Abolitionismus (über von „Abschaffung“, „Aufhebung“) oder auch (die) Sklavenbefreiung bezeichnet eine Bewegung im 18. und 19. Jahrhundert zur Abschaffung der Sklaverei. Gespeist aus christlichen wie aus aufklärerischen Überzeugungen geschah dies in immer mehr westlichen Ländern, zuletzt in Brasilien 1888. Ab 1808 nahm Großbritannien eine Vorreiterrolle im Kampf gegen die Sklaverei ein. Ob der Abolitionismus primär durch moralische Überzeugungen oder durch ökonomische Interessen motiviert war, ist umstritten. Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts wurde der Begriff zudem zur Abschaffung der staatlichen Aufsicht der Prostitution verwendet. Seit etwa 1970 bildete sich eine philosophische Strömung in den USA, in Skandinavien und Deutschland heraus, die den Begriff weiter fasste. Sie richtete sich gegen staatliche Herrschaft, rassistische Gewalt, Übergriffe und Sanktionen durch Polizei und Justiz und gegen das Vorenthalten von Gütern.Abolitionismus: Eine Welt ohne Polizei und Gefängnisse, Website deutschlandfunkkultur.de (1. August 2023, abgerufen am 1. Mai 2024)Abolitionismus, Website bag-s.de (2016, abgerufen am 1. Mai 2024)Friedrich Weißbach: Was ist Abolitionismus, Herr Loick? Interview, Website philomag.de (15. Juli 2022, abgerufen am 1. Mai 2024)Vanessa E. Thompson, Daniel Loick und Jule Govrin: Abolitionismus heute. Ein Gespräch über die Kämpfe gegen rassistische Gewalt und die Suche nach neuen Formen der Vergesellschaftung, Website geschichtedergegenwart.ch (27. September 2023, abgerufen am 23. Mai 2024)
Geschichte
Großbritannien mini|Logo der britischen Abolitionisten auf einem Medaillon aus der Porzellanmanufaktur von Josiah Wedgwood. Design Henry Webber ~1790
1503 kamen die ersten afrikanischen Sklaven mit den Spaniern in der Karibik an. 1631 brachten englische Kolonialisten von Barbados erste schwarze Sklaven nach Saint Croix.Olasee Davis: Did Buddhoe lead the revolt known as Emancipation Day? We may never know, Website virginislandsdailynews.com (2. Juli 2021, englisch, abgerufen am 13. Juli 2024) Um 1770 waren die britisch beherrschten Inseln der Karibik ganz abhängig vom Einsatz afrikanischer Sklaven geworden, diese machten über 80 Prozent der dortigen Bevölkerung aus. Da die Sterblichkeitsrate auf den Zuckerrohrplantagen hoch war, waren die Besitzer immer wieder auf junge Sklaven als Nachschub angewiesen. Das zementierte über Jahrzehnte im britischen Reich den Sklavenhandel und die Sklavenhaltung.Birgitta Bader-Zaar: Abolitionismus im transatlantischen Raum: Organisationen und Interaktionen der Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei im späten 18. und 19. Jahrhundert, Website ieg-ego.eu (3. Dezember 2010, abgerufen am 23. Mai 2024) Auch auf den britischen Inseln lebten schwarze Sklaven. Junge Schwarze wurden als Pagen verwendet, ein Eisenkragen mit den Initialen ihres wohlhabenden Besitzers zeigte an, dass sie sein Eigentum waren. So stellt ein Gemälde von 1708 Elihu Yale, Dudley North, Lord James Cavendish, David Yale und einen schwarzen Sklaven dar, der vermutlich Cavendish gehörte.Simon P. Newman, Freedom Seekers: Escaping from Slavery in Restoration London. London, University of London Press 2022, fig. 34 Öffentlich aufgehängte Plakate versprachen eine Belohnung für die Ergreifung entkommener Sklaven.Simon P. Newman, Freedom Seekers: Escaping from Slavery in Restoration London. London, University of London Press 2022, 185–186
