Hamburgs historische Mühlen wurden im frühen Mittelalter bereits als Wassermühlen an Hamburgs Flüssen, der Alster und Bille sowie an deren Nebenflüssen betrieben. Die Flussläufe wurden zu Mühlenteichen aufgestaut, um mit dem erzeugten Wassergefälle die Mühlenräder anzutreiben. Es waren vorrangig Getreidemühlen, die der Ernährung der Hamburger Bevölkerung dienten. Mit der Aufstauung der Alster im 12. und 13. Jahrhundert zum Betreiben der ersten Hamburger Stadtmühlen am Niederdamm und Oberdamm (dem heutigen Jungfernstieg) wurde das Stadtbild Hamburgs mit der Kleinen Alster, Binnen- und Außenalster nachhaltig geprägt. mini|Wohldorfer Mühle, 19. Jahrhundert
Später wurde die Wasserkraft auch in Kupfer-, Öl-, Säge-, Papier-, Walk- und Pulvermühlen genutzt, die zur wirtschaftlichen Entwicklung insbesondere der Hamburger Regionen entlang der Wandse (heute Wandsbek) und der Glinder Au (heute Billstedt) deutlich beitrugen.Wilhelm Melhop: Die Alster. Geschichtlich, ortskundlich und flußbautechnisch beschrieben, Hartung Verlag, Hamburg, 1932 (668 Seiten), Abschnitt: Die städtischen Alstermühlen (S. 398–411).
Die wenigen heute noch existierenden Mühlen sind Zeugen dieser Geschichte, wie die Wohldorfer Mühle an der Oberalster und die Alte Mühle an der Saselbek. Sie werden aufgrund ihrer landschaftlich schönen Lage nur noch als Ausflugsgaststätten genutzt. In der Steinbeker Mühle an der Glinder Au in Kirchsteinbek dient die Wasserkraft heute nur noch der Stromerzeugung.
Mit der zunehmenden Besiedelung des Hamburger Umlandes und der damit verbundenen Entwaldung großer Gebiete, gingen große Entwässerungsflächen für die Flussläufe verloren. Der damit verbundene Rückgang der Wasserzuflüsse machte mit Beginn des 19. Jahrhunderts die Wassermühlen unrentabel, so dass mehr Windmühlen in Hamburg errichtet wurden. Später kamen Dampf- wie elektrisch angetriebene Mühlen hinzu, bzw. bestehende Wasser- wie Windmühlen wurden entsprechend umgerüstet.
Der Mühlenbetrieb war auch mit verschiedenen Gefahren verbunden. Eine größere Anzahl historischer Mühlen endete mit ihrer Zerstörung durch Brand. Nach heutigen Erfahrungen stellt die Staubexplosion des Mehls die größte Gefahrenquelle dar. Bei den Wassermühlen, die für ihren Antrieb das Flusswasser aufstauen, kam es zu Dammbrüchen, die das gesamte Mühlengebäude hinwegspülten, wie es bei der Alten Mühle in Sasel geschah.
Auf eine Vielzahl der ehemals existierenden Mühlen in Hamburg weisen noch viele Straßen- und Gewässernamen hin, die in ihren Namen „Mühle“, „Mühlenteich“ oder auch „Kupferteich“ tragen und auf eine ehemalige Mühle, bzw. Kupfermühle hinweisen.
Hamburgs Stadtwassermühlen Bau des ersten Alsterstaus – Niederdamm mini|Hamburg 1150, Rekonstruktion des 19. Jahrhunderts; Stich von Chr. and P. Suhr, links der Alstersee, rechts die Elbe.
Mit der Aufstauung der Alster vor Hamburgs Altstadt um das Jahr 1072Johann Gustav Gallois: Die Geschichte der Stadt Hamburg, Die Anfänge der Stadt unter den Erzbischöfen, Lexikus Verlag, 1867. (Melhop nennt hierfür das 12. Jahrhundert) wurden für die Stadt zwei wichtige Ziele erreicht. Bislang folgte der Wasserstand der Alster dem Ebbe- und Flut-Zyklus der Elbe, in dem dieser durch das Einströmen von Elbwasser täglich um etwa 2 Meter gesenkt bzw. angehoben wurde, bei Hochwasser bis zu 7 Meter. Die dadurch ausgelösten Überschwemmungen der Alsterniederung reichten bis nach Eppendorf und Winterhude. Der Verlauf des ersten Alster-Staudamms folgte der alten Landstraße, welche durch die Alsterfurt führte. Aus dem bisher s-förmigen Verlauf der Alster in der Alsterniederung (Karte von 1070Karte: Hamburg 1070: vor dem ersten Alsterstau, E. H. Wichmann: Atlas zur Geschichte Hamburgs, 1896.) entstand mit dem Alsterstau ein großflächiges Alsterbecken (Karte von 1150Karte: Hamburg 1150: erster Alsterstau der alten Mühle.).
