Die Palast-Galerie war eine von 1976 bis 1990 präsentierte Ausstellung von großformatigen Gemälden im Ostberliner Palast der Republik. Die Ausstellung sollte der Bevölkerung zeigen, welche Art von Kunst in der DDR staatlich gefördert, akzeptiert und zugelassen war. Gezeigt wurden die Werke von 16 staatlich beauftragten DDR-Künstlern, die sowohl die wissenschaftlich-technischen Errungenschaften des real existierenden Sozialismus darstellen sollten, als auch den durch den Sozialismus geformten neuen Menschen. Seit der Wende sind die Bilder im Besitz der Bundesrepublik Deutschland und befinden sich nach dem Abriss des Palastes der Republik im Deutschen Historischen Museum. Die künstlerische Qualität der Gemälde aus der Palast-Galerie ist stark umstritten. Öffentlich gezeigt wurden sie erst wieder 2017/2018 im Potsdamer Museum Barberini im Rahmen der Ausstellung Hinter der Maske. Künstler in der DDR.
Künstlerisches Konzept für die Palast-Galerie Mit dem repräsentativen Neubau des Palastes Republik an der Stelle des früheren Berliner Schlosses wollte die DDR-Staatsführung neben einem Zentrum für die Partei und dem Sitz der Volkskammer auch schaffen.Beschluss des Ministerrates der DDR vom 30. Januar 1976 und Roswitha Reichert: Palast der Republik. Berlin, Hauptstadt der DDR 1977, S. 1. Bei der Bauausführung des Palastes herrschte Zeitdruck, denn er sollte zum IX. Parteitag der SED, der dort stattfinden sollte, fertig sein.
Nach vielen Änderungen und Umplanungen wollte man nun auch ein künstlerisches Konzept für den Palast.
Zuständig für die Umsetzung eines solchen Konzeptes war das DDR-Ministerium für Kultur, das im April 1973 den Bildhauer Fritz Cremer mit der Planung einer nun gewollten künstlerischen Ausstattung beauftragte, nachdem das ursprüngliche architektonische Konzept keine künstlerische Gestaltung vorsah. In der Folge gab es eine Konkurrenzsituation zwischen Cremer und dem Chefarchitekten Heinz Graffunder um dessen nicht unbedingt „stilsicheren dekorativen Elementen mit Blattvergoldung“ für das Hauptfoyer. Cremer hatte ein sogenanntes Künstlerkollektiv zu bilden, für das das Politbüro der Partei die Leitlinie vorsah:
Cremer berief in sein Kollektiv daher auch altgediente befreundete, auch kritische, Künstlerkollegen aus verschiedenen Fachrichtungen. Es waren dies die Bildhauer Ludwig Engelhardt, Joachim Jastram und Siegfried Krepp, die Maler Ronald Paris und Hans Vent, sowie die „Formgestalter“ Claus Dietel und Lutz Rudolph. Kontrolliert wurde das Kollektiv von Kurt Hager, dem obersten Kulturfunktionär der DDR und Chefideologen der SED, was den Stellenwert und die Bedeutung des Projektes verdeutlicht. Durch eine erneute Planungsänderung entfiel die ursprünglich vorgesehene sich über zwei Geschosse erhebende Wand im Hauptfoyer des Palastes, was die Herstellung eines großen Wandgemäldes unmöglich machte. Cremers Kollektiv befasste sich daher nun auch zusätzlich mit dem äußeren Erscheinungsbild des Gebäudes im Stadtbild Ostberlins. Der vorgelegte Entwurf verabschiedete sich von der bis dahin geübten Praxis, Fassaden mit großflächigen sozialistischen Propagandabildern zu versehen. Den Künstlern um Cremer schwebte ein vor, eine andere Art von Monumentalität, die nicht Es war also die Abkehr von einer Kunst, die noch wenige Jahre vorher propagiert worden war, wie noch das 1969 am Dresdner Kulturpalast entstandene monströse Wandbild Der Weg der roten Fahne im stalinistischen Stil der 1930er Jahre von Gerhard Bondzin. Cremer und sein Kollektiv wollten für den Palast keine „Propagandakunst.“
