mini|Titelseite von A Treatise on Cancer (1857) Jesse Weldon FellDer mittlere Name Weldon stammt von seiner Großmutter Hanna Welding. Siehe Ruth T. Farrow: Odyssey of an American Cancer Specialist of a Hundred Years Ago. 1949, S. 238. Der mittlere Name seines Vaters war vermutlich Welding. Der Vorname „Welding“ taucht in der Familie Fell öfters auf, vgl. Sarah M. Fell: Genealogy of the Fell family in America. 1891. (geboren am 3. August 1819 in Belvidere, New JerseyRuth T. Farrow: Odyssey of an American Cancer Specialist of a Hundred Years Ago. 1949, S. 241, gibt abweichend den 30. September als Geburtstag an.; gestorben am 6. November 1889 in London) war ein US-amerikanischer Mediziner, seinerzeit bekannt als Erfinder einer angeblich revolutionären Behandlung von Krebs. Seine Therapie beruhte auf der Anwendung einer ätzenden Salbe, deren wesentliche Bestandteile Kanadische Blutwurz und Zinkchlorid waren.

Leben

Frühe Jahre Fell war der Sohn des Arztes Samuel W. Fell (1788–1825) und von Lydia Dusenbery (1790–1839). Sein Großvater war der gleichnamige Jesse Fell, Erfinder eines offenen Rostes zur Steinkohleverbrennung. 1839 heiratete er Catherine Menagh Dunn (1820–1853) und ließ sich in Port Colden, Warren County nieder, wo er als Angestellter im Laden von William Dusenbery arbeitete, einem Verwandten mütterlicherseits und Gründer der Ortschaft Port Colden. Mit 22 Jahren gab er diese Stelle auf, zog mit seiner Familie nach New Hampton und begann bei Dr. Robert McClenahan, einem ortsansässigen Arzt, eine medizinische Ausbildung. Im Herbst des gleichen Jahres 1842 zog er weiter nach New York, wo er sich an der neu gegründeten Medical School der University of New York (heute die New York University Grossman School of Medicine) einschrieb und zwei Jahre später dort abschloss. Er begann zu praktizieren und wurde am 13. Januar 1847 einer der Mitbegründer der New York Academy of Medicine. Offenbar kam es dann bald zu einer Auseinandersetzung, da er am 5. Juli 1848 seinen Austritt anbot. Die Hintergründe sind unklar und die Angelegenheit zog sich noch einige Jahre hin. Es hat sich vermutlich um den Vorwurf gehandelt, Fell habe mit einem notorischen Kurpfuscher zusammengearbeitet, weshalb man ihm einen regulären Austritt (honorable dismission) zu verwehren suchte. Es scheint ein gewisser Dr. GilbertDie Firma Gilbert & Co. – das sind Dr. Samuel Gilbert und Dr. Silas Gilbert – hatte ihren Sitz 746 Broadway. Siehe L. R. Croft: Edmund Gosse and the “New and Fantastic Cure” for Breast Cancer. In: Medical History 1994, S. 149, Fußnote 60. gewesen zu sein, mit dem zusammen Fell an einer neuartigen Krebstherapie gearbeitet haben soll.

Weiteres Ungemach traf Fell, als 1853 seine Frau an Tuberkulose starb. Von den vier Kindern des Paares, Samuel Weldon (1839–1840), George Slocum (*† 1842), Alice Blanche (1843–1850) und Jessie Helen Dennis (1847–1902), überlebte nur die jüngste Tochter. Im Mai 1855 heiratete er die damals 23-jährige, aus einer Puritaner-Familie stammende Elizabeth Ayrault Smith (1832–1888) und begab sich zusammen mit seiner Tochter und seiner neuen Frau auf eine Reise nach Europa, zunächst um die Weltausstellung in Paris zu besuchen. Tatsächlich scheint Fell entschlossen gewesen zu sein, die Anfeindungen seiner Gegner in der Akademie hinter sich zu lassen und eine Fortsetzung seiner Laufbahn in Europa zu suchen.

