mini|rechts|The Princes in the Tower (1878), romantisierendes Gemälde von John Everett Millais Die Prinzen im Tower von London (engl. the princes in the tower) waren Eduard V. von England (* 1470; † 1483?) und Richard of Shrewsbury, 1. Duke of York (* 1473; † 1483?), die Söhne von König Eduard IV. und Elizabeth Woodville.

Ihr Onkel, Richard of Gloucester, ließ sie nach dem Tod des Königs durch das Parlamentsstatut Titulus Regius für illegitim und somit nicht erbfähig erklären und bestieg anstelle von Eduard selbst als Richard III. den Thron. Die Brüder hatte er zuvor im Tower von London untergebracht, zunächst angeblich um Eduards Krönung vorzubereiten. Zuletzt wurden die Prinzen dort lebend im Sommer 1483 gesehen. Danach verschwanden sie spurlos, und allgemein wird angenommen, dass sie ermordet wurden.

Das Schicksal der beiden Prinzen und ihr potentieller Mörder sind Teil einer intensiven Debatte sowohl in der historischen Forschung als auch in den Medien und in populärwissenschaftlicher Literatur. Die Prinzen im Tower sind ferner ein beliebtes Motiv in Kunst und Literatur.

Historischer Kontext

Tod Eduards IV. und Thronfolge Nach dem Tod des englischen Königs Eduard IV. 1483 sollte ihm sein erstgeborener Sohn als Eduard V. auf den Thron folgen. Während seiner Minderjährigkeit sollte zunächst ein Lordprotektor die Vormundschaft über Eduard und die Regentschaft über England übernehmen, wobei Richard von Gloucester, der jüngere Bruder Eduards IV., für diese Rolle vorgesehen war. Gleichzeitig hatte jedoch die Witwe Eduards IV., Elizabeth Woodville ein Interesse daran, Eduard schon minderjährig zum König krönen zu lassen, um ihren Einfluss am Königshof zu wahren.Martin J. Dougherty: The Wars of the Roses. Amber Books, London 2015, ISBN 978-1-78274-239-5, S. 183–184.

Eduard wurde zunächst von seiner Residenz in Ludlow Castle nach London eskortiert und die Krönungsfeierlichkeiten für den 22. Juni vorbereitet. Die Krönung Eduards wurde letztlich durch Richard, Duke of Gloucester, verhindert: So beschuldigte Richard Elizabeth Woodville sowie Jane Shore, Eduards ehemalige Mätresse, der Hexerei, und er ließ einige seiner politischen Gegner verhaften. Nachdem einige seiner Gegner aus dem Weg geräumt waren, ließ Richard am 22. Juni, dem geplanten Tag der Krönung, in London verkünden, dass die Kinder von Eduard IV. und Elizabeth Woodville illegitim seien, und ließ sich selbst als damit einzigen legitimen Thronfolger zum König krönen. Die Begründung, warum Eduard und sein jüngerer Bruder Richard illegitim seien, wurde einige Monate später durch das Parlamentsstatut Titulus Regius bestätigt.Martin J. Dougherty: The Wars of the Roses. Amber Books, London 2015, ISBN 978-1-78274-239-5, S. 184, 188–189.David Baldwin: Richard III, 2. Auflage. Amberley, Strout 2015, ISBN 978-1-4456-4845-3, S. 103–104.

Illegitimität der Prinzen Im Sinn des damaligen Rechts wäre die Ehe zwischen Eduard IV. und Elizabeth Woodville ungültig gewesen, wenn ein älteres Heiratsversprechen zwischen Eduard und Lady Eleanor Talbot bestand. Ein Heiratsversprechen zur damaligen Zeit war rechtlich bindender als ein heutiges Verlöbnis, weshalb es die Ehe Eduards mit Elizabeth Woodville unrechtmäßig gemacht hätte.David Baldwin: Richard III, 2. Auflage. Amberley, Strout 2015, ISBN 978-1-4456-4845-3, S. 101. In Titulus Regius wurde ferner hervorgehoben, dass die Heirat zwischen Elizabeth Woodville und Eduard heimlich stattgefunden habe, was das ältere Heiratsversprechen nicht aufgehoben hätte. Wenn also Eduard durch einen Vor-Ehevertrag an Eleanor Talbot gebunden war, musste die Ehe mit Elizabeth Woodville zur Bigamie und die aus dieser Ehe hervorgegangenen Kinder für unehelich erklärt werden, so die Argumentation.David Horspool: Richard III: A Ruler and his Reputation. Bloomsbury, London 2015, ISBN 978-1-47294619-5, S. 163.

