Argippo, RV 697, ist ein Opera seria-Pasticcio (Originalbezeichnung: „Dramma per musica“) in drei Akten von Antonio Vivaldi (Musik) mit einem Libretto von Domenico Lalli. Es wurde während der Karnevalssaison 1730 im Theater am Kärntnertor in Wien uraufgeführt und im Herbst desselben Jahres in überarbeiteter Form im Theater des Grafen von Sporck in Prag gespielt. Die Musik ist bis auf einige Arien verschollen.
Handlung
Die folgende Inhaltsangabe basiert auf dem Libretto der Prager Fassung von 1730.
„Argumento“
Kurzfassung
[Urfassung des Librettos: Auf ihrer Reise zum Hof des Großmoguls Tisifaro erleiden König Argippo von Cingone und seine Frau Osira Schiffbruch. Argippo hält Osira für tot. Sie wird jedoch von Mesio, dem sie liebenden Sohn Tisifaros, gerettet.]
Erster Akt. Prinzessin Zanaida glaubt, dass sie von ihrem Geliebten Argippo betrogen und verraten wurde. Sie wagt es nicht, sich ihrem Vater zu offenbaren. Der wahre Schuldige ist jedoch Silvero, ein Vetter ihres Vaters, der sie begehrt. Er hat sich als Argippo ausgegeben, sie verführt und ihr die Ehe versprochen. Der davon nichts ahnende Argippo hat jedoch längst Osira geheiratet. Diese beiden treffen in der Stadt ein und werden vom Großmogul freundlich aufgenommen. Zanaida hingegen tobt vor Wut über Argippos vermeintliche Heimtücke. Sie beschimpft Osira heftig. Anschließend schreibt sie ihrem Vater einen Brief, in dem sie Argippo beschuldigt, sie entehrt zu haben.
Zweiter Akt. Silvero unternimmt einen vergeblichen Versuch, sich Zanaida zu offenbaren. Osira hat böse Vorahnungen. Tisifaro erzählt Argippo die Geschichte seiner Tochter so, als wäre sie jemand anderem geschehen, und fragt ihn, zu welcher Strafe er den Verführer verurteilen würde. Argippo meint, der Schuldige müsse seine Frau eigenhändig töten und anschließend die Betrogene heiraten. Darauf zeigt ihm Tisifaro den Brief und fordert ihn auf, das selbst gesprochene Urteil auszuführen. Argippo beteuert seine Unschuld. Er lässt Zanaida kommen, um ihn zu entlasten. Sie wiederholt jedoch die Anschuldigungen. Argippo ist verzweifelt.
Dritter Akt. Argippo bringt seiner Frau die Nachricht von dem Schreckensurteil. Sie ist zwar bereit, sich für ihn zu opfern, doch Argippo richtet das Schwert gegen sich selbst. Silvero verhindert den Selbstmord. Tisifaro lässt Osira verhaften und fortführen. Argippo sorgt sich um ihr Leben. Silvero informiert Zanaida über die bevorstehende Hinrichtung Osiras, und diese macht ihm Hoffnung auf Erwiderung seiner Liebe. Silvero beschließt, sein Verbrechen zu gestehen. Er verkündet allen, dass Osira bereits tot sei. Tisifaro befiehlt seiner Tochter daraufhin, Argippo zu heiraten, doch beide weigern sich. Silvero gesteht öffentlich seine Schuld und wird von Tisifaro zum Tode verurteilt. Da Osira quicklebendig wieder auftaucht, Silvero als ihren Retter bezeichnet und sowohl Zanaida als auch die anderen für ihn um Gnade bitten, vergibt Tisifaro ihm. Er darf Zanaida heiraten.
Erster Akt
Kabinett des Großmoguls im indischen Stil
Szene 1. Prinzessin Zanaida ist zutiefst verzweifelt, wagt es aber nicht, ihrem besorgten Vater, dem Großmogul Tisifaro, den Grund mitzuteilen. In ihrer Arie gibt sie zu erkennen, dass sie von ihrem Geliebten verraten und in ihrer Ehre verletzt wurde (Arie Zanaida: „Se lento ancora un fulmine“).
Szene 2. Während Tisifaro darüber rätselt, wer wohl der Schuldige sein könnte, trifft sein Vetter Silvero ein, der unter schweren Gewissensbissen leidet.
Szene 3. Silvero offenbart in einem Selbstgespräch, dass er Zanaidas Lage ausgenutzt hat. Er hat sich im Dunkeln als ihr Verlobter Argippo, König von Cingone, ausgegeben und sie verführt. Er weiß bereits, dass Argippo während der Reise in seine Heimat eine andere Frau geheiratet hat (Arie Silvero: „Del fallire il rimorso è la pena“).
