mini|Titelbild der 1927er-Ausgabe von Isaak Babels Konarmija Die Reiterarmee bzw. Budjonnys Reiterarmee (Originaltitel / wissenschaftliche Transliteration [Die Reiterarmee]) ist der Titel einer 1926zuvor von 1923 an in Einzelveröffentlichungen in Zeitschriften (s. Inhalt), dann 1926 als Buch veröffentlichten Erzählsammlung von Isaak Babel. Sie enthält Geschichten aus dem Polnisch-Sowjetischen Krieg von 1920, an dem der Autor als Kriegsberichterstatter der Russischen Telegrafen-AgenturBettina Kaibach: Nachwort. In: Isaak Babel: Mein Taubenschlag. Sämtliche Erzählungen. Übersetzt von Bettina Kaibach und Peter Urban. Carl Hanser Verlag, München 2014, S. 828. teilnahm. Die erste deutsche Übersetzung von Dmitri Umanskij unter dem Titel Budjonnys Reiterarmee erschien 1926.
Das Magazin Der Spiegel zählt das Werk zu den besten 100 zwischen 1925 und 2025 erschienenen Büchern.
Inhalt Der Erzähler ist, wie der Autor, Kriegsberichterstatter. Er folgt der 1. Roten Reiterarmee des Generals Semjon Michailowitsch Budjonny, schildert das Leben der zum Teil jüdischen Bevölkerung im polnisch-ukrainischen Kriegsgebiet (Galizien/Wolhynien) und insbesondere die Kämpfe der Reiterarmee und gibt Erzählungen einzelner Soldaten wieder. Auf den autobiographischen Bezug weist auch sein Name hin: Kirill Vasijič Ljutov (Ljutič).Isaak Babel: Die Reiterarmee. In: Mein Taubenschlag. Sämtliche Erzählungen. Übersetzt von Bettina Kaibach und Peter Urban. Carl Hanser Verlag, München 2014. S. 312. 350. Babel veröffentlichte seine Zeitungsartikel unter dem Pseudonym Vasiljevič Ljutov.wild, heftig, grausam, auch wütend, zornig Der Autor hat für die Buchausgabe 1926 seine Erzählungen der Erstausgaben überarbeitet und die Anordnung, die von der Chronologie der Ereignisse abweicht, nach literarischen Gesichtspunkten strukturiert.
Die Erzählungen der Ausgabe von 1926 Die Überschreitung des Zbruč.Überschriften nach: Isaak Babel: Die Reiterarmee. In: Mein Taubenschlag. Sämtliche Erzählungen. Übersetzt von Bettina Kaibach und Peter Urban. Carl Hanser Verlag, München 2014. (Transkription: Perechod tscheres Sbrutsch, russisch: Переход через Збруч, wiss. Transliteration: Perechod čerez Zbruč, Erstveröffentlichung: Pravda 1924). Im Juli überquert Ljutovs Tross mit Pferden und Wagen den Fluss Zbruč in der heutigen Nordwest-Ukraine über eine Furt, weil die Brücken gesprengt sind.
Der Erzähler wird in Novograd im von polnischen Soldaten geplünderten und demolierten Haus einer jüdischen Familie einquartiert, in der unter Decken noch der tote Vater der schwangeren Wirtin liegt, der seiner Tochter den Anblick seiner Liquidierung ersparen wollte: „Ich will wissen, wo ihr auf der ganzen Welt noch einen solchen Vater findet, wie meinen Vater...“Isaak Babel: Die Reiterarmee. In: Mein Taubenschlag. Sämtliche Erzählungen. Übersetzt von Bettina Kaibach und Peter Urban. Carl Hanser Verlag, München 2014. S. 199.
Kirche in Novograd (Kostel w Nowograde, Костел в Новограде, Kostel v Novograde, E: Izvestija, Odessa 1923). Bei der Durchsuchung des Hauses eines geflohenen Priesters finden die Rotarmisten versteckte Uniformen und einen Sack mit Banknoten, Goldmünzen und Schmuck.
Ein Brief (Pismo, Письмо, Pis'mo, E: Izvestija, Odessa 1923). Der Rotarmisten Semjon Kurdjukov und sein Bruder Fjodor kämpfen für die Rote Armee, ihr Vater Timofej Rodionyč für die Weiße. In einem Brief teilt er seiner Mutter mit, dass vor einem Jahr die Soldaten seines Vaters bei Rostov Fjodor erstachen und dass jetzt seine Kameraden als Rache seinen Vater in Majkop umgebracht haben.
Der Chef der Kavallerie-Reserve. (Natschalnik konsapassa, Начальик конзапаса, Načal'nik konzapasa, E: Lef 1923). Bauern müssen ihre Arbeitspferde gegen die geschundenen Mähren der Reiter des Kommandanten Djakov eintauschen.