Im Außenbereich sah der Entwurf ein Marx-Engels-Denkmal vor und eine Skulpturengruppe mit Relief zum Thema Familie. Im Innern, am Eingang zum Volkskammersaal sollte ein Bronzerelief von Joachim Jastram mit dem Titel Lob des Kommunismus platziert werden. Außerdem sollten die Wände im Hauptfoyer malerisch gestaltet werden. Da die Zeit für die Künstler nicht reichte, um direkt am Ort zu arbeiten, mussten die Werke auf Platten gemalt und dann später aufgehängt werden. Um thematische Wiederholungen bei den Bildern mit den bildhauerischen Werken zu vermeiden, wurde für die Maler das Motto „Dürfen Kommunisten träumen?“ (die Frage stellte Wladimir Iljitsch Lenin) herausgegeben. Das wahrscheinlich von Kurt Hager ursprünglich verordnete Themen-Motto „Kampf und Sieg des Sozialismus“ wurde von dem Kollektiv verworfen. Die Maler wollten Klischees vermeiden, keine „metaphysische Schwärmerei“ abliefern, keine banalen Schilderungen von Sport- und Freizeitgeschehen, sondern die bildlich darstellen. Auf dem VIII. Parteitag der SED, 1971, wurde für den Sozialistischen Realismus der Kunst die Formel „Weite und Vielfalt“ verbreitet, was dem Künstlerkollektiv um Fritz Cremer eine gewisse gestalterische Freiheit verhieß.Michael Philipp: Dürfen Kommunisten träumen? Die Galerie im Palast der Republik. Eine Dokumentation. Prestel, München 2017, ISBN 978-3-7913-5746-1, S. 9 ff.Dokument im Bundesarchiv: Konzeption für die Errichtung des Palastes der Republik in der Hauptstadt der DDR, Berlin 27. März 1973. S. 1, Signatur: BArch DY 30/J IV 2/2/1440.H.-J. Hoffmann in einer Notiz an Kurt Hager vom 7. Juni 1973, Dokument im Bundesarchiv mit der Signatur BArch DR1, Mikrofilm 1751.Bärbel Mann, Jörn Schütrumf: Galerie im Palast der Republik. In: Monika Flacke (Hrsg.): Auftragskunst der DDR 1949–1990. München 1995, ISBN 3-7814-0380-7, S. 247.
Dürfen Kommunisten träumen? Das von Fritz Cremer herausgegebene Motto „Dürfen Kommunisten träumen?“ als Thema für die abzuliefernden Arbeiten der beteiligten Künstler irritierte zunächst die offiziellen Stellen des DDR-Kulturapparates. Doch sprachlich geschickte Veränderungen und Umdeutungen, sowie letztendlich der Hinweis auf die Urheberschaft Lenins, ließen Cremers Konzept ohne größere Diskussion und Abstriche durchkommen.Lenins Spruch von den „träumenden Kommunisten“, der zweifellos eine subversive Brisanz enthält, stammt aus seiner 1902 erschienenen Schrift Was tun?, wo es um die Gründung einer revolutionären Wochenzeitung geht, die „die Volksempörung zu einem Flächenbrand anfachen könnte.“ Das sei das, wovon Revolutionäre träumen würden. Für die beteiligten Künstler bedeutete das Motto, ob „Kommunisten träumen dürfen“ eine Freiheit der Gestaltung ihrer Bilder, die bis dahin nicht gegeben war. Die für die Palast-Galerie beauftragten Künstler sahen dieses Motto unterschiedlich. So war Wolfgang Mattheuer rückblickend der Ansicht, dass es die künstlerische Gestaltung freigab.Bärbel Mann, Jörn Schütrumf: Galerie im Palast der Republik. In: Monika Flacke (Hrsg.): Auftragskunst der DDR 1949–1990. München 1995, ISBN 3-7814-0380-7, S. 253. Auch Willi Sitte sah eine „freie Auslegbarkeit“ und Offenheit für „alle eigenen inhaltlichen Vorstellungen.“Willi Sitte, Gisela Schirmer: Farben und Folgen. Eine Autobiografie. Leipzig 2003, ISBN 3-936618-16-X, S. 226. Hans Vent sagte 1977, dass „die Palast-Galerie die gegenwärtigen Tendenzen der DDR-Malerei spiegeln“ sollte, durch das weitgefasste Leitmotiv „war es möglich, unsere unterschiedlichen Temperamente zu vereinen“.Interview in der Berliner Zeitung vom 16. Februar 1977, S. 6.
