Der Japanisch-Sowjetische Grenzkonflikt von 1938/39 war Folge des Versuchs Japans während des Zweiten Japanisch-Chinesischen Kriegs, die Grenzen des Mandschukuostaats zur Sowjetunion weiter in Richtung Norden auszudehnen. Nach kleineren Geplänkeln wie der Schlacht am Chassansee 1938 wurde die japanische 6. Armee bis zum 30. August 1939 in der Schlacht am Chalchin Gol völlig aufgerieben. Am 16. September 1939 unterzeichneten beide Seiten einen Waffenstillstand und einigten sich auf die existierenden Grenzen.
Hintergrund Die Mandschurei war, wie auch das übrige Ostasien, seit dem 19. Jahrhundert in den Blick imperialistischer Mächte geraten. Nach dem Russisch-Chinesischen Krieg von 1900 und durch den schon vorher begonnenen Bau der Ostchinesischen Eisenbahn geriet sie in den Einflussbereich des Russischen Kaiserreiches. Im Zuge der japanischen Expansionsbestrebungen in Ostasien seit der Meiji-Restauration hatte das mit Russland konkurrierende Japanische Kaiserreich das benachbarte Korea schrittweise, speziell nach dem Ersten Japanisch-Chinesischen Krieg, in seine Einflusssphäre ziehen können.
Japan forderte 1903 einen Rückzug der russischen Truppen aus der Mandschurei und die Anerkennung der japanischen Interessen in Korea. Der folgende Disput endete 1904 im Russisch-Japanischen Krieg, den Japan für sich entscheiden konnte. Russland musste 1905 die Mandschurei räumen, die wieder an das Kaiserreich China der Qing-Dynastie zurückgegeben wurde.Klaus-Jürgen_Bremm: Russlands Desaster im Fernen Osten – Der Russisch-Japanische Krieg 1904/05. In: Österreichische_Militärische_Zeitschrift. Ausgabe 6/2004, S. 699–702. Um die von Japan in der Mandschurei beanspruchten Rohstoffe nach Korea zu bringen und von dort nach Japan verschiffen zu können, wurde die Südmandschurische Eisenbahn errichtet, die von der japanischen Kwantung-Armee bewacht wurde. Um die Ausbeutung der Rohstoffe auch langfristig zu sichern, strebte man in Japan nach mehr politischem Einfluss in der Mandschurei. Auf den Mukden-Zwischenfall 1931, der von den japanischen Offizieren initiiert worden war, folgte die Mandschurei-Krise, in der die Kwantung-Armee die Mandschurei besetzte und dort den Marionettenstaat Mandschukuo etablierte. Diese Okkupation wurde von den USA im Rahmen der Hoover-Stimson-Doktrin verurteilt, auch der Völkerbund protestierte, unternahm jedoch keine weiteren Schritte.Hermann Graml: Das Versagen der internationalen Solidarität. In: Klaus Hildebrand, Jürgen_Schmädeke, Klaus Zernack: 1939 - An der Schwelle zum Weltkrieg. Die Entfesselung des Zweiten Weltkrieges und das internationale System. Berlin/New York 1990, S. 253.
Die immer weiter ausgreifenden Expansionsbestrebungen Japans in China führten 1937 zum Zweiten Japanisch-Chinesischen Krieg. Aus den Ausdehnungsplänen in Richtung Norden über die Grenze zur Sowjetunion und der Mongolei ergaben sich Streitigkeiten um den Grenzverlauf des Mandschukuostaats.
Gegenargumente zu japanischen Expansionsplänen in Richtung Sowjetunion mini|Chorloogiin Tschoibalsan (links) mit Georgi Schukow (rechts) während der Schlacht am Chalchin Gol Aus der Sicht nicht nur der sowjetischen Historiographie wurden mit der Schlacht am Chalchyn gol (auch Chalcha; russische Schreibweise, transkribiert: Chalchin-Gol, auch Chalchin Gol) die Expansionspläne Japans in Richtung Sowjetunion und Mongolei aufgehalten.John Keegan (Hrsg.): The Times Atlas Zweiter Weltkrieg, Seite 35. Bechtermünz Verlag, Augsburg 1999 Die bewaffneten Provokationen der Japaner waren nach sowjetischer Geschichtsauffassung nur der Anfang zu einer großangelegten Operation. Dabei sollte der Einfluss der Sowjetunion auf die Mongolische Volksrepublik beseitigt und das Land dem japanischen Einfluss unterworfen werden.
