Abdurehim HeyitIn der englischsprachigen Literatur finden sich weitere Schreibweisen seines transkribierten Namens, wie beispielsweise „Abdurihim“ (), „Abdurahim Heet“ () oder „Abdurehim Häyit“ (). (uigurisch: ئابدۇرېھىم ھېيىت; chinesisch: 阿不都日衣木·艾衣提; geboren 1964Einige Quellen gaben abweichend als Geburtsjahr 1962 an (zum Beispiel: ) Die Online-Datenbank Rate Your Music nennt als seinen Geburtstag den 1. Juni 1962 (). in Kaschgar) ist ein bekannter und einflussreicher uigurischer Sänger, Musiker und dutar-Spieler und kann als bedeutende kulturelle Figur der uigurischen Gesellschaft angesehen werden. Er soll im April 2017 in Ürümqi interniert worden sein, als Teil des anhaltenden Vorgehens der chinesischen Behörden und der Menschenrechtsverletzungen gegen die uigurische Minderheit in Xinjiang, die insbesondere gegen uigurische Intellektuelle, Künstler und Schriftsteller gerichtet sind. Sein weiterer Verbleib gilt bis heute (Stand: 2021) aufgrund der schwierigen Informationslage für Xinjiang als ungeklärt.

Leben und Werk Abdurehim Heyit stammt aus einer religiösen Familie in der Stadt Kaschgar. Im Alter von sechs Jahren begann er, das Spielen mit der dutar zu erlernen. Ab dem Alter von 17 Jahren besuchte er eine staatlich betriebene Musikschule (Kashgar Arts College). 1980 entsandte ihn die Musikschule zur Central Minorities Song and Dance Troupe nach Peking, zu deren Aufgaben es gehörte, Chinas Diversität an Völkern zu präsentieren. Dort führte er zwei Jahrzehnte lang an der Seite anderer Minoritätenkünstler Musik auf. Da seine Truppe strikter Kontrolle vom staatlichen Propaganda-Ministerium unterlag, konnte er jahrelang nicht das Instrument seiner Wahl spielen. Zwischen 1986 und 1993 arbeitete er im renommierten Central Nationalities Ensemble in Peking. Im Jahr 2000 kehrte er nach Xinjiang zurück und veröffentlichte seine zwölfte Kollektion von Liedern, die nur seine Stimme und sein dutar-Spiel enthielten. Dem praktizierenden Muslim Abdurehim Heyit wurde es von dem durch die Provinzregierung kontrollierten Verlag dabei nicht gestattet, religiöse Lieder zu veröffentlichen. Abdurehim Heyit schloss sich in Ürümqi der staatlichen Unterhaltungstruppe Xinjiang Song-and-Dance Troupe (oder: Xinjiang Uyghur Autonomous Region Song and Dance Troupe) an, bei der er viele Lieder aufführte, die die Einheit und Freundschaft zwischen den Völkern Chinas bewarben. Abdurehim Heyit arbeitete auch als unabhängiger Künstler und veröffentlichte mehrere Solo-Musikalben mit uigurischen Volksliedern sowie eigenen Kompositionen. Im Jahr 2011 erschien sein damaliges Gesamtrepertoire als neun CDs umfassende Kollektion unter dem Titel Duttarim (deutsch: „Meine dutar“) bei der renommierten Nationalities Recording Company.

1999 stellte Abdurehim Heyit das erste über die klassische Musik der Uiguren geschriebene Buch fertig.

Abdurehim Heyit galt bereits Ende des 20. Jahrhunderts als einer der bedeutendsten zeitgenössischen uigurischen Komponisten und Musiker und zählt auch heute zu den bekanntesten und einflussreichsten uigurischen Sängern. Er ist bekannt als virtuoser Spieler der uigurischen dutar und hat zudem zahlreiche Lieder für einflussreiche uigurische Sänger komponiert. Über seine Heimat hinaus erlangte Abdurehim Heyit in der gesamten turksprachigen Welt Bekanntheit für seine Aufführungen traditioneller uigurischer Musik. Laut Adrian Zenz verkörpert Abdurehim Heyit „die kulturelle Verbindung zwischen Uiguren und dem türkischen Kulturraum“.

