mini|Polizeifoto von Pablo Escobar mini|Pablo Escobars Leiche (1993) mini|Foto des erschossenen Gonzalo Rodriguez Gacha im Jahr 1989 mini|Familienfoto der Ochoa-Brüder (2012) mini|Skyline von Medellín (2014) mini|Blick auf ein Barrio Popular von Medellín (2010) mini|Elendsviertel in Kolumbien (2007) mini|Kokapflanze mini|Kokain in Pulverform mini|Kokain-Erzeugerländer und Transportrouten Das Medellín-Kartell war neben dem Cali-Kartell Anfang der 1980er bis Mitte der 1990er Jahre der größte Kokain-Exporteur weltweit. Es wurde unter anderem von Pablo Escobar geführt und konzentrierte seine Aktivitäten von der kolumbianischen Stadt Medellín bis zu den Absatzmärkten in den USA mit dem Schwerpunkt in Florida, insbesondere Miami.
Die Entstehung des Kartells, das eher den Charakter einzelner, nebeneinander agierender illegaler Unternehmen als den einer straff geführten, kriminellen Organisation wie zum Beispiel der sizilianischen Mafia trug, war eng mit der rasant steigenden Nachfrage nach Kokain in den USA Ende der 1970er verbunden.
Der Begriff „Medellín-Kartell“ wurde 1986 von zwei Journalisten des Miami Herald geschaffen, obwohl so eine Organisation gemäß dem Kokain-Schmuggler Carlos Lehder Rivas gar nicht existierte. Der Miami Herald bezeichnete das Kartell von Medellin seinerzeit als „die gefährlichste Verbrecherorganisation der Welt“. Von der DEA wurde die Behauptung aufgestellt, dass das organisierte Verbrechen des Medellín-Kartells 80 Prozent des US-Marktes beliefere, nach Darstellung des Time-Magazins sogar 80 Prozent des Welthandels. Carlos Lehder Rivas, Pablo Escobar, Gonzalo Rodríguez Gacha und die Ochoa-Familie standen an der Spitze unabhängiger Organisationen, welche miteinander kooperierten. Darüber hinaus gab es in Medellín, Bogotá, Cali, Pereira und Barranquilla weitere Unternehmungen. Die Organisationen aus Medellín bestanden de facto aus 200 einzelnen Gruppierungen, welche untereinander an gemeinsamen Gewinnen beteiligt waren, jedoch nicht von einer Einzelperson beherrscht wurden. Die Organisation trug maßgeblich zur industriellen Herstellung und zum weltweiten Vertrieb der Droge bei.
Geschichtliche Entwicklung Der Aufstieg des Medellín-Kartells war durch die starken sozialen Spannungen, großen Klassenunterschiede und die durch den anhaltenden Bürgerkrieg große Gewaltbereitschaft im Land mit bedingt. Noch in den 1970er Jahren besaß 20 Prozent der oligarchischen Oberschicht 70 Prozent der Rohstoffe Kolumbiens.
Die Wurzeln des Medellín-Kartells sind vor einem langjährigen, gewalttätigen Konflikt in Kolumbien zu sehen. 1948 entstand aus dem Aufstand des Bogotazo die Periode der Violencia, die bis ins Jahr 1958 andauerte und durch den bürgerkriegsähnlichen Machtkampf oligarchischer Familien auf den Seiten der Konservativen und Liberalen begründet war.
In den 1960er Jahren spielte Kolumbien noch keine nennenswerte Rolle auf dem weltweiten Kokainmarkt, der von Argentinien, Brasilien und Chile bestimmt wurde. Erst im Jahr 1973 bewegte sich der Markt in den Norden Kolumbiens und begann mit gemeinschaftlichem Schmuggel von Marihuana und Kokain. 1975 exportierte das Land etwa eine Jahresmenge von 4.000 Kilogramm in die USA. Die Transportrouten von Medellín über Norman’s Cay nach Miami/FL wurden seit 1978 von Carlos Lehder kontinuierlich ausgebaut. Die Blütezeit des Medellín-Kartells stellten die 1980er Jahre dar. Nach dem Tod von Pablo Escobar und dem Niedergang des Kartells, änderten sich auch die Transportwege. Von Medellín und Cali aus wurde das Kokain über La Ceiba in Honduras nach Tampico oder nach Brownsville in Texas verschifft. Ende der 1980er Jahre passierten 80 % des Kokains, das in die USA verkauft wurde, die mexikanische Grenze und begründete somit den Aufstieg mexikanischer Kartelle, wie zum Beispiel des Sinaloa-Kartells.
