mini|Logo der Associazione Archeosofica Die Archeosophie oder „Wissenschaft der Prinzipien“ ist eine esoterisch-christliche Lehre, entwickelt vom italienischen Esoteriker Tommaso Palamidessi (1915–1983) Ende der 1960er Jahre.
Archeosophie Das deutsche Wort Archeosophie ist die Übersetzung von Archeosofia, ein von Tommaso PalamidessiLullo, G, Cenni Biografici e Opere del Fondatore dell'Archeosofia, in the Journal of Cesnur, vol. 4, n. 1, 2020, pp. 7–30. geprägtes Wort, was etymologisch vom Griechischen abstammt: ἀρχή, archḗ, was „Gott/Prinzip der Prinzipien“ bedeutet, und σοφία, sophía, was „Weisheit/Wissenschaft“ (italienisch sapienza) entspricht, also „Wissenschaft der Prinzipien“Francesco Cresti: Archeosofia, scuola Archeosofica, Associazione Archeosofica. La libertà religiosa e l'unità delle religioni. In: The Journal of CESNUR, Band 4, Nr. 1, Januar–Februar 2020, S. 108–120., den 1. Korintherbrief des heiligen Paulus aufgreifend.
Bevor er zur Formulierung der Archeosophie kam, studierte und schrieb Palamidessi über Alchemie, die Kabbala, Yoga und Astrologie. Er behandelt diese und andere Themen und führt sie mit dem Christentum in der archeosophischen Lehre zusammen. Der Autor vertritt die Ansicht, dass jede Religion ein Strahl einer einzigen, unveränderlichen göttlichen Offenbarung ist, die den Männern und Frauen zu verschiedenen Zeiten, in wiederholten Anläufen und je nach der Mentalität des Ortes und dem Alter des Volkes zuteilwurde. Die Archeosophie ist eine eklektische Form der christlichen Esoterik, die ihre Lehren nicht nur aus den okkulten Traditionen des Westens (Theosophie, Hermetik, Kabbala, Alchemie und Astrologie), sondern auch aus dem indischen Tantrismus und dem Christentum der orthodoxen Kirche bezieht. Wichtig ist auch die Tradition der Kirchenväter der vorkonziliaren Kirche, wie Clemens von Alexandrien und Origenes, die in der frühchristlichen Theologie lehrreiche Erkenntnisse aus der Gnosis, der Hermetik und dem Orient zusammenführten und eine esoterische Exegese des biblischen Textes auf mehreren Ebenen begründeten.
Die Archeosophie wird vom Autor als das Bindeglied zwischen der westlichen und der östlichen Tradition beschriebenPalamidessi, T.: L'Iniziazione per la donna e l'addentato femminile, Roma, Archeosofica, 1968., das die verschiedenen spirituellen Disziplinen in sich vereint. Für Palamidessi kann die Archeosophie jedoch nicht als ein Kompendium oder eine bloße Synthese betrachtet werden, sondern vielmehr als eine Offenbarung, die für die heutige Zeit geeignet ist, eine Zeit, in der die Notwendigkeit entstanden ist, Glauben und Wissenschaft zu verbindenPalamidessi, T.: Tradizione arcaica e fondamenti dell'iniziazione archesofica, Roma, Archeosofica, 1968.. Die Archeosophie wird von Tommaso Palamidessi auch als eine Philosophie a posteriori betrachtet.
Archeosophie als experimentelle Methode In seinen Schriften bezeichnet Palamidessi die Archeosophie als eine Philosophie a posteriori. Die Archeosophie wird von ihrem Autor als eine „rein spirituelle Methode“ gesehen und als eine „Erfahrung, die durch die Ausübung zahlreicher Formen der Askese auf die ersten Prinzipien zurückgeht“. In den Heften der Archeosophischen Schriftenreihe sind 'Experiment', 'Erfahrung', 'Experimentator' Leitbegriffe. Das Feld der Experimente ist weit und bietet verschiedene Arten von Untersuchungen an: „von den parapsychologischen Experimenten der Erinnerung an vergangene Leben bis zu den transzendenten metaphysischen der Erfahrungen der Mysterien des Heiligen Grals“Corradetti, D. e Lullo, G.: L'archeosofia e la metafisica sperimentale di Tommaso Palamidessi, ovvero la pratica spirituale, in; The Journal of Cesnur, vol. 4, n. 1, 2020, S. 31–54.. So legt die Archeosophie größten Wert auf die Untersuchungen ihrer ExperimentatorenBaroni, Francesco: Tommaso Palamidessi e l'archeosofia : vita e opere di un esoterista cristiano, Foggia : Bastogi, . Konkret gesagt: Palamidessi selbst schlägt denjenigen, die sich auf den archeosophischen Weg machen wollen, drei praktische Experimente vor, nämlich die Erinnerung an vergangene Leben, das Heraustreten aus dem Körper und eine besondere Form der Prophetie, die „ultraphanisch“ (= Licht aus dem Jenseits) genannt wird. Diese Experimente sollten dazu führen, dass im Experimentator die Überzeugung vom Überleben der Seele nach dem Tod reift und damit auch die Notwendigkeit, mit den archeosophischen Studien und der Askese fortzufahren.
