Walter Guttmann (auch Walter Marle oder Guttmann-Marle als Doppelname; geboren am 26. Januar 1873 in Hirschberg, Landkreis Hirschberg, Provinz Niederschlesien; gestorben am 18. September 1941 in Berlin) war ein deutscher Mediziner und Forscher, der hauptsächlich durch medizinische Nachschlagewerke wie seine Lexika der medizinischen Fachbegriffe Medizinische Terminologie für Ärzte sowie Taschenwörterbuch der medizinischen Fachausdrücke für NichtmedizinerTaschenwörterbuch der medizinischen Fachausdrücke für Nichtmediziner. Urban & Schwarzenberg, Berlin 1921.Nicht zu verwechseln mit: Hexal Taschenlexikon Medizin. 2. Auflage. Verlag Urban & Fischer, München / Jena 2000, ISBN 3-437-15010-3, 890 Seiten. einem großen Leserkreis bekannt wurde.

Leben und Wirken Walter Guttmann studierte Medizin in Berlin, wo er 1896 auch promoviert wurde. Danach wirkte er als Militärarzt, bis er vermutlich 1923 (als 50-Jähriger) im Rang eines Generaloberarztes (oder auch Regierungs-Medizinalrates) aus dem aktiven Dienst ausschied. In den letzten drei Jahren ihres Erscheinens war er Herausgeber der Deutschen militärärztlichen Zeitschrift.

Daneben war er ab 1902 mit Unterbrechungen auch als Fortbildner und Forscher an der Kaiser-Wilhelms-Akademie für ärztliche Fortbildung tätig, wo er zahlreiche eigene medizinische Lehrwerke schuf sowie darüber hinaus einige weit verbreitete medizinische Nachschlagewerke initiierte, die in renommierten Fachverlagen erschienen.

Ab den 1920er Jahren verwendete Walter Guttmann zunehmend den Familiennamen seiner Mutter – Marle, was dazu führte, dass Nachauflagen z. B. seiner Medizinischen Terminologie mit dem neuen Titel Guttmanns Medizinische Terminologie unter anderer Herausgeberschaft (Herbert Volkmann) erschienen. Schon 1927 erschien seine tausendseitige Einführung in die Klinische Medizin unter dem Autorennamen Walter Marle in Berlin und Wien ohne einen Hinweis auf seinen ursprünglichen Namen.Walter Marle: Einführung in die Klinische Medizin, Band 1–3 zusammen gebunden, Verlag Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1927.

Als Nachkomme jüdischer Vorfahren fiel er, obwohl evangelisch getauft, als Person und auch in seinem Werk der antisemitischen Verfolgung zum Opfer. Ab 1937 begann die Arisierung (Entjudung) seiner Werke.Karina Urbach: Geraubte Bücher. Die Zeit, erschienen am 10. Dezember 2020, abgerufen am 22. Januar 2022. Im Jahre 1941 erschien sein Name noch in einer ersten Druckquote von (Guttmanns) Medizinischer Terminologie auf dem Titelblatt,Herbert Volkmann (Hrsg.): Guttmanns Medizinische Terminologie. 30. Auflage. Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1941, 1060 Seiten. in einer zweiten Druckquote wurde der Name dort getilgt.Peter Voswinckel. Um das Lebenswerk betrogen: Walter Guttmann (1873-1941) und seine „Medizinische Terminologie“. In: Medizinhistorisches Journal. Band 32, 1997, S. 321–354. Folgeauflagen während der nationalsozialistischen Zeit erschienen nur noch unter dem Namen der Bearbeiter. Im Zentralverzeichnis der Ärzte wurde sein Name getilgt. 1941 erschien der Name des als jüdischen verfolgten Autors noch auf den Titelseiten, 1951 im gesamten Buch nicht mehr.

Offensichtlich hatte Guttmann unter der zunehmenden Repression gegenüber Juden unter der nationalsozialistischen Diktatur zu leiden, was allerdings nur an seinen wechselnden Anschriften ablesbar ist, da ab 1937 seine Wohnungen in zunehmend weniger wohlhabenden Wohngegenden zu finden sind. Die Umstände seines Todes 1941 sind unklar, vermutet wird ein Zusammenhang mit der eintretenden Verpflichtung, als Jude einen Judenstern zu tragen.Peter Voswinckel. Um das Lebenswerk betrogen: Walter Guttmann (1873-1941) und seine „Medizinische Terminologie“. In: Medizinhistorisches Journal. Band 32, 1997, S. 321–354.