Komposition Während er modernen Strömungen in der uigurischen Musik gegenüber als skeptisch eingestellt gilt, ist Abdurehim Heyit in seinen komplexen Kompositionen von traditioneller Musik inspiriert, insbesondere von den Zwölf Muqam, aber auch von persischen, arabischen und türkischen Einflüssen. Lizenz: Creative Commons License Attribution CC BY-SA 4.0. Gegenüber der New York Times sagte Abdurehim Heyit im Jahr 1999, die Musik sei „einer der wichtigsten Bestandteile der uigurischen Kultur“, und weil sie „solch ein Symbol des Herzens“ sei, verändere sie sich langsam und unterliege keiner flüchtigen Mode wie es beispielsweise in der Kleidung der Fall sei.

Gesang Seine tiefe und resonante Art des Gesangs war dem Großteil der uigurischen Bevölkerung und in der gesamten Musikwelt Xinjiangs bekannt. Er erhielt teils aufgrund seiner Stimme und teils aufgrund der großen Popularität seines Liedes Chillang Khorizim (dt. „Krähe, mein Hahn!“) den Beinamen „Hahn von Xinjiang“. Da die Lieder von Abdurehim Heyit nahezu ausschließlich in einer Moll- (und modal heptatonischen) Tonalität gesungen werden, macht seine Stimme laut Joanne Smith Finley (2013) in einigen Fällen den Eindruck von Zerbrechlichkeit und Trauer und in anderen Fällen von Wut und Frustration und kann im Zusammenwirken mit affektiven lyrischen Inhalten starke Emotionen hervorrufen.

dutar-Spiel Seine Virtuosität beim Spiel auf der dutar genannten Langhalslaute brachte ihm zudem den Beinamen „uigurischer dutar-König“ oder „uigurischer dutar-Meister“ ein.

New Folk Abdurehim Heyits Rolle bei der Entstehung und Abgrenzung der Musikform Abdurehim Heyit entwickelte sich zu einem der beim uigurischen Publikum beliebtesten und einflussreichsten Künstler und zu einem führenden Vertreter und Meister des „New Folk“-Stils der 1990er Jahre. „New Folk“ war in den 1990er Jahren als eine neue populäre Musikform entstanden. Die Bezeichnung „New Folk“ wird für diese Musikform von einigen, in englischer Sprache publizierenden Wissenschaftlern verwendet und war von der Musikethnologin Rachel Harris 2002 geprägt worden. Im Gegensatz zu einer anderen Musikform, die in den 1990er Jahren einen Aufschwung erlebte, von Manchen ironisch als „Ürümqi-Volkslied“ bezeichnet wurde und beliebte Volkslieder mit Begleitung von elektronischen Musikinstrumenten wie dem Keyboard in einen balladenhaften Stil umsetzte, wurde der „New Folk“-Stil von Musikern geschaffen, die eine traditionellere Musiksprache beherrschten. Ein weiterer Unterschied zum „Ürümqi-Volkslied“ bestand darin, dass „New Folk“ teilweise ausdrücklich politisch war. „New Folk“ verwendete nationalistische Gedichte und versah sie mit volksliedartigen Melodien und Ausdrucksformen, wobei traditionelle Musikinstrumente wie die dutar verwendet wurden.