Archeosophie als Lehre Die archeosophischen Lehrinhalte sind klar strukturiert durch die Hefte der Archeosophischen Schriftenreihe, d. h. thematische Monografien, die die Studien, Forschungen, Experimente und Ergebnisse des Autors enthalten und den Studierenden und Experimentatoren zur Verfügung gestellt werden. Jedes Heft weist eine Struktur auf, die gekennzeichnet ist durch: einen einleitenden Vergleich des Themas mit den verschiedenen religiösen Lehren u. a. durch eine historische Betrachtung, eine analytische Untersuchung des Themas, eine Beschreibung der vom Autor durchgeführten Experimente und ihrer Ergebnisse, eine illustrative Beschreibung des Experiments und Anweisungen, um dieses selbst durchzuführen. Palamidessi eröffnet dem Leser auf diese Weise einen Weg der Kenntnis von sich selbst, dem Kosmos und Gott.
Mit den Worten des Autors: Die Archeosophie erleichtert „die Erkenntnis der höheren Welten durch die Entwicklung neuer als spirituell definierter Sinne im Menschen.“Palamidessi, Tommaso: Tradizione arcaica e fondamenti dell'iniziazione archeosofica: 1º Quaderno di Archeosofia, Roma: Archeosofica, 1968.
Theologie
Apophatismus und kosmischer Illusionismus Der archeosophischen Lehre liegt die Annahme zugrunde, dass alles, was im Universum existiert, von Gott abstammt, dem höchsten Motor des kosmischen Lebens, der zugleich immanent, transzendent und persönlich ist. Die Themen des christlich orthodoxen Apophatismus aufgreifend, wird die göttliche Essenz zwar als unerkennbar, aber gleichzeitig als die einzige Realität betrachtet, aus der alle Welten entstehen und lebendig werden.Die Geschöpfe verfügen über ein einziges Mittel, nämlich zu behaupten, dass Gott nicht ist, bzw. wissen zu können, dass Er mit keinem Bild, keinem Geschöpf vergleichbar oder gleichzusetzen ist, noch irgendein Wort Sein Wesen ausdrücken kann.Palamidessi, Tommaso: Il libro cristiano dei morti, Archeosofica, 1985.Wenn Gott die einzige Realität ist, sind die Phänomene nach dieser Ansicht nichts anderes als Erscheinungen und Bewusstseinszustände können als Effekt einer illusorischen und temporären Fragmentierung des einen, von Gott geschaffenen Geistes gesehen werden.Wir haben es zu tun mit einer absoluten, transzendenten, unerschaffenen Realität, die Gott ist, und mit einer relativen, kontingenten, geschaffenen Realität oder dem Einen Geist, von dem alle Geister im gesamten Kosmos geschaffene Lichtpunkte sind, Punkte geistiger Essenz, die Essenz des Einen Geistes von Adam. Illusorische Punkte, vom Geist erzeugte Ideen und Gedanken, die, wenn Gott wollte, sogar im Nichts verschwinden könnten, da sie aus dem Nichts ins Leben gerufen wurden.Das Problem der möglichen Beziehung zwischen der absoluten Gottheit, die ungreifbar und transzendent ist, mit der Menschheit und dem materiellen Universum, das dem zeitlichen und illusorischen Werden unterworfen ist, wird von Palamidessi durch drei grundlegende Konzepte gelöst, die gleichzeitig von der Kabbala, der orthodoxen Theologie und dem östlichen Christentum und der altüberlieferten Theosophie aufgegriffen werden, nämlich:
Das Tzimtzum, ein Konzept, das typisch für das lurianische kabbalistische System des sechzehnten Jahrhunderts ist. Die 'unerschaffenen göttlichen Energien', erörtert vom orthodoxen Theologen und Heiligen Gregorios Palamas. Das Konzept der Sophia, das von Jakob Böhme im 14. Jahrhundert behandelt und später von orthodoxen Theologen wie Wladimir Solowjow und Pawel Florenski aufgegriffen wurde.