Mit dem Alsterstau wurde die erste stadtnahe Getreidemühle (Ohle Möle) gebaut (1195 erste urkundliche Erwähnung der Mühle), die mit 7 Meter Dammhöhe genügend Wassergefälle für den Antrieb der Mühlenräder hatte. Da die Mühle sich im Besitz des Grafen Adolf III. von Schauenburg (* 1160; † 3. Januar 1225) befand, wurde sie auch als Herrenmühle bezeichnet. Für die Ernährung der Hamburger Bevölkerung war die Mühle sehr bedeutsam. Der Standort der nicht mehr existierenden Mühle befand sich an der Mühlenbrücke im Zuge des Großen Burstah, die über das Nikolaifleet, den ursprünglichen Alster-Hauptarm, führt (siehe Hamburg-Karte von 1500Karte: Hamburg 1500.). Durch den Alsterstau wurden flussaufwärts die landwirtschaftlich genutzten Wiesen dauerhaft überflutet. Für den Verlust der Weideflächen erhielt das Hamburger Domkapitel als der Eigentümer der Wiesen auf Anweisung von Graf Adolf III. eine Entschädigung von jährlich 6 Wispel Roggen aus dem Mühlenbetrieb (urkundlich erwähnt 1195).
Bau des zweiten Alsterstaus – Oberdamm mini|Hamburg von 1320
Im 13. Jahrhundert konnte die Ohle Möle den Getreidebedarf der Hamburger nicht mehr decken. Die Hamburger Bevölkerung wuchs aufgrund anhaltend politisch stabiler Verhältnisse um das Vierfache und demzufolge vergrößerte sich die bebaute Fläche Hamburgs um das Fünffache, westlich der Hamburger Altstadt entstand die erste „Neustadt“ um die Nikolaikirche (nicht zu verwechseln mit der heutigen Neustadt aus dem 17. Jahrhundert). Um 1235 veranlasste Graf Adolf IV. von Holstein (* vor 1205; † 8. Juli 1261 in Kiel) den Bau einer zweiten leistungsfähigeren Mühle. Flussaufwärts zum alten Damm (damit Niederdamm mit der Niedermühle) ließ er einen zweiten Alsterdamm, den Oberdamm mit der neuen Obermühle errichten, wo heute der Jungfernstieg verläuft (Karte von 1250Karte: Hamburg 1250: zweiter Alsterstau, der Reesendamm.). Der Oberdamm bekam zwei Durchlässe, einen zum Antrieb der Mühlräder und einen zweiten für das Regulieren des Wasserstandes der Alster oberhalb des Dammes. Der von dem Nieder- und Oberdamm eingeschlossene Abschnitt der Alster entspricht heute der Kleinen Alster.Jörn Lindner: Der Mühlenkanal – Ein Tunnel von der Binnenalster zum Bleichenfleet, unter-hamburg e. V., 2018. Zum Betrieb der Mühlen am Ober- und Niederdamm war eine abgestimmte Regulierung der Wasserstände durch das Setzen bzw. Ziehen der Schütten erforderlich, die durch einen autorisierten Schleusenmeister erfolgte.
Mit der eingestellten Stauhöhe des Oberdamms dehnte sich der Alsterstau flussaufwärts bis nach Eppendorf und Winterhude aus, der in der Fläche etwa der der heutigen Außenalster entspricht. (Heute erfolgt der Alsterstau über das Schleusenwehr der Rathausschleuse am Rathausmarkt, mit dem ein konstanter Wasserstand von etwa 3 Meter über Normal einstellt wird.) Die hierbei überfluteten Nutzflächen gingen dem Domkapitel verloren, wofür es mit 1.245 Renten aus dem Betrieb der Mühle entschädigt wurde. Auch die Eppendorfer Mühle an der Tarpenbek (heute am Eppendorfer Mühlenteich) verlor durch die Ausdehnung der Alsterfläche ihre Stauhöhe und wurde unwirksam, woraufhin auch die Eigentümer der Mühle entschädigt wurden. mini|Hamburg um 1590, Mühlen am Oberdamm (4), Ohle Möle am Niederdamm und Mühle am Graskeller (3)
1256 erwarb der Hamburger Bürger Heinrich Reese die Mühle am Oberdamm, womit sie unter Kontrolle des Rates der Stadt gelangte. Später ging die Mühle in den Besitz des Rates der Stadt über. Der Oberdamm wurde später nach dem Namen des Mühlenbesitzers mit „Reesendamm“ benannt. (Heute trägt die Brücke über die Alster, die Teil des Jungfernstiegs ist, den Namen Reesendammbrücke.) Die von der Mühle erzielten Getreideüberschüsse gingen in den Fernhandel, der sich mit der Bildung des Städtebundes der Hanse für Hamburg nachhaltig entwickelte.Hermann Hipp: Geschichte am Jungfernstieg, Kunstgeschichtliches Seminar der Universität Hamburg.
