Dr. Pozzi at Home ist ein Porträtgemälde des Malers John Singer Sargent. Das in Öl auf Leinwand gemalte Bild hat eine Höhe von 201,6 cm und eine Breite von 102,2 cm. Dargestellt ist der Chirurg und Gynäkologe Samuel Pozzi. Sargent zeigt ihn in einem auffälligen roten Hausmantel in seiner Wohnung. Vorbilder für diese lebensgroße Darstellung eines Mannes finden sich bei verschiedenen Malern des Barock. Das Bildnis gehört zum Frühwerk des Malers, der im weiteren Verlauf seiner Karriere zu den gefragtesten Porträtisten seiner Zeit gehörte. Das Gemälde ist Teil der Sammlung des Hammer Museums in Los Angeles.

Bildbeschreibung Das Bild zeigt den 35-jährigen Samuel Pozzi in Lebensgröße. Er steht auf rotem Fußboden vor einem undefinierten Hintergrund, der durch verschiedene dunkle Rottöne charakterisiert wird. Auf der linken Bildseite findet sich ein schwerer Vorhang, der mit einer Kordel zur Seite gebunden ist. Wie der Bildtitel verrät, posiert der Arzt „at Home“, also in seiner eigenen Wohnung. Er steht dem Bildbetrachter frontal gegenüber; der Kopf ist leicht zur linken Seite gedreht. Mit weit geöffneten Augen scheint er einen Punkt außerhalb des rechten Bildrandes zu fixieren. Sein Gesicht mit der freiliegenden Stirn hat einen hellen rosigen Teint. Im Kontrast dazu stehen der gepflegte dunkle Vollbart und das nach hinten gekämmte Kopfhaar. Pozzi trägt einen bodenlangen scharlachroten Hausmantel, unter dem sein rechter Pantoffel hervorschaut, dessen üppige Brokatstickerei einen bunten Farbakzent ergibt. Am Halsausschnitt und an den Ärmeln schaut ein plissiertes weißes Hemd hervor.Sargent (John-Sauveur), Portrait du docteur Pozzi. Bildbeschreibung. In: Galerie Georges Petit: Collection S. Pozzi, première partie, objets d’art et d’ameublemet, tablaux – dessins. 1919, S. 16, Nr. 22. Besonders auffällig sind die feingliedrigen Hände mit den schmalen langen Fingern. Die rechte Hand liegt vor der Brust. Deren Zeigefinger und Daumen greifen zum Verschluss am Kragen, die anderen Finger sind ausgestreckt. Der linke Arm ist zur Hüfte angewinkelt. Zwei Finger der linker Hand verhaken sich in eine Schnur, die um die Hüfte des Mantels gebunden ist. Die anderen zwei Finger reichen gespreizt nach unten. Die dünne Schnur des Mantels wiederholt thematisch die Kordel am Vorhang des Hintergrunds. Sargents Malweise ist durch breite und schnelle Pinselstriche geprägt, sodass eine lebendige Darstellung gelingt.Sally Metzler: Dr. Pozzi at home: gynecologist, soldier, socialite. 2017. Vorherrschend sind die variantenreich eingesetzten Rottöne. Aus unbekannter Lichtquelle fällt das Licht von rechts oben auf Pozzi; insbesondere das Gesicht und die Hände werden hell hervorgehoben. Das Gemälde ist in der rechten oberen Ecke signiert und datiert mit „John S. Sargent 1881“.Elaine Kilmurray: Dr. Pozzi at Home. In: Richard Ormond, Elaine Kilmurray: Sargent: portraits of artists and friends. 2015, S. 55.

Die Autorin Sally Metzler hat angemerkt, Pozzis Erscheinung im Gemälde wirke sowohl elegant wie ungezwungen.Im Original „elegant“ und „informality“ in Sally Metzler: Dr. Pozzi at home: gynecologist, soldier, socialite. 2017. Sie vermutete, er bereitete sich gerade auf einen Abend vor oder sei vielleicht von einer Verabredung zurückgekommen.Sally Metzler: Dr. Pozzi at home: gynecologist, soldier, socialite. 2017. Für die Kunsthistorikerin Elaine Kilmurray unterstreicht die Komposition Pozzis Rolle als Genießer und Schöngeist.Elaine Kilmurray: Dr. Pozzi at Home. In: Richard Ormond, Elaine Kilmurray: Sargent: portraits of artists and friends. 2015, S. 55: Originalzitat: „The compostion reflects Pozzi’s reputation as both a sensualist and an aesthete.“ Zudem würde seine Sinnlichkeit durch die feinen Chirurgenhände unterstrichen.Elaine Kilmurray: Dr. Pozzi at Home. In: Richard Ormond, Elaine Kilmurray: Sargent: portraits of artists and friends. 2015, S. 55: Originalzitat: „... the fleshliness is offset by the refinement of his finely drawn surgeon’s hands ...“ Auch für ihre Kollegin Leslie Cozzi sind die feingliedrigen Hände ein Hinweis auf Pozzis Beruf als Gynäkologe. Sie verweist jedoch auch auf die Thesen der Kunsthistorikerin Alison Syme, die in den fein gemalten Händen ein homoerotisches Verlangen des Malers John Singer Sargent erkennen will.Leslie Cozzi: Dr. Pozzi Comes Home. 2014. Hierauf verweist ebenso der Kunsthistoriker Jonathan Bikker.Jonathan Bikker: High society: life-size, standing and at full-length. 2018, S. 113. Er betont aber auch, dass die sinnliche und intime Darstellung des Arztes in seinem leuchtend roten Hausmantel ein Hinweis auf Pozzis Verführungskünste bei seinen Patientinnen sein könnte.Leslie Cozzi: Dr. Pozzi Comes Home. 2014. Für den Schriftsteller Julian Barnes „ist alles höchst theatralisch inszeniert: Nicht nur die Pose, auch der malerische Stil hat etwas Großspuriges“.Julian Barnes: Der Mann im roten Rock. 2021, S. 9.