London mini|Warwick Square. Das von Fell gemietete Haus befindet sich ungefähr in der Mitte der rechten Häuserzeile. mini|Northumberland House 1820 Fell ließ sich in London nieder, wo er sich zunächst in relativ ärmlich ausgestatteten Räumen in Pimlico etablierte, im Dezember 1856 aber schon in bester Lage am Warwick Square eine neue Praxis eröffnete.W. F. Bynum: The rise of science in medicine. 1850-1913. In: W. F. Bynum, Anne Hardy, Stephen Jacyna, Christopher Lawrence, E. M. Tansey: The Western Medical Tradition: 1800-2000. Cambridge University Press, Cambridge 2006, ISBN 0-521-47524-4, S. 206 . Er mietete eine Wohnung im Northumberland House, führte ein großes Haus mit Pferden, Kutsche und Dienerschaft, zahlte eine hohe Miete von 1250 Dollar im Jahr und prominente Besucher aus den Vereinigten Staaten wie P. T. Barnum oder die Opernsängerin Jenny Lind zählten zu seinen Bekannten.

mini|hochkant|Die Kanadische Blutwurz in einer botanischen Zeitschrift von 1791. In seiner Praxis begann er seine neue Krebstherapie anzuwenden, suchte damit aber zunächst keine Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit oder in der akademischen Welt. Bei seiner Suche nach einem Heilmittel für Krebserkrankungen war er zu der Überzeugung gelangt, dass nicht der chirurgische Eingriff mit all seinen Risiken und Unwägbarkeiten die richtige Form der Behandlung sei, sondern dass das Heilwissen der Naturvölker den Weg zur Krebstherapie weisen würde. Er verfiel auf eine von nordamerikanischen Indianern am Ufer des Lake Superior verwendete Heilpflanze, von den Cherokee-Indianern puccoon genannt, wissenschaftlich Sanguinaria canadensis oder auch „Kanadische Blutwurz“. Mit dieser Pflanze als Hauptbestandteil entwickelte er eine Paste, mit der er oberflächliche Krebsgeschwüre zu behandeln begann. Um die Wirkung zu verbessern, fügte er später der Salbe das Ätzmittel Zinkchlorid hinzu. Die Wirkung war Fell zufolge bemerkenswert, da „große Krebsgeschwüre binnen weniger Wochen verschwinden, mit wenigen oder keinen Schmerzen für den Patienten.“ Bei der Behandlung wurde die Haut an mehreren Stellen flach eingeschnitten, um dem Wirkstoff Zugang zum Geschwür zu verschaffen. Anschließend wurden mit der Salbe bestrichene Baumwollstreifen in die Schnitte gelegt. „Nach Ablauf von zwei bis vier Wochen ist die Krankheit zerstört und das Krebsgewebe fällt ab, eine flache, gesunde Wunde zurücklassend, die im allgemeinen sehr schnell heilt.“„[W]ith this compound large ulcerated tumors were removed in the space of a few weeks and with little or no pain to the patient. […] generally in the course of two to four weeks the disease is destroyed, and the mass falls out, leaving a flat, healthy sore which generally healed with great rapidity.“ A Treatise on Cancer, and Its Treatment. 1857, S. 58, 60. Die Zubereitung wurde in der Folge als „Fellsche Salbe“ (Fell’s Paste) bekannt. Neben dieser Salbe aus Blutwurz und Zinkchlorid verwendete Fell eine weitere Paste zur Tumorbehandlung, deren wirksamer Bestandteil das Bleiiodid war, eine hochgiftige Bleiverbindung.

Der Versuch am Middlesex Hospital Da Fell in London als Ausländer und Vertreter einer unkonventionellen Krebstherapie die Angriffe etablierter Kollegen fürchten musste, verfiel er auf die Idee, an einem Tag in der Woche seine Praxis für interessierte Kollegen zu öffnen und seine Therapie zu demonstrieren. Das Angebot wurde angenommen und Fell zufolge besuchten über 100 Ärzte ihn an diesen offenen Praxistagen, darunter einige der angesehensten Mediziner des Landes, die sich über seine Arbeit in den „höchsten Tönen“ geäußert haben sollen. Nicht alle waren beeindruckt, insbesondere äußerte Spencer Wells, Herausgeber der Medical Times and Gazette, Zweifel daran, dass die Therapie tatsächlich kaum Schmerzen verursachen solle, wie Fell behauptete.

