Dieser Artikel behandelt die Fälle des sexuellen Missbrauchs in der römisch-katholischen Kirche in Deutschland auf der Ebene einzelner Bistümer, Orden und anderer kirchlicher Gemeinschaften, betreffend die Zeit nach 1945. Fälle, bei denen Täter oder Beschuldigte Angehörige von Orden sind, werden hauptsächlich im Abschnitt Ordensgemeinschaften dargestellt.

Für allgemeinere Informationen wird auf den Artikel Sexueller Missbrauch in der römisch-katholischen Kirche verwiesen, der das Thema länderübergreifend behandelt.

Bistümer

Bistum Aachen Im Bistum Aachen missbrauchte der Pfarrer der Gemeinde St. Josef in Krefeld in den 1980er und 1990er Jahren mehrere Jungen. Er wurde 1994 zu vier Jahren Haft verurteilt und aus dem Klerikerstand entlassen. Der Spiegel berichtete 2002, dass bei einer Durchsuchung des Pfarrhauses 58.000 Kinderporno-Bilder und 300 Videokassetten gefunden worden waren; die meisten hatte der Pfarrer selbst erstellt. Erste Vorwürfe gegen ihn gab es schon 1972. Er gehörte einem lokalen Pädophilen-Netzwerk an, zu dem neben anderen auch ein Erzieher im Kirchendienst und ein Kirchenmusiker gehörten. Die Mitglieder des Netzwerks wurden wegen sexuellen Missbrauchs von Kindern verurteilt, einige mehrfach.Peter Wensierski: Vertuschen und versetzen spiegel.de, 14. Juli 2002.

Im September 2010 waren 24 Priester bekannt, die sich im Bistum Aachen im Zeitraum seit 1945 an Kindern und Jugendlichen vergangen haben sollen. Zu Beginn des Jahres waren erst acht Fälle bekannt gewesen. Sieben Priester waren seit 1945 strafrechtlich verurteilt worden, einer von ihnen zu vier Jahren Haft. Von den 24 Priestern lebten noch acht. Die Beschuldigungen gegen drei Priester betrafen den Zeitraum 1990 bis 2010. Diese Priester wurden von Bischof Heinrich Mussinghoff aller ihrer Ämter enthoben und suspendiert; ein Priester wurde aus dem Klerikerstand entlassen. Mussinghoff bat die Opfer und ihre Familien um Entschuldigung.Bistum Aachen: 24 Priestern wird Kindesmissbrauch vorgeworfen welt.de, 10. September 2010.

Der Krefelder Pfarrer Georg K. zeigte sich im Mai 2010 selbst an; Bischof Mussinghoff suspendierte ihn vom Priesteramt. K. wurde im Februar 2015 vom Landgericht Krefeld wegen 25 Missbrauchstaten in den Jahren 2001 bis 2007 zu sechs Jahren Haft verurteilt. Der Missbrauch betraf zwei damals 11- bis 15-jährige Brüder. Ein 2010 begonnenes Verfahren wegen ähnlicher Vorwürfe in Südafrika, wo K. ab 2007 Auslandsseelsorger tätig war, wurde im Sommer 2014 eingestellt. Nach der Verurteilung stellte das Bistum seine Unterhaltszahlungen an K. ein. Im Juni 2016 gab der Vatikan dem Entlassungsgesuch des Priesters statt.Krefelder Ex-Pfarrer erhält kein Geld mehr katholisch.de, 22. Januar 2016.Missbrauch: verurteilter Pfarrer aus Priesteramt entlassen domradio.de, 8. Juni 2016.

Bis Ende Juli 2011 zahlte das Bistum Aachen 15 Missbrauchsopfern eine Entschädigung. Seit 2010 hatten sich insgesamt 85 Missbrauchsopfer gemeldet; 26 von ihnen beantragten eine Entschädigung.Entschädigung an Missbrauchsopfer ausgezahlt bild.de, 25. Juli 2011.

Im von der MHG-Studie erfassten Zeitraum (1946 bis 2014) soll es im Bistum Aachen insgesamt 55 Priester gegeben haben, die sich an Jugendlichen vergingen.Missbrauch auch im Bistum Aachen: Scham über das Versagen einer Institution aachener-nachrichten.de, 25. September 2018.

