Unter den Hashtags #allesdichtmachen, #niewiederaufmachen und #lockdownfürimmer kommentierten 50 deutschsprachige Schauspieler und zwei Regisseure Ende April 2021 mit ironisch und satirisch gemeinten Videos die Corona-Politik der Regierungen und die Medienberichterstattung zum Thema. Die vom Drehbuchautor und Regisseur Dietrich Brüggemann initiierte Aktion sorgte für mediales Aufsehen und eine kontroverse Debatte.

Inhalt der Videos Die Darsteller befinden sich meist allein in einer hellen, wohnraumartigen Kulisse. Sie stellen sich zunächst mit ihrem Namen oder Künstlernamen und als Schauspieler vor. Anschließend nehmen sie Rollen und Positionen ein, in denen sie ein von Angst, Neid und Misstrauen geprägtes Leben in extremer Kontaktreduzierung als erstrebenswert beschreiben und dazu aufrufen, die zum Schutz vor der Corona-Pandemie erlassenen Maßnahmen der Bundesregierung vorbehaltlos zu unterstützen.

Dabei werden gesellschaftliche Folgeprobleme als Erfolge dargestellt: familiäre Gewalt infolge von Schulschließungen (Felix Klare), die psychische Belastung von Kindern (Kathrin Osterode) und Erwachsenen (Vicky Krieps, Volker Bruch), auch die wachsende Kluft zwischen Arm und Reich (Nadine Dubois, Thorsten Merten).

Des Weiteren wird die Auffassung dargestellt, dass abweichende Meinungen schädlich erschienen (Nina Gummich) und die Grundrechte insgesamt aus dem Blick gerieten (Tina Maria Aigner).

Kea Könneker „begrüßt“, dass alteingesessene Geschäfte schließen müssten. Manuel Rubey bejaht Schließungen von Theatern, da die Kunst tot sei: „Lockdown für immer. Hashtag Nie wieder Kunst“.

Markus Gläser will „klare Haltung“ zeigen. Daher möchte er Filmsets in runden Räumen, damit man nicht in die rechte Ecke gestellt werden kann.

Im Video Miriam Steins wird gefordert, die Anzahl von Schnelltests zu erhöhen, aber einen PCR-Test nur bei Vorliegen eines negativen PCR-Testergebnisses vorzunehmen, um die Inzidenz binnen kürzester Zeit auf Null zu bringen.

Im Video von Kathrin Osterode wird eine Ausrichtung aller Familienaktivitäten am Inzidenzwert dargestellt: Ab einem Wert von 250 wird ein Kind zur Adoption freigegeben.

Christian Ehrich rät dazu, sich vor dem Klatschen im Theater erst sagen zu lassen, welche die richtige Seite sei, und dann dorthin zu gehen, damit der Beifall dann nicht von der falschen Seite kommt.

Jan Josef Liefers bedankt sich dafür, dass die Medien die Alarmstimmung permanent hochhielten und „unnötigen kritischen Disput“ in Bezug auf die Coronamaßnahmen unterließen, so dass „die sinnvollen und immer angemessenen Maßnahmen unserer Regierung“ weiter Zustimmung fänden. „Verzweifeln Sie ruhig, aber zweifeln Sie nicht.“

Dietrich Brüggemann wünscht in seinem Video „spannende Geschichten“ mit Unterhaltungswert. Die Regierung solle deshalb „den Polizeistaat von der Leine lassen“ und „den Karren gegen die Wand fahren“. Die ARD brauche neuen „Stoff für opulente Mehrteiler“. „Lassen Sie es eskalieren, nur so haben wir am Ende spannende Filme.“

Volker Bruch bittet die Regierung, die schon nachlassende Angst wieder zu verstärken, die die Menschen bräuchten, um sich daran festzuhalten. Auch Bernd Gnann bittet die Regierung, richtige Angst zu machen.

Heike Makatsch erklärt in ihrem zurückgezogenen Video, warum sie trotz Klingelns die Wohnungstür nicht öffne und auch Lieferdienste abweisen würde.

In seinem Beitrag ruft Ulrich Tukur nach der Rezitation eines Gedichts über den Tod die „erhabene Regierung“ dazu auf, „ausnahmslos jede menschliche Wirkungsstätte und jeden Handelsplatz (…)“ zu schließen: „Sind wir erst am Leibe und nicht nur an der Seele verhungert und alle mausetot, entziehen wir auch dem Virus samt seiner hinterhältigen Mutantenbagage die Lebensgrundlage.“

Katharina Schlothauer zeigt in ihrem zurückgezogenen Clip „Dankbaratmung“ Atemübungen und schließt ihren Beitrag mit den Worten: „Atmen Sie nur Ihre eigene Luft, und wenn die alle ist, bestellen Sie sich welche auf Amazon.“

Richy Müller stellt in seinem zurückgezogenen Video eine „Zwei-Tüten-Atmung“ vor und kommentiert, wenn jeder diese nutzen würde, „hätten wir schon längst keinen Lockdown mehr. Also bleiben Sie gesund und unterstützen Sie die Corona-Maßnahmen. Ich geh jetzt mal Luft holen.“

Hanns Zischler distanziert sich, „Abstand nehmend“, elfmal von allem, was er sagen wird, von Regierung, Medien, „Schwurblern“ und von sich selbst.