Pan Apolek (Pan Apolek, Пан Аполек, Pan Apolek, E: Izvestija, Odessa 1923). Pan Apolek malt in Novograd-Volynsk Ikonen und gibt den Gesichtern der Heiligen Züge seiner Bekannten: Die Mutter Gottes sieht wie Pani Eliza aus, die Haushälterin des alten Priesters, Maria Magdalena wie das Judenmädchen Elka, Mutter vieler obdachloser Kinder. Nachdem er in dieser Weise eine neue Kirche ausgemalt hat, fordern katholische Priester das Übermalen der Bilder, können sich damit aber nicht bei der Bevölkerung durchsetzen.
Die Sonne Italiens (Solnze Italii, Солнце Италии, Solnce Italii, E: Krasnaja nov‘ 1924). Der Erzähler liest einen Brief seines wegen einer Verletzung kampfunfähigen Zimmernachbarn Sidorow an seine Freundin Viktorija, in dem er ihr vom Traum seiner Italienreise als Agitator gegen den König schreibt.
Gedali (Gedali, Гедали, Gedali, E: Krasnaja nov‘ 1924). In Žitomir klagt der jüdische Basarhändler Gedali über die Übergriffe sowohl der polnischen Soldaten als auch der Rotarmisten und fragt, warum auch die guten Revolutionäre schutzlose Menschen töten.
Meine erste Gans (Moi perwy gus, Мой первый гусь, Moj pervyj gus', E: Izvestija, Odessa 1923). Der Erzähler ist nach seinem Jura-Studium in Sankt Petersburg zum Divisionsstab abkommandiert worden. Um als Akademiker und Brillenträger von den Kosaken ernst genommen zu werden, ersticht er, mit knirschendem und blutendem Herzen, eine Gans und zwingt die Bäuerin, sie ihm zu braten. mini|Operationsgebiet der Reiterarmee in Babels Erzählungen in den historischen Gebieten Wolhynien (gelb) und Galizien (im NW der heutigen Ukraine)begrenzt durch Lwiw (Lemberg, früher Hauptstadt von Galizien) im Südwesten, Kowel (nördlich von Luzk) im Norden, Riwne (Rovno) im Nordosten, Schytomyr (Zitomir) und Swjahel (Novograd-Volynsk) im Osten, Brody und Busk im Lemberger Gebiet im Süden. Der Rabbi (Rabbi, Рабби, Rabbi, E: Krasnaja nov‘ 1924). Der Erzähler begleitet den Händler Gedali zum Abendessen vor dem Sabbat beim chassidischen Rabbi Motale und trifft dort auf einen Jüngling mit dem Gesicht Spinozas. Es ist Elia, der „ungehorsame“ Sohn des Rabbi, der während des Gebets seines Vaters raucht (s. letzte Erzählung Der Sohn des Rabi). Nach dem Essen geht der Erzähler zurück zur Agitprop-Abteilung der I. Reiterarmee am Bahnhof, wo der mit Radiostation und Druckerei ausgestattete Propagandazug steht.
Weg nach Brody (Put w Brody, Путь в Броды, Put' v Brody, E: Izvestija, Odessa 1923). Der Erzähler, bedrückt von der „Chronik der alltäglichen Greueltaten“, reitet mit Zugführer Afonjka Bida durch die Landschaft mit den geschändeten Bienenstöcken zur Schlacht um Brody. Sie müssen vor den Schüssen einer polnischen Batterie fliehen.
Die Lehre vom MG-Wagen (Utschenije o tatschanke, Учение о тачанке, Učenie o tačanke, E: Izvestija, Odessa 1923). Der Erzähler fährt mit dem Kutscher Griščuk auf einem, von Machno erfundenen, MG-Wagen, der Schlachten gegen Infanterie- und Kavalleriesoldaten entscheiden kann, durch die vom Krieg geschändete Gegend mit polnisch-jüdischer Bevölkerung.
Dolgušovs Tod (Smert Dolguschowa ,Смерть Долгушова, Smert' Dolgušova, E: Izvestija, Odessa 1923). Bei Brody wird der Telefonist Dolgušov durch einen Bauchschuss schwer verletzt und bittet den Erzähler, ihn zu erschießen. Dieser lehnt ab. Der Zugführer Afonjka Bida gibt ihm den Todesschuss, wirft dem mit ihm befreundeten „Brillenträger“ mangelndes Mitleid vor und will im Zorn auch ihn erschießen. Der Kutscher Griščuk hält ihn davon ab und gibt dem Erzähler einen Apfel, den er „mit Wehmut und Ehrfurcht“ isst.
Kombrig 2 (Kombrig dwa, Комбриг два, Kombrig dva, E: Lef 1923). Armeekommandant Budjonnyi ernennt den Regimentskommandeur Kolesnikow zum Nachfolger des gefallenen Brigadekommandeurs und schickt ihn mit der Parole „Siegen oder verrecken“ in den Kampf. Dieser vernichtet nach einem „große[n] wortlose[n] Niedermetzeln“Isaak Babel: Die Reiterarmee. In: Mein Taubenschlag. Sämtliche Erzählungen. Übersetzt von Bettina Kaibach und Peter Urban. Carl Hanser Verlag, München 2014. S. 254. eine polnische Einheit und kehrt in der Haltung der „herrische[n] Gleichmut eines Tataren-Khans“ zurück.Isaak Babel: Die Reiterarmee. In: Mein Taubenschlag. Sämtliche Erzählungen. Übersetzt von Bettina Kaibach und Peter Urban. Carl Hanser Verlag, München 2014. S. 255.
