mini|Gejog lesung. Frauen beim musikalischen Stampfen mit einem lesung in der Obstplantage Mangunan bei Yogyakarta auf Java Lesung (javanisch und , „Stampftrog“, „Mörser“), auch sundanesisch lisung, minangkabauisch lasuang, ist ein üblicherweise langer hölzerner Stampftrog aus einem Baumstamm, den Frauen in Indonesien und Malaysia zum traditionellen Dreschen von Reis verwenden, indem sie mit Holzstangen das Getreide im Trog stampfen. Als musikalische Form (lesungan) stampfen sie, auch ohne Reiskörner zu verarbeiten, auf den Boden des Trogs oder schlagen gegen dessen Rand und produzieren eine komplexe rhythmische Struktur von unterschiedlich hoch tönenden Schlägen. Das kollektive Stampfen mit dem lesung ist von einer meist bis zur Mitte des 20. Jahrhunderts alltäglich praktizierten bäuerlichen Tradition, der ein Fruchtbarkeitsritual zugrunde liegt, in eine heute bei bestimmten Anlässen aufgeführte musikalische Unterhaltungsform übergegangen. Auf der Insel Java gehörten lesung zum gamelan ketoprak, mit welchem früher das Tanztheater ketoprak begleitet wurde. Die Stampftrogmusik ist auch von Madura, Bali, Sumatra, Borneo, der Malaiischen Halbinsel und aus anderen Regionen Südostasiens bekannt. Instrumentenkundlich ist der lesung wie die verwandten Schlitztrommeln ein Aufschlagidiophon.

Herkunft und Verbreitung Der Ursprung des rhythmischen Ausdrucks ist das Händeklatschen oder Stampfen mit den Füßen von Tänzern oder deren Publikum. Die begrenzten Möglichkeiten, nur mit dem eigenen Körper einen Rhythmus zu erzeugen, werden erweitert, wenn die Tänzer rhythmische Hilfsmittel verwenden, etwa wenn sie beim oberbayrischen Schuhplattler auf ihre Lederhose klatschen, beim südafrikanischen Gummistiefel-Tanz mit Gummistiefeln stampfen und seit prähistorischer Zeit mit an den Beinen umgebundenen Rasseln tanzen.Klaus P. Wachsmann: Die primitiven Musikinstrumente. In: Anthony Baines (Hrsg.): Musikinstrumente. Die Geschichte ihrer Entwicklung und ihrer Formen. Prestel, München 1982, S. 16. Aus dem Bezirk Bolaang Mongondow der indonesischen Provinz Nordsulawesi erwähnt Walter Kaudern (1927) hohe Holzsandalen mit in einem Hohlraum eingeschlossenen Rasselkörpern, die mehrere Monate von Mädchen nach der rituellen Zahnfeilung getragen werden mussten und bei jedem Schritt ein Geräusch produzierten.Walter Kaudern: Ethnographical studies in Celebes: Results of the author’s expedition to Celebes 1917–1920. III. Musical Instruments in Celebes. Elanders Boktryckeri Aktiebolag, Göteborg 1927, S. 96. Eine technische Variante des Stampfens ist das Tretpedal papa hehi, ein Holzbrett mit einem mittig darunter befestigten Stab, der als Achse dient, auf der das Brett beim Drauftreten nach vorn und hinten auf den Boden geschlagen werden kann. Es produziert einen Rhythmus beim Hula-Tanz auf Hawaii.

Das Stampfen des Rhythmus mit den Füßen lässt sich durch ein Holzbrett, auf das gestampft oder geschlagen wird, akustisch verbessern. Solche Stampfbretter sind aus einigen tropischen Regionen in Afrika und Asien sowie von pazifischen Inseln bekannt. Lauter werden die Schläge, wenn das Brett über ein in den Boden gegrabenes Loch oder einen Graben gelegt wird. Das Loch verstärkt die Resonanz wie bei einer Erdtrommel, bei der eine Membran über ein Erdloch gespannt ist. Ein Tänzer der Modoc, einem Indianervolk in Kalifornien, stampfte bei gewissen Ritualtänzen rhythmisch barfuß auf einem solchen Brett, das über eine quadratische Grube von etwa 60 Zentimetern Seitenlänge gelegt war.Sibyl Marcuse: A Survey of Musical Instruments. Harper & Row, New York 1975, S. 17. Bei den Igbo in Nigeria gehört zu den rhythmisch komplexen Tänzen auch der Nzaukwu nabi, eine besondere Stampfschrittfolge.John Picton: African dance: Dance posture. Encyclopedia Britannica, 26. Juli 2017.

