mini|Samuel Pozzi, Aufnahme von Pierre Petit Samuel Jean Pozzi (geboren am 3. Oktober 1846 in Bergerac; gestorben am 13. Juni 1918 in Paris) war ein französischer Chirurg, Politiker und Kunstsammler. Er verfasste mit dem Lehrbuch der Gynäkologie ein Standardwerk für seinen Fachbereich. Darüber hinaus bekleidete er den ersten Lehrstuhl für Gynäkologie in Frankreich und war Mitglied der Académie de médecine. Pozzi vertrat als Abgeordneter das Département Dordogne im französischen Senat und war zudem in der Regionalpolitik aktiv. Zu seinem Freundes- und Bekanntenkreis gehörten zahlreiche Schriftsteller, Schauspieler und Künstler. Er trug eine umfangreiche Münz- und Kunstsammlung zusammen, die nach seinem Tod von den Erben aufgelöst wurde.

Leben Herkunft und schulische Ausbildung Samuel Pozzi entstammte einer protestantischen Familie, deren Vorfahren aus Italien stammten und teilweise in Poschiavo in der Schweiz lebten.Claude Vanderpooten: Samuel Pozzi, chirurgien et ami des femmes, S. 22. Von dort wanderte sein Großvater Domenico Pozzi nach Frankreich aus und ließ sich als Bäcker in Agen nieder. Er änderte seinen Namen in die französische Schreibweise Dominique Pozzy.Claude Vanderpooten: Samuel Pozzi, chirurgien et ami des femmes, S. 21. Erst Samuel Pozzi wechselte den Nachnamen wieder zur italienischen Schreibweise Pozzi. Sein Vater Benjamin Dominique Pozzy war Pfarrer der reformierten Kirche in Bergerac. Die Mutter Inés, geborene Escot-Meson, stammte ebenfalls aus einer protestantischen Familie. Sie starb an Tuberkulose, als Samuel Pozzi 10 Jahre alt war. Sein Vater heiratete in zweiter Ehe die Engländerin Mary Anne Kempe. Durch sie erlernte Pozzi als Zweitsprache Englisch, das er fließend beherrschte.Claude Vanderpooten: Samuel Pozzi, chirurgien et ami des femmes, S. 27. Aus der ersten Ehe des Vaters hatte Samuel Pozzi vier Geschwister, aus der zweiten Ehe eine Halbschwester und einen Halbbruder. Die Schule besuchte Pozzi zunächst in Pau; in Bordeaux erhielt er 1864 sein Baccalauréat. Anschließend ging er nach Paris, um Medizin zu studieren. Sein aus Agen stammender und rund 20 Jahre älterer Cousin Joseph Alexandre Laboulbène lebte ebenfalls in Paris und arbeitete dort als Arzt.Claude Vanderpooten: Samuel Pozzi, chirurgien et ami des femmes, S. 29. Auch Pozzis Halbbruder James Adrien Pozzi wurde Arzt und lebte in der französischen Hauptstadt. Zeitweilig bekleidete dieser das Amt des Bürgermeisters von Reims und saß als Abgeordneter für das Département Marne in der Nationalversammlung.Claude Vanderpooten: Samuel Pozzi, chirurgien et ami des femmes, S. 317.

Medizinische Karriere als Chirurg und Gynäkologe Pozzi begann sein Studium der Medizin 1866 an der Universität von Paris. Während dieser Zeit war er als Hilfskraft in der Anatomie tätig, wo der Chirurg, Pathologe und Anthropologe Paul Broca zu seinen Lehrern gehörte. Während des Deutsch-Französischen Krieges kam Pozzi als freiwilliger Sanitäter zum Einsatz und unterstützte Chirurgen im Lazarett. Hierbei galt sein besonderes Interesse der Verhinderung postoperativer Infektionen. Nach dem Krieg arbeitete Pozzi im Krankenhaus Hôpital de la Pitié als Assistent bei Broca, der ihn in freundschaftlicher Weise förderte. Später veröffentlichte Pozzi eine Biografie über Broca. Als Auszeichnung für seine Leistungen erhielt Pozzi 1872 die Goldmedaille Assistenzarzt des Jahres verliehen. Das Medizinstudium schloss er 1873 mit Promotion ab. Seine Dissertation behandelte das Thema Les fistules de l’espace pelvirectoral supérieur (Die Fisteln des oberen Darmbereichs). Im Folgejahr übersetzte Pozzi die Abhandlung Der Ausdruck der Gemütsbewegungen bei dem Menschen und den Tieren von Charles Darwin als Erster aus dem Englischen ins Französische. 1875 veröffentlichte er seine eigene Arbeit Die Bedeutung der Hysterektomie für die Therapie fibroider Tumore des Uterus.