Bonanza Marimbera Dem Medellín-Kartell gingen Marihuanaschmuggler aus der kolumbianischen Provinz La Guajira, dem „Sizilien Kolumbiens“, voran, welche traditionell bereits in den 60/70er-Jahren Marihuana in die USA exportierten. Die indianischstämmigen Kaziken (Kogui, Arhuaco) erhoben eine Steuer beim Transit durch ihr Gebiet. Cannabis wurde auf den schwer zugänglichen Hängen der Sierra Nevada de Santa Marta angebaut. Die einheimischen Pflanzer bekamen eine Anleitung zu Produktion, Auswahl des Saatgutes, Bodenuntersuchungen und Pflanzenschutz für die Kultivierung der Cannabispflanze, die dort lokal in zahlreichen Wildformen vorkommt. Agraringenieure aus den USA überwachten den Anbau.
Die Kolumbianer waren für Anbau, Pflückernte, Ballenpressen, Verpacken, Abtransport mit Maultieren etc. zuständig, und Vietnamveteranen flogen das fertige Marihuana in die USA. Bezahlt wurde mit US-Dollars, welches der Provinz Guajira Wohlstand der „Bonanza Marimbera“ brachte. Don Cipriano und Donald Steinberg waren einige der ersten großen Marihuanahändler der Marimba. Riohacha und Santa Marta wurden zu Zentren des Reichtums, es wurden Luxusvillen gebaut, man trank Chivas Regal und hatte einen Fuhrpark aus mehreren Autos.
1981 hatten kolumbianische Händler einen Marktanteil von 80 Prozent des Marihuana-Angebotes in den USA.
1987 wurde die Marimba durch Kampfhubschrauber in der Operation Fulminante beendet. Die Marihuanaproduktion wurde in Kolumbien unbedeutend, nachdem in den USA die Anbaufläche stark vergrößert wurde. Koka hingegen wächst nur auf Andenhängen und lässt sich nördlich von Panamá nicht kultivieren.
Hauptaktivitätszeit 1972 entstanden die ersten Kokapflanzungen in der Smaragdzone Kolumbiens, Gacha und sein Patron Gilberto Molina gründeten die erste größere kriminelle Kokainhandelsorganisation.
Als der Kokain-Schmuggler Carlos Lehder 1978 die Bahamas-Insel Norman’s Cay kaufte, um von dort den Drogenschmuggel in die USA zu organisieren, formierten Escobar, die Ochoa-Brüder Jorge und Juan, Gonzalo Rodríguez Gacha (auch bekannt als „der Mexikaner“) und Lehder selbst in und um Medellín ein Netzwerk, das als Infrastruktur für die gewinnträchtige Herstellung und den Handel mit Kokain diente. Medien prägten für dieses Netzwerk den Namen „Medellín-Kartell“.
Die Mitglieder des Kartells organisierten den Kauf und Transport der Coca-Paste aus Bolivien und Peru, errichteten Labors zur Kokain-Veredelung und Landebahnen im Dschungel, die häufig über Tarnvorrichtungen und Technik zum Aufspüren von Radar-Flugzeugen der Anti-Drogenbehörden verfügten. Vor allem Escobar erkaufte sich die Loyalität brutaler Banden und Paramilitärs, auf denen der gewalttätige Charakter des Medellín-Kartells beruhte. In den 1980er Jahren sollen über 30 Journalisten, 50 kolumbianische Richter und Staatsanwälte sowie mehr als 3.000 Soldaten und Polizisten im Auftrag des Kartells bzw. Escobars ermordet worden sein. Die Mordrate stieg in Medellín sprunghaft an, 1985 wurden 1.698 Morde registriert, 1986 waren es schon über 3.500.
Auch kriminelle Gruppen außerhalb des Kartells nutzten dessen Infrastruktur und entrichteten dafür eine Art Steuer, so dass sich Escobar und andere führende Köpfe wohl zunehmend aus dem aktiven Kokain-Geschäft zurückzogen.
Miami, vormals beherrscht durch die Cosa Nostra und kubanische Kriminelle, wurde infolge seiner geographischen Lage zum wichtigsten Umschlagort für kolumbianisches Kokain. Ab 1978 übernahm das Medellín-Kartell den Vertrieb und tötete in den Verteilerkämpfen von 1979 bis 1981 250 Konkurrenten.
Die Einnahmen des Kartells wurden Ende der 1980er Jahre auf 25 bis 35 Milliarden US-Dollar jährlich geschätzt, die Gewinne wurden zum Großteil wieder in Kolumbien investiert. Dies führte in Kolumbien zu einem in Lateinamerika seltenen Aufschwung, die Kokainbosse genossen deshalb teilweise auch großes Ansehen in der Zivilbevölkerung. Da sie daneben auch viele Politiker bestochen hatten, konnte das Kartell über Jahre hinweg relativ unbehelligt im Land agieren. Die USA verstärkten jedoch stetig den Druck auf die kolumbianische Regierung, um gegen Escobar und das Netzwerk vorzugehen.
