mini|250px|Santo Stefano – West- und Südfassade mit dem Anbau der Cappella degli Innocenti
Santo Stefano ist eine römisch-katholische Pfarrkirche in der oberitalienischen Stadt Verona in Venetien.
Geschichte Frühchristliche Basilika Santo Stefano entstand als frühchristliche Friedhofsbasilika außerhalb der römischen Stadtmauern von Verona. Dieser an der Via Claudia Augusta gelegene Bereich war bereits von den Römern für Bestattungen genutzt worden.Leonardo Venturini: Santo Stefano a Verona. S. 17–22. Aufgrund einiger archäologischer Funde ging man in der Vergangenheit davon aus, dass hier ein kleiner Tempel stand, der den Gottheiten Isis und Serapis aus der ägyptischen Mythologie geweiht war und deren Kult von römischen Legionären nach Verona gebracht worden war.Giuseppe Franco Viviani: Chiese di Verona. S. 258–259. Neuere Forschungen stellen jedoch Zweifel an dieser These auf, da die Herkunft der ägyptischen Fundstücke nicht eindeutig geklärt ist.Margherita Bolla: Il luogo di culto alle divinità egizie a Verona. S. 136.
Errichtet wurde die Kirche nach Ende der Christenverfolgungen im Römischen Reich in der zweiten Hälfte des 4. Jahrhunderts oder zu Beginn des 5. Jahrhunderts als einschiffige Basilika. Letztere besaß die Form eines lateinischen Kreuzes und wies damit im Gegensatz zu den anderen vorromanischen Kirchen Veronas ein Querschiff auf.Leonardo Venturini: Santo Stefano a Verona. S. 28, 31–32. Sicher ist, dass sie erst nach der Entdeckung der Reliquien des heiligen Stephanus 415 in Jerusalem und der anschließenden Verbreitung seines Kults dem Heiligen geweiht wurde.
Ob Santo Stefano später bis zum Bau des Doms im 8. Jahrhundert als Kathedrale der Stadt diente, ist umstritten. Belegt ist, dass hier mehrere Bischöfe von Verona ihre letzte Ruhestätte fanden.Leonardo Venturini: Santo Stefano a Verona. S. 22–23. Tessari gibt an, dass zwischen 410 und 750 23 Bischöfe in Santo Stefano bestattet wurden.Umberto Gaetano Tessari: La chiesa di S. Stefano. S. 8. Nach Marchini diente das Gotteshaus dagegen erst ab 421 als Friedhofskirche der Bischöfe.Gian Paolo Marchini: Santo Stefano. o. S.
Erstmals schriftlich erwähnt wurde Santo Stefano im Anonymus Valesianus im Zusammenhang mit dem Ostgotenkönig Theoderich dem Großen. Allerdings ist unklar, ob Theoderich die Kirche, die in der Schrift als Oratorium bezeichnet wird, ganz oder nur teilweise einreißen ließ. Auch sind die Gründe dafür strittig. So wurde der Abbruch mit einem zwischenzeitlichen Konflikt des arianischen Theoderich mit den Veroneser Christen in Verbindung gebracht.Luigi Simeoni: Verona: Guida storica artistica della città e della provincia. S. 183. Vermutlich war die Kirche von den Um- und Ausbauten betroffen, die der Ostgotenkönig in Verona durchführen ließ, darunter der Ausbau der bei Santo Stefano vorbeiführenden Stadtmauern zum Hügel San Pietro, auf dem Theoderich seinen Palast oder eine Burg errichten ließ.Umberto Gaetano Tessari: La chiesa di S. Stefano. S. 7. Sicher scheint, dass die Kirche eine Zeit lang nicht zugänglich war, da zwei in der ersten Hälfte des 6. Jahrhunderts verstorbene Bischöfe nicht in Santo Stefano, sondern in der Kirche San Pietro in Castello bestattet wurden.
Frühmittelalter und Mittelalter Für den Zeitraum zwischen dem Ende des 6. und dem 8. Jahrhundert liegen nur sehr spärliche Informationen über Santo Stefano vor. Nach Tessari verlor sie nach dem Tode des Bischofs San Biagio im Jahr 750 ihre Funktion als Friedhofskirche. Ab seinem Nachfolger Annone wurden die Bischöfe im Dom Santa Maria Matricolare bestattet.Umberto Gaetano Tessari: La chiesa di S. Stefano. S. 9.