Heutige Historiker heben hervor, dass die Entscheidung des Parlaments, Eduard und seinen Bruder Richard für illegitim zu erklären und von der Thronfolge auszuschließen, weil die Ehe ihrer Eltern ungültig sei, aus heutiger Sicht keineswegs so eindeutig sei. So schreibt der Historiker David Baldwin, dass Eduard vor seiner Ehe sehr viele Affären gehabt hätte und es keine Beweise gäbe, dass er ausgerechnet Eleanor Talbot ein Heiratsversprechen gegeben habe. Wenn dies so wäre, so Baldwin, dann wäre unklar, warum Eleanor Talbot keine Ansprüche gegenüber Eduard erhoben hatte. Auch hätte Eduard nach Eleanors Tod 1468 seine Heirat und seine Söhne nachträglich legitimieren lassen können. Dass er dies nicht tat, spräche eher dafür, dass Eduard hier kein Problem sah.David Baldwin: Richard III, 2. Auflage. Amberley, Strout 2015, ISBN 978-1-4456-4845-3, S. 103.

Falls die Prinzen Bastarde waren, bedeutete dies nicht, dass sie nicht erben konnten. Wilhelm der Eroberer war nicht der erste und nicht der letzte Bastard, der Ländereien und Titel geerbt hatte. Die Illegitimität war ein legaler Status, der vom Gesetz her geändert werden konnte, entweder durch das Kirchen- oder durch das Staatsgesetz. Das Parlament hätte die Prinzen legitimieren und Eduard V. erlauben können, König zu werden.

Verschwinden der Prinzen mini|Die Ermordung der Söhne Eduards IV., Theodor Hildebrandt, 1835 Eduard und sein Bruder Richard blieben nach der Thronbesteigung Richards im Tower von London, damals ein königlicher Palast.David Baldwin: Richard III, 2. Auflage. Amberley, Strout 2015, ISBN 978-1-4456-4845-3, S. 112. 1483 kursierten Gerüchte über den Tod der beiden JungenDavid Baldwin: Richard III, 2. Auflage. Amberley, Strout 2015, ISBN 978-1-4456-4845-3, S. 114–115., die nach 1483 nicht mehr öffentlich in Erscheinung getreten sind.

Zeitgenössische Quellen wie die Historia Croylandensis, der italienische Geistliche Dominic Mancini, der sich zu der Zeit in England aufhielt, und der französische Höfling Philippe de Commynes machen zum Schicksal der Jungen unterschiedliche Aussagen. Der Verfasser der Historia Croylandensis erwähnt das Gerücht 1483, sagt aber nicht, ob er ihm Glauben schenke.David Baldwin: Richard III, 2. Auflage. Amberley, Strout 2015, ISBN 978-1-4456-4845-3, S. 115. Commynes gibt an, Richard sei für den Mord an den Prinzen verantwortlich, sagt aber an anderer Stelle, Henry Stafford, 2. Duke of Buckingham habe die beiden Prinzen getötet. Mancini erwähnt, die Prinzen hätten sich immer mehr in die inneren Räumlichkeiten des Towers zurückgezogen und seien schließlich nicht mehr gesehen worden.David Horspool: Richard III: A Ruler and his Reputation. Bloomsbury, London 2015, ISBN 978-1-47294619-5, S. 173. Nur Mancinis Beitrag ist jedoch um 1483 verfasst worden; die anderen beiden Quellen sind drei bis sieben Jahre nach den Ereignissen entstanden. Die Great Chronicle, verfasst dreißig Jahre nach den Londoner Stadtakten, bezeugt, dass das Gerücht vom Tod der Prinzen erst nach Ostern 1484 zu zirkulieren begonnen habe. Spätestens ab 1484 begann sich das Gerücht, Richard habe seine Neffen getötet, auch in anderen Ländern Europas zu verbreiten.

Einige Jahre später tauchten immer wieder im Umfeld von Aufständen gegen Heinrich VII. Männer auf, die sich als Richard von York ausgaben, darunter auch der wohl Bekannteste, Perkin Warbeck. Alle stellten sich jedoch als Hochstapler heraus.Andreas Kalckhoff: Richard III. Sein Leben und seine Zeit. Lübbe, Bergisch Gladbach 1980, ISBN 3-7857-0253-1, S. 345.