Immerhin gelang es Fell, öffentliche Aufmerksamkeit zu erregen. In der Presse wurde berichtet, in Fachzeitschriften wie zum Beispiel der Lancet wurde er zur Kenntnis genommen und einige Chirurgen des Middlesex Hospital, damals ein Krankenhaus mit einem besonderen Forschungsschwerpunkt in der Krebsbehandlung, waren so interessiert, dass Fell angetragen wurde, einen klinischen Versuch am Middlesex Hospital durchzuführen, unter der Bedingung, dass er den ansässigen Ärzten seine Methoden offenlege und die Ergebnisse binnen sechs Monaten publiziere. Im Januar 1857 begann der Versuch und Fell übernahm Fälle auf drei Stationen mit ca. 60 Patienten. Im Juni veröffentlichte Fell A Treatise on Cancer, and Its Treatment, einen Aufsatz über den Krebs im Allgemeinen und seine Krebstherapie im Besonderen. Im Oktober erschien ein Bericht der Ärzte des Middlesex Hospital über den Versuch. In dem Bericht wurde festgestellt, dass die Behandlungsmethode Fells weniger blutig sei als ein chirurgischer Eingriff und weniger schmerzhaft als andere Behandlungsformen mit ätzenden Substanzen. Zudem sei es nicht erforderlich, dass die Patienten Bettruhe hielten, im Gegenteil würden sie ermuntert, sich an der frischen Luft zu bewegen, was ihrem Befinden förderlich sei. Über den langfristigen Erfolg der Therapie könne man allerdings keine Aussagen machen. Von 21 von Fell behandelten Patienten sei in 7 Fällen der Ausgang noch ungewiss, und von den verbleibenden 14 Fällen sei nur bei 4 ein Rezidiv aufgetreten. Hier muss allerdings angemerkt werden, dass es damals nicht möglich war, etwa durch eine Biopsie und anschließende mikroskopische Untersuchungen gutartige Tumore von bösartigen zu unterscheiden. In wie vielen der behandelten Fälle es sich tatsächlich um Krebs handelte, muss daher offen bleiben.

Gerade hier knüpfte dann die sich im Laufe der folgenden Monate verschärfende Kritik der Lancet an, die feststellte, dass in zahlreichen Fällen von einer Heilung keine Rede sein könne, da der Krebs nicht verschwunden sei und neue Tumore entstanden seien. Auch kritisierte man die von Fell anfangs praktizierte Geheimhaltung der in seiner Salbe verwendeten Ingredienzien.Ruth T. Farrow: Odyssey of an American Cancer Specialist of a Hundred Years Ago. In: Bulletin of the History of Medicine (Mai/Juni 1949), S. 246–250. Das British Medical Journal schließlich konstatierte, dass es Fell gelungen sei, in kurzer Zeit eine ausgedehnte und sicherlich höchst lukrative Praxis zu etablieren, wobei es einen gewissen Berufsneid auf den smarten und erfolgreichen Yankee deutlich anklingen ließ.Dr. Fell's Medical Treatment of Cancer. In: British Medical Journal, 1857, S. 416f. Auch S. 545–547. Vor allem nach der Publikation von A Treatise on Cancer wurden die Reaktionen des medizinischen Establishments zunehmend aggressiver. The Lancet nannte Fell einen „Medizinmann aus dem Westen“. Insbesondere, dass Fell sich das Heilwissen amerikanischer Indianer zunutze gemacht habe, erregte Anstoß, und das British Medical Journal bezeichnete das abfällig als science from savagery („Wissenschaft der unwissenden Wilden“), es sei a charming fable from the backwoods of America, ein „amerikanisches Urwaldmärchen“, und man bezweifelte die therapeutische Wirksamkeit der Blutwurz. Als wirksamer Bestandteil der Fellschen Salbe blieb dann das Zinkchlorid, dessen Verwendung in der Krebsbehandlung schon von anderen Ärzten gründlich untersucht worden sei, zum Beispiel von Benjamin Collins Brodie, einem der führenden Mediziner der Zeit. Außerdem unterstellte man Fell geschäftstüchtige Geheimniskrämerei, was ihn implizit in die Nähe der Hersteller von Patentmedizinen und den Verkäufern von Schlangenöl rückte.

Der Fall Emily Gosse mini|Philip Henry Gosse mit seinem Sohn Edmund im Jahr des Todes von Emily Gosse (1857) Eine der Patientinnen Fells, deren Krebs in immer neuen Tumoren wiederkehrte und schließlich zu ihrem Tod führte, war Emily Gosse. Der Fall ist bekannt durch den Bericht von Edmund Gosse, der in seinem 1907 erschienenen autobiographischen Roman Vater und Sohn in Kapitel 3 die Krankheit und den Tod seiner Mutter beschreibt, die 1857 an Brustkrebs starb und von Fell behandelt worden war. Medizinische Einzelheiten der Behandlung finden sich hier nicht, dafür jedoch in einer von dem Naturforscher Philip Henry Gosse, dem Vater von Edmund Gosse, verfassten Erinnerungsschrift, die er kurz nach dem Tod seiner Frau verfasste und worin er Krankheit und Therapie detailliert beschrieb.