Saška Christus (Saschka Christos, Сашка Христос, Saška Christos, E: Krasnaja nov‘ 1924). Ein wegen seiner Sanftmut „Christus“ genannter 14-jähriger Junge erkrankt, nach einem Wirtshausbesuch mit dem Stiefvater, an Syphilis und wird, nach Auseinandersetzungen mit seinem Vormund, Gemeinschaftshirte bei den Kosaken. Nach dem Ersten Weltkrieg schließt er sich Budjonnys Regiment an und wird bei Kämpfen verwundet. Der Erzähler lernt ihn als Invaliden im Tross kennen.
Pavličenko Matvej Rodionyč, Lebenslauf (Schisneopissanije Pawlitschenki, Matweia Rodionytscha, Жизнеописание Павличенки, Матвея Родионыча, Žizneopisanie Pavličenki, Matveja Rodionyča, E: Škcal, Odessa 1924). General Matvei Pavličenko erzählt von einer wichtigen Phase seines Lebens: Sie beginnt mit seiner Arbeit als Hirte auf Gut Lidino bei Herrn Nikitinskij. Nach der Heirat mit Nastja erfährt er, dass der Gutsherr, wie bei ihm üblich, auch seiner Frau nachstellt. Er geht zu ihm und verlangt seinen noch ausstehenden Lohn, was ihm dieser mit einer Gegenforderung verweigert. Fünf Jahre später, nach der Revolution, sucht er wieder das Gut auf. Nikitinskij hat vor ihm Angst, bietet ihm zuerst sein Schatzkästchen an, beschimpft ihn dann, als die Bestechung erfolglos bleibt, als Flegel und fordert ihn auf, ihn zu erschießen, doch Pavličenko trampelt ihn stundenlang zu Tode, um das Erlöschen seines Lebens bis zum Seelengrund zu erleben.
Friedhof in Kozin (Kladbischtsche w Kosine ,Кладбище в Козине, Kladbišče v Kozine, E: Izvestija, Odessa 1923). Beschreibung der bis zu 300 Jahre alten Grabsteine und der Inschriften. „O Tod […] habgieriger Dieb, warum kennst du mit uns kein Erbarmen, und sei es nur ein einziges Mal“.Isaak Babel: Die Reiterarmee. In: Mein Taubenschlag. Sämtliche Erzählungen. Übersetzt von Bettina Kaibach und Peter Urban. Carl Hanser Verlag, München 2014. S. 270.
Priščepa (Prischtschepa, Прищепа, Priščepa, E: Izvestija, Odessa 1923, Lef 1923). Priščepas Erzählung: Er rächt sich bei der Rückkehr in sein Dorf an den Nachbarn, die nach der Ermordung seiner Eltern durch die Weißen deren Besitz gestohlen haben. Er tötet die Diebe, holt die Gegenstände zurück in sein Haus, zündet alles an („Der Brand strahlte wie ein Sonntag“Isaak Babel: Die Reiterarmee. In: Mein Taubenschlag. Sämtliche Erzählungen. Übersetzt von Bettina Kaibach und Peter Urban. Carl Hanser Verlag, München 2014. S. 272.) und reitet zu den Roten zurück.
Geschichte eines Pferdes (Istorija odnoi loschadi, История одной лошади, Istorija odnoj lošadi, E: Izvestija, Odessa 1923). Der Schwadronkommandeur Chlebnikov muss seinen weißen Hengst, den er einem konterrevolutionären Bauern abgenommen hat, dem Divkom Savickij geben. Als Savickij nach erfolglosen Juligefechten abgesetzt und in die Reserve abkommandiert wird, beantragt Chlebnikov beim Stabschef die Rückgabe des Pferdes und dies wird angeordnet. Mit dem Beschluss reitet er zu Savickij und dieser vertreibt ihn vom Hof.
Nachdem seine Beschwerde über diesen Vorfall vom Stabschef nicht angenommen wird, tritt Chlebnikov aus der kommunistischen Partei aus, die „zur Freude und der festen Gerechtigkeit ohne Grenzen“ gegründet worden sei. Rasend vor Wut verletzt er sich selbst und wird als Invalide aus der Armee entlassen. Der Erzähler bedauert dies: „Wir beide schauten auf die Welt wie auf eine Wiese im Mai […] über die Frauen und Pferde gehen.“Isaak Babel: Die Reiterarmee. In: Mein Taubenschlag. Sämtliche Erzählungen. Übersetzt von Bettina Kaibach und Peter Urban. Carl Hanser Verlag, München 2014. S. 277.