„New Folk“ war eine von zwei Musikformen, die in den 1990er Jahren vollständig voneinander getrennt als „parallele musikalische Welten“ in Xinjiang existierten.Cf. Während der eine Musikstil vorwiegend aus ins Chinesische übersetzten und vom Han-chinesischen Komponisten Wang Luobin gesungenen Coverversionen traditioneller uigurischer Volkslieder bestand, handelte es sich beim „New Folk“-Stil vorwiegend um Originallieder, die von uigurischen Künstlern produziert und aufgenommen und in der seit langer Zeit als regionale lingua franca dienenden Sprache Uigurisch gesungen wurden. Dort mit Verweis auf: Die chinesische und die uigurische Musiksphäre scheinen in vielerlei Hinsicht voneinander getrennt. Die zahlreichen unabhängigen Künstler, die der CD- und DVD-Markt in ganz Xinjiang hervorgebracht hat und zu denen Abdurehim Heyit neben Musikern wie Sanubar Tursun und Perride Mamut zählt, singen in uigurischer Sprache und sind zwar in der uigurischen Bevölkerung sehr beliebt, blieben aber bei städtischen Han-Chinesen fast gänzlich unbekannt.

Anders als die von Amateurvolkskünstlern gesungenen traditionellen Volkslieder wurden die „New Folk“-Musikstil in der Regel von professionellen Sängern aufgeführt, die aus dem System der Gesangs-und-Tanz-Truppen stammten, auch wenn ihre Darbietungsart innerhalb des „New Folk“ von dem der Gesangs-und-Tanz-Truppen sehr stark abwich. Dabei nahm Abdurehim Heyit neben dem aus Gulja stammenden Ömärjan Alim unter den „New Folk“-Sängern eine führende und mit diesem rivalisierende Rolle als „Stimme der Uiguren“ ein. Abdurehim Heyit und Ömärjan Alim versuchten, ähnlich dem mongolischen Musiker Teng Ge'er, die Kontrolle der chinesischen Regierung über die Künste mit einer alternativen, ethnisch und national orientierten Musikausrichtung zu unterlaufen. Beide Künstler verkörperten mit ihren Werken eine neue Vision der Beziehung zwischen ethnischen Han-Chinesen und Uiguren, in der die Figur des Han-Chinesen nicht mehr als wohlwollender „älterer Bruder“ in der „großen Familie der Nationalitäten“ dargestellt wurde, sondern die Rolle des „Kolonisators“ gegenüber „kolonisierten“ Uiguren erhielt. Sie hielten den staatlich propagierten Idealen von „Nationalitätengleichheit“ (minzu pingdeng) und „Nationalitäteneinheit“ (minzu tuanjie) auf diese Weise eine alternative Auffassung der Wirklichkeit entgegen. Zwar mieden sie zum Teil gezielt direkte politische Aussagen, setzten sich dabei aber besonders klar für eine selbständige kulturelle Identität in der uigurischen Musik ein und sangen dementsprechend auch selbstverständlich auf Uigurisch statt auf Chinesisch. Lizenz: Creative Commons License Attribution CC BY-SA 4.0. Dort mit Verweis auf: Anders als Alim verwendete Abdurehim Heyit dabei jedoch keine offensichtlich politischen Inhalte. Lizenz: Creative Commons License Attribution CC BY-SA 4.0. Dort mit Verweis auf: Die Analyse verschiedener Lieder durch Smith Finley (2013) fasste Alpermann (2021) als „ein Portrait des Künstlers als uigurischer Nationalist mit stark ausgeprägter Religiosität aber ohne offen zur Schau gestellte politische Agenda“ zusammen. Lizenz: Creative Commons License Attribution CC BY-SA 4.0. Dort mit Verweis auf:

Produktion und Vertrieb der Tonträger sowie behördliche Restriktionen Über das Medium „New Folk“, das eine Art kommerziell einträgliche Volksmusik in Xinjiang darstellte, wurden ab den frühen 1990er Jahren uigurische nationalistische Botschaften transportiert. Musikkassetten wurden in den 1990er Jahren von ihren Produktionsstätten in die größeren Städte Xinjiangs transportiert und dann durch uigurische Händlern von den städtischen Distributoren abgekauft und auf kleinen ländlichen Märkten verkauft und darüber hinaus in Form von Raubkopien weitergegeben.