mini|hochkant=1.5|Pazzi-Madonna, Donatello (1386–1466), circa 1420, Relief, Marmor, 74,5 × 73 × 6,5 cm, Skulpturensammlung, Berlin. Als Pazzi-Madonna oder Madonna Pazzi wird ein marmornes Flachrelief von Donatello bezeichnet, das aus dem Besitz der Familie Pazzi in Florenz stammt. Von der kunsthistorischen Forschung wird es überwiegend auf circa 1420–1422 datiert. Das Werk ist Teil der Skulpturensammlung der Staatlichen Museen zu Berlin.
Beschreibung Das 74,5 × 73 × 6,5 cm große hochrechteckige Marmorrelief zeigt die Madonna und Kind. Die Figuren sind in etwa lebensgroßFolgt man den Angaben Vitruvs in dessen Werk Zehn Bücher über Architektur (sieheVitruvianischer Mensch), wonach der Kopf 1/8 des Körpers eines Menschen misst, wäre die Madonna etwa 1,60 m groß. und in einer perspektivisch verkürzten Rahmung dargestellt. Bildthema ist die innige Beziehung zwischen der (Gottes-)Mutter und ihrem Kind.
Die stehende Halbfigur der Madonna wird auf Hüfthöhe von einer Art Brüstung abgeschnitten und nimmt einen Großteil der linken Relieffläche ein. Die enge, fensterartige Öffnung lässt die Madonna monumental erscheinen. Sie zeigt sich dem Betrachter von rechts, den Körper (durch die, das Kind umgreifende, Armhaltung) dem Betrachter halb zugewandt, das Gesicht, ganz im Profil, neigt sich dem Kind zu. Ihr Körper ist von einem schweren Mantel mit unbewegtem Faltenwurf umhüllt. Um ihren Hals und Schulterbereich ist ein zarteres, großes Kopftuch gelegt, dessen Falten feiner gezeichnet sind. Hinter ihr sichtbares Ohr geschoben, liegt das Tuch locker nur auf ihren Hinterkopf und legt das weich ausgearbeitete, leicht gewellte Kopfhaar der Madonna ein Stück weit frei. Ihr Kopf überschneidet die Nischendecke, was für den Betrachter eine Untersicht definiert und den Eindruck von Tiefe verstärkt. Der Gesichtsausdruck ist einer Skulptur ähnlich und regungslos. Ihre Gesichtszüge sind idealisiert: In einer geraden Linie verläuft die Stirn zur Nase, ihre Augen sind ohne Pupillen dargestellt, der Mund ist unbewegt. Ihre Stirn ist zärtlich an die des Jesusknaben gelegt, den sie in ihrem linken Arm vor sich hält. Man sieht nur die linke Hand, stark verkürzt, mit gespreizten Fingern. Mit der rechten Hand hält sie ihn sanft an der Schulter. Ihre gesamte Körperhaltung ist nach innen auf das auf Brusthöhe an sich gezogene Kind ausgerichtet. Das Profil ihrer Nase und Stirn überdeckt das des Kindes. Der Blick der Madonna wird durch die weit geöffneten Augen des Jesusknaben direkt erwidert.mini|links|Pazzi-Madonna, Detail
Das im Profil dargestellte Gesicht des Kindes ist durch eine noch weichere Formgebung ausgezeichnet als das der Mutter. Die Lippen sind leicht geöffnet, was dem kindlichen Gesicht Lebhaftigkeit verleiht. Mit dem linken Arm greift das Jesuskind unterhalb ihres Kinns in den Schleier seiner Mutter. Der kindliche Körper ist zu dem der Mutter gewendet, also diagonal zur Bildebene, so dass man seinen Rücken sieht. Es ist mit einem langärmeligen Hemdchen bedeckt, dessen Ende gerafft auf dem nackten Oberschenkel liegt. Das Kind stützt sich mit dem Fußballen des angewinkelten linken Beins auf der Brüstung der Fensterrahmung ab. Von dem rechten Bein, welches fast vollständig vom linken verdeckt wird, schaut nur die Unterseite des Fußes hervor. Die Bewegung der Figuren erscheint auf ein Minimum reduziert. Besonders der schwere Faltenwurf des Umhangs der Gottesmutter wirkt statisch.
Material, Technik und Zustand Material Das Relief besteht aus Carrara-Marmor; eine Fassung oder Vergoldung ist nicht nachweisbar. Der Holzrahmen der aktuellen Präsentation gehört nicht zum Relief; ob bzw. wie das Relief ursprünglich gerahmt war, ist unbekannt.