Das weitere Schicksal der beiden Prinzen ist nicht eindeutig geklärt und hat bis heute Anlass für Historiker und Laien gegeben, über das Verbleiben der Prinzen und ihre mögliche Ermordung zu spekulieren.

Theorien um das Verschwinden der Prinzen In der historischen Forschung wurden verschiedene Personen genannt, die für das Verschwinden der jungen Prinzen verantwortlich sein könnten und denen der Tod der Prinzen zum Vorteil diente. Da es keine eindeutigen Hinweise gibt, ob die Prinzen tatsächlich ermordet wurden und wer dafür verantwortlich war, sind alle Spekulationen dazu auf Indizien angewiesen.

Richard III. Spätestens nachdem Richard III. in der Schlacht von Bosworth durch Heinrich Tudor, den späteren Heinrich VII., besiegt wurde, wurde in der Tudor-Geschichtsschreibung Richard die Verantwortung für den Tod seiner Neffen gegeben. Der Staatsmann und Geschichtsschreiber Sir Thomas More (1478–1535) schreibt in seiner Geschichte Richards III., dass dieser seinen Untergebenen James Tyrrell beauftragt habe, die Kinder zu ermorden. More ist jedoch kein Zeitgenosse Richards gewesen, und seine sehr detaillierte Geschichte über den Mordauftrag und den eigentlichen Mord ist sonst nicht durch zeitgenössische Quellen belegt. Andreas Kalckhoff argumentiert in seiner Biografie Richards, dass eine Täterschaft Tyrrells unwahrscheinlich sei, denn Tyrrell machte zunächst auch unter Heinrich VII. Karriere, bevor er 1502 wegen Hochverrats hingerichtet wurde. Erst nach Tyrrells Tod wurde verkündet, dass er für den Mord an den Königssöhnen verantwortlich sei. Tyrrell wusste auch nicht, wo sich die Leichen der Prinzen befanden.Andreas Kalckhoff: Richard III. Sein Leben und seine Zeit. Lübbe, Bergisch Gladbach 1980, ISBN 3-7857-0253-1, S. 338–342.

Heutige Historiker wie David Starkey, Michael Hicks und Alison Weir halten Richard III. dennoch für den wahrscheinlichsten Täter.Michael Hicks: Richard III. Tempus, Stroud 2003, ISBN 0-7524-2589-7.Alison Weir: The Princes in the Tower. Bodley Head, London 1992, ISBN 0-370-31792-0. Als Argument für die Täterschaft Richards wird unter anderem gesagt, dass Richard ein Motiv hatte: Richard III. hatte die Prinzen zwar aus der Erbfolge ausgeschlossen, trotzdem blieben sie eine Gefahr für seine Herrschaft. Ende 1483 kursierte ein Gerücht über den Tod der Knaben. Diese Vermutungen wurden dadurch bestärkt, dass Richard sie nicht sofort durch einen öffentlichen Auftritt der Prinzen entkräftete.David Horspool: Richard III: A Ruler and his Reputation. Bloomsbury, London 2015, ISBN 978-1-47294619-5, S. 163.

Henry Stafford, 2. Duke of Buckingham Einige Historiker, speziell der Richard-Biograph Paul Kendall, halten Henry Stafford, 2. Duke of Buckingham für den wahrscheinlichsten Kandidaten, der Eduard und Richard of York beiseite geschafft haben könnte. Buckingham war Richards rechte Hand und hatte persönliche Vorteile durch den neuen König erlangt. Seine Hinrichtung nach seiner Rebellion gegen Richard im Jahr 1483 zeigt, dass er und der König sich zerstritten hatten, möglicherweise hatte das Zerwürfnis seine Ursache in der Beseitigung der Prinzen im Tower. Buckingham stammte über die mütterliche und die väterliche Linie von König Eduard III. ab und konnte sich so eventuell selbst Hoffnungen auf den Thron machen.Paul Murray Kendall: Richard III. Norton, New York 1955, S. 487–489. Einige zeitgenössische Quellen nennen Buckingham auch als Verantwortlichen für den Tod der Kinder.Andreas Kalckhoff: Richard III. Sein Leben und seine Zeit. Lübbe, Bergisch Gladbach 1980, ISBN 3-7857-0253-1, S. 345. Falls Buckingham der Täter war, müssen die Prinzen im Jahr 1483 gestorben sein, vor der Hinrichtung Buckinghams.

Heinrich VII.