Im November 1983 wurde das Hawkins-Gilman Amendment (Public Law 98-164)Jorge Gaitán am 24. Oktober 1989 in Paris: erlassen, welches die Entwicklungshilfe mit der Kooperationsbereitschaft bei der Drogenbekämpfung koppelte.
Nachdem mit Hilfe der amerikanischen Anti-Drogenbehörden 1984 einige Großlaboratorien wie Vila Coca und Tranquilandia im kolumbianischen Regenwald, 160 Meilen südlich von San José del Guaviare, zerstört wurden, versuchte Escobar mit terroristischen Mitteln, dem Gefängnis, dem Einzug seines Vermögens und einer Auslieferung in die USA zu entgehen.
In den USA kam es durch den anhaltenden Angebotsüberhang zu einer Kokainschwemme.
Das Obere Huallaga-Tal in Peru war das größte zusammenhängende Kokainerzeugergebiet der Welt und wurde von Demetrio Chavez Peña-Herrera („El Vaticano“) kontrolliert. 1989 kam es zu einem ersten Treffen auf der Hacienda Napoles. Peña-Herrera hatte eine Abmachung mit dem korrupten DEA-Agenten Vladimiro Montesinos. Montesinos und die peruanische Armee garantierten für einen bestimmten monatlichen Betrag die Sicherheit der Drogentransporte von Peru bis an die kolumbianische Grenze. Pablo Escobars Bruder, Roberto Escobar, war 1983 für kurze Zeit in Peru inhaftiert gewesen und hatte die Hilfe Montesinos in Anspruch genommen. Mit Hilfe der Narcodollar, welche durch die Allianz zwischen dem Medellín-Kartell und der peruanischen Kokainmafia ins Land kamen, konnte Alberto Fujimori seine Wahl zum Präsidenten gewinnen.
Nachdem am 18. August 1989 der kolumbianische Präsidentschaftskandidat Luis Carlos Galán vom Medellín-Kartell ermordet wurde, kam es zum offenen Krieg zwischen dem Kartell auf der einen Seite und der Regierung von Kolumbien und der USA auf der anderen Seite. Erstmals gingen die kolumbianischen Behörden gezielt gegen die Kokain-Bosse vor, innerhalb von wenigen Tagen wurden 12.000 Kartell-Mitglieder verhaftet und es wurde umfangreicher Besitz des Kartells beschlagnahmt, darunter Villen, exotische Tiere, gepanzerte Autos, Flugzeuge sowie Bargeld in Millionenhöhe. Es war die Phase des Narcoterrorismo, da die Organisation mit massiven Gegenschlägen antwortete.
In der Folgezeit wurden führende Köpfe des Kartells getötet (unter anderem Gonzalo Rodríguez Gacha 1989) oder verhaftet und an die USA ausgeliefert. Der Krieg endete, als Pablo Escobar und die Ochoas 1991 mit dem Staat ihre Aufgabe aushandelten. Escobar kam in ein nur für ihn und seine Leibwächter gebautes luxuriöses Sondergefängnis, das La Catedral ( für die Kathedrale) genannt wurde. Er führte von dort aus seine Geschäfte weiter und genoss viele Freiheiten wie zum Beispiel den Besuch von Edelprostituierten und materiellen Luxus. „Bewacht“ wurde er weitestgehend von seinen eigenen Leuten. Die Situation eskalierte, als er die Brüder Moncada und Galeano, Führer zweier Drogenhändlerfamilien des Medellín-Kartells, die wegen Geldstreitigkeiten ins Gefängnis kommen, dort töten und ihre Leichen verbrennen ließ. Diese Tat führte zum Auseinanderbrechen des Medellín-Kartells. In der Folge musste Escobar aus dem Gefängnis fliehen.
Daraufhin gründeten ehemalige Mitglieder des Kartells (besonders die Familien Moncada und Galeano, angeführt von Galeanos Sicherheitschef Diego Murillo Bejarano) und Paramilitärs (Fidel und Carlos Castano) die Los Pepes. Diese führten einen gnadenlosen Krieg gegen die Organisation Escobars. Auch die Regierung und Anti-Drogenbehörden intensivierten die Suche, mit der Einrichtung der Spezialeinheit Bloque de Búsqueda. Dieser fand und tötete Pablo Escobar schließlich am 2. Dezember 1993. Dies war das endgültige Ende des Medellín-Kartells. Es dauerte jedoch nicht sehr lange, bis erst das Cali-Kartell, später auch andere Organisationen, an seine Stelle traten. Während traditionell das Medellín-Kartell Miami und Florida mit Waffengewalt als Absatzmarkt erobert hatte (Griselda Blanco), konzentrierte sich das Cali-Kartell auf den umsatzstarken Großraum New York.