Die Wiedererfindung der Nation. Warum wir sie fürchten und warum wir sie brauchen ist ein 2020 erschienener kulturwissenschaftlicher Diskussionsbeitrag von Aleida Assmann. Sie sieht politische Tendenzen in Europa stärker werden, „die historische Mythen hemmungslos für ihre nationalistischen Zwecke ausschlachten.“ Mit ihrem Buch will sie für nationalistische Narrative sensibilisieren und die Positionen derer stärken, die das Mobilisierungspotenzial nationaler Errungenschaften nicht rechten Kräften überlassen wollen. Linksgerichtete Kosmopoliten oder Universalisten würden durch ihre Abstinenz beim Thema der Nation das Mobilisierungspotenzial der nationalen Idee einer aktiven politischen Rechten überlassen, die diesen Verzicht auf Einmischung ausnutze und das „geräumte Terrain“ besetze.Assmann, Wiedererfindung, S. 14, 22 ff., 26 ff., 30 ff., 38, 40 ff., 52 f., 63.

Übersicht Die Europäische Union sei ein „Schutzschirm des Nationalstaats“, befinde sich aber heute unter dem Druck aggressiver Nationalismen und an einem Wendepunkt. Auch in der Bundesrepublik Deutschland seien die Anstrengungen deutlich, ein antidemokratisches „Gegengedächtnis“ zu entwickeln. Es sei daher notwendig, sich in einer „Inventur des deutschen nationalen Gedächtnisses“ der Elemente zu versichern, an die eine fortschrittliche „zivile Nation“ anknüpfen könnte. „Wer den Liberalismus gegen die autoritäre Welle unserer Zeit verteidigen will, der muss die Nation neu denken. […] Die Wiedererfindung der Nation ist eine wichtige Aufgabe, die gemeinsame Aufmerksamkeit verdient.“ Das Buch sei ein Beitrag zu einer in Deutschland vernachlässigten oder sogar verweigerten Diskussion. Assmann rezipiert und analysiert den vorhandenen Diskurs über Opfergedenken, Identität, neue Nationalismen und die Bedeutung der Europäischen Union mit dem Ziel der Selbstaufklärung und kulturpolitischen Sensibilisierung. Auch wenn die fünf Kapitel als separate Essays gelesen werden könnten, sei der „rote Faden“ „die enge Verbindung […] zwischen Staatsform, Nation und Narrativ.“Assmann, Wiedererfindung, S. 14, 17, 24. Ein deutlicher Hinweis auf Assmanns Diskussionsbereitschaft ist das sich über mehr als drei Seiten hinziehende, doppelspaltige Personenregister am Ende des Textes. Nach Münkler (siehe Weblinks) hat Assmann „sich die einschlägigen Theoriedebatten“ und Tendenzen in mehreren Nationalstaaten angeschaut, „bevor sie eine eigene Position entwickelt und diese offensiv und selbstbewusst ins Spiel bringt.“ Arnold und Bischoff (siehe Weblinks) dagegen lasen nur „eine 300-seitige Polemik“. Steinfeld (siehe Weblinks) stört die Komposition aus „Vorträgen und Diskussionsbeiträgen mit eher disparatem Charakter.“