Aufgrund des Wasserreichtums der Alster wurden im Oberdamm um 1530, auf der Westseite der Obermühle noch zwei weitere Mühlen sowie ein Pumpwerk zur Trinkwasserversorgung der Hamburger errichtet, die erste Hamburger Wasserkunst (siehe nachfolgenden Abschnitt). Um 1620 kamen zwei weitere Mühlen, eine Poliermühle (Pollermühle) und eine zweite Wasserkunst zum Einsatz. Neben den beiden Wasserrädern der Wasserkünste, trieb die Alster im Oberdamm 13 Mühlenräder an. Die Gesamtbreite der Mühlenschütten betrug 29 Meter.Anthonie Waterloo: Blick von der Kleinen Alster auf die Mühlenwerke “Bei der Kunst” am Jungfernstieg, Ölgemälde von 1660.
Am Niederdamm befanden sich im 16. Jahrhundert neben der Ohle Möle noch eine weitere Mühle und eine Wasserkunst, die die Stauung der Kleinen Alster nutzten. Sie befanden sich an der 1530 errichteten Graskellerschleuse, vor dem alten Millerntor. Die Wasserkunst wurde 1535 und 1551 - der Kunst gegenüber - eine Walkmühle gebaut, die 1555 in eine Kornmühle (Graskellermühle) geändert wurde. Der Müller der Ohle Möle war zugleich Schleusenmeister für den Schiffsverkehr durch die Graskellerschleuse.Anthonie Waterloo: Kornmühle an der Graskellerbrücke, 1658–1660, (Lille 1609–1690 Utrecht), Hamburger Kunsthalle – Sammlung Online.
Mit der Errichtung der Hamburger Wallanlagen von 1616 bis 1625 und dem Bau der Lombardsbrücke wurde die Außenalster von der Binnenalster getrennt, womit der Reesendamm mit den Mühlen in das Zentrum der Stadt rückte. Der Reesendamm war eine wichtige Verbindung zwischen der mittelalterlichen Altstadt und der schnell besiedelten Neustadt, die sich entlang der Alster zu einer Flaniermeile, dem Jungfernstieg entwickelte.Kleine Alster, Hamburg Web, Die Stadt im Netz.
Elbeflut-Mühlen mini|Rückseite der Poggenmühle um 1880
Am Stadtgraben, längs des Grasbrooks waren im 17. Jahrhundert zwei Elbeflut-Mühlen im Einsatz und nutzten das aufgestaute Flutwasser der Elbe zu ihrem Antrieb.
Die Mühle am Kleinen Fleet, an dem schon früher eine Mühle stand, wurde 1685 mit zwei Gängen neu gebaut. Die Poggenmühle mit drei Gängen bestand schon 1623. Beide Mühlen erhielten ihre Antriebskraft aus dem Wasser des Stadtgrabens. Bei Flut füllte sich der Stadtgraben, der bei höchstem Stand von den beiden Schleusen am Theerhof und dem hölzernen Wamms eingeschlossen wurde. Bei Ebbe öffneten die Schleusen und die Mühlen mahlten mit dem ablaufenden Wasser, solange bis die Flut wieder kam.
Die Poggenmühle diente auf dem Wandrahm, dem nördlichen Teil des Grasbrooks zum Walken und Färben von Stoffen, für die Stadt Hamburg war es über einige Jahrhunderte ein erfolgreicher Gewerbezweig. Als Walk- und Pochmühle wurde sie im volksmündlichen Wortspiel Poggenmühle genannt. 1841 wurde die Mühle außer Betrieb genommen und das Mahlwerk 1850 weggeräumt. Das Mühlengebäude an der heutigen Poggenmühlen-Brücke wurde 1865 abgebrochen, um die hölzerne Brücke durch eine Steinbrücke zu erneuern und zu verbreitern.
Rückgang der Rentabilität der städtischen Wassermühlen mini|Mühlenbrücke, Wasserräder der Niedermühle, St. Nicolai-Kirche, 1832 mini|1842: Alte und Neue Wasserkünste und Obere Mühlen am Oberdamm, Wasserkunst und die Herren Mühle am Niederdamm
Mit Beginn des 19. Jahrhunderts konnten die städtischen Wassermühlen den Mehlbedarf der Hamburger nicht mehr decken. Die fortschreitende Entwaldung und Kultivierung der Ländereien an der Oberalster und ihrer Zuflüsse bewirkte einen abnehmenden Zustrom der Alster und damit einen zunehmenden Wassermangel zum Betrieb der Mühlen. Auch eine allmähliche Zunahme der Fluthöhe der Elbe schränkte den Betrieb der Mühlen erheblich ein. Bei hohem Elbwasserstand kam der Betrieb der Niedermühlen gänzlich zum Erliegen, so dass im Durchschnitt nur noch vier Stunden am Tag gemahlen werden konnte. Diese einschränkenden Bedingungen führten vermehrt zum Bau von Windmühlen auf den Hamburger Wallanlagen, zu dampfgetrieben Mühlen und Elbe-Flutmühlen, die vom aufgestauten Elbwasser angetrieben wurden.