Um sich mit anderen Ärzten auszutauschen und seine Kenntnisse zu erweitern, unternahm Pozzi zahlreiche Reisen. 1876 besuchte er den Kongress der British Medical Association in Edinburgh. Hier traf er Joseph Lister, mit dem er sich unter anderem zu antiseptischen Verbänden austauschte. Dessen neuen Erkenntnisse zur chirurgischen Asepsis führte Pozzi umgehend in seinem Krankenhaus ein und warb bei seinen französischen Kollegen für die Umsetzung dieser Innovation. 1877 wurde Pozzi zum Krankenhauschirurgen (chirurgien des hôpitaux) und zum Professor an der Medizinischen Fakultät der Pariser Universität ernannt. In der Folgezeit unternahm Pozzi weitere Studienreisen in Europa. So tauschte er sich in Berlin mit Friedrich Trendelenburg und Ernst von Bergmann aus, besuchte Prag, München und schließlich Wien, wo er mit Theodor Billroth zusammentraf.Claude Vanderpooten: Samuel Pozzi, chirurgien et ami des femmes, S. 167.

Pozzi wechselte 1883 an das Hôpital de Lourcine-Pascal, das seit 1893 - nach seinem ehemaligen Lehrer - den Namen Hôpital Broca trägt. Hier blieb Pozzi die nächsten 35 Jahre bis zu seinem Tod 1918 tätig. 1888 wurde er für ein Jahr Präsident der Société d’anthropologie de Paris. Pozzi spezialisierte sich als Arzt zunächst auf die Bauchchirurgie; im Bereich der Gastroenterostomie gehört er zu den Pionieren. Bekanntheit erlangte er aber vor allem als Vorreiter der gynäkologischen Chirurgie. So führte er beispielsweise in seinem Krankenhaus die erste gynäkologische Abteilung in Frankreich ein. Unter seinem Einfluss entwickelte sich die Gynäkologie von einer Unterabteilung der allgemeinen Medizin zu einer eigenständigen Disziplin. Hierzu trug wesentlich auch seine 1890 erschienene Abhandlung Traité de gynécologie clinique et opératoire (Lehrbuch der klinischen und operativen Gynäkologie) bei. Pozzi beschreibt darin unter anderem die gynäkologische Untersuchung, Anatomie, Chirurgie, antiseptische Verfahren und postoperative Behandlungen. Die dreibändige Ausgabe umfasst 1100 Seiten und enthält rund 500 Diagramme und Illustrationen. Das Lehrbuch galt in Frankreich mehrere Jahrzehnte als Standardwerk, erschien bereits 1892 als deutsche Ausgabe und wurde zudem auch ins Englische, Russische, Spanische und Italienische übersetzt.

1893 gehörte Pozzi zur französischen Delegation der Weltausstellung in Chicago. Bei dieser Gelegenheit besuchte er in der Stadt verschiedene Krankenhäuser. Die Académie nationale de médecine nahm Pozzi 1896 als Mitglied auf und würdigte damit seine Leistungen als Mediziner. 1897 begründete er die Fachzeitschrift Revue de gynécologie et de chirurgie abdominale (Journal der Gynäkologie und Bauchchirurgie), mit der er ein Forum für neueste Forschungsergebnisse und Behandlungsmethoden schuf. Anfang 1899 besuchte Staatspräsident Félix Faure die unter Pozzis Leitung umgestaltete gynäkologische Abteilung im Hôpital Broca und unterstrich damit Pozzis ärztliche Leistungen. Pozzis Einsatz führte 1901 zur Schaffung des ersten Lehrstuhls für Gynäkologie in Frankreich. Pozzi bekleidete diesen Lehrstuhl als erster Professeur de clinique gynécologique an der Universität von Paris. Er widmete sich fortan verstärkt der Thematik der angeborenen Missbildungen. Zudem sprach er sich gegen die seinerzeit übliche systematische Entfernung von Gebärmutter und Eierstöcken aus und setzte sich für eine konservative Chirurgie ein.