Im Nachgang zur Veröffentlichung der MHG-Studie beauftragte Bischof Helmut Dieser 2019 ein Gutachten zur Aufarbeitung von Fällen sexuellen Missbrauchs und sexualisierter Gewalt durch Kleriker im Bistum Aachen im Zeitraum 1965 bis 2019. Die beauftragte Rechtsanwaltskanzlei Westpfahl Spilker Wastl veröffentlichte ihr Gutachten am 12. November 2020.Daniel Deckers: Verantwortliche im Bistum Aachen schützten Täter faz.net, 12. November 2020.Volltext des Gutachtens (PDF, 18 MB, 458 Seiten)

Nachdem das Bistum sich jahrelang geweigert hatte, Namen von Tätern zu veröffentlichen, änderte sich das im Mai 2023 mit der Veröffentlichung von Missbrauchsvorwürfen gegen den Priester Leonhard Meurer (1916–1991) durch die Aachener Zeitung. Fünf Tage später ging das Generalvikariat der Diözese selbst an die Öffentlichkeit und sucht so nach weiteren möglichen Opfern der mit Namen und Wirkungsorten genannten Priester Leonhard Meurer und Dieter Wintz (1938–2018).

Am 18. Oktober 2023 veröffentlichte das Bistum Aachen im Rahmen des Projekts „Das Dunkelfeld erhellen“ die Namen von 53 verstorbenen mutmaßlichen Tätern. Daraufhin meldeten sich bis Ende des Jahres 2023 66 Betroffene beim Bistum. Insgesamt sind dem Bistum seit 1930, dem Jahr der Entstehung des Bistums Aachen, 336 Betroffene bekannt geworden.

Im Dezember 2025 löschte das Bistum diese Liste von seiner Internetseite.spiegel.de 15. Dezember 2025: Bistum Aachen zieht Liste von Missbrauchstätern zurück

Bistum Augsburg Im Bistum Augsburg wurde der Fall eines 65 Jahre alten Priesters bekannt, der sich auf Druck des Bistums wegen einer 1999 begangenen Tat selbst anzeigte.Missbrauch in der katholischen Kirche: Liste des Schreckens spiegel.de, 20. März 2010. Der Beschuldigte war von 1994 bis 1995 in Aichach tätig gewesen. Ihm werden fünf Fälle von Missbrauch vorgeworfen. Trotz einer bereits bestehenden einjährigen Bewährungsstrafe setzte das Amtsgericht Aichach eine öffentliche Gerichtsverhandlung an. Erste Hinweise aus dem Jahr 1999 wurden von der Justiz nicht untersucht und von der Diözese öffentlich bestritten. Damals soll sich der Mann „auf moralisch fragwürdige Weise“ Kindern genähert haben. Betroffene Eltern hatte das Bistum gebeten, im Interesse ihrer Kinder kein öffentliches Aufsehen zu erregen und von einer Anzeige abzusehen. Der Mann war 1999 versetzt worden und seitdem in einem Bereich ohne Kontakt zu Jugendlichen tätig. Nachdem 2010 weitere Hinweise bekannt wurden, setzte das Bistum dem Mann ein Ultimatum zur Selbstanzeige.Christian Lichtenstern: Pfarrer muss wegen sexuellen Missbrauchs vor Gericht augsburger-allgemeine.de, 5. Oktober 2010.

Wilfried Hiller und Michael Lerchenberg warfen 2014 dem Internat St. Joseph in Augsburg Züchtigungen und sexuellen Missbrauch vor.Missbrauch im Internat: „Ich glaube beiden und bitte um Vergebung!“ augsburger-allgemeine.de, 19. Januar 2014.

Nach einem vorläufigen Bericht des Missbrauchsbeauftragten des Bistums Augsburg vom September 2010 wurden dort im Jahr 2010 80 Hinweise auf Missbrauch und Misshandlung bekannt. Nach Prüfung fielen weniger als die Hälfte noch in den Zuständigkeitsbereich des Bistums. Insgesamt ergaben sich 34 Missbrauchs- und Misshandlungsfälle von 1946 bis 2003. 30 Opfer waren männlich, 4 weiblich. 22 Fälle lagen in den 1950er Jahren. Das jüngste Missbrauchsopfer war acht Jahre alt. Die sexuellen Übergriffe fanden häufig auf dem Anwesen der Eltern statt. Es kam nicht zu Vergewaltigungen. Nach 2003 wurden keine Missbrauchsfälle mehr registriert. Fünf Opfern bot das Bistum therapeutische Behandlung an und übernahm die Kosten von etwa 50.000 Euro. Der Missbrauchsbeauftragte bewertete die Fälle als Einzelfälle ohne System.Daniel Wirsching: Das jüngste Missbrauchsopfer war acht Jahre alt augsburger-allgemeine.de, 8. September 2010.