Auch über die Datierung der frühmittelalterlichen Umbauarbeiten, die den Innenraum wesentlich veränderten, herrschen zum Teil abweichende Meinungen vor. Selbst die Reihenfolge ihrer Ausführung ist unklar. Angesiedelt werden die Arbeiten zwischen dem 8. und 10. Jahrhundert. In diesem Zeitraum wurden sowohl das Langhaus als auch der Bereich der Apsis umgestaltet. Ob die Arbeiten aufgrund neuer architektonischer Strömungen durchgeführt wurdenUmberto Gaetano Tessari: La chiesa di S. Stefano. S. 10. oder ob sie wegen plötzlich aufgetretener Schäden umgebaut werden musste, die durch das Erdbeben von 793 oder die Ungarneinfälle in Oberitalien verursacht wurdenLeonardo Venturini: Santo Stefano a Verona. S. 47., ist strittig.
Neben dem Bau des Chorbogens wurde das einschiffige Langhaus durch den Bau der mehrbögigen Scheidewände in drei Kirchenschiffe aufgeteilt. Im Laufe des 10. Jahrhunderts entstand nach einhelliger Meinung der ringförmige zweistöckige Chorumgang in der Apsis.Giovanna Valenzano: Santo Stefano a Verona. S. 283. Letzterer war für die Pilger der hier vorbeiführenden Via Romea bestimmt, ebenso wie ein angrenzendes Pilgerhospiz. Beide Bauten zeugen von der Bedeutung, der Santo Stefano als Pilgeretappe zukam.Leonardo Venturini: Santo Stefano a Verona. S. 49–50. Über den zwei Seitenschiffen entstanden zwei Hohlräume, die von einigen Autoren als Emporen gedeutet werden und wahrscheinlich Frauen oder Persönlichkeiten vorbehalten waren. Sie besaßen zum Mittelschiff einige Monoforien und Biforien, die später zugemauert wurden und noch zu erkennen sind. Mit dem Bau der beiden Seitenschiffe wurden auch die fünf großen Fenster der frühchristlichen Kirche an der Nord- und Südfassade fast vollständig zugemauert und in Monoforien verwandelt, während ihre offen gebliebenen Fensterbögen die Emporen beleuchteten.Leonardo Venturini: Santo Stefano a Verona. S. 56–57.
947 wurde erstmals ein Rektor von Santo Stefano namentlich erwähnt. Mit der Erweiterung der Stadt und dem Bau neuer Stadtteile am linken Etschufer gewann sie auch für die Kirchengemeinde an Bedeutung.Umberto Gaetano Tessari: La chiesa di S. Stefano. S. 12–13. 1067 wurde ein Erzpriester für sie ernannt und 1129 wurde sie urkundlich erstmals als Pieve bezeichnet. Die Bezeichnung Pieve und das Taufrecht wurden ihr 1203 durch den Bischof von Verona Adelard II. bestätigt.Leonardo Venturini: Santo Stefano a Verona. S. 49, Fußnote 4 S. 61.
Beim Erdbeben von 1117 wurde auch Santo Stefano beschädigt. In der Vergangenheit ging man davon aus, dass die Schäden einen radikalen Umbau zur Folge hatten, zum Teil wurde sogar von einem Neubau gesprochen.Umberto Gaetano Tessari: La chiesa di S. Stefano. S. 13–14. Neuere Studien gehen allerdings davon aus, dass sich die Schäden in Grenzen hielten und das Erdbeben im Nachhinein lediglich als Vorwand für die Umbauarbeiten im romanischen Stil dienten.Fabio Coden:“Terremotus maximus fuit”: il sisma del 1117 e l’architettura medioevale dell’area veronese. S. 14–15.
Während dieser romanischen Umbauphase im 12. Jahrhundert entstanden die Westfassade, die Krypta, der aufgestockte Chor sowie der Tiburio aus Mauerziegeln. Dabei wurde die Struktur der Kirche weitgehend unberührt gelassen, so dass die neuen Baukörper in die älteren integriert wurden, was die architektonische und baugeschichtliche Besonderheit von Santo Stefano ausmacht.Leonardo Venturini: Santo Stefano a Verona. S. 60.
Mit dem nachträglichen Einbau der Krypta, die den bedeutendsten baulichen Einschnitt dieser Bauphase darstellte, wurde der gesamte Chorbereich um etwa drei Meter aufgestockt. Dies hatte zur Folge, dass Santo Stefano seitdem drei Stockwerke aufweist.Leonardo Venturini: Santo Stefano a Verona. S. 65–66. Nach 1185 wurde die romanische Westfassade errichtet. Beim Umbau wurde das Langhaus verlängert und das vorromanische Atrium in den Bau integriert. In dieser Phase wurden auch die Wände, Säulen und Pfeiler des Innenraums mit Fresken geschmückt, die allerdings im Laufe der Zeit zum Großteil verloren gingen oder übermalt wurden.Leonardo Venturini: Santo Stefano a Verona. S. 75. Zugleich entstand an der Nordseite das Pfarrhaus.
