwischen Pompeius und Caesar ausgebrochenen Bürgerkrieg ergriff Dolabella – ohne Rücksichtnahme auf die politische Gesinnung seines Schwiegervaters – für Caesar Partei, weil er sich davon große persönliche Vorteile bezüglich seiner großen Schulden erhoffte. Er suchte den späteren Diktator bei dessen im Januar 49 v. Chr. erfolgenden Vormarsch nach Italien sofort auf und bemühte sich, auch Cicero zum Übertritt auf die Seite Caesars zu bewegen.Cicero: Epistulae ad familiares. 14, 14, 1; Epistulae ad Atticum. 7, 13, 3, und 7, 21, 3. Doch in Rom wurden seine Erwartungen an Caesars Freigebigkeit enttäuscht und er sah sich außerdem von seinen Gläubigern verfolgt.Cicero: Epistulae ad familiares. 2, 16, 5 ff.
Caesar setzte seinem Widersacher Pompeius nicht sofort nach, sondern suchte zunächst Spanien unter seine Kontrolle zu bringen. Unterdessen sollte Dolabella mit etwa 40 Schiffen in der Adria patrouillieren, musste aber vor einer feindlichen, unter Befehl des Marcus Octavius und Lucius Scribonius Libo stehenden Flotte bis an die dalmatinische Küste zurückweichen. Auch ein gemeinsames Vorgehen mit Caesars Legat Gaius Antonius konnte nicht verhindern, dass Dolabella seine Flotte verlor. Gaius Antonius musste sich schließlich ergeben, während Dolabella wahrscheinlich die Flucht gelang.Cassius Dio 41, 40, 1 f.; Sueton: Caesar. 36; u. a.
48 v. Chr. nahm Dolabella als Verbündeter Caesars an dessen entscheidender militärischer Auseinandersetzung mit Pompeius am Balkan teil. Während des langen Stellungskrieges bei Dyrrhachion forderte er Cicero erneut brieflich zum Anschluss an Caesar auf; dieses SchreibenCicero: Epistulae ad familiares. 9, 9. ist erhalten geblieben. Auch in der mit dem endgültigen Sieg Caesars über Pompeius endenden Schlacht von Pharsalos kämpfte er mit.Cicero: Philippica. 2, 75.
Während Caesar seinen geschlagenen Gegner nach Ägypten verfolgte, begab sich Dolabella auf die Heimreise nach Italien. Er wollte nun Volkstribun werden und umging seine dabei im Weg stehende patrizische Abstammung, indem er sich Ende 48 v. Chr. von einem Plebejer, wohl einem Lentulus, adrogieren ließ.Cicero (Epistulae ad Atticum 12, 28, 3 und 12, 30, 1) nennt deshalb den Sohn, an dessen Geburt Tullia Anfang 45 v. Chr. starb, Lentulus. Vereinzelt wird auch Dolabella selbst in den Quellen als Lentulus bezeichnet (Plutarch: Cicero. 41, 7; u. a.).
Obwohl Caesar im Dezember 49 v. Chr. zur Stabilisierung des Geldmarktes u. a. den zahlreichen Schuldnern geboten hatte, nach einer Schätzung ihres Grundbesitzes ihre Gläubiger befriedigen zu müssen, hatte der Prätor Marcus Caelius Rufus 48 v. Chr. die Abwesenheit Caesars ausgenützt, um mit allen Mitteln einen Schulden- und Mieterlass durchzusetzen, wofür er allerdings mit dem Leben büßte. Dennoch brachte Dolabella Anfang 47 v. Chr. als Volkstribun nach Caelius’ Vorbild einen Antrag für ein Gesetz ein, mit dem alle Schulden gestrichen und Wohnungsmieten gemindert werden sollten, wobei es ihm hauptsächlich darum ging, den Forderungen seiner Gläubiger zu entkommen und sich eine breitere politische Plattform zu schaffen. Der Antrag wurde von seinen Amtskollegen Gaius Asinius Pollio und insbesondere Lucius Trebellius vehement bekämpft und führte zu ernsten Turbulenzen in der Hauptstadt. Anhänger von Dolabella und Trebellius lieferten sich regelmäßig Straßenschlachten. Caesar war damals in den für ihn äußerst gefahrvollen und langwierigen Alexandrinischen Krieg verwickelt. Als sein Stellvertreter in Italien fungierte der Magister equitum Marcus Antonius, der aber nicht sofort in die Kämpfe der rivalisierenden Tribunen eingriff und sich zunächst mit meuternden Legionären in Campanien beschäftigen musste. Als er wieder in Rom war, näherte er sich langsam Trebellius. Der Senat rief schließlich durch die Verabschiedung eines senatus consultum ultimum den Staatsnotstand aus, auf dessen Basis Antonius mit seinen Soldaten unter äußerst brutalen Auseinandersetzungen verhinderte, dass Dolabella seinen Antrag auf dem Forum abstimmen lassen konnte. Bei den Gefechten sollen etwa tausend Römer ums Leben gekommen sein. Zum letztendlichen Vorgehen des Magisters equitum gegen Dolabella trug angeblich auch bei, dass der Volkstribun ein Verhältnis mit Antonia, der ersten Ehefrau von Antonius, unterhalten habe. Dieses blutige Einschreiten machte Antonius bei der Plebs verhasst. Erst als Caesar Anfang Oktober 47 v. Chr. wieder nach Rom zurückkehrte, beruhigte sich die Situation gänzlich. Er begnadigte Dolabella und war eher mit Antonius unzufrieden.Hauptquellen: Cassius Dio 42, 27-33; Plutarch: Antonius. 9, 1 f. und 10, 1; Livius: periochae. 113; dazu Luciano Canfora: Caesar: der demokratische Diktator. 1999, dt. 2001, S. 190.
