Diacodexis ist eine ausgestorbene Gattung aus der Ordnung der Paarhufer. Innerhalb dieser wird sie zur Familie der Diacodexeidae gezählt. Es handelt sich um den ältesten bekannten Vertreter der Paarhufer. Er trat im Unteren Eozän vor rund 56 Millionen Jahren relativ unvermittelt auf und ist bis wenigstens in das Mittlere Eozän vor rund 46 Millionen Jahren nachweisbar. Funde wurden sowohl in Nordamerika als auch in Europa und Asien entdeckt. Sie bestehen überwiegend aus Zähnen und Gebissresten. Schädel sowie Teile des Körperskeletts sind bisher nur selten geborgen worden.

Das Fossilmaterial vermittelt das Bild eines kleinen Säugetiers von der Größe heutiger Hörnchen oder Kaninchen. Der Schädelbau war eher generalisiert, das Gebiss umfasste die vollständige Anzahl an Zähnen der Höheren Säugetiere. Anhand des Baus der Zähne ist sowohl eine pflanzen- als auch insektenfressende Ernährungsweise wahrscheinlich. Im Körperskelett zeigt Diacodexis wiederum einzelne modernere Anpassungen. Die Gliedmaßen waren schlank und langgestreckt, die Hinterbeine länger als die Vorderbeine. Zudem erwiesen sich an den Hinterbeinen die unteren Gliedmaßenabschnitte als deutlich gestreckt. Diese Merkmale sprechen für eine schnelle Fortbewegung und möglicherweise auch für eine gewisse Sprungbefähigung. Abweichend von den heutigen Paarhufern trugen die Tiere keine Hufe, sondern hatten Klauen ausgebildet.

Die Gattung wurde im Jahr 1882 wissenschaftlich eingeführt, die zuerst aufgefundenen Reste stammen aus Nordamerika. Das Hauptfundgebiet befindet sich im Nordwesten der heutigen USA. Erst in den 1970er und 1980er Jahren kamen zunehmend auch Funde aus Europa und Asien zum Vorschein. Es sind zahlreiche Arten von Diacodexis bekannt. Da teils deutliche Unterschiede zwischen den nordamerikanischen und den eurasischen Vertretern bestehen, was unter anderem den Zahnbau betrifft, halten einige Wissenschaftler eine Revision der Gattung für erforderlich.

Merkmale Diacodexis war ein kleiner Vertreter der Paarhufer, der in etwa die Größe eines Hörnchens oder eines Kaninchens aufwies. Das Körpergewicht wird je nach Bemessungsgrundlage für kleinere Individuen mit 554 bis 935 g angegeben, größere Exemplare brachten es womöglich bis auf 1,8 kg. Die Form ist hauptsächlich über ihr Gebissmaterial bekannt, vollständige Schädel und Reste des Körperskeletts liegen nur in wenigen Fällen vor. Der Schädel wurde rund 6 cm lang und 2 cm hoch. Er ähnelte in seinem Bau anderen frühen Paarhufern. Prinzipiell war er langgestreckt, niedrig und am Rostrum schmal. Die Nasenbeine hatten eine langgestreckte Form und waren parallelseitig, die Nasenöffnung richtete sich deutlich nach vorn. Der Oberkiefer war hoch, das Foramen infraorbitale lag oberhalb des dritten Prämolaren. Der aufragende Unterkiefer trennte den Mittelkieferknochen vom Stirnbein. Die Orbita befand sich abweichend von Dichobune etwa in der Schädelmitte, ihr Rand war nicht geschlossen. Auf dem recht breiten Schädeldach zeichnete sich ein nur schwacher Scheitelkamm ab. Das Hinterhauptsbein kragte mit einem deutlichen Wulst nach hinten aus. Neben diesen eher generalisierten Schädelmerkmalen finden sich einzelne Besonderheiten an der Schädelbasis. Eine knöcherne Paukenblase war nicht erhalten. Die Warzenfortsätze standen seitlich. Bei einigen modernen Paarhufern wie den Wiederkäuern sind sie in Richtung Hinterhaupt verschoben, bei den Schweineartigen hingegen werden sie durch eine Ausdehnung des Schläfenbeins überdeckt, wodurch sich heutige „mastoide Paarhufer“ von den „amastoiden“ unterscheiden. Die Situation bei Diacodexis stellt wohl einen eher urtümlichen Zustand dar. Die Ohröffnung war vergleichsweise groß.