Unmittelbarer Anlass für den Japanisch-Sowjetischen Grenzkonflikt war der ungeklärte Grenzverlauf. Die jeweiligen Gebietsansprüche, von denen keine Seite abweichen wollte, betrafen nur wenige Kilometer. Mehrmalige bewaffnete Zusammenstöße zwischen berittenen mongolischen und mandschurischen Grenzpatrouillen führten allmählich zur Ausweitung des militärischen Konfliktes, wobei zuerst die japanische Seite und dann auch die sowjetische Seite Truppen heranführten. Japan beabsichtigte, die Gewaltspirale zu beenden, um keine militärischen Kapazitäten von der Hauptstoßrichtung in China abziehen zu müssen. Auf sowjetischer Seite herrschte die Meinung vor, dass man es den Japanern „ein für allemal zeigen“ müsse, um eventuellen Annexionswünschen eine Abfuhr zu erteilen.
Bei aller Härte der Schlacht am Chalchin Gol errichteten die Japaner nur eine Front von 38 km Breite (in mehreren Linien gestaffelt), die von der Roten Armee auf beiden Seiten umgangen wurde (60 km sowjetische Frontbreite). Auch sowjetische Historiker führen an, dass es sich nicht um die eigentliche Invasion, sondern zunächst nur um japanische Testangriffe gehandelt habe, die vor allem Aufschlüsse über Schnelligkeit und Umfang einer sowjetisch-mongolischen Reaktion im Falle einer Invasion erbringen sollte, bzw. ob die Sowjetunion überhaupt ernsthafte Schritte zur Verteidigung der Mongolei unternehmen würde.
In den Kampfhandlungen ließen sich die strittigen Gebietsansprüche im Grenzgebiet nachhaltig durchsetzen. Aus sowjetischer Sicht hätten die Japaner erkennen müssen, dass eine Invasion der Mongolei auf heftigeren Widerstand als erwartet treffen würde.
Schlacht am Chassansee/Changkufeng-Zwischenfall
Als der japanische Botschafter am 15. Juli 1938 von der Sowjetunion forderte, ihre Truppen von den zwei Anhöhen (высота) Besymjannaja (, deutsch namenlose Höhe, chin. Shachaofeng) und Saosjornaja (russisch высота Заозёрная, deutsch Anhöhe hinter dem See, chinesisch Changkufeng) am Chassansee (ca. 130 km südwestlich von Wladiwostok, Region Primorje) zurückzuziehen, kam die Sowjetunion den Forderungen nicht nach. So kam es am 29. Juli zu ersten Angriffen, welche die Rote Armee abwehren konnte. Am 31. Juli gelang den Japanern jedoch der Durchbruch und die sowjetischen Truppen zogen sich zurück. Nachdem die Sowjetunion ihre Truppen neu organisiert und aufgefrischt hatte, startete sie Anfang August einen Gegenangriff, der die Japaner zum Rückzug zwang. Am 11. August endete der Konflikt, nachdem der japanische Botschafter um Frieden gebeten hatte. Dieser Vorfall wird im Westen auch nach dem chinesischen Namen als Changkufeng-Zwischenfall (japanisch chōkohōjiken) bezeichnet.
Schlacht am Chalchin Gol/Nomonhan-Zwischenfall Der Fluss Chalchin Gol liegt im Grenzgebiet zwischen der Mongolei und dem damaligen Mandschukuo. Die Grenzstreitigkeiten betrafen den Unterlauf des Flusses, der dort von Nord nach Süd verläuft, 130 m breit ist und relativ schnell fließt. Die Japaner beanspruchten den Fluss als Westgrenze Mandschukuos, während die Sowjetunion für die Mongolei einen 15 km breiten Gebietsstreifen am Ostufer beanspruchte. 25 km östlich liegt das Städtchen Nomonhan, das – vor allem in Japan – ebenfalls als Namensgeber für den Konflikt dient (, Nomonhan jiken, deutsch Nomonhan-Zwischenfall).
Als am 11. Mai 1939 eine etwa 70 bis 90 Mann starke Kavallerie-Einheit der Mongolischen Revolutionären Volksarmee in der umstrittenen Gegend am Ostufer des Flusses ihre Pferde grasen ließ, wurde sie von Mandschukuo-Truppen vertrieben. Als einige Tage später eine größere Einheit mongolischer Soldaten in das Gebiet einrückte, schafften es die Truppen aus Mandschukuo nicht mehr, sie zu vertreiben. Deshalb wurde die japanische 6. Armee der Kwantung-Armee zu Hilfe gerufen, die eine Aufklärungstruppe entsandte.