Sprache Unter Walter Guttmann kamen in der »Medizinischen Terminologie« neue Stichwörter aus dem nationalsozialistischen Umfeld hinzu. Es änderten sich auch die Erklärungen im Laufe der Jahre. So zum Beispiel beim Wort Rasse. „Rasse: Gesamtheit aller Individuen einer Tierart, bei denen sich gewisse, weniger bedeutsame Merkmale, die zur Aufstellung einer besonderen Art nicht berechtigen, konstant erhalten und auch vererben.“Walter Guttmann: Medizinische Terminologie. 3. Auflage, Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1909, Spalte 1062, hier noch constant statt konstant.Walter Guttmann: Medizinische Terminologie. 10. und 11. Auflage, Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1919, Spalte 1007.Walter Guttmann: Medizinische Terminologie. 12. bis 15. Auflage, Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1920, Spalte 1010. „Rasse [italienisch razza]: 1. Gesamtheit aller Individuen einer Tierart, bei denen sich gewisse, weniger bedeutsame Merkmale, die zur Aufstellung einer besonderen Art nicht berechtigen, konstant erhalten und auch vererben. Synonym Systemrasse. 2. Der dauernd fortlebende Volkskörper. Synonym Vitalrasse (Ploetz).“Walter Guttmann (W. Marle): Medizinische Terminologie. 16. – 20. Auflage, Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1923, Spalte 1022.Walter Marle alias Walter Guttmann: Guttmanns Medizinische Terminologie. 23. und 24. Auflage, Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1930, Spalte 953. „Rasse [arabisch ras Kopf, Ursprung, spanisch raza, italienisch razza]: 1. Unterabteilung einer Tier- oder Pflanzenart, die durch besondere erbliche Eigenschaften gekennzeichnet ist. Entsprechend auch eine Menschenrasse. 2. Inbegriff der Erbanlagen. Die Rasse eines Menschen in diesem Sinne ist identisch mit seiner Erbmasse. Beide Bedeutungen des Wortes Rasse hängen eng zusammen.“Herbert Volkmann (Bearbeiter): Medizinische Terminologie. 31. Auflage. Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1942, Spalte 797.