mini|Unterkieferfragmente von Diacodexis Der Unterkiefer war schlank gebaut mit einem niedrigen horizontalen Knochenkörper, der nur leicht von vorn nach hinten an Höhe zunahm. Die Symphyse am vorderen Ende reichte bis zum zweiten Prämolaren. An der Außenseite befand sich das Foramen mentale mit drei Öffnungen, von denen die vorderste am größten war. Der Kronenfortsatz setzte weit hinter dem letzten Mahlzahn an und lehnte sich deutlich zurück, am oberen Ende war er plateauartig abgeflacht. Der Gelenkfortsatz saß markant niedriger, aber auffallend oberhalb der Kauebene. Der Winkelfortsatz am hinteren Ende richtete sich vermutlich hakenartig aufwärts. Die Bezahnung von Diacodexis umfasste das vollständige Gebiss der Höheren Säugetiere mit 44 Zähnen und folgender standardisierter Zahnformel: . Die vorderen Zähne bis zum zweiten und teilweise bis zum dritten Prämolaren der unteren und oberen Zahnreihe standen nicht geschlossen, so dass zwischen diesem jeweils kurze Diastemata auftraten. Die Schneidezähne waren klein und unspezialisiert, die Eckzähne teilweise vergrößert und spitz. Hierbei zeigte sich der obere Eckzahn größer als der untere. Die Molaren wiesen einen typisch tribosphenischen Bau früher Höherer Säugetiere auf, das heißt, sie besaßen drei Haupthöcker in dreieckiger Anordnung. An den oberen Mahlzähnen, die häufig so lang wie breit waren, standen der Paraconus und der Metaconus an der Zahnaußenseite, der Protoconus an der Innenseite. Ein Hypoconus fehlte grundsätzlich. Die unteren Mahlzähne waren länger als breit. Das Trigonid mit den drei Haupthöckern, dem Paraconid, dem Metaconid und dem Protoconid, erhob sich über dem Talonid. Auf letzterem waren ebenfalls drei Höckerchen ausgebildet, so dass die Kauoberfläche insgesamt sechs größere Aufwölbungen aufwies. Das Paraconid war aber in seiner Größe häufig reduziert, das Metaconid wiederum vergrößert. Bei einigen, vor allem eurasischen Arten traten zwischen den Höckern schärfere Schneidkanten auf. Generell waren die Mahlzähne niederkronig (brachydont).

Das Körperskelett ist unvollständig bekannt, was auch für die Wirbelsäule gilt. Es können aber 7 Hals-, wenigstens 10 Brust-, 6 bis 7 Lenden-, 3 Kreuzbrein- und mindestens 14 Schwanzwirbel zugeordnet werden. Die Schwanzwirbel liegen hauptsächlich vom vorderen und mittleren Abschnitt vor. Ähnlich wie bei Messelobunodon aus der Grube Messel, dessen Schwanz aus 24 Wirbeln besteht, war dieser wohl länger als bei den heutigen Paarhufern. Der Bewegungsapparat von Diacodexis zeichnet sich durch seine deutlich schlanken Gliedmaßen aus. Entsprechend zu anderen frühen Formen der Paarhufer, etwa zu Messelobunodon, waren die Hinterbeine länger als die Vorderbeine. Auch übertrafen an ersteren die unteren Beinabschnitte die oberen an Länge. Insgesamt lässt sich eine Mischung aus ursprünglichen und entwickelten Merkmalen feststellen. Die bei Diacodexis diagnostizierbaren urtümlichen Merkmale finden sich heute kaum noch bei den Paarhufern. Dazu gehört unter anderem ein kurzes Schlüsselbein, das weder mit dem Brustbein noch mit dem Schulterblatt verbunden war. Der 5,4 bis 6,2 cm lange Oberarmknochen besaß einen schmalen Gelenkkopf und eine deltopectorale Aufrauung, die sich über rund ein Drittel des Schaftes erstreckte. Ebenfalls untypisch für heutige Paarhufer waren die Knochen des Unterarms nicht miteinander verwachsen. Am Oberschenkelknochen, der zwischen 5,3 und 7,1 cm lang wurde, bestand ein dritter Rollhügel, der wiederum bei den heutigen Paarhufern fehlt, allerdings bei anderen frühen huftierartigen Gruppen wie den Phenacodontidae und den Arctocyonidae vorkam. Er fungiert als Ansatzpunkt für die Gesäßmuskulatur. Das Schienbein erreichte eine Länge von 5,9 bis 8,3 cm. Am oberen Ende trat eine kurze Crista cnemialis auf, an der die Oberschenkelmuskulatur verankert war. Der knöcherne Kamm verlief nur über 25 % der Länge des Schienbeins. Das Wadenbein war schlank und spanartig geformt und nicht mit dem Schienbein verwachsen, aber mit diesem am oberen Ende verbunden. Abweichend von den heutigen Paarhufern waren die Finger- und Zehenstrahlen getrennt. Der Vorderfuß bestand aus fünf, der Hinterfuß aus vier Strahlen, möglicherweise kam hier jedoch noch ein kleiner fünfter Strahl vor (der innere Strahl I wird teilweise durch einzelne Gelenkfazetten am benachbarten Strahl II angezeigt). Die jeweiligen Strahlen III und IV bildeten gemäß den überlieferten Mittelhand- und Mittelfußknochen die robustesten Strahlen, was mit den heutigen Paarhufern übereinstimmt. Die seitlichen Strahlen II und V zeigten dem gegenüber aber kaum Längenkürzungen. Insgesamt bildeten diese jeweils vier Hauptstrahlen einen Bogen, der innerste Strahl am Vorderfuß setzte auf der Seite der Handinnenfläche an und berührte vermutlich beim Laufen nicht den Boden. Die Endglieder der Finger und Zehen trugen, abweichend von den Hufen der heutigen Paarhufer, klauenartige Bildungen. Das Sprungbein verfügte über eine gedoppelte Gelenkrolle, was als typisch für die Paarhufer zu werten ist.