mini|Indonesische Frauen beim Reis dreschen in einem Stampftrog, 1900–1920 In einem weiteren Entwicklungsschritt wird das Fußstampfen an Stampfstöcke (Holzstangen) oder Stampfrohre (Bambusrohre) übertragen, die von einem Musiker einzeln oder paarweise auf den Boden oder auf eine feste Unterlage gestoßen werden. Bei Bambusrohren wie dem auf Hawaii gespielten kāʻekeʻeke entsteht ein von der Rohrlänge abhängiger dumpfer Schlag von bestimmter Tonhöhe. Stampfrohre kommen außer in Ozeanien in Südostasien, Afrika, Südamerika und in der Karibik vor.John M. Schechter, Mervyn McLean: Stamping tube. In: Grove Music Online, 26. Oktober 2011. Eine Sonderform eines Stampfrohrs ist die in der Musik Neuguineas und auf einigen Pazifikinseln vorkommende Wassertrommel (Stampftrommel), die auf eine Wasseroberfläche aufgeschlagen wird.

Bei diesen Typen von Aufschlagidiophonen werden selbstklingende Gegenstände gegen eine nicht klingende Fläche geschlagen. Umgekehrt produzieren Schlagbretter einen Ton, wenn sie mit einem nicht klingenden Gegenstand angeschlagen werden. Das Schlagbrett o le polotu dient auf den Pazifikinseln Samoa und Tonga zur Begleitung von Sologesängen. Die frühen Christen schlugen im Nahen Osten das frei hängende Klangbrett naqus ebenso wie manche heutigen osteuropäischen Mönche das semantron als Aufruf zum Gottesdienst anstelle des Glockengeläuts verwenden.

Einen weiter reichenden und vielseitigeren Klang als Vollholzbretter bringen Schlitztrommeln hervor, die aus einem ausgehöhlten oder zumindest an einer Längsseite mit einem Schlitz versehenen Holzblock bestehen. Die größten Schlitztrommeln sind am Boden liegende Stammabschnitte von mehreren Metern Länge, eine garamut in Neuguinea ist durchschnittlich bis zu zwei Meter lang und die kleinsten Formen werden wie der ostasiatische Holzfisch in der Hand gehalten. Schlitztrommeln haben vor allem in Afrika häufig unterschiedlich breite Seiten und bringen dann zwei Töne hervor.Peter Cooke: Slit-drum. In: Grove Music Online, 2001.

Die Verwendung von Schlitztrommeln ist seit der Jungsteinzeit nachweisbar. Bei der ältesten Spielweise wurde ein mit einem Einschnitt versehener Baumstamm wie ein flaches Schlagbrett über ein Erdloch gelegt und von Männern mit ihren Füßen getreten (um 1900 am Sepik in Neuguinea mit den Fersen)Hans Fischer, 1958, S. 17.. Ein deutlicher hörbarer und eher einer Trommel entsprechender Klang ergibt sich, wenn eine große, am Boden liegende (seltener stehende) Schlitztrommel mit Stöcken geschlagen wird. Ein besonderes hölzernes Aufschlagidiophon zwischen Schlagbrett und Schlitztrommel ist die Schlagröhre ubar der Aborigines im nordaustralischen Arnhemland, die im Zentrum des gleichnamigen Kults um die Muttergottheit steht. Die ubar ist ein rund zwei Meter langer Baumstamm, der zu einer Röhre ausgehöhlt wurde, auf zwei kurzen Astgabeln dicht über dem Boden liegt und mit Pandanus-Blattstängeln geschlagen wird. Die offene Holzröhre repräsentiert in dieser Fruchtbarkeitszeremonie den Bauch der Muttergottheit.Adolphus Peter Elkin: Arnhem Land Music. In: Oceania. Band. 24, Nr. 2, Dezember 1953, S. 81–109, hier S. 95, 100. Bei Bambusröhren, von denen manche gespalten sind, fällt die Unterscheidung zwischen Schlagröhre und Schlitztrommel in bestimmten Fällen schwer. Bambusschlagröhren wurden auf einigen Pazifikinseln zur Gesangsbegleitung verwendet.Hans Fischer, 1958, S. 17.

