mini|Große Moschee von Kairouan, August 2008 Die Hauptmoschee von Kairouan (auch: Die große Moschee von Kairouan, oder , im Volksmund kurz „Sīdī ʿOqba“) ist das Wahrzeichen der tunesischen Stadt Kairouan und wurde islamischen Überlieferungen zufolge vom Eroberer Nordafrikas ʿUqba ibn Nāfiʿ bereits gegen 670 n. Chr. auf dem Lagerplatz des muslimischen Heeres als Gebetsstätte gewählt. Die legendenhafte Moscheegründung und ihre Frühgeschichte (siehe unten) als die erste Moschee in der islamischen Eroberungszeit Nordafrikas begünstigten die Entstehung einer von Anfang an religiös geprägten Stadt nach Mekka, Medina und Jerusalem.
Nach Paul Sebag sind die Ausmaße der asymmetrisch ausgelegten Moschee im Süden 173 Fuß und 8 Zoll, an der Westseite 219 Fuß und 10 Zoll, an der Nordseite 164 Fuß und 10 Zoll, an der Ostseite 220 Fuß und 1 Zoll. Die neusten Einmessungen ergaben: im Osten 127,50 m, im Westen 125,20 m, im Süden 78 m, im Norden 72,70 m.Kenza Boussora & Said Mazouz: The Use of the Golden Section in the Great Mosque at Kairouan. In: Nexus Network Journal 8 (2004), S. 13. Insgesamt umfasst die Anlage rund 9000 m². Sie gehört architektonisch zum Typ der Hofmoschee und gilt in der Moscheearchitektur als frühestes Beispiel des T-Typs, d. h. der Betsaal ist dem gegenüber stehenden Minarett mittig angeordnet. Im Kulturbereich des islamischen Westens (al-Maghrib) waren es die Almohaden (1121–1269), die ihren puritanistischen Tendenzen entsprechend auf die sakralen Bauten der Vorgänger – hier: die Aghlabiden und Ziriden – durch die Weiterführung des T-Typs als Grundrisskonzept zurückgegriffen haben: vgl. die Moschee von Tinmal. Der imposante, seit dem späten 19. Jahrhundert mit weißem und gelbem Marmor fast vollständig ausgelegte Innenhof ist von Säulengängen mit Hufeisenbögen, die auf antiken Doppelsäulen, wie die gesamte Anlage, ruhen, umschlossen. Den westlichen Säulengang schließen zwei Blendarkaden ab.Nach Paul Sebag, S. 90 befand sich „hier ein Raum für die rituellen Reinigungen - midha - (sic) jetzt nicht benutzt“…; gemeint ist: mīḍʾa, mīḍāʾa. Das Minarett ist mit dem westlichen und östlichen Säulengang durch Hufeisenbögen verbunden. Dahinter befinden sich bis heute lediglich kleine Lagerräume. Das Regenwasser fließt durch kleine Öffnungen in bestimmten Bodenfliesen des Innenhofes in mehrere Sammelzisternen ab und wird nach seiner Reinigung durch ausgehöhlte antike Säulenbasen mit Seilspuren entnommen.Paul Sebag, S. 82-83 (Abbildungen).Diese Technik ist auch in der Moschee des Muhammad ibn Chairun sichtbar, wo das Regenwasser vom Dach der Moschee direkt in die Zisterne abgeleitet wird. Bei der Rekonstruktion der Bauphasen ist die Forschung auf die lokalhistorische Literatur und auf umfangreiche Reiseberichte vor allem andalusischen Ursprungs, die sich gegenseitig ergänzen, sich aber hie und da auch widersprechen, angewiesen. Die frühesten Hinweise auf Bautätigkeiten im Moscheebereich liegen erst ab Mitte des 10. Jahrhunderts vor. Bauzeichnungen aus den rekonstruierbaren Bauphasen sind bis heute unbekannt. Baugeschichtlich sind somit nur die erfassten Originalinschriften als Gründungsinschriften und Widmungen an einigen Bauteilen des Objektes die einzigen Primärquellen.