Sargents erstes lebensgroßes Porträt eines stehenden Mannes John Singer Sargent war zwar Bürger der Vereinigten Staaten, lebte jedoch überwiegend in Europa. Seine Ausbildung als Maler hatte er in seiner Geburtsstadt Florenz begonnen, wo ihm die Kunstwerke der Uffizien ebenso vertraut waren, wie die anderen bedeutenden Sammlungen der Stadt. Seit 1874 lebte er in Paris und hatte dort sein Studium bei dem Maler Émile Auguste Carolus-Duran begonnen. Sargent konnte bereits mit seinen frühen Gemälden Erfolg erzielen. So zeigte er 1879 im Salon de Paris das Porträt seines Lehrers Carolus-Duran (Sterling and Francine Clark Art Institute, Williamstown) und erhielt hierfür eine Ehrenmedaille (Médaille d’honneur).Richard Ormond, Elaine Kilmurray: Sargent: portraits of artists and friends. S. 32. Bereits in diesem frühen Bild gelang Sargent durch die in Szene gesetzte dynamische Pose des Porträtierten eine besonders lebendige Darstellung.„a special vitality in a dynamic pose“ in Los Angeles County Museum of Art: The Armand Hammer Collection. Nr. 53. 1879–1880 unternahm Sargent Studienreisen in die Niederlande und nach Spanien.Trevor J. Fairbrother: John Singer Sargent: Dr. Pozzi at Home. In: Gary Tinterow, Geneviève Lacambre: Manet, Velázquez : the French taste for Spanish painting. 2003, S. 531. In den Salons von 1880 und 1881 war Sargent erneut erfolgreich. So zeigte er 1880 das Orientmotiv Fumée d’Ambre Gris (Sterling and Francine Clark Art Institute) sowie das Ganzkörperporträt Madame Édouard Pailleron (National Gallery of Art, Washington D.C.), 1881 folgte das Bildnis Madame Ramon Subercaseaux (Privatsammlung), für das er eine Medaille zweiter Klasse erhielt. Damit verbunden war die Berechtigung, zukünftig ohne gesonderte Juryzulassung im Salon ausstellen zu können.Richard Ormond, Elaine Kilmurray: Sargent: portraits of artists and friends. S. 52. Nach diesen Erfolgen lernte er im Sommer 1881 durch Carolus-Duran den Arzt Samuel Pozzi kennen.Caroline de Costa, Francesca Miller: The Diva and doctor god, letters from Sarah Bernhardt to doctor Samuel Pozzi. 2011, S. 116. Sargent war zu dieser Zeit 25 Jahre alt und stand am Beginn seiner Karriere; Pozzi war zehn Jahre älter und bereits Professor an der Universität von Paris. Scheinbar entwickelte sich in kurzer Zeit ein gutes Verhältnis zwischen dem jungen Maler und Pozzi, da dieser zusammen mit Carolus-Duran für Sargent den Mitgliedsbeitrag in der Künstlervereinigung Le Circle de l’Union Artistique (genannt Le Militrons) bezahlte.Elaine Kilmurray: Dr. Pozzi at Home in Richard Ormond, Elaine Kilmurray: Sargent: portraits of artists and friends. 2015, S. 55. Pozzi erhielt wenig später den Auftrag von Pozzi, dessen Porträt zu malen.Trevor J. Fairbrother: John Singer Sargent: The Sensualist. 2000, S. 71. Im August 1881Richard Ormond, Elaine Kilmurray: John Singer Sargent: complete paintings, The early portraits. 1998. Ohne Seitenangabe, Chronology XIV. kam Sargent regelmäßig in Pozzis Wohnung an der vornehmen Place Vendôme, wo dieser seit dem Vorjahr mit seiner Frau lebte.Trevor J. Fairbrother: John Singer Sargent: The Sensualist. 2000, S. 72. Sargents Freund James Carroll Beckwith berichtet in seinem Tagebucheintrag vom 8. September 1881 wie er in Pozzis Wohnung das Bildnis Dr. Pozzi at Home bewunderte, das zu diesem Zeitpunkt weitestgehend vollendet gewesen sein muss.Das Tagebuch gehört zu den Beckwith Papers in der National Academy, zitiert aus Richard Ormond, Elaine Kilmurray: John Singer Sargent: complete paintings, The early portraits. 1998, S. 54.