Fossilfunde Funde von Diacodexis wurden sowohl in Nordamerika als auch in Eurasien entdeckt. Ein Großteil der nordamerikanischen Fossilreste kam aus dem zentral-westlichen Bereich zu Tage, vor allem dem US-Bundesstaat Wyoming. Bedeutende Fundgebiete sind mit dem Wind River Basin, dem Bighorn Basin und Clarks Fork im Nordwesten des Bundesstaates zu nennen. Dort bestehen zahlreiche einzelne Lokalitäten, die überwiegend Zahn- und Gebissmaterial bargen. Das Wind River Basin erbrachte unter anderem das Typusmaterial der Gattung. Es umfasst ein Unterkieferfragment, welches in der Wind-River-Formation lagerte. Aus der Willwood-Formation des Bighorn Basins stammt eines der wenigen Skelettexemplare Nordamerikas. Es schließt Teile des Gebisses und des Schädels, einzelne Abschnitte der Wirbelsäule, einige Rippen sowie einige Elemente des Vorderbeins und das nahezu vollständige Hinterbein ein. Auch wurde dort ein Schädel geborgen. Weitere Reste sind der San-Juan-Formation in New Mexico und der Debeque-Formation in Colorado zuzuweisen. Alle Funde von Diacodexis in Nordamerika datieren in das Untere und Mittlere Eozän und gehören lokalstratigraphisch dem Untersten Wasatchium bis Mittleren Bridgerium an, lassen sich also einem Zeitraum von vor rund 56 bis 49 Millionen Jahren zuordnen. Bemerkenswert ist das relativ unvermittelte Auftreten der Gattung im Untersten Wasatchium, das auch mit dem ersten Erscheinen früher Unpaarhufer wie etwa Sifrhippus einhergeht.

In Europa verteilen sich die überwiegenden Funde von Diacodexis auf den westlichen und südlichen Bereich des Kontinentes. Sehr frühe Funde wurden unter anderem aus Dormaal in Belgien beschrieben, die dem Beginn des Unteren Eozäns vor rund 56 Millionen Jahren entsprechen und aus einzelnen Zähnen bestehen. Ähnlich alt dürften einige Reste aus Abbey Wood in England oder mehrere Einzelzähne aus Fordones sein, ebenso wie ein Unterkiefer und ein Sprungbein aus Palette, die beiden letztgenannten Fundstellen liegen im südlichen Frankreich. Deutlich weiter westlich findet sich mit Silveirinha Pequena ein Fundpunkt im westlichen Portugal, der ebenfalls überwiegend isolierte Zähne, aber auch ein Sprungbein barg. Zeitlich zu diesen frühesten Nachweisen schließt sich Corsà im nördlichen Spanien mit einem Unterkieferfragment an. Sehr umfangreich wiederum ist das Fundmaterial aus Premontré im nördlichen Frankreich, das rund drei Dutzend Zähne einschließt und in das ausgehende Untere Eozän datiert. Die bisher jüngsten Funde sind aus dem Geiseltal in Sachsen-Anhalt geborgen worden. Auch dieses besteht weitgehend aus einzelnen Zähnen, gehört aber bereits dem Mittleren Eozän an. Die Lage der Funde in der unteren Unterkohle spricht für ein Alter von knapp 46 Millionen Jahren.