Maxim Mehmet hat in seiner Darstellung Kinder und Familie seit einem Jahr getrennt und freut sich darauf, in fünf oder auch 20 Jahren wieder als Familie vereint zu sein.

Christine Sommer und Martin Brambach gehen zum Ein- und Ausatmen jeweils in unterschiedliche Räume („Zwei-Zimmer-Atmung“). Mit dieser beispielhaften Strategie hätte der Lockdown beendet werden können. Brambach drückt seine Freude daran aus, andere Menschen „aus Solidarität“ auf Unwissenheit oder Fehlverhalten aufmerksam machen und sie beschimpfen zu können.

Als viele Teilnehmer ihre Beiträge bereits zurückgezogen hatten, veröffentlichte Gregor Bloéb ein eigenes #allesdichtmachen-Video auf seiner Facebook-Seite.

Die Videos haben eine Länge von 48 bis 172 Sekunden, die Mehrzahl dauert ungefähr eine Minute.

Teilnehmer

53 Videos folgender 52 Filmschaffender befanden sich ursprünglich auf der Seite allesdichtmachen.de; die folgende Liste ist der Seite entsprechend geordnet. Die mit Kreuzen () gekennzeichneten Videos wurden vorzeitig wieder von der Seite genommen.

Zu einer Teilnahme eingeladen war auch der Schauspieler Kida Khodr Ramadan. Er erklärte nach der Veröffentlichung der Videos und der beginnenden Diskussion darüber, er habe abgelehnt, weil er „ein schlechtes Gefühl“ gehabt und von den Initiatoren keine Antwort auf die Frage erhalten habe, worauf die Aktion abziele.

Auch Moritz Bleibtreu soll zunächst in die Aktion eingebunden gewesen sein; Bleibtreu habe bestätigen lassen, dass er „eine Zeit lang mit mehreren Kollegen dazu im Dialog“ stand. Er soll sieben Schauspieler zur Aktionsteilnahme angesprochen haben, habe sich selbst dann jedoch dazu entschlossen, die Aktion nicht zu unterstützen.Andreas Busche, Hannes Soltau: Das Netzwerk hinter #allesdichtmachen. In: Tagesspiegel, 7. Mai 2021, abgerufen am 24. Mai 2021. Harald Schmidt sagte 2022 im Spiegel, auch er habe eine Anfrage erhalten.

Initiatoren und Zielsetzung Im Impressum der Internetseite der Aktion steht Bernd K. Wunder, bürgerlich Bernd Katzmarczyk, als „Vertretungsberechtigter Geschäftsführer“. Er trat in der Vergangenheit mit Thesen in Erscheinung, die das Corona-Virus alles in allem als ungefährlich bezeichnen, nannte im Juli 2020 Befürworter eines Teil-Lockdowns „Mundschutzknappen“, verglich Corona mit der Grippe und verwendete den Ausdruck „Coronazi“, der bei Leugnern der COVID-19-Pandemie und „Querdenkern“ diffamierend verwendet wird.Der Kopf hinter #allesdichtmachen: Spielten die Schauspieler einem Corona-Verharmloser in die Karten? In: RTL, 24. April 2021, abgerufen am 25. April 2021.Moritz Dickentmann: Ahnungslose Agenten und Skripte für die Akteure? Was wir über die Entstehung des Promi-Furors wissen. In: Stern, 24. April 2021, abgerufen am 26. April 2021.Elizabeth Grenier: Kontroverse um die Protestaktion #allesdichtmachen in Deutsche Welle, 23. April 2021, abgerufen am 26. April 2021. Gegenüber dem Magazin Focus räumte Wunder ein, Corona anfangs fälschlicherweise als eine Art Grippe verharmlost zu haben. Inzwischen halte er Corona für eine gefährliche Krankheit. Er wies jede Nähe zu rechten Kreisen und Querdenkern zurück und distanzierte sich von der AfD: „Wir sind bei all jenen, die zwischen die Fronten geraten sind. Den Verängstigten, den Verunsicherten und Eingeschüchterten und jenen die verstummt sind.“

Wie unter anderem der Deutschlandfunk und das Medienmagazin Zapp berichteten, waren der Filmregisseur Dietrich Brüggemann sowie die Schauspieler Bruch und Liefers Initiatoren der Aktion.Was machen wir hier eigentlich? Dietrich Brüggemann über die Aktion #allesdichtmachen, Tagesspiegel, 10. Juni 2021 Die Idee dazu sei „in persönlichen Gesprächen einer Gruppe Filmschaffender“ bereits im Februar entstanden, man habe die vorgetragenen Texte „untereinander ausgetauscht und redigiert“.