Im Kampf gegen Sklaverei und Sklavenhandel spielten aufklärerische Ideen zwar eine gewisse Rolle in Teilen der geistigen Eliten der Vereinigten Staaten und Europas, doch Adam Smiths Lehre, dass freie Arbeit produktiver sei als Sklavenarbeit, blieb unter den britischen Ökonomen eine Minderheitenmeinung.Jürgen Osterhammel: Die Verwandlung der Welt. Eine Geschichte des 19. Jahrhunderts. Beck, München 2009, S. 1192 ff. Wichtiger war, dass sich im Pietismus, im Methodismus des John Wesley und in der evangelischen Mission im 18. und 19. Jahrhundert die Auffassung durchsetzte, dass ein Verständnis der Gnade Gottes und des Menschen als Kind Gottes nicht mit der Sklaverei vereinbar sei. Die Society for Effecting the Abolition of Slavery (deutsch: Gesellschaft zur Abschaffung der Sklaverei) wurde am 22. Mai 1787 in der Druckerei von James Phillips in London von zwölf Personen gegründet, darunter Thomas Clarkson, Granville Sharp und mehrere Quäker.Adam Hochschild: Sprengt die Ketten. Der entscheidende Kampf um die Abschaffung der Sklaverei. Klett-Cotta, Stuttgart 2007, ISBN 978-3-608-94123-4, S. 118–120. Aber die Quäker waren die Ersten, die sich gegen den Sklavenhandel gewandt und bereits 1783 ein Komitee gegen den Sklavenhandel gegründet hatten.William Wilberforce: Biographical Overview; The Abolition Movement, Website mylearning.org (englisch, abgerufen am 1. Mai 2024) Der bekannte Jurist, Richter und Parlamentarier Sir William Blackstone (1723–1780) vertrat 1765 in der ersten Ausgabe seiner Commentaries on the Laws of England die Auffassung, dass Sklaven auf englischen Boden frei seien.Birgitta Bader-Zaar: Abolitionismus im transatlantischen Raum: Organisationen und Interaktionen der Bewegung zur Abschaffung der Sklaverei im späten 18. und 19. Jahrhundert, Website ieg-ego.eu (3. Dezember 2010, abgerufen am 29. Mai 2024)
Einflussreich war auch der ehemalige Sklave Olaudah Equiano (1745–1797), der Granville Sharp über seine Erlebnisse berichtete. In Informationsveranstaltungen klärte Clarkson die Öffentlichkeit über den Sklavenhandel und dessen Praktiken auf. Die Kampagne zielte zunächst auf die Abschaffung des atlantischen Sklavenhandels. Dazu sammelte die Bewegung bis zu 400.000 Unterschriften, reichte Petitionen im Parlament ein und rief zum Boykott von durch Sklavenarbeit gewonnenem Zucker aus der Karibik auf. Bis zu 300.000 Menschen hatten sich dem Zucker-Boykott angeschlossen.Evangelische Fernbibliothek (Hrsg.): William Wilberforce (1759–1833). Kämpfer gegen die Sklaverei in England. s. l. 2005–2011, (texte.efb.ch, abgerufen am 2. Februar 2012). Im Unterhaus fand sie Unterstützung u. a. durch den Abgeordneten William Wilberforce, einen engagierten Evangelikalen und Freund von William Pitt. Erstmals wurde 1792 im House of Commons die Abschaffung des Sklavenhandels beschlossen. Die verzögerte Umsetzung lag in der Französischen Revolution und deren Deutung: Durch entschiedenen Abolitionismus konnte sich Großbritannien gegen Frankreich positionieren, mit dem man sich seit 1793 im Krieg befand: Napoleon hatte die 1794 abgeschaffte Sklaverei 1802 wieder erlaubt, weshalb eine entschiedene Abolitionspolitik Großbritanniens seinen Anspruch auf eine moralische und rechtliche Führungsrolle in der Welt zu untermauern versprach. 1807 beschlossen daher beide Häuser des Parlaments mit dem Slave Trade Act, der 1808 in Kraft trat, das Verbot des Sklavenhandels. Neben dem antifranzösischen Patriotismus war für den Erfolg der Generationenwechsel in der Abschaffungsbewegung mitursächlich, worin mehr Frauen und Jüngere zum Zug kamen und fordernder auftraten, die schnellere Verbreitung von Informationen durch neue Straßen und Kaffeehäusern mit aufgelegten Zeitungen sowie die Angst vor einem Volksaufstand wie in Frankreich. 1808 wurde Sierra Leone britische Kronkolonie. Befreite Sklaven wurden dorthin gebracht.