Die Gegend war für ernsthafte militärische Handlungen ungeeignet, da keinerlei Infrastruktur und Transportwege bestanden. Die Japaner hatten für den Truppen- und Ausrüstungstransport lediglich eine kleine Eisenbahnlinie mit geringer Kapazität bis Nomonhan, wo es nur einen sehr kleinen Bahnhof gab. Die restlichen 30 km bis zur Front mussten auf einer unbefestigten Straße zurückgelegt werden.
Auf der mongolischen Seite waren die Transportmöglichkeiten noch schlechter. Die nächste Eisenbahnstation war ca. 350 km entfernt. Die Rote Armee setzte am Anfang, als der Konflikt langsam eskalierte, ein Eisenbahnbataillon ein, um eine Bahnstrecke an die Front zu bauen. Dadurch hatte die japanische Seite wenig militärische Kräfte am Konfliktherd, die sie kaum mit Nahrungsmitteln und schon gar nicht ausreichend mit Munition versorgen konnte, während die Sowjetunion ein Vielfaches an Truppen und Kampftechnik (besonders Artillerie) sowie Munition bereitstellen konnte. Die Übermacht der Roten Armee war bei der Artillerie dreifach bei zusätzlich überlegener Qualität der Waffen, bei der Truppenstärke zweifach und den sowjetischen Panzern hatten die Japaner nichts qualitativ Ebenbürtiges gegenüberzustellen.
mini|Soldaten der japanischen 23. Division auf dem Vormarsch Josef Stalin ließ einen Plan zur Vertreibung der Japaner ausarbeiten. Nach Zusammenziehungen von sowjetischen und mongolischen Truppen standen die Japaner einer Übermacht gegenüber. Bei der ersten ernsten Auseinandersetzung starben acht Offiziere und 97 Soldaten, ein Offizier und 33 Soldaten wurden verwundet. Die Kwantung-Armee hielt das Gebiet für zu unbedeutend, um weitere Truppen zu opfern. Nachdem Sowjets und Mongolen bei kleineren Gefechten im Juni einige Mandschukuo-Einheiten angegriffen hatten, erhielt der Kommandeur der 23. japanischen Division, Generalleutnant Komatsubara Michitarō die Erlaubnis, die Eindringlinge zu vertreiben.
Auf japanischer Seite kämpften Einheiten der japanischen 6. Armee: 23. und 7. Division, 8. Grenzschutz-Division (zusammen 25 Infanteriebataillone) 1. mechanisierte Brigade (Generalleutnant Yasuoka Masaomi) mit dem 3. Panzerregiment, Oberst Ketaki Yoshimaru und 4. Panzerregiment, Oberst Yoshio Tamada (ca. 60 Panzer mit kurzläufiger 37-mm-Kanone) 4 Artilleriedivisionen 3 Kavalleriebrigaden 200 Flugzeuge
Auf sowjetisch-mongolischer Seite wurden eingesetzt: 57. besonderes Schützenkorps, General N. I. Feklenko (32., 39. und 40. Schützen-Division) 82. Schützen-Division 36. motorisierte Division (Generalmajor I. P. Dorofejew) 11. Panzerbrigade (Brigadekommandeur Michail P. Jakowlew) 7. motorisierte Panzerbrigade (Major A. L. Lesow) 8. motorisierte Panzerbrigade (Oberst W. A. Mischulin) 9. motorisierte Panzerbrigade (Oberst S. I. Oleinikow) mongolische 6. und 8. Kavalleriedivision 15 Artillerieabteilungen 7 Fliegerabteilungen Geführt wurden die sowjetisch-mongolischen Truppen von: 1 Frontstab 2 Armeestäben 2 Korpsstäben
Am 1. Juli starteten die Japaner ihre Operationen und konnten den Fluss überqueren, bis sie am Abend des 2. Juli von den sowjetischen Truppen zum Stehen gebracht wurden. Stalin hatte inzwischen Schukow als Befehlshaber im Fernen Osten eingesetzt, der nach dreitägigen schweren Kämpfen mit seinen Panzern die Japaner über den Fluss zurückdrängte. Während er insgeheim eine Großoffensive vorbereitete, gaben seine Truppen vor, lediglich eine Verteidigungslinie aufzubauen. Mit schlecht verschlüsselten Funksprüchen wurde immer mehr Material zum Bau von Bunkern angefordert und Lautsprecher verbreiteten den Lärm von Dampframmen. Gleichzeitig führte Schukow im Schutz der Nacht Panzer zur Verstärkung heran und ließ sie tarnen.Antony Beevor: Der Zweite Weltkrieg. München 2014, S. 25f.
mini|Zerstörter sowjetischer Panzerwagen BA-10 nach der Schlacht mini|Von sowjetischen Truppen erbeuteter japanischer Typ 95 Ha-Gō-Panzer nach der Schlacht am Chalchin Gol