mini|hochkant|Hugo Raban Hünerfürst (1862) Hugo Raban Hünerfürst (* 22. Februar 1827 in Reichenbach im Vogtland; † 17. April 1867 in Dresden) war ein deutscher Komponist, Geiger, Dirigent und Kapellmeister. Als Musikdirektor erlangte er vor allem in Dresden und Rostock große Popularität; in Dresden wurde er als „energischer Erneuerer des Konzertlebens“ bezeichnet. Für weitere Bekanntheit sorgten unter anderem seine Freundschaft zum Walzerkönig Johann Strauss (1825–1899) sowie verschiedene Veröffentlichungen einer Anekdote um den Komponisten Richard Wagner (1813–1883), der ihn 1863 als „Fürst der Hühner“ bezeichnete.
Leben Dresdner Jahre mini|Brühlsche Terrasse in Dresden um 1855 mini|Anzeigen im Dresdner Anzeiger vom 13. September 1858, in denen für Konzerte mit Hugo Hünerfürst im Großen Garten und im Lincke’schen Bad geworben wird Hünerfürst wurde 1827 im vogtländischen Reichenbach als drittes Kind des Kantors August Willhelm Hünerfürst (1794–1879) und dessen Frau Johanne Rosine, geb. Pabst, geboren. Der aus Neukirchen bei Borna stammende Vater hatte von 1812 bis 1818 in Leipzig Theologie und Musik studiert und war zwischenzeitlich auch als Violinist am Leipziger Gewandhaus tätig. Auf diese Weise musikalisch geprägt, wurde Hugo Hünerfürst am 2. April 1843 als einer der ersten Schüler des von Felix Mendelssohn Bartholdy (1809–1847) gegründeten Leipziger Konservatoriums aufgenommen. Um 1848 war er Dirigent der „Gungl’schen Kapelle“. Die ursprünglich von dem österreichischen Kapellmeister Josef Gung’l (1809–1889) gegründete Kapelle konzertierte einmal wöchentlich im Berliner Kemper-Hof. Um 1851 führte Hünerfürst ein eigenes Privatorchester, das zu den fünf bedeutendsten der Stadt Berlin gehörte, die sich am 24. Februar 1851 anlässlich einer Benefizvorstellung zugunsten der durch einen schlimmen Brand geschädigten Kroll’schen Kapelle zu einem Instrumentalorchester vereinigten und das örtliche Publikum mit einer „großartigen“ Massenwirkung begeisterten.
In Dresden wirkte er ab 1851 als Musikdirektor des zur Zivilkapelle umgestalteten Musikkorps der Dresdner Kommunalgarde und überraschte als junger Musiker die lokale Musikwelt mit anspruchsvollen Veranstaltungen, die neben Tanz- und Unterhaltungsmusik auch Sinfoniekonzerte und Soirées musicales umfassten. Er schrieb in jener Zeit zahlreiche Kompositionen, die, eigentlich für sein eigenes Musikkorps gedacht, auch bald von anderen Kapellen in ihr Programm übernommen wurden. Seine Musiker waren gut ausgebildet, und gegenüber dem Publikum ließ er Strenge walten, indem er zum Beispiel die Konzerte bei zu starker Geräuschkulisse einfach unterbrach. Außerdem leitete er auf der Brühlschen Terrasse und im Lincke’schen Bad stattfindende Freiluftkonzerte, die sich großer Popularität erfreuten.
Auch Hünerfürst selbst erfreute sich in Dresden großer Beliebtheit und überzeugte das Publikum nicht nur als Dirigent, sondern auch als Geiger. Er galt auf der Violine und der Viola als „trefflicher Solist“ und man lobte sein hervorragendes Tongedächtnis, auch weil er zum Teil ohne Noten dirigierte. Die Spielstätten seiner Auftritte waren zum Teil so überfüllt, dass „Hunderte kein Unterkommen finden konnten“. Im Lincke’schen Bad, wo sich auch ein großer Konzertsaal befand und Hünerfürst eine Konzession als Dirigent besaß, fungierte er als „Zugstück“. So berichtete unter anderem das Morgenblatt für gebildete Leser in seiner Ausgabe vom 11. Juni 1854:
„Hugo Hühnerfürst ist der Strauß des Tages; wo er spielte[,] wird der Eintrittspreis um ein weniges erhöht und seine Verehrerinnen lesen genau im Tagblatte nach, wo sie ihn heute hören und wo nicht hören können. Sie ziehen ihm nach und finden in dieser Treue zugleich den Wechsel.“
Verehrt wurde er aber auch, weil sich mit ihm eine deutlich gehobenere Qualität der Konzerte in den Restaurants und anderen öffentlichen Veranstaltungsorten der Stadt durchsetzte. Auf die Erhöhung der Eintrittspreise drängte er selbst, um den Stellenwert seiner Musiker zu erhöhen. Den seinerzeit durchaus üblichen allzu ausnutzenden bis gnadenlosen Geschäftspraktiken der lokalen Wirte gegenüber den Musikern, die mitunter mit „weißer Sklaverei“ verglichen wurden, wirkte Hünerfürst entschieden entgegen.