1815 setzte Großbritannien auf dem Wiener Kongress eine Deklaration durch, die in wenngleich unverbindlicher Form, den Sklavenhandel weltweit ächtete.Nicole Priesching: Die Verurteilung der Sklaverei unter Gregor XVI. im Jahr 1839. Ein Traditionsbruch? In: Saeculum 59, Heft 1, 2008, S. 143–162, hier S. 156. Am 28. August 1833 wurde der Slavery Abolition Act verabschiedet, mit dem vom 1. August 1834 alle Sklaven im britischen Kolonialreich für frei erklärt wurden. Für eine Übergangsperiode von vier Jahren blieben sie, gegen Lohn, noch an ihre früheren Herren gebunden. Plantagenbesitzer in der Karibik wurden mit 20 Millionen Pfund Sterling entschädigt. Da sie als so genannte „absentee owners“ zumeist nicht in der Karibik, sondern in Großbritannien ansässig waren, investierten sie diese Summen dort und nicht in Westindien, wo sich nun eine kleinbäuerliche Subsistenzwirtschaft entwickelte. Dabei ging der Fortschritt der Emanzipation mit einem wirtschaftlichen Rückschritt einher.
In den Folgejahren blühte der Schmuggel von zumeist Kindersklaven aus Afrika nach Amerika (englisch: hidden Atlantic), an dem sich vor allem atlantische Kreolen, aber auch britische Staatsbürger beteiligten.Michael Zeuske: Handbuch Geschichte der Sklaverei. Eine Globalgeschichte von den Anfängen bis heute. De Gruyter, New York/Berlin 2013, S. 407 f. Die Royal Navy bemühte sich mit zunehmendem Erfolg darum, diesen Sklavenhandel zu bekämpfen und brachte auch Schiffe von Drittstaaten auf, in denen er weiterhin legal war. Dies führte wiederholt zu diplomatischen Verwicklungen, verhinderte aber, dass die Handelslücke, die die britische Abolition hinterlassen hatte, wieder komplett geschlossen wurde: Im 19. Jahrhundert wurde die Nachfrage nach Sklaven in Brasilien und den Südstaaten der USA weniger durch Neuimport als durch die Nachkommenschaft bereits dort existierender Sklaven befriedigt. Für Großbritannien war diese Politik auch mit der Durchsetzung seiner imperialen Interessen verknüpft, insofern die British Navy zunehmend als Herrscherin der Weltmeere agierte. Außerdem übte Großbritannien diplomatischen Druck auf andere Staaten aus, um sie zu einem Verbot des Sklavenhandels zu bewegen.
Auch in der britischen Zivilgesellschaft blieb der Abolitionismus lange ein wichtiges Thema. 1839 wurde die British and Foreign Anti-Slavery Society gegründet, die 1840 in Exeter die erste World Anti-Slavery Convention abhielt. Noch 1901 gab es einen massenhaften Käuferstreik gegen eine Schokoladensorte, als bekannt wurde, dass die zu ihrer Herstellung verwendeten Kakaobohnen auf São Tomé von Sklaven produziert wurden. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts führten Berichte von Missionaren, vor allem des Schotten David Livingstone, über den andauernden Sklavenhandel im südlichen und östlichen Afrika und die durch ihn verursachten Verwüstungen zu einer internationalen Kampagne gegen den Sklavenhandel. Bedeutsam für den Wettlauf um Afrika im Zeitalter des Imperialismus wurde Livingstones Ansicht, dass ohne wirtschaftliche Erschließung Afrikas für den Welthandel die materiellen Grundlagen der Sklavenjagden nicht zu beseitigen sein würden: Der Abolitionismus wurde damit Begründung für den britischen Kolonialerwerb in Afrika.
Im britischen Geschichtsbewusstsein spielt die Abolition lange Zeit eine deutlich größere Rolle als die Tatsache, dass das Land jahrzehntelang gut an Sklaverei und Sklavenhandel verdient hatte. Der Historiker aus Trinidad und Tobago Eric Eustace Williams spottete 1966: „Die britischen Historiker schrieben beinahe, als ob Großbritannien die Negersklaverei eingeführt hätte, um nachher die Befriedigung haben zu können, sie wieder abzuschaffen.“„The British historians wrote almost, as if Britain had introduced Negro slavery for the satisfaction of abolishing it.“ Eric Williams: British Historians and the West Indies. London 1966, S. 250, zitiert nach Benjamin Steiner: Wohlstand dank Sklaverei? Die Bedeutung der atlantischen Sklavenökonomie in der gegenwärtigen Historiographie. In: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht. Band 66, Heft 5/6, 2015, S. 250.
Heiliger Stuhl