Herbert Eustis Winlock (* 1. Februar 1884 in Washington, D.C.; † 26. Januar 1950 in Venice, Florida) war ein US-amerikanischer Ägyptologe.
Jugend und Ausbildung Herbert Winlock kam aus einer Familie von Astronomen. Sein Vater, William Crawford Winlock, war Sekretär an der Smithsonian Institution, der in Washington, D.C. an dem United States Naval Observatory gedient hatte. Sein Großvater, Joseph Winlock, war der erste Direktor des Harvard-College-Observatoriums. Seine Mutter war Alice Winlock geborene Broom.
Nach dem Besuch der Western High School in Washington, D.C. studierte Herbert Winlock Archäologie und Anthropologie an der Harvard University bei Albert M. Lythgoe (1868–1934), der zu jener Zeit der erste Kurator für Altägyptische Kunst am Museum of Fine Arts in Boston war. Lythgoe erkannte in Winlock einen begabten Studenten und lud ihn ein, mit ihm nach seiner Graduierung nach Ägypten zu gehen. 1906 schloss Winlock sein Studium in Harvard mit Auszeichnung („great distinction“) als Bachelor of Arts (B.A.) ab.
Praxis in el-Lischt 1906 hatte sich das Metropolitan Museum of Art unter seinem Präsidenten John Pierpont Morgan entschlossen, eine Expedition nach Ägypten auszurichten. Das Museum erhielt eine Konzession für die königliche Nekropole des Mittleren Reiches in el-Lischt. Neben Albert Lythgoe und Herbert Winlock gehörte der englische Ägyptologe Arthur C. Mace (1874–1928) aus Oxford zu dem Ausgrabungsteam, bei denen Winlock seine ersten Erfahrungen sammelte.
Pharao Amenemhet I., Gründer der XII. Dynastie, errichtete seine Residenz in Iti-taui (heute el-Lischt), um die Fürsten des Deltas besser überwachen zu können. Er beteiligte seinen Sohn Sesostris I. an der Regentschaft. Beide errichteten eine Pyramide in Lischt. Das Ausgrabungsteam begann seine Arbeit an der Pyramide des Amenemhet I. und der daran angrenzenden Nekropole. Hier stießen sie auf ein unbeschädigtes Grab einer Frau mit Namen Senebtisi aus der späten XII. beziehungsweise frühen XIII. Dynastie. Das Grab enthielt einen dreifachen Sarg, von denen der äußere Sarg zerfallen war. Der zweite Sarg war aus Zedernholz mit einem Augen-Paneel und maß 194 × 55 cm. Die Augen waren mit Goldblatt, ägyptischen Alabaster und Obsidian verziert.Der äußere Sarg von Senebtisi Im inneren Sarg befand sich eine circa 51 × 42 cm große Einlegearbeit aus Fayence und Karneol.Einlegearbeiten aus Fayence und Karneol im Sarg von Senebtisi Auch Kanopen-Gefäße waren vorhanden. In den Bandagen der Mumie befand sich Schmuck in Form eines Kragens sowie Arm- und Fußbänder. Die bedeutendsten Gegenstände des Grabschatzes waren ein Diadem, ein Gürtel aus Akazienholz, Ketten aus Saatperlen, ein Zeremonie-Gürtel und zwei Halskragen.
Zwischen 1906 und 1935 führte das Metropolitan Museum insgesamt 14 Grabungskampagnen in el-Lischt durch. Arthur C. Mace leitete die Grabungen, bis er ab 1923 Howard Carter bei dessen Räumung des Grabes von Tutanchamun half.
In der Oase von Charga 1908–1910 Im Winter 1907–08 erhielt das Museum eine zweite Konzession für die Oase Charga. Ein Ausgrabungsteam mit Herbert Winlock arbeitete hier in den Jahren 1908–10 und begann seine Arbeit am frühchristlichen Friedhof von El-Bagawat mit seinen verzierten Kapellen. Die Hügel von Ain el Turba bewiesen, dass diese einst Teil des Ortes Hibis gewesen waren. In Zusammenarbeit mit dem Service des Antiquités wurde das Räumen und die Restauration des Tempels von Hibis in Angriff genommen. Dieser war von dem Perserkönig Dareios I. erbaut worden. Nektanebos I. (380-363) fügte der Anlage einen Portikus hinzu. Weitere Ausbauten erfolgten während der Herrschaft der Ptolemäer über Ägypten. Aufgrund von Erkrankungen der Expeditionsteilnehmer und der einheimischen Arbeiter mussten allerdings 1910 weitere Erforschungen eingestellt werden.