Technik Donatello verwendete bei der Pazzi-Madonna die von ihm entwickelte Technik des rilievo schiacciato (italienisch für „gepresstes Relief“).Andrea Niehaus: Florentiner Reliefkunst von Brunelleschi bis Michelangelo. Dt. Kunstverlag, München 1998, S. 87 f. (Kunstwissenschaftliche Studien BV037477561 73). Statt wie bei Reliefs bis dahin üblich allein mit der Figuren und Objekten eigenen Plastizität zu arbeiten, erzeugt er durch Unterschneidung der Konturen und Überlappung der Formen eine Tiefenillusion, wie sie sonst nur die Malerei erreicht. Bei dem Begriff rilievo schiacciato handelt es sich mit großer Wahrscheinlichkeit um eine Schöpfung Giorgio Vasaris. Er bezeichnete damit weniger Flachreliefs generell, sondern speziell Reliefs, bei denen die Gestaltung wie in eine einzige Schicht von wenigen Millimetern „gepresst“ ist.Andrea Niehaus: Florentiner Reliefkunst von Brunelleschi bis Michelangelo. Dt. Kunstverlag, München 1998, S. 90 f. (Kunstwissenschaftliche Studien BV037477561 73). Diese Definition muss sich allerdings nicht auf die Gesamtfläche des Reliefs beziehen, es können auch nur einzelne Bereiche als schiacciato ausgeführt sein. So auch bei der Pazzi-Madonna. Die rechte Hand und das Ohr der Madonna sind die höchsten Punkte im Relief. Die nur wenig plastisch ausgearbeitete Überschneidung der Profilkonturen von Madonna und Kind bekommt ihre Tiefenwirkung hingegen durch die Unterschneidung der Kontur. mini|hochkant=1.2|St. Georg befreit die Prinzessin, Donatello, 1416–1417, Marmor, 39 × 120 cm, Bargello Museum, Florenz
Donatello hat die Technik als Erster für das Bearbeiten von Marmorreliefs verwendet.John Pope-Hennessy: An Introduction to Italian Sculpture, Band 2: Italian Renaissance Sculpture. 4. revidierte Auflage. Phaidon, London 1996, S. 44 f.Anna Jolly: Madonna by Donatello and his circle. (= European university studies: Nr. 28, History of art: Band 319). Peter Lang, Frankfurt am Main / Berlin / Bern et al. 1998, S. 85.Charles Avery: Donatello. An Introduction. Harper Collins Publishers, New York 1994, ISBN 0-7195-5411-X, S. 31 ff. Erstmalig ist ihr Einsatz in der 1417 geschaffenen Predella unter der Statue des hl. Georg (heute im Bargello-Museum) in einer der äußeren Nischen der Kirche Orsanmichele in Florenz verwendet worden.Andrea Niehaus: Florentiner Reliefkunst von Brunelleschi bis Michelangelo. Dt. Kunstverlag, München 1998, S. 87 f. (Kunstwissenschaftliche Studien BV037477561 73).Charles Avery: Donatello. An Introduction. Harper Collins Publishers, New York 1994, ISBN 0-7195-5411-X, S. 31 ff.John Pope-Hennessy: An Introduction to Italian Sculpture, Band 2: Italian Renaissance Sculpture. 4. revidierte Auflage. Phaidon, London 1996, S. 44 f. Das Relief zeigt den hl. Georg im Kampf gegen den Drachen. Die Figuren im Vordergrund sind erhaben ausgeführt, während die Bildelemente im Hintergrund zunehmend flacher werden. Das Pferd Georgs ist schräg zur Bildebene dargestellt, so dass sein Hinterteil noch plastisch herausragt. Sein Kopf, weiter hinten im Bildraum, ist dagegen schon deutlich flacher gearbeitet. Die Waldlandschaft im Hintergrund scheint fast wie in den Marmor geritzt. Es wäre allerdings ein Missverständnis, darin ein lineares Verhältnis von Volumen und Position im Raum zu vermuten. So sind etwa die Hinterhufe des Pferdes plastisch nicht erhöhter gearbeitet als etwa der Hintergrund. Reales Volumen ist hier durch eine subtile Abstufung der Plastizität der Oberfläche und tonale Licht- und Schattenwerte ersetzt. Ein besonders berühmtes Beispiel ist Donatello Relief mit Christi Übergabe der Schlüssel an Petrus. In der experimentellen Verkürzung der linken Hand der Pazzi-Madonna sieht Charles Avery einen Beleg dafür, dass sie nach dem Georgs-Relief einer der früheren Versuche gewesen sei, rilievo schiacciato einzusetzen.