Konzerte gab er aber auch außerhalb der Stadt Dresden, so etwa im August 1853, als er mit 27 Mitgliedern seines Orchesters in Prag auf der Sophieninsel und in Hraba’s Garten gastierte.
Freundschaft mit Johann Strauss (Sohn) mini|Johann Strauss: Ansichtskarte an Hugo Hünerfürst (1853) 1852 schloss Hugo Hünerfürst Freundschaft mit dem später unter anderem als „Walzerkönig“ bekannt gewordenen Kapellmeister und Komponisten Johann Strauss (Sohn) (1825–1899). Als dieser sich in jenem Jahr anlässlich einer Konzertreise in Dresden aufhielt, führte ihn Hünerfürst in seinen Freundeskreis ein. Der Strauss-Forscher Franz Mailer behauptet, die Zehner-Polka, die am 24. November 1852 im Wiener Tanzlokal Zum Sperl erstmals aufgeführt wurde, sei diesem gewidmet. Auf dem Titelblatt des auch im Druck erschienenen Werkes steht zwar als Widmung: „Zehner-Polka, komponiert zu Ehren einer Gesellschaft von 10 Leuten in Dresden, und ihnen in Freundschaft gewidmet“, gleichwohl ist die Ansicht Mailers, es handele sich um den Freundeskreis um Hünerfürst, inzwischen widerlegt.Norbert Linke, Ingolf Roßberg: Erinnerung an das Lincke’sche Bad in Dresden. In: Deutsche Johann Strauss Gesellschaft (Hrsg.): Neues Leben – Das Magazin für Strauss-Liebhaber und Freunde der Wiener Operette, Heft 57 (2018, Nr. 1), S. 41–46, hier S. 42.
Strauss (Sohn) übertrug allerdings „seinem Freund“ Hugo Hünerfürst die Ausführung der Instrumentation seiner Annen-Polka op. 117, da er mit den Ergebnissen bisher nicht zufrieden war. Hünerfürst schuf eine sehr zarte und durchsichtige Instrumentation dieser Polka, für die sich Strauss überschwänglich bedankte. Hünerfürsts Partitur der Annen-Polka wurde von diesem nach Wien gesandt und Strauss’ Verleger Carl Haslinger publizierte sie unter dem Namen von Strauss (Sohn) und gab darauf basierend zahlreiche Arrangements heraus.
Hünerfürst komponierte im Folgejahr seinen Walzer „Souvenir de Strauss à Dresde“, in dem er sich durch Strauss-Walzer-Melodien inspirieren ließ.
Der 27-jährige Strauss selbst bezeichnete die Aufenthalte in Dresden und die Freundschaft mit Hünerfürst als die „glücklichste Zeit meines Lebens“.
Diese Männer- und Musikerfreundschaft hielt auch später noch; so standen Johann Strauss und Hugo Hünerfürst anschließend weiter in Briefkontakt. In der Wiener Wienbibliothek ist bis heute eine Ansichtskarte erhalten geblieben, die Strauss 1853 an Hünerfürst geschickt hatte und in der er scherzend die in Wien damals unbeliebten Droschken des Fuhrunternehmens „Phönix“ aufs Korn nimmt. In einem anderen Brief an Hünerfürst berichtete Strauss aus Pawlowsk bei St. Petersburg, wo er von 1856 bis 1865 jeden Sommer Gastspiele gab: „Nun muß ich zu meiner poetischen Liebe eilen“, womit die russische Komponistin Olga Wassiljewna Smirnitskaja (1813–1920) gemeint war. Im Januar 1857 meldeten die Dresdner Nachrichten, dass Strauss Hünerfürst beauftragt hatte, Musiker für die nächste Sommersaison nach Sankt Petersburg zu engagieren.
Wechsel nach Rostock mini|Das 1880 abgebrannte Rostocker Stadttheater 1858 galt Hugo Hünerfürst als designierter Kandidat für die neu zu besetzende Stelle des Musikdirektors in Gera. Wohl auf Empfehlung des Dresdner Kreuzkantors Julius Otto (1804–1877) ging Hünerfürst in jenem Jahr aber nach Rostock, wo er ab sofort als Stadtmusikdirektor wirkte. Zuvor hatte er sich gegen zwölf weitere Bewerber durchsetzen müssen und war am 4. Oktober 1858 vom Rat der Stadt gewählt worden.
In Dresden bedauerte man Hünerfürsts bevorstehenden Wechsel nach Rostock zutiefst. Der renommierte Dresdner Musikkritiker Heinrich Mannstein (1806–1872) befürchtete gar „einen sofortigen Rückschritt und darauffolgenden Verfall der hiesigen Konzertmusik“. Eines der letzten Konzerte von Hugo Hünerfürst in Dresden fand am 15. Oktober 1858 im Hotel de Saxe statt, wo er unter anderem gemeinsam mit der Pianistin Marie Wieck (1832–1916, Halbschwester von Clara Schumann) und dem polnischen Violinisten Henryk Wieniawski (1835–1880) auftrat. Sein Abschiedskonzert gab er wenige Tage später am 26. Oktober 1858 im „brechend vollen“ Lincke’schen Bad. Hünerfürsts Musikkorps in Dresden wurde anschließend von Hermann Mannsfeldt (1833–1892) übernommen.
Ab dem 29. Dezember 1858 wurde Hünerfürst in Rostock offiziell als städtischer Musikdirektor bestallt. Große Wertschätzung erfuhr er auch an der mecklenburgischen Küste. Als 1861 in Rostock die „II. Mecklenburgischen Musikfestspiele“ stattfanden, fungierte Hünerfürst neben dem Schweriner Hofkapellmeister Georg Alois Schmitt (1827–1902) als Festspieldirigent. Außerdem war er in seiner Funktion als Rostocker Stadtmusikdirektor Mitglied im aus sieben Personen bestehenden Vorstand des die Festspiele organisierenden Vereins. Ab 1862 war er zudem Direktor des Rostocker Stadttheaters.
„Fürst der Hühner“ mini|hochkant|Der Tenor Josef Tichatschek (1863) Dass Hünerfürsts Name mitunter für Belustigung sorgte, war ihm bewusst und er nahm es mit Humor. Schon der Komponist Hans von Bülow (1830–1894), der unter anderem im August 1854 in Dresden weilte, nannte ihn in einem Brief an den Komponisten Alexander Ritter (1833–1896) „Prince des Poulets“ (deutsch: Fürst der Hühner) sowie in einem Brief vom 13. Dezember 1857 an den Komponisten Felix Draeseke (1835–1913) mit wohlwollendem Hintergrund „le prince des poules“. So fand auch der berühmte Komponist Richard Wagner (1813–1883) Freude daran. Als im kleinen und finanziell nicht gerade üppig ausgestatteten Rostocker Stadttheater 1863 Wagners Oper Lohengrin aufgeführt werden sollte, ließ Hünerfürst über den mit ihm befreundeten bekannten Tenor Josef Tichatschek (1807–1886) um eine Minderung der Aufführungsgebühren bitten. Tichatschek, der in Rostock ein Gastspiel absolvieren und zudem die Titelpartie übernehmen sollte, schrieb Wagner unter anderem, dass nur sein Gastspiel die Aufführung der Oper in Rostock erst ermöglichen würde. Der in Budapest weilende und offenbar aufgrund einer tags zuvor erfolgreichen Aufführung am Pester Nationaltheater bestens gelaunte Wagner bewilligte dies schließlich mit dem etwas derben humoristischen Vers:
Dem Fürst der Hühner und der Hähne, dem Ritter edler Singe-Schwäne, geb’ ich als Rohstoff Lohengrin zur Aufführung in Rostock hin. Nicht grad’ verwöhnt mit Honorar, ein armer Teufel immerdar, zu Deutschlands Ehr’ sei’s mir gezahlt, was auf der Leinwand nicht vermalt. Ich thu’s für meinen Tichatschek; darum die Pflöck zurück ich steck: sonst sagt’ ich, weil’s grad’ hier geschäh’, wohl ‚‘. (Pest, 24. Jul. 63)
Einer weiteren Anekdote nach war Hünerfürst allerdings einige Jahre zuvor in lustiger Runde bereits von Tichatschek selbst als „Fürst der Hühner“ bezeichnet worden und hatte darauf lachend geantwortet: „Wer einen Namen wie den meinigen trägt, muss auf Späße gefasst sein. Es kommt nur darauf an, wer sie macht. Von einem Joseph Tichatschek lässt man sich’s gern gefallen.“
Tichatschek trat bei diesem Gastspiel in Rostock letztlich nicht nur im Lohengrin auf. Auftritte hatte er auch in Aufführungen wie Ferdinand Hérolds (1791–1833) Oper Zampa und in der Oper La Juive von Fromental Halévy (1799–1862). Ein weiterer namhafter Gast war in Rostock 1864 außerdem die berühmte Pianistin Clara Schumann (1819–1896), die im Rahmen von Hünerfürsts erstem Abonnement-Konzert mitwirkte.
Tod mini|Grabstelle Hugo Hünerfürsts auf dem Dresdner Trinitatisfriedhof (2021)