Hugh Gerard Evelyn-White (1874–1924) begab sich 1910–11 und 1912–13 erneut nach Hibis und legte eine Prachtstraße mit Sphinx-Reihen frei, von denen zwei der am besten erhaltenen Sphingen wieder auf ihren Sockel gestellt wurden. Die Reliefs und Inschriften des restaurierten Teils des Tempels sollten später von Norman de Garis Davies kopiert werden. Die Herausgabe der Publikation verzögerte sich, bedingt durch den Ersten Weltkrieg und den Tod von Evelyn-White 1924, bis 1926. James H. Oliver vom Barnard College der Columbia University erklärte sich bereit, die von Evelyn-White begonnene Übersetzung der griechischen Inschriften zu vollenden.Bulletin des MET Museum (PDF; 416 kB)
Der Palast Amenophis III. in Malqata mini|Hieratische Inschrift auf einer Tonscherbe, welche die Feiern zum zweiten Heb-Sed Fest im 34. Jahr der Regierung von Amenhotep III erwähnt
1910 erhielt das Metropolitan Museum of Art eine Konzession für das Gebiet am südlichen Ende von Medinet Habu in Malqata. Hier hatte Amenophis III. seinen Palast auf einem Areal von 320.000 m² erbaut. Winlock überzeugte Gaston Maspero, den Leiter des Service d'Antiquités Égyptiennes, die Grabungslizenz auf die Hügel von Qurnet Murrai und al-Asasif auszudehnen und damit das Gelände unterhalb und östlich des Tempels von Deir el-Bahari einzuschließen. Da Lythgoe 1911 nach New York zu einer Tätigkeit am Metropolitan Museum zurückkehrte, wurde Winlock Leiter der Expedition. 1912 heiratete er Helen Chandler, Tochter des Dekans der Architektur-Abteilung am Massachusetts Institute of Technology.
Das Ausgrabungsteam des Metropolitan Museums grub auf diesem Gelände von 1910 bis 1913 und nochmals, nach Beendigung des Ersten Weltkriegs, von 1919 bis 1921. Die Mitglieder der Expedition legten die Teile des Palastes frei, welche von Robb de Peyster Tytus und Percy Newberry 1901–02 noch nicht ausgegraben waren. Der ganze Palastkomplex in Malqata war aus Lehmziegeln erbaut, die mit dem Namen des Königs gestempelt waren, während diejenigen für die Gemächer der Königin Teje mit ihrem Namen gestempelt waren.
Das Team, mit dem Winlock arbeitete, bestand über die Jahre aus Ambrose Lansing (1891–1959), Hugh Gerard Evelyn-White (1884–1924) und H. W. Palmer-Jones, der Pläne zeichnete und Fresken kopierte. Sie legten Überreste der Einfriedungsmauer des Palastes frei, gruben große Bereiche in der Umgebung des Palastes aus wie den Nord-Palast, eine Gruppe von Privathäusern, eine Glasfabrik, eine große Festhalle und einen Tempel, der dem Gott Amun gewidmet war. Sie entdeckten auch eine große Anzahl beschrifteter Tonscherben, die hauptsächlich von Weingefäßen stammten, welche für das Sedfest zum 30-jährigen Thronjubiläum des Königs bestimmt waren. Amenophis III. feierte drei Sedfeste in den Regierungsjahren 30, 34 und 37. Im Grab des Cheruef (TT192), dem Leiter des Sedfestes von Amenophis III., ist eines dieser Feste in Wandmalereien überliefert.Beschreibung der Dekoration in TT 192 Durch dieses Sedfest mit magischem Charakter wurde dem alternden König seine Lebenskraft zurückgegeben. Für diese Feste baute Amenophis III. einen eigenen Pavillon, das sogenannte „Haus der Millionen von Jahren“. Ambrose Lansing, der 1911 Winlock hier assistierte, fand ein Fragment eines Tonkruges auf dem in hieratischer Schrift die Feiern des zweiten Sedfest im 34. Jahr der Regierung von Amenophis III. gefeiert wurde.Hebsed (Sed-Fest)
Die wichtigen Bauten des Palast-Komplexes von Amenophis III. in Malqata wurden verschönert durch Boden-, Wand- und Deckenmalereien. Winlock beschreibt in seinem Bericht im Bulletin des Metropolitan Art Museums von 1912, dass Teile einer eingestürzten Zimmerdecke noch an Ort und Stelle lagen. Er vermutete, dass nach der Aufgabe des Palastes die Deckenbalken und Holzteile durch weiße Ameisen angegriffen wurden und so den Palast zum Einsturz brachten. Durch das verzögerte Absacken fielen Decken- und Wandteile auf den Lehmboden, wo sie einsanken, bevor sie zerbrachen. Für den Weitertransport mussten sie durch ein leichtes Gipsbett (plaster of paris)Encyclopædia Britannica zusammengehalten werden. So konnten einige der Muster im Museum in New York wieder zusammengefügt und restauriert werden.Teil einer Decke im MMA Museum
Der Palast wurde im 14. Jahrhundert v. Chr. errichtet und trug Namen „Palast des glänzenden Atons“ oder auch Per-Hay, was „Haus des Jubels“ bedeutet. Der Bau wurde wahrscheinlich im 11. Regierungsjahr des Königs begonnen und in mehreren Abschnitten etwa achtzehn Jahre später vollendet. Er war der größte und prächtigste Königspalast im antiken Ägypten.