Vorhof der königlichen Burg Tisifaros; an der Seite die Stadt mit dem Fluss Gemini
Szene 4. Argippo und seine Frau Osira verlassen mitsamt ihrem Gefolge ihr Schiff und werden von Tisifaro mit großem Pomp begrüßt (Chor: „Di Cingone il regnante sen viene“). Zanaida kann ihren Zorn kaum zügeln. Silvero hofft, dass sie sich irgendwann ihm zuwenden wird.
Szene 5. Zanaida beschimpft die nichts ahnende Osira wütend und verschwindet dann im Palast. Silvero versucht, die Ankömmlinge zu beruhigen, indem er auf ihre Enttäuschung nach Argippos Hochzeit hinweist. Argippo bittet ihn, sich um sie zu kümmern (Arie Argippo: „Tuona spesso all’Aer cieco“).
Szene 6. Osira ist zutiefst erschüttert über Zanaidas Verhalten. Sie hat böse Vorahnungen (Arie Osira: „Vidi apena un sol baleno“).
Königlicher Garten
Szene 7. Da Zanaida es noch immer nicht wagt, ihrem Vater die Wahrheit zu sagen, gibt sie ihm einen Brief, in dem sie Argippo beschuldigt. Tisifaro stirbt fast vor Wut auf den vermeintlichen Verführer (Arie Tisifaro: „Non v’è perdono“).
Zweiter Akt
Königlicher Vorhof
Szene 1. In der Hoffnung auf Vergebung will Silvanus Zanaida seine Tat gestehen. Er wird jedoch von Osira unterbrochen, die ihrerseits eine Aussprache mit Zanaida sucht. Zanaida gibt zwar Osira keine Schuld an Argippos vermeintlichem Verrat, doch kann sie ihren Anblick nicht ertragen (Arie Zanaida: „Del giusto mio dolore“).
Szene 2. Silvero und anschließend auch Argippo versuchen, die besorgte Osira zu beruhigen (Arie Argippo: „Chi quel timor condanna“).
Szene 3. Osira gibt ihrer Furcht in einer Arie Ausdruck (Arie Osira: „Un certo non so che“).
Szene 4. Silvero verspricht Tisifaro Linderung für seine tiefe Verzweiflung (Arie Silvero: „Io vorrei col sangue, e vita“).
Szene 5. Tisifaro erzählt Argippo die Geschichte Zanaidas so, als wäre sie der Tochter eines Freundes passiert, und fragt ihn dann nach seiner Meinung. Argippo entgegnet, der Verräter solle dazu verurteilt werden, seine neue Braut eigenhändig zu töten und anschließend seine noch blutige Hand der betrogenen rechtmäßigen Braut reichen. Darauf zeigt ihm Tisifaro den Brief seiner Tochter und fordert ihn auf, dieses Urteil auszuführen. Argippo beteuert seine Unschuld und bittet Tisifaro, Zanaida zu holen.
Szene 6. Zanaida wiederholt ihre Anschuldigungen in Gegenwart Argippos und fordert ihren Vater auf, Gerechtigkeit walten zu lassen (Arie Zanaida: „Io son rea dell’onor mio“):
Szene 7. Tisifaro sieht Argippos Schuld als erwiesen an und bekräftigt das Urteil: Er soll Osira unverzüglich töten. Der verzweifelte Argippo hadert mit den Göttern (Arie Argippo: „Suole ancora lamentarsi“).
Dritter Akt
Kleiner Garten bei den Gemächern Osiras
Szene 1. Osira wartet besorgt auf die Rückkehr Argippos von seinem Gespräch mit dem Großmogul (Arie Osira: „Mi sento nel core“). Als er endlich kommt, erzählt er ihr völlig verstört von den falschen Anschuldigungen Zanaidas und dem grausamen Befehl Tisifaros. Osira ist sofort bereit, für ihren geliebten Mann in den Tod zu gehen, doch der richtet das Schwert gegen sich selbst.
Szene 2. In diesem Moment trifft Silvero ein und hält Argippo davon ab. Argippo fällt in Ohnmacht. Tisifaro erscheint mit einigen Wachen. Er lässt Argippo in Ketten legen und Osira abführen (Arie Osira: „Vado à morir per te“).
Szene 3. Der hilflos gefesselte Argippo sorgt sich um Osiras Leben (Arie Argippo: „Gelido in ogni vena“).
Szene 4. Silvero informiert Zanaida über Osiras bevorstehende Hinrichtung. Sie macht ihm Hoffnung, dass sich ihre Liebe nach Argippos Tod ihm zuwenden könnte (Arie Zanaida: „L’incerto tuo pensiere“).
Szene 5. Sein schlechtes Gewissen verhindert, dass Silvero sich über diese Mitteilung freuen kann. Er beschließt, Zanaidas Gefühle auf die Probe zu stellen, indem er Osiras Tod vorzeitig bekannt gibt. Anschließend will er sein eigenes Verbrechen bekennen und die Strafe auf sich nehmen (Arie Silvero: „Un pensiero“).