Epigraphische Bedeutung kommt denjenigen, allerdings durchgehend undatierten, Graffiti zu, die an einigen Säulen und den Fassaden der Moschee wahrscheinlich als terminus post quem zur Zeit der Bauarbeiten unter den ersten Aghlabiden angebracht worden sind.Abdeljaouad: Étude épigraphique des graffiti, S. 114–134. Stratigraphische Untersuchungen der Objektoberflächen führen zur gleichen zeitlichen Eingrenzung. Inhaltlich sind die bisher publizierten Graffiti Koranzitaten, islamischen Fürbitten und Invokationen zuzuordnen, die baugeschichtlich allerdings nicht verwertbar sind. Eine Inschrift beginnt nach der Basmala mit dem Koranvers 29 der Sure 23: „Herr! Gewähre uns (sic - anstatt mir) eine gesegnete Unterkunft…usw.“ und wird fortgesetzt mit der vollständigen Fātiḥa mit der abschließenden Nennung des Verstorbenen, eines gewissen ʿAbd Allāh b. ʿUthmān (raḥima ʾllāhu ʿAbda ʾllāhi bna ʿUthmāna - der Rest fehlt). In der Schrift ist das Abbild eines Pferdes integriert, dessen Bedeutung im gegebenen Zusammenhang allerdings unklar ist.Abdeljaouad: Étude épigraphique des graffiti, S. 119–120 und 128; 130.
Gründung und erste Bauphasen
Die Beschreibung der Anfänge der Bautätigkeiten, worüber keine archäologischen Funde vorliegen, ist in der oben genannten Literatur nicht selten legendenhafter Natur. Am Anfang der Gelehrtenbiographie des Kairouaner Historikers Abū Bakr al-Mālikī (gest. gegen 1061), der uns bis in das frühe 11. Jahrhundert wertvolle topographische Informationen liefert,Siehe Fuat Sezgin, (GAS), Band I, S. 360–361. heißt es: „Er (ʿUqba) erreichte mit ihnen (mit den Truppen) die Stelle der Großen Moschee und grenzte sie ab. Dort hat er keinen Bau errichtet. In diesem Zustand pflegte er dort zu beten.“Abū Bakr al-Mālikī, Bd. I. S. 12; so wörtlich auch der marokkanische Historiker Ibn ʿIdhārī, Bd. I. S. 18. Ein historisch, oder archäologisch überprüfbares Gründungsdatum ist unbekannt und wird von den nordafrikanischen Lokalhistorikern ebenfalls nicht angegeben. Legendenhaften Berichten zufolge soll ʿUqba b. Nāfiʿ in der Nähe der heutigen Gebetsnische ein Gebiet als Gebetsplatz lediglich „abgesteckt“, d. h. räumlich eingegrenzt (ichtaṭṭa)Zur Bedeutung siehe das Verb und das Nomen ḫiṭṭa: Lane, S. 759–760; R.Dozy, Bd. 1, S. 379–380. und die Gebetsrichtung nach einem Traum auf dem Lagerplatz – mit Hilfe seiner Lanze oder einem Banner – festgelegt haben.Abū l-ʿArab at-Tamīmī: Ṭabaqāt ʿulamāʾ Ifrīqiyya, S. 8; ad-Dabbāgh, Bd. I. S. 9 nach einer Überlieferung ägyptischen Ursprungs; Abū Bakr al-Mālikī, Bd. I. S. 12–13. Der anonyme Verfasser des Buches al-Istibṣār fī ʿaǧāʾib al-amṣār (Betrachtung der wundersamen Dinge in den Städten)Herausgegeben von Saʿd Zaghlūl ʿAbd al-Ḥamīd. Casablanca 1985. S. 114. Das Werk, das nach drei Handschriften publiziert wurde, entstand zur Zeit des Almohaden-Herrschers Abū Yūsuf Yaʿqūb al-Mansūr unter der Verwendung von mehreren geographischen und historischen Schriften. Siehe die Einleitung