Im November 2017 versetzte Bischof Konrad Zdarsa den Nördlinger Dekan und Stadtpfarrer Paul Erber in den Ruhestand, nachdem dieser den mehrere Jahrzehnte zurückliegenden sexuellen Missbrauch eines Minderjährigen eingeräumt hatte. Das Bistum informierte die Staatsanwaltschaft und die Kongregation für die Glaubenslehre.Martina Bachmann: Nördlinger Dekan gesteht sexuellen Missbrauch an Jungen augsburger-allgemeine.de, 19. November 2017.

Ein in Memmingen tätiger Pfarrer und Dekan wurde im Juni 2021 durch das Bistum Augsburg von seinem Amt entpflichtet, nachdem ein ernstzunehmender Vorwurf des sexuellen Missbrauchs gegen ihn erhoben worden war. Das Bistum informierte die Staatsanwaltschaft. Diese leitete ein Ermittlungsverfahren aufgrund des Anfangsverdachts ein, der Priester habe mehrere Jahre lang sexualbezogene Handlungen gegen eine Person vorgenommen.sueddeutsche.de: Erneut Priester wegen Missbrauchsverdacht suspendiert, 10. Juni 2021. Zwei Wochen später erwies sich der Vorwurf als strafrechtlich haltlos; die zuständige Staatsanwaltschaft stellte das Ermittlungsverfahren ein. Der Anwalt des Beschuldigten kritisierte das Bistum daraufhin wegen seiner (vom Anwalt 'rufschädigend' genannten) Kommunikationsstrategie.

Im Dezember 2023 geriet das Bistum in die Schlagzeilen, da es die Entscheidung der Unabhängigen Kommission für Anerkennungsleistungen (UKA), die von den Bischöfen 2021 eingesetzt worden war, 150.000 € an einen Missbrauchsbetroffenen zu zahlen, ablehne. Dies war ein Novum; bis dato waren alle Geldforderungen der UKA erfüllt worden.

Am 24. April 2024 gaben die Diplom-Psychologen Angelika Hauser und Rupert Membart bekannt, ihre Ämter als Missbrauchsbeauftragte zum Monatsende niederzulegen. Sie warfen dem Bistum mangelnden Aufklärungswillen vor. Das Bistum wies diese Vorwürfe zurück.Zwei Missbrauchsbeauftragte treten zurück; abgerufen am 24. April 2024.Zwei der drei Missbrauchsbeauftragten im Bistum Augsburg legen Ämter nieder; abgerufen am 24. April 2024.

Erzbistum Bamberg 2010 wurde ein Priester im Erzbistum Bamberg beschuldigt, in den 1970er-Jahren als geistlicher Direktor und Heimleiter des Bamberger Internats Aufseesianum sexuelle Übergriffe auf Schüler begangen zu haben. Der Geistliche war 1976 zunächst ins südliche Afrika und 1980 nach Mailand versetzt worden. Die Gründe lassen sich nicht mehr rekonstruieren, da in den Akten keine Begründung vorhanden ist und alle damals Verantwortlichen bereits verstorben sind. Ein Ermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft wurde eingestellt.Klaus Angerstein: Plötzlich war da was unter der Bettdecke inFranken.de, 20. März 2011.

Ebenfalls in Bamberg hat ein 1944 geborener Priester in der Zeit von 1978 bis 1984 mehrere Schüler des von ihm geleiteten Ottonianums, eines Knabenseminars des Erzbistums Bamberg, sexuell missbraucht.Missbrauchsverfahren gegen Priester eingestellt spiegel.de, 19. Januar 2010.Ermittler prüfen Suizid eines möglichen Opfers spiegel.de, 11. August 2008. Als der Fall 2008 bekannt wurde, entband die Diözese den Priester, der 1998 zum Domkapitular ernannt wordenErzbistum Bamberg: Zwei neue Domkapitulare, 29. November 1998. und 2004 zum Personalchef des Erzbistums aufgestiegen war, von seinen Aufgaben. Die Staatsanwaltschaft Bamberg nahm Ermittlungen auf, stellte das Verfahren aber 2009 wegen Verjährung ein. Im April 2012 versetzte das Kirchengericht des Erzbistums München und Freising den Geistlichen wegen sexuellen Missbrauchs dauerhaft in den Ruhestand, untersagte ihm jede seelsorgerische Tätigkeit und beschloss, dass er den Titel „Domkapitular“ nicht mehr führen darf.Ehemaliger Domkapitular strafweise in den Ruhestand versetzt bamberger-onlinezeitung.de, 30. April 2012.