Mehrheitlich werden Schlitztrommeln in liegender Position mit ein oder zwei Stöcken in den Händen des Spielers außen auf beide Längsseiten geschlagen. In manchen Regionen des Pazifik werden sie stattdessen außen mit einem Stock gestoßen. Eine besondere Spielweise, die mit der rituellen Bedeutung der Instrumente zusammenhängt, ist, mit einer Stange durch den Schlitz gegen die Innenwand zu stoßen, etwa auf der zu Papua-Neuguinea gehörenden Insel Lavongai. Beim dortigen Fruchtbarkeitskult symbolisierte der in die Schlitztrommel (mütterliche Höhle, Bauch der Frau) stoßende Stock den Paarungsakt. Zu den weiteren symbolischen Fruchtbarkeitsbezügen Mond – Wasser – Dunkelheit gehört, dass die Schlitztrommel früher auf den Neuen Hebriden bei Neumond geschlagen wurde.Paul Collaer: Ozeanien. In: Heinrich, Besseler, Max Schneider (Hrsg.): Musikgeschichte in Bildern. Band I: Musikethnologie. Lieferung 1. 2. Auflage. Deutscher Verlag für Musik, Leipzig 1974, S. 110. Diese Spielweise der Schlitztrommel kommt derjenigen der lesung technisch und in ihrer Bedeutung als Fruchtbarkeitsritual am nächsten. Eingeschränkt zuverlässigen Reiseberichten zufolge sollen auf Neuguinea auch Stangen in die Öffnung der Schlitztrommel gesteckt und an der Wand entlang gerieben worden sein, um einen dumpfen dröhnenden Klang zu erzeugen. Einen anhaltenden Klang von bestimmter Tonhöhe produzierte jedoch nur das auf Neuirland vorkommende sakrale Reibholz lounuat.

Zu den ethnographischen Objekten in der Sammlung der Naturforscher Paul und Fritz Sarasin von deren Reise in den Jahren 1893 bis 1896 gehört ein aus Dumoga Besar (westlich Kotamobagu) in Nordsulawesi stammender Reisstampfer. Dieser besteht aus einem 177 Zentimeter langen, dünnen Stock mit einem überwiegend runden Querschnitt. Das obere quadratische Drittel des Stocks enthält zwei längliche Aussparungen, in denen jeweils ein hölzerner, frei schwingender Klöppel eingepasst ist. Beim Stampfen bewegen sich die Klöppel auf und nieder und verursachen dadurch ein klapperndes Geräusch. Die Ethnographen der Sammlung, Adolf Bernhard Meyer und Otto Richter, vermuteten 1903 eine praktische Funktion dieser Vorrichtung (rhythmische Unterhaltung nebenbei für die Arbeiter oder akustisches Signal an den Aufseher, dass gearbeitet wird) und verwiesen zugleich als Parallele auf den zeremoniellen Einsatz eines speziellen rhythmischen Stampfgerätes bei der Reisaussaat auf der philippinischen Insel Mindanao. Des Weiteren werden in diesem Sammlungsbericht ein ähnlicher, 1884 erwähnter Lärmerzeuger aus Halmahera und andere Reisstampfer in Form eines dünnen Mittelteils und langen Kolben an beiden Enden aus Zentralsulawesi, Borneo, Java und anderen indonesischen Inseln aufgeführt.Adolf Bernhard Meyer, Otto Richter: Celebes I: Sammlung der Herren Dr. Paul und Dr. Fritz Sarasin aus den Jahren 1893–1896. (Publikationen aus dem Koniglichen Ethnographischen Museum zu Dresden, Band 14) Verlag von Stengel & Co., Dresden 1903, S. 32.

Auf Java heißen der Stampftrog auf Javanisch wie auf Malaysisch lesung und der Stampfstock alu, der sundanesische Name im Westen der Insel für einen Trog ist lisung und für einen kleineren Mörser (zum Schälen der Reiskörner) jubleg. Die Minangkabau in Westsumatra nennen den Trog lasuang und in Südsumatra ist regional auch der Name cintuk bekannt. Weitere Namen in Regionalsprachen sind (ale) tunjang in Aceh im Norden Sumatras sowie in Zentraljava gejog lesung in Yogyakarta und kothekan lesung in Blora.Dea Lunny Primamona, 2019, S. 21. In der Provinz Westkalimantan auf Borneo heißt die Stampftrogmusik alu galing, in der Provinz Nusa Tenggara Barat kareku kandei oder kareku necu.Suharto, Siti Aesijah, 2014, S. 67. Ein anderes indonesisches Wort für „Stampftrog/Mörser“ ist lumpang. Beim Reisstampfen produzierte Rhythmen liegen der Musik des seltenen Gongspiels meko auf der östlichen Insel Roti zugrunde.Agastya Rama Listya: The Conceptualization and Sustainability of Rotenese Gong Music. (Dissertation) University of Otago, Dunedin (Neuseeland) 2018, S. 55, 176

Verwendung und Spielweise mini|Javanische Frauen beim Aussetzen der jungen Reispflanzen bei Yogyakarta mini|Reisstampfen (menumbuk padi) mit dem lesung im Dorf Kasepuhan bei Pelabuhan Ratu, Westjava 2008