Zwischen der Mitte des 13. und dem Beginn des 14. Jahrhunderts wurden Arbeiten an der Apsis ausgeführt und die Apsis in einen internen und äußeren Bereich zweigeteilt, nachdem es Probleme mit einsickerndem Wasser gab.Leonardo Venturini: Santo Stefano a Verona. S. 81. In dieser Zeit entstanden auch einige Fresken, die allerdings nur zum Teil erhalten geblieben sind.
Neuzeit und Moderne Das 15. Jahrhundert hinterließ in Santo Stefano keine größeren Spuren. Als der Bischof Gian Maria Giberti 1541 die Kirche besuchte, bemängelte er den verlassenen, heruntergekommenen Zustand des Gotteshauses. Nach der Ernennung des neuen Erzpfarrers Giovanni del Bene machten sich del Bene und später sein Nachfolger Pierfrancesco Zini daran, die Kirche zu restaurieren. Zu den größeren Bauvorhaben gehörten der Bau und die nachfolgende Ausgestaltung der Chorkuppel unter dem Tiburio durch Domenico Brusasorzi. Mit dem Kuppelabschluss sollten die nach wie vor bestehenden Probleme mit eindringendem Regenwasser endgültig behoben werden.Leonardo Venturini: Santo Stefano a Verona. S. 99.
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurden auch die Zugänge zur Krypta und zum Chor geändert. Statt der beiden kleineren Treppen in den Seitenschiffen führte nun, wie in San Zeno Maggiore, eine große Treppe im Hauptschiff in die Krypta, womit die Bedeutung der dort liegenden Reliquien hervorgehoben werden sollte. In den beiden Seitenschiffen wurden dagegen die Treppenaufgänge zum Chor errichtet.Leonardo Venturini: Santo Stefano a Verona. S. 108. Die Renaissance ging aus architektonischer Sicht im Großen und Ganzen eher spurlos an Santo Stefano vorbei. 1576 wurde die umgebaute Kirche unter Anwesenheit des Bischofs Agostino Valier neu geweiht.Umberto Gaetano Tessari: La chiesa di S. Stefano. S. 18–19. Am Ende des 16. Jahrhunderts wurde der Vorplatz an der Westfassade tiefer gelegt und die Freitreppe errichtet.
Zwischen 1618 und 1621 entstand im Zuge der Gegenreformation die Seitenkapelle am südlichen Seitenschiff. Sie wurde von Monsignore Giulio Varalli in Auftrag gegeben, um die in der Krypta aufbewahrten Reliquien aufzunehmen.Leonardo Venturini: Santo Stefano a Verona. S. 115. Zu Beginn des 18. Jahrhunderts wurden im nördlichen Seitenschiff drei Seitenkapellen errichtet. Zudem wurde die im 16. Jahrhundert vorgenommene Änderung der Treppenzugänge in die Krypta und zum Chor wieder rückgängig gemacht und der vorherige Zustand wiederhergestellt.Leonardo Venturini: Santo Stefano a Verona. S. 125. 1750 wurde im nördlichen Seitenschiff ein Stützbogen eingefügt, nachdem am dritten Bogen der Scheidewand Risse aufgetaucht waren und der Bogen nachzugeben drohte, was womöglich den Einsturz des Langhauses nach sich gezogen hätte.Umberto Gaetano Tessari: La chiesa di S. Stefano. S. 20–21.
Im 19. Jahrhundert wurden der Vorplatz und der Außenbereich an der angrenzenden Südseite gepflastert. Dabei wurde der umliegende Bereich um einen Meter ausgehoben. Die nun freiliegenden Grundmauern wurden nachträglich mit Kalksteinplatten abgedeckt. Bei den Arbeiten wurden auch zwei der ägyptischen Gottheit Isis geweihten Altäre gefunden. 1840 musste die Kirche wegen Einsturzgefahr geschlossen werden und konnte erst nach dreijähriger Restaurierung wieder geöffnet werden. Während der Restaurierung wurde die Holzdecke im Langhaus eingesetzt, die einer Kassettendecke nachempfunden ist. Zugleich wurde ein Oratorium an der südlich Außenmauer zwischen der Kapelle Varalli und dem Querschiff errichtet, das in den 1950er-Jahren wieder abgerissen wurde. Nach Marchini ersetzte das Oratorium einen dort bereits im 17. Jahrhundert errichteten Bau, in dem unter anderem das Leichenhaus untergebracht war. In der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts wurden nun zum dritten Mal die Treppenzugänge in die Krypta und zum Chor umgebaut und die Krypta erneut über eine zentrale Treppe mit dem Mittelschiff verbunden.