Ein Altar des Gottes Kam im Wald mit nächtlicher Beleuchtung für eine Opferzeremonie
Szene 6. Silvero bestätigt Tisifaro, dass Osira tot sei. Tisifaro teilt daraufhin seiner Tochter mit, dass sie nun Argippo heiraten müsse. Sie würde aber den Tod vorziehen.
Szene 7. Als Argippo auftaucht, würde Zanaida am liebsten fortlaufen (Arie Zanaida: „In bosco romito“). Da sich auch Argippo weigert, sie zu ehelichen, greift Tisifaro zu einem Beil, um ihm den Kopf abzuschlagen. Da tritt Silvero hervor und bekennt seine Schuld. Tisifaro verurteilt ihn sofort zum Tode. Zanaida bittet ihn jedoch um Gnade. Ihre Gefühle für Silvero sind mittlerweile so stark, dass sie notfalls mit ihm sterben würde.
Szene 8 „ultima“. Da erscheint Osira und erklärt, dass sie Silvero ihr Leben verdanke. Auch sie bittet darum, ihm zu vergeben (Arie Osira: „Che farai? Perdonerai“). Argippo spricht ebenfalls zu Gunsten seines Freundes Silvero, sodass Tisifaro schließlich nachgibt. Zanaida und Silvero bekennen einander ihre Liebe, und alle sind glücklich (Chor: „Se d’inganno Amor si pasce“).
Musiknummern
Die Prager Fassung der Oper enthält die folgenden Musiknummern:
Erster Akt Szene 1. Arie (Zanaida): „Se lento ancora un fulmine“ Szene 3. Arie (Silvero): „Del fallire il rimorso è la pena“ Szene 4. Chor: „Di Cingone il regnante sen viene“ Szene 5. Arie (Argippo): „Tuona spesso all’Aer cieco“ Szene 6. Arie (Osira): „Vidi apena un sol baleno“ Szene 7. Arie (Tisifaro): „Non v’è perdono“
Zweiter Akt Szene 1. Arie (Zanaida): „Del giusto mio dolore“ Szene 2. Arie (Argippo): „Chi quel timor condanna“ Szene 3. Arie (Osira): „Un certo non so che“ – vgl. Arsilda, regina di Ponto RV 700 II:1; Ercole su’l Termodonte RV 710 I:5 Szene 4. Arie (Silvero): „Io vorrei col sangue, e vita“ Szene 6. Arie (Zanaida): „Io son rea dell’onor mio“ Szene 7. Arie (Argippo): „Suole ancora lamentarsi“
Dritter Akt Szene 1. Arie (Osira): „Mi sento nel core“ Szene 2. Arie (Osira): „Vado à morir per te“ Szene 3. Arie (Argippo): „Gelido in ogni vena“ – vgl. Farnace RV 711d II:6; Siroe re di Persia RV 735a III:5 Szene 4. Arie (Zanaida): „L’incerto tuo pensiere“ Szene 5. Arie (Silvero): „Un pensiero“ Szene 7. Arie (Zanaida): „In bosco romito“ – vgl. L’Atenaide RV 702b III:7 Szene 8. Arie (Osira): „Che farai? Perdonerai“ Szene 8a. Chor: „Se d’inganno Amor si pasce“
Werkgeschichte
Lange Zeit ging die Musikwissenschaft davon aus, dass Vivaldis Argippo in der Karnevalssaison 1730 im Theater des Grafen von Sporck in Prag uraufgeführt wurde, also während seiner mutmaßlichen zweiten Reise nach Böhmen zwischen Sommer 1730 und Frühling 1731.
Als Libretto nutzte Vivaldi einen älteren Text von Domenico Lalli, der unter dem Titel Il gran Mogol in der Vertonung von Francesco Mancini am 26. Dezember 1713 am Teatro San Bartolomeo in Neapel erstmals gezeigt worden war. Für eine Neuvertonung von Giovanni Porta überarbeitete Lalli den Text grundlegend. Diese Fassung wurde ab dem 31. Oktober 1717 unter dem Titel L’Argippo im venezianischen Teatro San Cassiano uraufgeführt und mit geringfügigen Änderungen zur Karnevalssaison im Februar 1722 im Teatro San Moisè gezeigt. Eine Vertonung von Andrea Stefano Fiorè kam ab dem 28. August 1722 im Teatro Regio Ducale in Mailand zur Aufführung. Hierfür wurde der Text von Claudio Nicola Stampa überarbeitet. Eine spätere Fassung, deren Musik mutmaßlich von Antonio Costantini stammt, wurde 1735 von der Operntruppe Eustachio Bambinis in Brünn gespielt.