Für den während der geschilderten Unruhen in Brundisium weilenden Cicero war Dolabella nach wie vor ein ungeliebter Schwiegersohn. Dass dieser dem 52 v. Chr. ermordeten berüchtigten Volkstribunen Publius Clodius Pulcher eine Statue errichten ließ, empörte den Redner maßlos, da er mit dem geehrten Verstorbenen zutiefst verfeindet gewesen war.Cicero: Epistulae ad Atticum. 11, 23, 3. Ebenso ärgerte Cicero, dass Dollabella anscheinend diverse außereheliche Affären unterhielt und Tullias Ehe so unglücklich verlief. Er wünschte sich eine Trennung dieser Ehe, wagte aber kein öffentliches Zerwürfnis mit seinem Schwiegersohn.Cicero: Epistulae ad familiares. 14, 13.
Caesar hielt es offenbar für notwendig, zur Vermeidung künftiger Unruhen Dolabella aus Rom zu entfernen, und nahm ihn als einen seiner Generäle auf seine weiteren militärischen Expeditionen mit. Zuerst begleitete Dolabella den Diktator Ende 47 v. Chr. nach Nordafrika.Cicero: Philippica. 2, 75. Als er im Sommer des nächsten Jahres wieder in Italien eintraf, stattete er seinem Schwiegervater auf dessen Grundstück, dem Tusculanum, einen Besuch ab. Bei dieser Gelegenheit nahm er bei Cicero Rhetorikunterricht wie auch später in Rom.Cicero: Epistulae ad familiares. 7, 33, 2; 9, 16, 2 und 7. Er stimmte einer einvernehmlichen Scheidung von Tullia zu, die am 10. November 46 v. Chr. stattfand, war aber bei der Rückzahlung der Mitgift säumig.
Als Dolabella seit Ende 46 v. Chr. auf Caesars Seite bei der Bekämpfung des letzten Widerstandes der Pompeianer auf der Iberischen Halbinsel mitwirkte (wobei er eine Verletzung erlitt), unterhielt er eine rege Korrespondenz mit seinem ehemaligen Schwiegervater. Er übermittelte ihm Nachrichten, etwa über seinen Neffen, sowie einen Beileidsbrief zum Tod Tullias.Cicero: Epistulae ad familiares. 9, 10; 9, 11; 9, 13; Epistulae ad Atticum 12, 38, 2. Nach seiner im Sommer 45 v. Chr. erfolgten Heimkehr war er erneut Ciceros Gast auf dem Tusculanum.Cicero: Epistulae ad Atticum. 13, 9, 1 f. Aus dessen Angaben in manchen seiner Briefe zu schließen, war Dolabella jetzt vermögender, offenbar aufgrund seiner Belohnung durch Caesar, und konnte sich einige Grundstücke leisten.Cicero: Epistulae ad Atticum. 13, 52, 2 und 14, 13, 5.
Rolle im Machtkampf nach Caesars Ermordung
Anfang 44 v. Chr. traten Caesar und Marcus Antonius das Konsulat an, doch versprach Caesar, nach seinem Aufbruch zum geplanten Partherfeldzug Dolabella an seiner Stelle zum Suffektkonsul zu machen.Cicero: Philippica. 2, 79; Appian: Bürgerkriege. 2, 122; Cassius Dio 43, 51, 8; Plutarch: Antonius. 11, 2. Antonius sah in Dolabella einen auszuschaltenden Konkurrenten und bemühte sich, eine Ungültigkeitserklärung von dessen Wahl zu erreichen.Cicero: Philippica. 2, 79-83 u. ö.; Plutarch: Antonius. 11, 2.
Am 15. März 44 v. Chr. wollte Caesar über Antonius’ Einspruch bezüglich Dolabellas Suffektkonsulat entscheiden, doch seine an diesem Tag erfolgte Ermordung änderte die Situation völlig. Unmittelbar nach dem Attentat auf den Diktator beschlagnahmte Dolabella die Insignien des Konsulats, begab sich zu den auf dem Capitol verschanzten Caesarmördern und verbündete sich mit ihnen.Appian: Bürgerkriege. 2, 119 und 122; Cassius Dio 44, 22, 1; u. a. Sie bestätigten ihn dafür als Konsul, obwohl er – wenn das Geburtsjahr 70/69 v. Chr. stimmt – noch viel zu jung zur Bekleidung dieses Amtes und auch noch nicht Prätor gewesen war. Die Senatssitzung vom 17. März stand unter dem Motto der Aussöhnung von Caesarianern und Caesarmördern; zu den dabei getroffenen Beschlüssen gehörte, dass nun auch Antonius Dolabella als Amtskollegen akzeptierte.Appian: Bürgerkriege. 2, 132; Cassius Dio 44, 53, 1; u. a.