des Herausgebers. Siehe: Carl Brockelmann: Geschichte der arabischen Litteratur. (GAL), Supplement, Bd. 1, S. 879. teilt sogar Einzelheiten über diesen Traum mit, denn ʿUqba glaubt eine Stimme gehört zu haben: „wenn du den Gebetsruf hörst‚ nimm' deinen Banner und ziehe los. Wenn der Gebetsruf aufhört, befestige (an der Stelle) deinen Banner, denn dort ist deine Gebetsrichtung (qibla)“. Der Verfasser fügt hinzu: „Diese (Stelle) ist bis heute der Miḥrāb der Hauptmoschee von Kairouan.“ Der tunesische Gelehrte Ibrahim Chabbouh, der Herausgeber des hier mehrfach zitierten Werkes von ad-Dabbāgh (gest.1296) C. Brockelmann: Geschichte der arabischen Litteratur (GAL), Suppl.I. S.812; H.R. Idris (1977), S. 244–249., weist ebenfalls auf vergleichbare Berichte als legendenhafte Erzählungen der alten Historiker hin:ad-Dabbāgh, Bd. I. S. 9, Anmerkung 4. Der vielseitige und angesehene Gelehrte Ibn Qutaiba (828–889) mit Wirkungskreis BagdadSiehe GAL, Bd. I, S. 124–127., dem ein Geschichtswerk unter dem Titel: al-Imāma wa-s-Siyāsa (Das Imamat und die Staatslehre), zugeschrieben wird, soll den Zustand der Moschee um 698–699, nach nicht angegebenen Quellen, wie folgt beschrieben haben: „Die Moschee sah wie ein eingefriedeter Raum aus, war aber mit Holzstücken bedacht. Ibn al-Nuʿmān (sic) errichtete die Qibla und was dazu gehört als einen schwachen Lehmbau“.al-Imāma wa-s-Siyāsa, Bd. II, S. 72. Beirut 1992. Möglicherweise liegt im Bericht ursprünglich eine Verwechslung von ʿUqba b. Nāfiʿ mit Ḥassān ibn an-Nuʿmān vor. Das genannte Werk, das seit 1902 mehrfach gedruckt wurde, bezeichnet man in der Fachliteratur als „Pseudo-Ibn Qutaiba“.
Nach der arabischen Eroberung von Karthago (697–698) und der Vertreibung der Berber aus der Region ließ der Feldherr Hassān ibn an-Nuʿmān die vorgefundene Moschee zerstören und sie mit Spolien aus Karthago neu aufbauen. Allerdings liegen weder historisch verwertbare Nachrichten noch archäologische Funde über die Größe und Gestaltung der ursprünglichen ersten Moschee vor. Der Lokalhistoriker Abū Bakr al-Mālikī datiert den Beginn dieser Arbeiten auf Oktober 703. Die Richtigkeit seiner Angabe kann in einem anderen Zusammenhang, in der Beschreibung der Zaitūna-Moschee von Kairouan, die gegen 711–712 entstanden ist, bei ad-Dabbāgh bestätigt werden. Der Gründer der Moschee war der wohlhabende Kaufmann Ismāʿīl b. ʿUbaid al-Anṣārī, der im Jahre 725 starb. „In dieser Moschee“, schreibt ad-Dabbāgh, „versammelten sich die Kairouaner zum Freitagsgebet, wenn in der Hauptmoschee von ʿUqba Bauarbeiten stattfanden.“ad-Dabbāgh, Bd. I, S. 28; al-Hintātī (1996), S. 83 mit einer falschen Quellenangabe in der Fußnote 24. Abū Bakr al-Mālikī nennt ihn wegen seiner Freigiebigkeit als den „Kaufmann Gottes“ (tāǧiru llāh), „der die große Moschee errichten ließ, die heute als die Zaituna-Moschee (Olivenbaum-Moschee) bekannt ist.“Abū Bakr al-Mālikī, Bd. I. 106-107. Über diese Moschee siehe auch Kairouan#Historische Bauwerke.
