Die FrauenAnstiftung e. V. (FAS, 1988–1996) war eine international tätige feministische Stiftung mit Sitz in Hamburg. Sie ging aus der Frauenbewegung hervor und wurde 1988 von der Partei Die Grünen (ab 1990: Bündnis 90/Die Grünen) als parteinahe Stiftung anerkannt. Die Stiftung engagierte sich in der Politischen Bildung im In- und Ausland, initiierte Frauenprojekte in verschiedenen Ländern und unterhielt ein Studienförderungswerk für Frauen. 1996 fusionierte sie mit zwei weiteren grünennahen Stiftungen zur neuen Heinrich-Böll-Stiftung.
Entstehung Im Jahr 1986 veröffentlichte das Frauenbildungszentrum Denk-T-Räume in Hamburg gemeinsam mit der Frankfurter Frauenschule (Dörthe Jung) einen Aufruf zur Gründung einer Frauenstiftung. Darin forderten sie von der Partei Die Grünen, ihnen zustehende Mittel für parteinahe Stiftungen, die im Bundestag vertretene Parteien beanspruchen konnten, ausschließlich für Frauenprojekte einzusetzen. Zahlreiche Feministinnen aus verschiedenen Frauenprojekten und aus der Grünen Partei unterzeichneten die Forderung. Auf einem Bundestreffen feministischer Bildungsprojekte wurde beschlossen, einen Verein mit dem Namen FrauenAnstiftung zu gründen. Die geplante Stiftung sollte Frauenprojekte fördern und als Ideenzentrum (brain trust) für die Frauenbewegung dienen. 1987 wurde der Verein offiziell beim Amtsgericht in Bad Zwischenahn eingetragen.
In der Grünen Partei kam es zu Kontroversen über verschiedene Modelle parteinaher Stiftungen. Für eine Frauenstiftung engagierten sich die damalige Vorstandssprecherin Regina Michalik sowie die Bundesarbeitsgemeinschaft (BAG) Frauen. Im März 1988 beschloss die Bundesdelegiertenkonferenz in Ludwigshafen, die ihnen zustehenden Mittel auf drei Stiftungsinitiativen zu verteilen. Ein eigens dafür gegründeter Stiftungsverband Regenbogen sollte als Dachverband für die FrauenAnstiftung, die alte Heinrich-Böll-Stiftung sowie den Buntstift (grünennahe Landesstiftungen) fungieren. Die drei Teilstiftungen sollten parteiunabhängig und eigenständig arbeiten.
Organisation Nach zwei Jahren Vorarbeit verkündete die FrauenAnstiftung (FAS) am 8. Dezember 1988 in München ihre offizielle Gründung. Im August 1989 erhielt sie erste Gelder vom Bundesministerium des Innern (BMI). In wenigen Monaten baute sie Hamburg eine Geschäftsstelle auf und vergab den Großteil der Mittel für Politische Bildung und Frauenprojekte. Ihre anfänglichen Förderschwerpunkte lagen auf feministischer Ökonomie, Gen- und Reproduktionstechnologie, Staat und Autonomie, feministischer Öffentlichkeit sowie Internationalismus.
Im Jahr 1995, dem letzten Jahr ihrer selbstständigen Existenz, verfügte die FrauenAnstiftung über einen Jahresetat von 10,5 Millionen D-Mark, die ihr aus verschiedenen Bundesministerien wie dem Auswärtigen Amt (AA), dem Bundesministerium für Wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ), dem Bundesministerium des Innern (BMI) sowie dem damaligen Bundesministerium für Bildung und Wissenschaft (BMBW) zur Verfügung gestellt wurden. Die Stiftungsarbeit war vor allem international und interkulturell ausgerichtet, da ein Großteil der Mittel in Projekte in Afrika, Asien und Lateinamerika floss. Mit BMI-Mitteln wurde Politische Bildungsarbeit im Inland geleistet, wobei ein Teil der Gelder speziell für Migrantinnenprojekte und internationale Vernetzung innerhalb von Deutschland aufgewandt wurde. Mit den Mitteln des BMBW und des AA richtete die Stiftung ein Begabtenförderungswerk ein, das Studien- und Promotionsstipendien an hochbegabte Frauen im In- und Ausland vergab.
Die frauenbewegten Gründerinnen der FAS gestalteten die Strukturen ihrer feministischen Stiftung weitgehend basisdemokratisch. Das beinhaltete dezentrale partizipative Entscheidungsprozesse und eine möglichst konsensuale Entscheidungsfindung. Um Schwarze Deutsche und Migrantinnen als Expertinnen gleichgestellt in Entscheidungen einzubeziehen, legte die Satzung fest, dass diese bei Ämtern und Arbeitsplätzen zu einem Drittel repräsentiert sein sollten.