Nationalstaaten und die EU Kein Nationalbewusstsein ohne Kulturaneignung Die mit dem fürstlichen Absolutismus in Europa entstandenen Staaten wurden erst mit der Aufklärung um den bürgerlichen Teil der Bevölkerung als „Subjekt der Geschichte“ ergänzt, das für sich die ganze Macht reklamierte, weil es für sich beanspruchte, die ganze Nation zu repräsentieren. Dieses historische Selbstbewusstsein artikulierte sich in einer Akzentuierung bestimmter gesellschaftlicher Traditionen und Kulturformen, die wie immer selektive Aneignung der eigenen Geschichte stabilisierte den Anspruch auf politische Führung.Zur Begriffsgeschichte in der neueren historischen Forschung vergleiche Assmann, Wiedererfindung, S. 71 f. Assmann geht näher ein auf die Staatsmodelle von Andreas Wimmer und Nina Glick Schiller (S. 30 ff.) sowie von Alexander Thiele (S. 35–46). Im England und Frankreich des 18. Jahrhunderts verband sich das aufsteigende Bürgertum bewusst mit einer Bestandsaufnahme und Neubewertung aller Wissensgebiete, die auf ihre emanzipatorischen Potenziale geprüft wurden: Historisch-kulturelle Aneignung, die Markierung einer bestimmten Sichtweise auf Ereignisse, Institutionen und Denkformen, war Teil der politischen Selbstermächtigung. Vergleiche hierfür die Beiträge über Denis Diderot und seine über 70.000 Artikel umfassende Encyclopédie. Die Idee der Nation sei von Beginn an eine ambivalente ideologische Konstruktion, die mit dem Doppelmotiv von Inklusion und Exklusion sowohl Gemeinschaft und Solidarität als auch Ausgrenzung – und Vernichtung – von Minderheiten begründet habe. Indem die Idee der Nation und ihre Propagierung aber eine völlig neue hegemoniale Ressource schuf, erweise sie sich trotz ihres „illusorischen“ oder „fiktiven“ Kerns aus Legenden und Überzeugungen als reale politische Macht, die zu ignorieren politisch naiv sei.„Deshalb erscheint es mir müßig, die Nation in Bausch und Bogen als ‚unwissenschaftlich‘ oder ‚unreal‘ zu ‚dekonstruieren‘. Sehr viel sinnvoller wäre es zu fragen, auf welchen Ideen und Prinzipien die Nation als Konstruktion jeweils beruht (…), kurz: ob diese Ideen und Prinzipien auf eine zivile oder brutale Form von Politik angelegt sind.“ Assmann, Wiedererfindung, S. 38; 71, 137, 302 f. Die Unschlagbarkeit der französischen Revolutionsarmeen nach 1792 für nahezu 20 Jahre beruhte darauf, Armeen einer Nation zu sein. So Michael Howard, Der Krieg in der europäischen Geschichte, München: Beck 1981, S. 103 f. Die Formung von revolutionärer Identität und Solidarität durch eine kulturelle Intervention wird an der Geschichte der Marseillaise deutlich. Die praktische Bedeutung von Narrativen und Symbolsprachen im Alltag zeige sich auch in den Formen der Beendigung von Kriegen, die trotz Kapitulationen und Verträge nicht zum Frieden werden: wenn z. B. durch das Narrativ einer Dolchstoßlegende der nächste Krieg vorbereitet wird oder infolge eines einseitigen Siegergedenkens die Wunden eines Krieges nicht geschlossen werden können. Assmann, Wiedererfindung, S. 194 ff., 216f., 220 ff.

Triumph aggressiver nationaler Narrative Die Auflösung der Sowjetunion habe neue Nationalstaaten geschaffen, Russland und China seien zu semi-kapitalistischen Nationalstaaten mutiert, im 21. Jahrhundert sei „der gesamte Erdball aktuell von (modernen) Nationalstaaten bedeckt“, viele von ihnen illiberale und ethnisch diskriminierende Beispiele für „schlechte Nationalstaaten“. Aber der Nationalstaat als dominierende Bewegungsform heutiger Gesellschaften sträube sich nicht gegen seinen oft prognostizierten Untergang, er triumphiere.Assmann, Wiedererfindung, S. 30, 37 ff., 55, 79, 88 f. In der Europäischen Union nehme der spaltende Nationalismus zu und unterhöhle die gemeinsame Basis der in ihr verbundenen und durch sie geschützten Staaten: das Bekenntnis zur friedlichen Konfliktlösung, zur Demokratie, zur selbstkritischen Erinnerungskultur und zur Aktualisierung der Menschenrechte. Proteste gegen die Globalisierung, nationalistischer Gegenwind und aggressiv fremdenfeindliche Töne zersetzen die Liberalität und Offenheit des europäischen Traums einer EU als demokratischer Eidgenossenschaft: „Wir stehen heute am Ende der friedlichen Erfolgsgeschichte der EU.“Assmann, Wiedererfindung, S. 18, 48 ff., 54 ff., 59, 292. Gauß (siehe Weblinks) betont, dass plakative Bekenntnisse deutscher Regierungen zu Europa immer auch der Verfolgung rein nationaler, egoistischer Wirtschaftsinteressen gedient hätten – Bekenntnisse zu Europa bedeuten daher nicht schon eine gemeinsame transnationale Perspektive.

mini|DRESDEN am 25. Januar 2015: PEGIDA Demonstration (Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes) Assmann untersucht auch die drei mit Israel verbundenen gemeinschaftsstiftenden, gleichwohl gewaltfördernden nationalen Narrative, von denen der Holocaust und der Mythos des 1948 angeblich leeren Landes von den Palästinensern nicht anerkannt werde, umgekehrt aber auch die Erinnerung an die Nakba von 1948, die Vertreibung von 700.000 Palästinensern heute in Israel per Gesetz und durch eine entsprechende Landschaftspolitik ausgelöscht werde.Assmann, Wiedererfindung, S. 120–135.