mini|Menat-Amulette und Halsketten aus der Zeit Amenophis III.
Das Menat-Amulett Winlock fand in einem Privathaus zwischen dem Palast und dem künstlich angelegten „See“ der Anlage die Überreste eines kleinen Leinenbeutels. Darin befanden sich zwei Halsbänder, deren alte Aufziehfäden jedoch verrottet waren. Dadurch lagen die Perlen nicht mehr in ihrer ursprünglich aufgereihten Form, weshalb deren tatsächliche Anordnung bei der Restauration nur vermutet werden konnte. Im Falle der Menats (auch Menit) war jedoch genügend Band an den Perlenketten vorhanden, so dass diese fast originalgetreu wiederhergestellt werden konnten. Beide Menats waren aus Bronze als Gegengewicht für die Perlenschnüre. Das größere verblieb im Metropolitan Museum und besaß eine große Anzahl Halsketten mit blau lasierten Perlen aus Glas, Fayence und Steinen, die in zwei Bronzekappen endeten. Das andere Menat, welches an das Ägyptische Museum von Kairo ging, hatte unten eine charakteristische Rosette und darüber den Kopf und Körper der Göttin Hathor. Hier waren alle Perlen aus Fayence. Das Menat-Amulett war seit frühester Zeit ein Attribut und Symbol der Göttin Hathor und in der Folgezeit dann auch zahlreicher anderer Götter. Als solches wurde es von Frauen und Priesterinnen während der Zeremonien für diesen Kult zusammen mit dem Sistrum getragen. Das Menat hing meist im Nacken als Gegengewicht zu der Halskette, die auf der Brust getragen wurde. Es war auch ein schützendes Amulett für Manneskraft, Männlichkeit, Potenz bei Männern und für Fruchtbarkeit bei Frauen.
Das Grab des Wesirs Dagi und das Kloster des Apa Epiphanios
Winlock begann mit der Erforschung des Grabes im Februar 1912 und setzte diese dann von Januar bis Mai 1914 fort. Das Grab des Wesirs Dagi TT103 war eines der ersten dekorierten Gräber aus der 11. Dynastie. Es befindet sich in den östlichen Bergen von Scheich Abd el-Qurna und in der Nähe von Deir el-Bahari.Ägyptologie Forum Winlock entdeckte ein Fragment eines bemalten Reliefs aus dem ersten Grabraum hinter dem Eingang und stelle es sicher.
Durch die spätere Nutzung des Grabes durch koptische Christen wurde vieles der Grabausschmückung zerstört. So wurde das Grab der Wohnort eines Mönchs mit Namen Apa Epiphanios, der mit Apa Psan ein kleines Kloster gründete und dort mit einigen Christen lebte. Das war Anfang des 7. Jahrhunderts zu Zeiten von Bischof Psinthios von Koptos. Nach dem Tod des Epiphanios existierte das Kloster noch zwei bis drei Generationen.
Winlock fand an der Grabungsstätte und in den Ruinen weiterer Klostergebäude zahlreiche Briefe und Dokumente, die auf Papyrus und Tonscherben geschrieben waren und einen wichtigen Beitrag zum Wissen über das Klosterleben vor der arabischen Eroberung leisteten.
Erster Weltkrieg Während des Ersten Weltkriegs befanden sich von den zehn Mitgliedern der Expedition sechs in der amerikanischen beziehungsweise britischen Armee. Winlock diente in der Feldartillerie, wo er bis in den Rang eines Majors aufstieg. Das Metropolitan Museum of Arts erachtete es jedoch für wichtig, die Ausgrabungen in Ägypten fortzuführen. Damit sollte den Ägyptern Arbeit verschafft werden, die unter den katastrophalen wirtschaftlichen Folgen des Krieges zu leiden hatten. 1916–17 arbeitete Winlocks Kollege Ambrose Lansing in Lischt und 1917–18 auch in Malqata.
Die Schätze im Grab von Meketre mini|Aufgang zum Grab des Meketre.