Das massive, zweimal erweiterte, nunmehr dreistöckige Minarett steht gegenüber dem Betsaal an der Nordwand des Moscheehofes und erinnert seiner Form nach an einen Wehrturm mit Schießscharten. Ursprünglich hatte die Moschee kein Minarett. Diese nach Norden ausgerichtete Erweiterung der Anlage beschreibt der wohl wichtigste Geograph seiner Zeit al-Bakrī (1014–1094) mit Wirkungskreis Sevilla und Córdoba im 11. Jahrhundert und datiert die ersten Bauarbeiten an einem Minarett auf die Zeit des Statthalters Bišr b. Ṣafwān (gest. Januar 728) während der Regierungszeit des Umayyaden-Kalifen Hischām ibn ʿAbd al-Malik (regiert von 724 bis 743 in Damaskus). Somit ist das Minarett um hundert Jahre vor dem Ausbau des gegenüberliegenden Betsaals unter Ziyādatullāh ibn Ibrāhīm (regiert 817–838) entstanden.
Im Jahre 774, unter dem Statthalter der Abbasiden Yazīd ibn Ḥātim in Ifrīqiyā, ist die Anlage mit Ausnahme des Minaretts und der Gebetsnische an der Ostmauer zerstört und neu errichtet worden. Darüber berichtet der Geograph Abū ʿUbaid al-Bakrī wie folgt: „nachdem Yazīd ibn Ḥātim im Jahre 155 (772) die Verwaltung von Ifrīqiyā übernahm, zerstörte er die ganze Moschee mit Ausnahme der Gebetsnische (Miḥrāb). Er errichtete den Bau neu, kaufte die grünen Säulen für sehr viel Geld und stellte sie dort (am Miḥrāb) auf, wo dann der Qāḍī Abū ʾl-Abbās ʿAbdūn (sic) das Gebet zu verrichten pflegte“.al-Bakrī,S. 23. In dieser Kurzbeschreibung des Bauvorhabens bei al-Bakrī bleibt das Minarett allerdings unerwähnt. Es ist auch nicht überliefert, wo der oben genannte Statthalter die „grünen Säulen“, die heute vom dritten Querschiff aus den Hauptzugang zum Miḥrāb flankieren, erworben haben soll. Der hier genannte Qāḍī Abū l-ʿAbbās b. ʿAbdūn ist bekannt; sein Grabstein mit dem datierten Epitaph ist erhalten: Er starb am 6. Ǧumādā II. 297 (20. Februar 910). Der neunte aghlabidische Emir Ibrāhim II. ibn Aḥmad, Abū Isḥāq, regiert zwischen (875–902) hat ihm das Richteramt in Kairouan verliehen.Als Schi‘it war er ein einflussreicher Gegner der sunnitischen Bevölkerung und führte in Kairouan die Mihna durch. Über die Grabinschrift siehe: Roy – Poinssot, Bd.I. S. 171–172. Auf seinem Grabstein wird seine von den Sunniten abgelehnte muʿtazilitische Position über die Ablehnung der Gottesschau (nafy ar-ruʾya) dokumentiert: Muranyi: Beiträge, S. 167, Anm. 1. Über seine Rolle während der Miḥna siehe: Abū l-ʿArab at-Tamīmī: Kitāb al-miḥan, Ed. Yaḥyā Wahīb al-Ǧabbūrī. Beirut 1988. S. 463–465; al-Khushanī: Ṭabaqāt ʿulamāʾ Ifrīqiyā. Ed. Mohammed ben Cheneb. Algier (Nachdruck Beirut, o. D.), S. 187–189; siehe auch: Islamische Gräber und Grabinschriften.