Ähnlich auch die Definitionen der Wörter Rassenhygiene, Rasseneigenschaft, Rassenmengung und Rassenmischung postum bis in die Nachkriegszeit: „Rassenhygiene: Lehre von den Einflüssen, welche die angeborenen Rasseneigenschaften verbessern. Cf. Eugenik.“Walter Guttmann: Medizinische Terminologie. Urban & Schwarzenberg, 8. und 9. Auflage, Berlin / Wien 1917, Spalte 1099. „Rassenhygiene: Lehre von den Einflüssen, welche die angeborenen Rasseneigenschaften verbessern, sowie praktische Anwendung ihrer Ergebnisse. Synonym Eugenik.“Walter Guttmann: Medizinische Terminologie. 10. und 11. Auflage, Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1919, Spalte 1007.Walter Guttmann: Medizinische Terminologie. 12. bis 15. Auflage, Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1920, Spalte 1011. „Rassenhygiene: Lehre von den Einflüssen, welche die Rasse erhalten und bestmöglich entwickeln, sowie praktische Anwendung ihrer Ergebnisse. Synonym Eugenik. Es gibt eine eliminatorische (synonym geburtenhemmende, negative, englisch-amerikanische) Rassenhygiene und eine elektive (geburtenfördernde, positive, deutsche) Rassenhygiene.“Walter Guttmann (W. Marle): Medizinische Terminologie. 16. – 20. Auflage, Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1923, Spalte 1022.Walter Marle alias Walter Guttmann: Guttmanns Medizinische Terminologie. 23. und 24. Auflage, Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1930, Spalte 953.Walter Marle: Guttmanns Medizinische Terminologie. 25. und 26. Auflage, Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1932, Spalte 949. „Rassenhygiene (Ploetz): Lehre von den Einflüssen, welche die Vitalrasse erhalten und bestmöglich entwickeln, sowie praktische Anwendung ihrer Ergebnisse. Synonym Eugenik, Erbpflege. Es gibt eine eliminatorische (synonym geburtenhemmende, negative) Rassenhygiene und eine elektive (geburtenfördernde, positive) Rassenhygiene.“Herbert Volkmann (Hrsg.): Guttmanns Medizinische Terminologie. 29. Auflage, Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1939, Spalte 808.Herbert Volkmann (Hrsg.): Guttmanns Medizinische Terminologie. 30. Auflage, Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1941, Spalte 808. „Rassenhygiene (Ploetz 1895): Wissenschaft von der Gesunderhaltung und Höherzüchtung der Erbmasse. Synonym Eugenik (Galton) und Erbpflege.“Herbert Volkmann: Medizinische Terminologie. 31. Auflage, Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1942, Spalte 797. „Rassenhygiene (Ploetz 1895): Wissenschaft von der Gesunderhaltung und Höherzüchtung der Erbmasse. Synonym Eugenik (Galton) und Erbpflege.“ – „Rassenmengung: Nebeneinanderleben mehrerer Rassen. Rassenmischung: Durchmischung (Kreuzung) mehrerer Rassen in einer Bevölkerung.“Herbert Volkmann: Medizinische Terminologie. 32. Auflage, Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1944, Spalte 797.Herbert Volkmann: Medizinische Terminologie. 33. Auflage, Urban & Schwarzenberg, Berlin / München 1946, Spalte 797 „Rassenhygiene (Ploetz 1895): Wissenschaft von der Gesunderhaltung und Höherzüchtung der Erbmasse. Synonym Eugenik (Galton).“Herbert Volkmann (Hrsg.), Kurt Hoffmann (Bearbeiter): Medizinische Terminologie. 35. Auflage, Urban & Schwarzenberg, München / Berlin 1951, Spalte 857.

Sprachforschung Für die Sprachforschung sind die lexikographischen Anteile seiner Veröffentlichungen einschlägig. Guttmann reklamierte für sich in Hinblick auf die medizinische Fachsprache eine Pionierrolle. In der „Vorrede“ zur ersten Auflage schrieb er Ostern 1902: „Ein Buch wie das vorliegende, das meines Wissens in der deutschen medizinischen Literatur das erste seiner Art ist, kann natürlich unmöglich vollkommen sein.“Walter Guttmann: Medizinische Terminologie. Urban & Schwarzenberg, Berlin / Wien 1902, S. VI.Peter Voswinckel: Um das Lebenswerk betrogen: Walter Guttmann (1873-1941) und seine „Medizinische Terminologie“. In: Medizinhistorisches Journal. Jahrgang 32, 1997, S. 321–354.

Aus sprachwissenschaftlicher Sicht im Sinne von Referenzwerken waren jedoch das deutlich ältere Standardwerk von Ludwig August Kraus aus dem Jahr 1844 sowie außerdem Otto Roths Klinische Terminologie (in 10 Auflagen von 1878 bis 1925, sie baut auf Kraus auf) Guttmanns Wörterbuch scheinbar überlegen.Ludwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon. 3. Auflage. Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844, 1101 Seiten. Ludwig August Kraus: Kritisch-etymologisches medicinisches Lexikon. 3. Auflage. Verlag der Deuerlich- und Dieterichschen Buchhandlung, Göttingen 1844. . Digitalisat der Ausgabe von 1844, Internet Archive. Otto Dornblüths Erstauflage wurde bereits im November 1893 fertiggestellt. Konrad Dudens erste Auflage datiert vom 7. Juli 1880, der erste Medizin-Duden wurde im Frühjahr 1968 vom Bibliographischen Institut verlegt.Duden: Wörterbuch medizinischer Fachausdrücke, Bibliographisches Institut, Dudenverlag, Mannheim / Zürich 1968, 640 Seiten. Julius Mahler berief sich im März 1922 auch auf Walter Guttmann.Julius Mahler: Kurzes Repetitorium der medizinischen Terminologie. 4. Auflage. Verlag von Johann Ambrosius Barth, Leipzig 1922, 208 Seiten, Vorwort.