Der sogenannte Bitterfelder Weg der 1960er Jahre (die Arbeiterklasse sollte Zugang zur Kultur haben und selbst künstlerisch tätig werden, keine elitäre, abgehobene Kunst) wurde damit überwunden, zumal sich auch die Malerei weiter entwickelt hatte zum „Simultan-“ oder „Komplexbild“, heute auch Wimmelbild genannt. In solchen Bildern werden simultan örtlich und zeitlich unterschiedliche historische Ereignisse dargestellt. Es gelang DDR-Kunsthistorikern und Künstlern, auch durch rhetorisch gewagte Argumentation, gegenüber der Staatsführung diese Art von Kunst so zu rechtfertigen, dass auch surreale oder fantastische Malerei als sozialistischer Realismus durchgehen konnte. Im Fall der Palast-Galerie gelang dies durch das Lenin-Motto, das auch die immer gewünschte Erwähnung der deutsch-sowjetische Freundschaft heraufbeschwor.Peter H. Feist: Aktuelle Tendenzen in der sozialistischen-realistischen Kunst der DDR. In: Bildende Kunst. Heft 7, 1976, S. 10. So wurde die Kluft zwischen Dogma und Realität in der sozialistischen Kunst zumindest rhetorisch überbrückt, besonders nachdem auf dem VIII. Parteitag (1971), Erich Honecker von einer größeren „Breite und Vielfalt“ der Kunst sprach. Später führte er sogar aus, dass es „auf dem Gebiet von Kunst und Literatur keine Tabus geben könne.“ Und einschränkend: Allerdings nur, solange man „von den festen Positionen des Sozialismus ausgeht“.Erich Honecker: Aus meinem Leben. 5. Auflage, Dietz Berlin 1981, S. 342.
Es war eine kurzzeitige Liberalisierung der DDR-Kunstpolitik, die seit Erich Honeckers Machtantritt 1971 den Künstlern Hoffnung gab. Doch mit der Ausbürgerung von Wolf Biermann im November 1976, nur ein paar Monate nach der Eröffnung der Palast-Galerie, war es damit wieder vorbei.
Beteiligte Künstler und ihre Werke Künstler Bezeichnung Jahr Technik Bild Werner Tübke Mensch – Maß aller Dinge 1975 Mischtechnik Farbbild in fünf Teilen dhm.de Willi Sitte Die rote Fahne – Kampf, Leid und Sieg 1975/76 Öl rahmenlos|zentriert|x100px Bernhard Heisig Ikarus 1975 Öl rahmenlos|zentriert|x100px Ronald Paris Unser die Welt – trotz alledem 1975/76 Caparol rahmenlos|zentriert|x100px Arno Mohr Forscht, bis ihr wisst 1975 Eitempera rahmenlos|zentriert|x100px Willi Neubert Gestern – heute 1975 Mischtechnik Farbbild dhm.de Kurt Robbel Die schaffenden Kräfte 1975/76 Mischtechnik rahmenlos|x100px rahmenlos|x100pxrahmenlos|x100px Hans Vent Menschen am Strand 1975 Caparol rahmenlos|zentriert|x100px Erhard Großmann Tadshikistan 1975 Tempera rahmenlos|zentriert|x100px Günther Brendel Großes Stilleben 1975/76 Caparol rahmenlos|zentriert|x100px Wolfram Schubert Brot für alle 1975 Tempera rahmenlos|zentriert|x100px René Graetz,(vollendet von Arno Mohr) Krieg und Frieden 1975 Tempera rahmenlos|zentriert|x100px Matthias Wegehaupt Raum für Neues 1975 Mischtechnik rahmenlos|zentriert|x100px Wolfgang Mattheuer Guten Tag 1975 Öl rahmenlos|zentriert|x100px Walter Womacka Wenn Kommunisten träumen 1975 Öl Farbbild dhm.de Lothar Zitzmann Weltjugendlied 1975 Öl rahmenlos|zentriert|x100px
Kritik und Rezeption vor 1990