Die Genesis enthüllt In Erweiterung der Vision des heiligen Gregorios Palamas und der für die kabbalistische Tradition typischen Lehre der Sephiroth hält Palamidessi das Konzept der 'göttlichen unerschaffenen Energien' für maßgeblich als ordnende Kräfte, dank derer die Verbindung zwischen den Geschöpfen und dem Unendlichen Gott möglich ist, verstanden als eine verborgene Gottheit von unmittelbarer Natur.Die Sephiroth werden als göttliche Vermittlungskräfte zwischen Gott und der Schöpfung intuitiv erfasst; Zahlen, Kräfte, durch die das Absolute sich äußert und manifestiert.Tommaso Palamidessi: Elementi della tradizione cabalistica, Archeosofica, 2012.In der archeosophischen Lehre wird die Schöpfung durch den Rückzug des Absoluten aus Sich in Sich Selbst herbeigeführt und hinterlässt so einen leeren und leblosen Raum, der geeignet ist, das grundlegende Substrat der Schöpfung zu werden. In Abgrenzung zu den pantheistischen Visionen, die für die indische Esoterik oder einige Zweige der Kabbala typisch sind, betont Palamidessi sorgfältig seine christliche Perspektive und erklärt, dass Gott nach diesem Rückzug in einem Akt der Liebe einen Teil seiner Gegenwart in Form von Lichtern (den göttlichen unerschaffenen Energien) in den entstandenen Raum projiziert, wozu jedoch das Eingreifen eines schöpferischen fiat hinzukommt, um das bereits im göttlichen Geist vorhandene Idealmodell in die Tat umzusetzen. Diese Lichter oder Sephiroth seien nicht alle in gleicher Weise beteiligt, wie es in einigen Abhandlungen gnostischen und theosophischen Charakters beschrieben wird, aber einigen von ihnen wird eine größere Bedeutung beigemessen; insbesondere die zweite Sephira, Chokmah (die Weisheit), die bereits im Alten Testament erwähnt wird, wird wegen ihrer engen Beziehung zur schöpferischen und organisierenden Tätigkeit Gottes als besonders wichtig angesehen.Als die Dreifaltigkeit die Welt aus dem Nichts erschaffen wollte, machte sie ihre unerschaffene Energie, das zweite ihrer zehn Lichter, das die esoterische Tradition Israels Chokmah oder unerschaffene Weisheit nennt, schöpferisch aktiv; die Sephira Chokmah machte in Zusammenarbeit mit dem Logos oder der Weisheit Gottes in der Ebene von Assiah (Welt der Schöpfung) das wirksam, was die Offenbarung als Sophia, geschaffene Weisheit, Erstgeborene unter allen Geschöpfen, bezeichnetPalamidessi Tommaso: Le basi della teologia sofianica: nuove indagini bibliche. Roma: Archeosofica, 1986..Mann und Frau werden von der Archeosophie als ein Spiegelbild oder Abbild der Göttlichkeit betrachtet, weil sie den Einfluss dieser unerschaffenen Energien spüren. Das liegt an den Abdrücken, die in den feinstofflichen Körpern in Form von Wirbeln spiritueller Energie eingeprägt sind, den sogenannten Chakren der hinduistischen Tradition, die von Palamidessi als Kraftzentren definiert werden.
Die Sophiologie Palamidessi integriert in sein theologisches und kosmologisches System die Figur der Sophia, die bereits in der orthodoxen Theologie von Vladimir Lossky, Paul Evdokimov, Wladimir Solowjow und Sergei Bulgakow bekannt war, und stellt eine asketische Methodik vor, die es dem Mann und der Frau ermöglicht, mit dieser kosmogonischen Persönlichkeit in Kontakt zu treten.
Bevor er dazu kommt, dem Leser die praktischen Anweisungen und die Meditationstechnik zu beschreiben, die in der Begegnung mit Sophia gipfelt, untersucht Palamidessi alle Nuancen des theologischen Konzepts der 'Sophia' und vertieft insbesondere die Beziehung, die zwischen dieser spirituellen Entität, der Weltseele, der Jungfrau Maria und der universellen Kirche hergestellt wird.