Zustand Bei seiner Ankunft 1886 in Berlin war das Relief in 14 Teile zerbrochen. Trotz des Skandals, den die Nachricht in Italien verursachte, ließen sich weder in dem Schriftwechsel zwischen Stefano Bardini und Wilhelm von Bode noch in zeitgenössischen Presseberichten Informationen zur Schadensursache finden.Janson spricht von "mindestens drei Fluchtpunkten" (S. 45) und spricht von einer "Gleichgültigkeit gegenüber den Regeln mathematischer Perspektive", S. 55. Für die Beschädigung während des Transportes spricht ein Schreiben, welches Bode im Januar 1886, weniger Monate vor dem Ankauf im März 1886, an Bardini geschickt hatte. In diesem Schreiben erwähnt Bode, der das Relief vor dem Kauf in Florenz besichtigt hatte, dass das Relief nur Rostspuren von seiner vorherigen Wandbefestigung aufweise.Lynn Catterson: Art Market, Social Network and Contamination: Bardini, Bode and the Madonna Pazzi Puzzle. In: Lynn Catterson (Hrsg.): Florence, Berlin and Beyond: Late Nineteenth-Century Art Markets and Their Social Networks (= Studies in the History of Collecting & Art Markets, Band 9). Brill, 2020, ISBN 978-90-04-41990-2, S. 538, . Hinweise auf Rechtsstreitigkeiten wegen des möglicherweise während des Verpackens oder des Transportes entstandenen Schadens sind auch im ASEB (Florentine Archivio Storico Eredità Bardini) nicht zu finden.
Das Relief wurde 1967, 1979 und 2009 restauriert. Im digitalen Inventareintrag der Staatlichen Museen zu Berlin sind keine Angaben zu Restaurierungen des Reliefs direkt nach dessen Ankunft in Berlin vermerkt.
Funktion Die ursprüngliche Funktion des Reliefs nicht dokumentiert. Es spricht viel dafür, dass die Pazzi-Madonna für die private Andacht geschaffen wurde. Darstellungen der Madonna mit Kind in einem kleinen Format erlangten ab dem 13. Jahrhundert eine hohe Verbreitung. Die bereits in der byzantinischen Kunst als Typus (Eleusa) etablierte gegenseitige Umarmung, Ausdruck der „seelischen Beziehung zwischen Mutter und Kind“, war für die private Andacht besonders geeignet. Madonnenbilder sollten zur Identifikation und zur meditativen Zwiesprache einladen und Einfühlung ermöglichen (lat. "Compassio").
Wahrscheinlich entstand die Pazzi-Madonna in privatem Auftrag. Wilhelm von Bode und andere Kunsthistoriker wiesen darauf hin, dass die zentralperspektivische Verkürzung der Nische auf eine hohe Anbringung, wahrscheinlich oberhalb der Augenhöhe der Betrachter, hindeutet. Der Überlegung von Artur Rosenauer (1993), die Pazzi-Madonna sei ursprünglich als Straßentabernakel angefertigt worden,Janson spricht von "mindestens drei Fluchtpunkten" (S. 45) und spricht von einer "Gleichgültigkeit gegenüber den Regeln mathematischer Perspektive", S. 55. widerspricht Neville Rowley mit dem Hinweis auf fehlende Abnutzungs- oder Witterungsspuren auf der Marmoroberfläche.
Zuschreibung Über die Zuschreibung des Reliefs an Donatello ist sich die kunsthistorische Forschung einig. Bereits der Florentiner Kunsthändler Stefano Bardini hatte Wilhelm von Bode 1886 das Relief als Werk Donatellos angeboten und verkauft, was Bode in seiner Erwerbsmeldung im Jahrbuch der Königlichen Sammlungen umgehend bestätigte.Janson spricht von "mindestens drei Fluchtpunkten" (S. 45) und spricht von einer "Gleichgültigkeit gegenüber den Regeln mathematischer Perspektive", S. 55. Zur selben Zeit wurde das Relief bereits mit einer deutlich früheren Beschreibung einer "bellissima Vergine di Basso rilievo in marmo di mano di Donatello" ("sehr schöne Jungfrau im Flachrelief aus Marmor von der Hand Donatellos") von 1677 verbunden.
Datierung mini|hochkant=1.2|Gastmahl des Herodes, 1423–1427, vergoldete Bronze, Wandung des Taufbeckens im Baptisterium des Doms von Siena In der kunsthistorischen Forschung wurden Datierungen zwischen 1418 und 1430 vorgeschlagen. Sie basieren auf dem Vergleich stilistischer Eigenheiten und Besonderheiten in der technischen Ausführung