Pozzis zweite Amerikareise führte ihn 1904 nach St. Louis, wo er ebenfalls die Weltausstellung besuchte. Darüber hinaus nahm er in Montreal am Kongress der französischsprachigen Ärzte Nordamerikas teil. Auch bei dieser Reise besichtigte er mehrere Krankenhäuser und tauschte sich mit namhaften Ärzten über neue Behandlungsmethoden aus. So traf er William Stewart Halsted und Howard Atwood Kelly in Baltimore, John Clarence Webster (1863–1950) in Chicago und besuchte die berühmte Mayo Clinic in Rochester, wo er auf William Worrall Mayo und seine Söhne Charles Horace Mayo und William James Mayo traf. 1909 folgte seine dritte Reise in die Vereinigten Staaten. Hierbei besuchte er erneut die Mayo Clinic in Rochester und nahm in New York an einer Fachkonferenz teil. Bei dieser Gelegenheit traf er den aus Frankreich stammenden Alexis Carrel, der zur Gewebe- und Organtransplantationen forschte. Zu diesem Themenfeld organisierte Pozzi 1913 zusammen mit Georges Clemenceau in Paris ein Symposium am Hôpital Broca, bei dem Carrel als Referent auftrat. Zuvor war Pozzi 1910 für zwei Monate nach Argentinien und Brasilien gereist, wo er eine Reihe von Krankenhäusern und psychiatrische Anstalten besuchte.Claude Vanderpooten: Samuel Pozzi, chirurgien et ami des femmes, S. 369. Nach seiner Rückkehr nach Frankreich veröffentlichte er seine gesammelten Erkenntnisse der Südamerikareise.

Zu Beginn des Ersten Weltkrieges trat Pozzi trotz seines Alters – er war inzwischen 67 Jahre alt – in den Militärdienst ein. Er versorgte als Militärarzt Verwundete im Krankenhaus in der Rue Lhomond und im Hotel Astoria an der Avenue des Champs-Élysées, das als Lazarett genutzt wurde. Daneben war er weiter im Hôpital Broca tätig und behandelte bis zu seinem Tod 1918 Patienten in seiner Privatpraxis.Biografie von Samuel Pozzi auf der Internetseite des französischen Senats. Seine Leistungen als Mediziner wurden durch Aufnahme in die Ehrenlegion gewürdigt. So erhielt er 1886 die Ernennung zum Chevalier, 1894 zum Officier, 1904 zum Commandeur und schließlich 1914 zum Grand Officier.Dokumente zur Aufnahme von Samuel Pozzi in die Ehrenlegion mit den jeweiligen Auszeichnungsstufen auf der Internetseite des Archives Leonore.

Heirat, Kinder, Geliebte und Freundeskreis 1879 heiratete Pozzi im Alter von 33 Jahren die aus Lyon stammende Thérèse Loth-Cazalis. Der Chirurg und Dichter Henri Cazalis war ihr Cousin. Die Familie Cazalis galt als wohlhabend. Samuel und Thérèse Pozzi bezogen im Sommer 1880 eine Wohnung an der teuren Pariser Place Vendôme. Darin befanden sich auch die Räume von Pozzis ärztlicher Privatpraxis. Aus der Ehe der Pozzis gingen drei Kinder hervor. Die Tochter Catherine (1883–1934) wurde später Schriftstellerin und heiratete den Dramatiker Édouard Bourdet. Der Sohn Jean (1884–1967) begann eine Laufbahn als Diplomat. Der jüngste Sohn, Jacques Pozzi (1896–1953), hatte eine labile Gesundheit und lebte viele Jahre in Heimen.Claude Vanderpooten: Samuel Pozzi, chirurgien et ami des femmes, S. 365. 1899 zog die Familie in ein Haus in der vornehmen Avenue d’Iéna Nr. 49, in dem sich ebenfalls Praxisräume für Pozzis Privatpatienten befanden. Die Ehe der Pozzi galt als unglücklich. Nachdem bereits die beiden älteren Kinder das Haus verlassen hatten, zogen Thérèse Pozzi und der jüngste Sohn Jacques 1909 aus der gemeinsamen Wohnung aus und lebten danach in der Avenue Hoche. Samuel Pozzi wohnte fortan allein.Claude Vanderpooten: Samuel Pozzi, chirurgien et ami des femmes, S. 303.