Brüggemann kritisierte, die deutsche Gesellschaft unterwerfe sich – auch im Vergleich zu anderen Todesursachen als Corona oder im internationalen Vergleich – „absurden Regeln“. Ziel des Projekts sei, den „Diskursraum“ hierzu wieder aufzumachen, um die Diskussion über die Angemessenheit der Corona-Schutzmaßnahmen „wieder zu öffnen, zu verbreitern“. Die Initiatoren nehmen für sich in Anspruch, „Stimmen Gehör zu verschaffen, die bisher nicht gehört wurden oder die keine Bühne gefunden haben“. Liefers beschrieb die Aktion als einen „ironischen und auch Corona-konformen Protest von Leuten, die sich im Moment alle auf ihre Art und Weise nicht sehr gut wiederfinden konnten, unter anderem auch in den Medien, zu denen ich mich auf eine gewisse Zeit auch mitzähle“.

In einer später auf der Aktionsseite ergänzten Stellungnahme mit unklarer Autorschaft wird keine Relevanz in Bezug auf die konkrete Corona-Politik beansprucht: „Wir behaupten auch nicht, es besser zu wissen und auch nicht, dass alle Maßnahmen falsch sind.“

Der Tagesspiegel veröffentlichte einen umstrittenen#allesdichtmachen-Berichte: „Tagesspiegel“ zeigt Selbstkritik. BR.de, 11. Mai 2021, abgerufen am 16. Mai 2021 (Archiv); Der „Tagesspiegel“ steht vor den rauchenden Trümmern seiner #allesdichtmachen-Berichterstattung, meedia.de, 14. Mai 2021, abgerufen am 15. Mai 2021; Berliner Mediziner: Rauswurf wegen Gesinnung? In: Berliner Morgenpost, 11. Mai 2021; Der Kurzschluss. In: Welt.de, 5. Mai 2021. Artikel, in dem Indizien dafür gesammelt wurden, dass die Aktion „von Beginn an eine politische Agenda verfolgte“. Der Tagesspiegel sah einen Zusammenhang mit dem Arzt und Autor Paul Brandenburg, dessen maßnahmenkritische Initiative 1bis19 Dietrich Brüggemann und Volker Bruch unterzeichnet hatten. Eine organisatorische Beteiligung Brandenburgs bestritten allerdings er selbst und Brüggemann.

Anfang Mai 2021 wurde bekannt, dass Mitinitiator Volker Bruch einen Mitgliedsantrag bei der Partei dieBasis stellte, die als Querdenken-nahe gilt.Hannes Schrader: Das steckt hinter der »Querdenker«-Partei, der Volker Bruch beitreten will. spiegel.de. 4. Mai 2021. Abgerufen am 10. Mai 2021.Torsten Landsberg: #allesdichtmachen: Volker Bruchs Nähe zu "Querdenkern". In: Deutsche Welle, 4. Mai 2021. Abgerufen am 10. Mai 2021.

Produktion Wie die Beteiligten zu dem Projekt stießen und die Videos produziert wurden, ist unklar. Brüggemann bezeichnet es als „dezentrales Gruppenprojekt“. Ein Schauspieler, der namentlich nicht genannt werden möchte, benannte Brüggemann und die Regisseurin Jeana Paraschiva als „federführend“ in der Planung. Auch Richy Müller erklärte in einem Interview, von Brüggemann kontaktiert worden zu sein. Der Tatort-Regisseur und FDP-Lokalpolitiker Tom Bohn war nach eigenen Angaben im Vorfeld an der Vermittlung von Schauspielern für die Aktion beteiligt.

Versandt wurde eine Projektskizze mit Textvorschlägen per E-Mail, aus denen die Empfänger jenen Text aussuchen sollten, den sie dann vortragen würden, sowie ein Plan mit Drehorten und Zeitfenstern für die Aufnahmen. Einzelne Beteiligte, darunter Liefers und Rubey, haben ihre Texte nach eigenen Aussagen selbst verfasst. Wo die Darsteller, anders als etwa Müller und Rubey, die Videos nicht selbst aufnahmen, wurden sie von Brüggemann und Wunder an mehreren Tagen in Berlin, München und Wien gedreht und dann von ihnen geschnitten. Rund die Hälfte der Videos mit vor allem in Berlin lebenden Beteiligten wurde dabei in derselben Wohnung aufgezeichnet.

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