Aus dem Kreis der Aktivistinnen bildete sich der Stiftungsrat, ein ehrenamtliches Beratungsgremium, das die Richtlinien für die Projektvergabe erarbeitete und die Mittelvergabe überwachte. Daneben waren Vertreterinnen der Grünen Partei sowie Delegierte aus Migrantinnenprojekten und internationalen Verbänden beteiligt.
Internationale Projektarbeit
Projekte im Globalen Süden Ein Großteil der Fördermittel kam vom BMZ und floss in die internationale Zusammenarbeit. 1995 entfielen nahezu zwei Drittel des Gesamthaushalts der FAS auf Projekte im Globalen Süden. Insgesamt unterstützte die Stiftung 22 Projekte in Lateinamerika, Mittelamerika, Asien und Afrika. Mit Mitteln des AA organisierte die Stiftung darüber hinaus internationale Konferenzen und Besuchsprogramme im In- und Ausland.
Unterstützt wurden Empowermentprozesse und frauenpolitische Initiativen zu den Themen Bildung, Medien, Gewalt gegen Frauen, Gesundheit und Reproduktionsmedizin. So förderte die Stiftung mit der Women‘s Hot-Line ein Anti-Gewalt-Projekt und trug damit zur Gründung des ersten Frauenhauses in Südkorea bei. In Lateinamerika begleitete sie Frauennetzwerke zu Gen- und Reproduktionstechnologien und initiierte 1991 in Brasilien den Kongress „Frauen, Fortpflanzung und Umwelt“. Gefördert wurden ferner Medieninitiativen wie ein Frauenradio in Brasilien und ein Frauenmedienprojekt in Uruguay. In Afrika förderte die FAS das Institut für Women’s Development (NISAA), ein Frauenhaus in Johannesburg sowie Sister Namibia. Auch wurden Projekte zum Schutz der Menschenrechte feministischer Aktivistinnen wie etwa in El Salvador unterstützt.
Projekte in Europa Neben Auslandsprojekten im Globalen Süden unterstützte die Stiftung Vorhaben in Europa, mit Schwerpunkt Mittel- und Osteuropa. Mit Mitteln des AA wurden vorrangig Konferenzen und Begegnungsprogramme gefördert. Das BMZ stellte darüber hinaus Fördermittel für Frauenprojekte in einzelnen Ländern wie in Tschechien, Polen, Russland, Slowakei, Serbien und in der Türkei zur Verfügung. Gefördert wurden unter anderem die von Hülya Eralp gegründete türkische Frauenzeitschrift Pazartesi, die slowakische Frauenzeitschrift Aspekt, das Zentrum für Gender-Probleme in Sankt Petersburg sowie das tschechische Zentrum für Geschlechterforschung.
Mit Ausbruch der Jugoslawienkriege gerieten Fragen zu Krieg und Nationalismus stärker in den Vordergrund. Eine Konferenz „Frauen im Krieg“ 1993 in Zagreb brachte Teilnehmerinnen aus den zerstrittenen Ländern Ex-Jugoslawiens zusammen. An der Frauensommerschule „Hippo“ 1995 in Slowenien nahmen Frauen aus 19 verschiedenen, teils untereinander verfeindeten Ländern an der gemeinsamen Gestaltung eines Lern- und Begegnungscamps teil, über das der WDR einen Dokumentarfilm drehte.
Bildungsarbeit im Inland Aus Mitteln des Bundesministeriums des Inneren förderte die FrauenAnstiftung Maßnahmen der Politischen Bildung, die von dezentralen Büros in sieben verschiedenen Städten umgesetzt wurden. Zu den ersten Aktivitäten zählten Tagungen, die bisherige Strategien der Frauenbewegung kritisch reflektierten. Thematisiert wurden unter anderem der „Umgang von Frauen mit Macht und Einfluss“ (Hamburg 1992), „Chancen und Risiken der Institutionalisierung der Frauenbewegung“ (Bonn 1991) sowie „Erfolge und Defizite der Frauenprojekte-Bewegung“ (Berlin 1991).
In den Folgejahren richtete die Stiftung größere Konferenzen und international geprägte Kongresse unter Beteiligung bekannter feministischer Theoretikerinnen aus wie zum Thema „Demokratie und Differenz“ (Berlin 1994), „Kabeldemokratie“ (Hamburg 1995) oder „Globale Gerechtigkeit: Feministische Debatte zur Krise des Sozialstaats“ (Hamburg 1996).