Kritik der Nation und Identität

Surreale Modernisierungstheorie Auf das Signalwort Nation werde heute höchst sensibel reagiert und sofort ein „Abgleiten in Nationalismus und Nationalsozialismus“ befürchtet.Nach Gauß (siehe Weblinks) ist „der ‚Nationalismus‘ zum größten Bannbegriff geworden“. Seit den 1980er Jahren sei „das Thema stillgestellt“ und mit der Sprachregelung der „nachnationalen“ Epoche ignoriert worden: Ulrike Guérot plädiere für die Überwindung der Nation durch eine „europäische Republik der Regionen“, was angesichts der aktuellen Renationalisierung nur Utopie sei. Robert Menasse berufe sich beim Absterben der Nationen auf zweifelhafte geschichtsphilosophische Annahmen. Modernisierungstheoretiker übertrügen transnationale Wirtschaftsprozesse in falscher Analogie in eine politische Globalisierung oder in Kosmopolitismus.Für Herfried Münkler (siehe Weblinks) sind die Modernisierungstheoretiker „einer kosmopolitisch-neoliberalen Vorstellung auf den Leim gegangen.“ Alexander Thiele fordere die Denationalisierung der politischen Theorie und gleichzeitig die Konstruktion eines Ersatz-Narrativs, das nicht an „Leitbildern“ der Vergangenheit festhalte, sondern an „Leitmetaphern“ der Veränderung und Erneuerung – „das Mantra der Modernisierungstheorie.“

Identität als Element nationaler Narrative Die Konjunktur der Identität seit den 1980er Jahren, dieses mit dem Nationsbegriff verbundenen Begriffs, werde von der allgemeinen politischen und der Modernisierungstheorie ebenso wie die erneuerte Relevanz der Nation ignoriert. Die globale Vermehrung der Nationalstaaten und die Flut identitätspolitischer Veröffentlichungen werde von der Modernisierungstheorie weder zur Kenntnis genommen noch verstanden. Assmann erklärt diese Konjunktur mit einem Verlust der Modernisierungstheorie an Überzeugungskraft und der mit der Auflösung der bipolaren Welt verbundenen „Suche nach neuen Formen der Zugehörigkeit im Zeitalter der Globalisierung.“Assmann, Wiedererfindung, S. 77 ff., 304. Einen zentralen Faktor in der Konstruktion eines weißen Nationalismus sieht der schwarze Marxist Stuart Hall in Das verhängnisvolle Dreieck. Rasse, Ethnie, Nation in der beunruhigenden Aushöhlung des Nationalstaates durch den transnationalen Kapitalismus und die von ihm ausgelöste Migration aus dem globalen Süden in den Norden.

Assmann versteht unter kollektiver Identität eine orientierende Identifikation mit Traditionen, Werten und Vorbildern, wodurch Zugehörigkeit entstehe. Dauerhafte Orientierung durch Identität als eine „Konstruktionsleistung“ von Individuen und Gruppen sei zwar nur eine „vorgestellte Gemeinschaft“, aber „die der Identitätspolititk innewohnende Tendenz, wasserdichte Grenzen um sich zu ziehen (…) und ihre Erfahrungen als unantastbar, unverständlich und unübersetzbar zu definieren, ist jedoch problematisch, denn diese Schranke vereitelt Kommunikation, Kunst, Empathie, geteilte Werte und gemeinsame Projekte.“Assmann, Wiedererfindung, S. 70 f.,76, 78 f., 105. Als Beispiel der modernisierungstheoretischen Verständnislosigkeit für Identität untersucht Assmann Francis Fukuyamas Gleichsetzung von Identität mit Affekt, wodurch Geschichte und Strukturen gezielt ausgeblendet würden. Mit ihrem Individualismus, ihrer Zukunftsbetonung und der permanenten Umwälzungsforderung könne die Modernisierungstheorie die neue „Begriffstrias Identität-Gedächtnis-Kultur“ gerade nicht erfassen. Assmann, Wiedererfindung, S. 102 ff., 187, 268 ff., 301 f. Mit einem Katalog von Fragen verdeutlicht Assmann, wie nah die Kulturwissenschaft noch dem Anfang der Identitätsforschung steht: