Unterhaltungen deutscher Ausgewanderten ist eine Novellensammlung von Johann Wolfgang von Goethe, erschienen 1795.

Inhalt Baronesse von C., „eine Witwe in mittleren Jahren“, musste mit ihrer Familie, Verwandten, Hausfreunden und Bediensteten aus linksrheinischem deutschen Gebiet fliehen, weil die französische Revolutionsarmee in Deutschland eingedrungen war. In der Emigrantengruppe spiegeln sich die Spannungen der Zeit zwischen Bewahrung des Alten und Aufbruch zu neuem: Auf der einen Seite stehen der älteste Sohn Friedrich als Organisator der Fahrt zum Gut auf der rechten Rheinseite, die Tochter Luise, deren Bräutigam für die alliierte Armee kämpft, und der katholische Geistliche. Mit der Freiheitsidee der Revolution und ihrem Bestreben, „der alten Sklaverei ein Ende zu machen“, sympathisieren Vetter Karl und der Hofmeister, der Lehrer des jüngeren Sohnes. Die Baronesse versucht auszugleichen. Für sie ist die Flucht Gelegenheit, die Tugend der Unparteilichkeit und Verträglichkeit zu üben. „Die bürgerliche Verfassung, sagt sie, scheint wie ein Schiff zu sein, das eine große Anzahl Menschen […] über ein gefährliches Wasser, und selbst zu Zeiten des Sturms, hinüberbringt; nur in dem Augenblicke, wenn das Schiff scheitert, sieht man, wer schwimmen kann […]. Wir sehen meist die Ausgewanderten ihre Fehler und albernen Gewohnheiten mit sich in der Irre herumführen und wundern uns darüber […]. Wie selten, dass uns die reine Tugend irgend eines Menschen erscheint, der wirklich für andere zu leben, für andere sich aufzuopfern getrieben wird!“. Die gemischte Stimmung der Gruppe wird durch einen Vergleich beschrieben: „[W]ie wir manchmal in der Komödie eine Zeitlang, ohne über die absichtlichen Possen zu lachen, ernsthaft zuschauen können, dagegen aber sogleich ein lautes Gelächter entsteht, wenn in der Tragödie etwas Unschickliches vorkommt, so wird auch ein Unglück in der wirklichen Welt, das die Menschen aus der Fassung bringt, gewöhnlich von lächerlichen, oft auf der Stelle, gewiss aber hinterdrein belachten Umständen begleitet sein.“

Als die Baronesse die mit ihr befreundete Familie des Geheimrats von S., einem Verfechter des alten Systems, auf ihrem Gut aufnimmt, nehmen die politischen Diskussionen an Schärfe zu. Herr von S. kritisiert Karls jugendliche Idealisierung der Revolution und prangert den „Unterdrückungsgeist derer, die das Wort Freiheit immer im Munde führten“ an. Doch dieser steigert sich in seiner Anklage des alten Systems hinein und greift den Geheimrat als dessen Repräsentanten an, so dass dieser empört abreist. Die Baronesse ist über ihren Neffen verärgert und ermahnt ihn zu höflicher gesellschaftlicher Form, gerade in dieser Zeit der Bedrohung und in Hörweite der die Stadt Mainz beschießenden Kanonensiehe Belagerung von Mainz (1793), um gegenseitige Verletzungen zu vermeiden. Sie vereinbaren als Regel, in ihren Unterhaltungen die Gegenwart auszuschließen. Die Baronesse und Luise diskutieren mit dem Geistlichen über die Gestaltung. Er schlägt vor, Geschichten zu erzählen, die nicht nur durch ihre Neuheit die Zuhörer zerstreuen, sondern „die durch eine geistreiche Wendung uns immer zu erheitern Anspruch machen, manche, die uns die menschliche Natur und ihre innern Verborgenheiten auf einen Augenblick eröffnen, andere wieder, deren sonderbare Albernheiten uns ergötzen.“ Er selbst habe alte Geschichten gesammelt, sie verändert und neue geschrieben, die „einen Charakter zu haben schienen, die [s]einen Verstand, die [s]ein Gemüt berührten und beschäftigten, und die [ihm], wenn [er] wieder daran dachte, einen Augenblick reiner und ruhiger Heiterkeit gewährten.“ An zwei Tagen werden vom Geistlichen, Friedrich und Karl zwei Gespenstergeschichten, zwei Anekdoten, zwei moralische Erzählungen und das Märchen vorgetragen, und die literarische Gesellschaft diskutiert sie inhaltlich und vor allem formal in Bezug auf Merkmale der kleinen epischen Kunstformen, unter anderem der Novellentheorie.

Die Erzählungen des ersten Abends Nachdem die Baronesse sich zurückgezogen hat, sprechen sie weiter über die Geschichtenauswahl, wobei der Geistliche sich auf rätselhafte Ereignisse konzentriert. Er findet es „am bequemsten, dass wir dasjenige glauben, was uns angenehm ist, ohne Umstände das verwerfen, was uns unangenehm wäre, und dass wir übrigens wahr sein lassen, was wahr sein kann.“ Und dazu gehöre auch „die entschiedene Neigung unserer Natur, das Wunderbare zu glauben.“ Als Beispiel dafür trägt er die Geistergeschichte von der Sängerin Antonelli vor, die er auf einer Italienreise erlebt habe. Es folgen an diesem Abend noch drei andere geheimnisvolle Erzählungen, deren Rätsel nicht aufgelöst werden.Im Original sind die Erzählungen mit der Rahmenhandlung verbunden und haben, mit Ausnahme des Märchens, keine Überschriften. Die folgende Strukturierung dient der Übersichtlichkeit des Artikels.

Die Sängerin Antonelli

Die Sängerin Antonelli, „Liebling des neapolitanischen Publikums“, hat viele Verehrer und Liebhaber, will sich jedoch nicht fest binden. Sie sucht dagegen einen Freund, mit dem sie ihre Probleme besprechen kann und der sie berät. Sie meint ihn in einem in ihren Augen perfekten – sowohl geistig, körperlich und tugendhaft – jungen Genuesen gefunden zu haben. Doch er will auch ihr Geliebter werden und als dies geschehen ist, reagiert er auf andere Gesellschafter immer eifersüchtiger und will sie allein für sich besitzen. Sie will jedoch ihre Freiheit bewahren. „Durch die Anmaßung ihre Freiheit einzuschränken hatte der Freund schon viel in ihren Augen verloren; wie ihre Neigung zu ihm abnahm, hatte ihre Aufmerksamkeit auf ihn zugenommen; endlich hatte die Entdeckung, dass er in seinen eigenen Angelegenheiten so unklug gehandelt habe, ihr nicht die günstigsten Begriffe von seinem Verstande und seinem Charakter gegeben.“ So trennt sie sich von ihm. Nachdem er seine Selbsttäuschung erkannt hat, in eine Krise geraten und sehr krank geworden ist, pflegt ihn die Sängerin aus Pflicht- und Mitgefühl. Seine Hoffnung, dass nach seiner Genesung die alte Beziehung erneuert wird, erfüllt sie aber nicht. Sie reagiert auch nicht mehr auf seine Bitten, sie noch einmal zu sehen, als er erneut erkrankt und stirbt. Nun beginnen nachts im Haus der Sängerin merkwürdige Erscheinungen, die sie auch auf ihren Reisen begleiten und deren Ursachen trotz Nachforschungen unerklärlich bleiben: ängstliche, mysteriöse Klagelaute und Schreckensruf, flinten- oder pistolenähnliche Schüsse, ohne dass jedoch eine Scheibe oder etwas anderes zerstört wird. Die Reaktionen der Gesellschaft schwanken zwischen Entsetzen, Ohnmachtsanfällen der Damen und sensationslüsterner Neugier. Einen letzten Schuss hört die Sängerin, als sie eines Abends in einer Kutsche mit einer Freundin am Haus des verstorbenen Genuesen vorbeifährt. Der Kutscher beschleunigt den Wagen und hebt die zwei Damen ohnmächtig aus dem Wagen. Ab diesem Zeitpunkt wandelt sich der geheimnisvolle Ton zuerst in Beifallklatschen und später in einen angenehmeren Klang, bis er bald gänzlich verschwindet.

Im Anschluss an die Erzählung diskutiert die Gesellschaft über rational nicht erklärbare Ereignisse. Auf die Zweifel seiner Zuhörer an der Wahrheit der Geistergeschichte erwidert der Erzähler, „sie müsse wahr sein, wenn sie interessant sein solle; denn für eine erfundene Geschichte habe sie wenig Verdienst.“ D.h. man muss daran glauben, dass es „wunderbare Begebenheiten“ gibt und dass „geistige Naturen […] auf Elemente und Körper wirken können“, um die Geschichte zu schätzen. Der Geistliche erklärt die Geistererscheinungen mit den letzten Worten des enttäuschten Liebhabers: „Sie vermeidet mich, aber auch nach meinem Tode soll sie keine Ruhe vor mir haben. Mit dieser Heftigkeit verschied er, und nur zu sehr mussten wir erfahren, dass man auch jenseits des Grabes Wort halten könne.“

Das rätselhafte Klopfen

Fritz greift die Spukthematik auf und erzählt die Geschichte eines jungen Mädchens, das als Waise im Schloss eines Edelmanns erzogen wurde. Zu einem Zeitpunkt, als Freier die hübsche muntere Vierzehnjährige umwarben, wurden ihre Schritte durchs Haus von lautem Pochen begleitet, deren Ursache nicht geklärt werden konnte. Erst nachdem der verärgerte Hausherr drohte, sie mit der Peitsche zu Tode zu prügeln, hört der Spuk auf, aber das Mädchen „zehrte sich über diesen Vorfall beinahe völlig ab und schien dem traurigen Geiste gleich“. Die Unterhaltung über diesen von Fritz selbst erlebten Fall wird unterbrochen durch das Geräusch der zerbrechenden Schreibtischplatte. Gleichzeitig erblicken sie den Feuerschein aus der Richtung des Gutshofes der Tante, wo vielleicht gerade der Zwillingsschreibtisch verbrennt. Man will dieser Vermutung nachgehen – und Friedrich bestätigt sie am nächsten Morgen nach einer Besichtigung des Brandhauses – doch für Karl ist das unwichtig, denn „eine einzelne Handlung oder Begebenheit [sei] interessant, nicht weil sie erklärlich oder wahrscheinlich, sondern weil sie wahr [sei].Wenn gegen Mitternacht die Flamme den Schreibtisch der Tante verzehrt hat, so ist das sonderbare Reißen des unseren zu gleicher Zeit für uns eine wahre Begebenheit, sie mag übrigens erklärbar sein und zusammenhängen, mit was sie will.“

Karl trägt nun zwei Geschichten aus den Memoiren des französischen Marschalls Bassompierre vor.

Die schöne Krämerin

Eine schöne Krämerin spricht den Marschall vor ihrem Geschäft an und signalisiert ihm ihre Zuneigung. Er geht darauf ein und verbringt mit ihr eine Nacht im Haus einer Kupplerin. Da die Pest in Paris grassiert, lässt er das Zimmer mit frischem Bettzeug ausstatten. Die Krämerin und der Marschall finden Gefallen aneinander und vereinbaren einen weiteren Termin zwei Tage später, doch sie möchte nicht noch einmal in einem Dirnenquartier unterkommen und schlägt das Haus ihrer Tante vor. Als er dort eintrifft, ist die Geliebte nicht da. Im vorgesehenen Zimmer liegen zwei Leichen und das Bettstroh wird, wie bei Pestfällen üblich, verbrannt. Da der Marschall eine Reise nach Lothringen unternehmen muss, kann er erst, nachdem er in die Stadt zurückgekehrt ist, nach der Krämerin suchen. Ihr Laden ist inzwischen in anderen Händen und die Händler wissen nichts von der Vormieterin.

Der Schleier

Ein Ahnherr des Marschalls trifft sich zwei Jahre lang jeden Montag mit seiner Geliebten im Sommerhaus, während ihn seine Frau auf der Jagd wähnt. Als sie eines Morgens dort die beiden schlafend entdeckt, legt sie ihnen ihren Schleier auf ihre Füße. Darüber erschrickt die Liebhaberin so sehr, dass sie die Beziehung abbricht und verschwindet. Sie hinterlässt aber den drei Töchtern FruchtmaßHohlmaß für Körnerfrucht, Ring und Becher als Geschenke, mit dem Rat, sie sorgsam zu verwahren. Noch ihre Nachkommen betrachten sie als Glücksbringer.

Die Erzählungen des nächsten Morgens und Abends