Nach der deutschen Wiedervereinigung verlagerte sich ein Schwerpunkt auf die neuen Bundesländer. Konferenzen wie „Frauen im Visier der Stasi“ 1994 oder „Unsere Geschichte(n) mit Sozialismus und Feminismus“ (1993) thematisierten die Unterschiede der jeweiligen politischen Systeme, aber auch neu entdeckte Gemeinsamkeiten zwischen Frauen aus BRD und DDR. Begegnungsprogramme führten Projekte aus den alten Bundesländern mit Initiativen der ehemaligen DDR, wie dem Unabhängigen Frauenverband (UFV), zusammen. Gemeinsam organisierten Frauen aus alten und neuen Bundesländern auch internationale Veranstaltungen wie beispielsweise eine Ost-West-Lesbenkonferenz in Wien oder ein Ost-West-Musikerinnen-Symposium, das Musik als verbindendes Element einsetzte.
Von Beginn an bildete Antirassismus einen zentralen Schwerpunkt der Stiftungsarbeit, was unter anderem mit dem Engagement zahlreicher Frauen mit Migrationsgeschichte innerhalb der Stiftung zusammenhing. Ihre Erfahrungen mit Marginalisierung und Diskriminierung führten dazu, dass Fragen von Rassismus und Kolonialismus verstärkt aufgegriffen wurden. Entsprechende Veranstaltungen waren der „Frauenkongreß gegen Nationalismus, Rassismus, Antisemitismus und Sexismus“ (Bremen 1990) oder symbolische Aktionen wie eine Aufführung, mit der auf die Bedrohung zugewanderter Frauen durch rechtsextreme Gewalt hingewiesen wurde. Auch standen Themen wie Schwarzer Feminismus mit Fragen von Selbstbewusstsein und Empowerment im Fokus.
Studienwerk Die FrauenAnstiftung richtete mit Mitteln des damaligen Bundesministeriums für Bildung und Wissenschaft ein eigenes Begabtenförderungswerk für Frauen ein. Das Studienwerk war Teil des sogenannten Regenbogen-Studienwerks, das Anfang der 1990er Jahre mit dem Ziel entstand, Hochbegabte gezielt zu fördern. Es verstand sich als Beitrag zur Unterstützung von Frauen im Wissenschaftsbetrieb mit dem Ziel, die Gleichstellung im akademischen Bereich voranzutreiben. Vergeben wurden Stipendien zur Promotion für Frauen im In- und Ausland und für Abiturientinnen beim Einstieg ins Studium. Ergänzend wurden weiterbildende Seminare für Stipendiatinnen sowie Kolloquien für Promovendinnen angeboten. Über die Auswahl der Bewerberinnen und die Programmatik des Studienwerks entschieden ehrenamtliche Gremien und wissenschaftliche Beiräte. Hochschuldozentinnen begleiteten die Arbeit und betreuten die Stipendiatinnen und Dissertationsprojekte.
Zusammenlegung und Gründung der neuen Heinrich-Böll-Stiftung 1994 äußerten Vertreter der Grünen öffentlich den Wunsch, den Stiftungsverband Regenbogen mit seinen drei Teilstiftungen enger an die Partei zu binden. Im Februar 1995 beschloss der Länderrat von Bündnis 90/Die Grünen trotz heftiger Proteste der FrauenAnstiftung die Zusammenlegung ihrer drei Einzelstiftungen zu einer neuen Gesamtstiftung. Es folgte ein zweijähriger Reformprozess mit einem Reformausschuss, bestehend aus Vorständen der Einzelstiftungen, dem Dachverband Regenbogen, Vertreterinnen und Vertretern von Partei und Fraktion sowie dem Gesamtbetriebsrat. Gemeinsam erarbeiten diese ein Konzept für die neue Gesamtstiftung sowie vereinheitlichte Richtlinien für die Stiftungsarbeit.
Die FrauenAnstiftung stellte für ihre Selbstauflösung mehrere Bedingungen, darunter eine 50-%-Quotierung für Angestellte und Ehrenamtliche einschließlich dem Vorstand sowie die Bereitstellung von 50 % der Fördermittel für Frauenprojekte. Das neue Organisationskonzept sollte Geschlechterdemokratie als übergreifende Gemeinschaftsaufgabe in alle Bereiche verankern. Zudem wurde die Gründung eines Feministischen Instituts als Ideengeberin (think tank) gefordert. Für die Durchsetzung des Reformkonzepts war insbesondere Gunda Werner maßgeblich verantwortlich.
1996 fusionierten die FrauenAnstiftung und die beiden anderen grünnahen Teilstiftungen zur heutigen Heinrich-Böll-Stiftung mit Sitz in Berlin. Von den Forderungen der FrauenAnstiftung wurden unter anderem das Prinzip einer 50%igen Quotierung für Frauen in Gremien und Arbeitsplätzen, das übergreifende Satzungsziel der Geschlechterdemokratie sowie die Gründung eines Feministischen Instituts (das heutige Gunda-Werner-Institut) umgesetzt.